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Kommentar über Kopftuchverbote
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Ein Symbol des Unbehagens

Iris Hetscher 25.05.2019

In Deutschland löst das Kopftuch wegen dieser internationalen Nachrichten, aber auch, weil es so überaus präsent in den durch Parallelgesellschaften geprägten Vierteln der Großstädte ist, oft Unbehagen aus.
In Deutschland löst das Kopftuch wegen dieser internationalen Nachrichten, aber auch, weil es so überaus präsent in den durch Parallelgesellschaften geprägten Vierteln der Großstädte ist, oft Unbehagen aus. (Bernