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Der Vize will Chef werden
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Ein letztes Treffen der Spitzenkandidaten

Detlef Drewes, Brüssel 15.05.2019 0 Kommentare

Frans Timmermans, EU-Kommissar und Spitzenkandidat der Europäischen Sozialdemokraten (SPE) für die Europawahl, unterhält sich auf dem Berliner Breitscheidplatz mit Bürgern.
Frans Timmermans, EU-Kommissar und Spitzenkandidat der Europäischen Sozialdemokraten (SPE) für die Europawahl, unterhält sich auf dem Berliner Breitscheidplatz mit Bürgern. (Bernd von Jutrczenka)

Sie haben sich versammelt, die Sozialisten und Sozialdemokraten Europas, im März in Wien, im April in Warschau. Dazwischen traf sich der politische Nachwuchs in Berlin und die ganze Partei in Madrid. „Super Frans“ – der Ruf eilt ihm voraus. Frans Timmermans, 57 Jahre alt, verheiratet, vier Kinder, Fußballfan. „Die Sozialdemokratie kehrt zurück, der Frühling kommt“, sagte er in der österreichischen Hauptstadt. Hier standen nicht nur Parteitreffen und Interviews auf dem Programm.

Er besuchte auch eine kleine Wohnung in einem ganzen Block, den die Stadt für Familien mit geringeren Einkommen hat bauen lassen. Sieben Euro für den Quadratmeter – ein Modell für viele Kommunen. Timmermans war begeistert, unterhielt sich mit Familie Hoog und deren kleinem Sohn.

„Ein Kommissionspräsident muss überall sichtbar werden“, sagte er bei dieser Gelegenheit. „Ich will bei den Leuten sein, in den Betrieben, auf den Bauernhöfen, auf der Straße.“ Seit Ende letzten Jahres steht fest, dass Timmermans als Spitzenkandidat der Europäischen Sozialdemokraten in die Europawahlen geht. Siegen möchte er und danach zum Präsidenten der EU-Kommission aufsteigen. Das würde kein großer Umzug.

Seit 2014 ist der Niederländer aus Korbach nahe der Grenze zu Aachen bereits Vizepräsident der Behörde, einer von sieben Stellvertretern des Präsidenten Jean-Claude Juncker, sein wichtigster. Das fällt Timmermans nicht selten auf die Füße. Als er im ersten TV-Duell mit seinem christdemokratischen Gegenspieler Manfred Weber (CSU) ein ums andere Mal Forderungen formulierte und ankündigte, was er alles anders machen wolle, wurde er am Morgen danach in den sozialen Netzwerken gefragt, warum er das denn bisher nicht getan habe. Timmermans ist sein eigenes Problem.

Das andere: Er tritt für die Sozialdemokraten an. Erdrutschartige Verluste haben die Mitglieder seiner Parteienfamilie in den meisten EU-Mitgliedsstaaten während der vergangenen Jahre hinnehmen müssen. Selbst in seiner niederländischen Heimat stürzten die Wähler die Genossen von 24,8 Prozent im Jahre 2012 auf 5,7 Prozent 2017. Für die Arbeiterpartei (PvdA), die bis dahin an der Regierungskoalition beteiligt war, das schlechteste Ergebnis überhaupt.

Dabei stieg der frühere Außenminister seines Landes am 21. Juli 2014 innerhalb von sieben Minuten zu einem echten Superstar auf. Nur wenige Tage zuvor war das malaysische Passagierflugzeug mit der Flugnummer MH17 aus Amsterdam kommend mit 298 Menschen (darunter 192 Niederländer) an Bord über der Ostukraine abgeschossen worden.

Timmermans trat einige Tage später vor den UN-Sicherheitsrat und sagte, zeitweise mit tränenerstickter Stimme: „Der Tod meiner Landsleute hat ein Loch in das Herz der niederländischen Nation gerissen… Wie schrecklich müssen die letzten Momente im Leben der Fluggäste gewesen sein. Die Sekunden, nachdem sie verstanden haben, sie werden sterben.

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Haben sie noch einmal die Hand ihrer Liebsten gedrückt, haben sie ihre Kinder an ihr Herz gezogen, haben sie sich in die Augen geschaut, in ihrem Blick ein letztes ‚Auf Wiedersehen‘?“ Für viele war es die beste Rede eines Niederländers seit dem Krieg. In Rhetorikseminaren wird sie bis heute als Vorbild beschrieben.

Es ist die eine, sensible Seite des Frans Timmermans, der fast philosophisch formulieren kann: „Jeder Mensch hat die Möglichkeit, zu lieben und zu hassen. Kultur besteht darin, die Liebe zu fördern und den Hass kleinzuhalten.“

Die andere Seite ist die Angriffslust, mit der er im Streit um Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in einigen östlichen Mitgliedsstaaten auftreten kann. Als sich Mateusz Morawiecki, Premierminister Polens, gegen das von Timmermans in Gang gesetzte Verfahren wegen Verstößen gegen die Rechtsstaatlichkeit mit den Worten zur Wehr setzte, er wolle ein „Europa der Nationen“, antwortete der Vize der EU-Kommission schneidend:

„Was Morawiecki meint, ist: Gebt uns Geld, gebt uns den Binnenmarkt und haltet die Klappe, was Demokratie, Menschenrechte und die Unabhängigkeit der Justiz angeht. So geht das aber nicht.“ In Berlin konnte Timmermans im April zu den Jusos unbeschwert einen Spaziergang vom Hotel zum Willy-Brandt-Haus machen – in Jeans, Polo-Shirt und Sneakers. In Warschau sperrten die Sicherheitsbehörden dagegen viele Straßen ab, als er zu einer Wahlkampfkundgebung anreiste.

Einigen Polen gilt er als Staatsfeind Nummer Eins – er, der Demokrat, der Europäer, der Verfechter der Rechtsstaatlichkeit. Seine Appelle gegen nationalistische Regierungen sind eindringlich: „Die Welt hat sich geändert. Wir können nicht mehr alleine auf der nationalen Ebene weitermachen.“ Und dann setzt er einen seiner vielen anschaulichen Sätze hinzu: „Es gibt nur zwei Arten von Staaten in Europa: kleine Länder und kleine Länder, die noch nicht begriffen haben, dass sie klein sind.“

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Gerade mal sieben Prozent der Weltbevölkerung stelle die EU. Zusammenhalten, so sagt er, sei unverzichtbar. Er entstammt einer römisch-katholischen Familie, hat französische Literatur an der Radboud-Universität in Nijmegen (Nimwegen) studiert. Ein Studienjahr verbrachte er im französischen Nancy.

Nach seiner Tätigkeit als Gastdozent am Institut Clingendael wechselte er ins Außenministerium nach Den Haag. Von dort wurde er in den 90er-Jahren an die Moskauer Botschaft des Oranje-Staates versetzt. Es war eine Zeit, an die er immer wieder erinnert. Er wisse, sagte Timmermans bei der Einleitung des Verfahrens gegen Polen, wie das Leben in einem totalitären Staatssystem ablaufe. Deshalb müsse man früh einschreiten.

Brüssel lernte er als Mitarbeiter des damaligen niederländischen Kommissars Hans van den Broek kennen, bevor er als Berater für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) tätig war. 2014 schickte Premierminister Mark Rutte Timmermans als Kommissar nach Brüssel. Eigentlich sollte der damalige Finanzminister Jeroen Dijsselbloem den Job bekommen. Doch der hatte sich im Vorfeld der damaligen Europawahl mit abfälligen Äußerungen über Juncker ins Aus polemisiert.

Frans Timmermans verkörpert vieles, was sich die Staats- und Regierungschefs von einem Kommissionspräsidenten wünschen: Er hat Regierungserfahrung, ist rhetorisch brillant, spricht sieben Sprachen – darunter auch Deutsch ‒ fließend. Doch es sieht nicht danach aus, als könne der Hoffnungsträger die Sozialdemokratie rechtzeitig wieder erwecken.

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Eine kleine Chance bleibt ihm, seitdem feststeht, dass Großbritannien an den Europawahlen teilnimmt: Ein gutes Labour-Ergebnis könnte die sozialdemokratische Fraktion vielleicht erstarken lassen. Aber stark genug? „Ich übernehme persönlich die Verantwortung dafür, dass Europa bis 2050 klimaneutral ist“, begann er die deutsche TV-Diskussion und bemühte sich, Entschlossenheit ebenso zu verbreiten wie Zuversicht, dass dieses Europa ein Projekt ist, das bei ihm in sehr guten Händen wäre.

Zur Person

Robert Birnbaum

ist Redakteur im Parlamentsbüro des Tagesspiegel in Berlin, das auch für den WESER-KURIER die bundespolitische Berichterstattung übernimmt.

Zur Sache

Duell der Spitzenkandidaten

In wenigen Tagen wird gewählt: Vom 23. bis zum 26. Mai können mehr als 400 Millionen Europäer ihre Stimme für ein neues Europaparlament abgeben. Der CSU-Politiker Manfred Weber und der niederländische Sozialdemokrat Frans Timmermans gehen als Spitzenkandidaten ihrer europäischen Parteienfamilie ins Rennen.

An diesem Donnerstag liefern sie sich im ZDF ihr zweites und letztes TV-Duell im deutschen Fernsehen. Die 90-minütige Diskussion zwischen Manfred Weber und Frans Timmermans beginnt an diesem Donnerstag um 20.15 Uhr. Das ZDF präsentiert die Debatte gemeinsam mit dem österreichischen Sender ORF. Die Fragen stellen ZDF-Chefredakteur Peter Frey und ORF-III-Chefredakteurin Ingrid Thurnher. Ab 22.15 Uhr diskutieren die deutschen Spitzenkandidaten von FDP, Linken, Grünen und AfD.


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Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
Es gibt nur eine Chance wieviel Artikel beschrieben. Und jetzt schwindet mit dem Artikel von Stefan Rahmstorf das Argument, dass die BRD nur für ...
Bremen99 am 21.10.2019 20:41
Das Parken in Wild-West-Manier rund um den Freimarkt hat Tradition. Vor über 40 Jahren konnte man auch schon regelmäßig beobachten wie dreiste ...
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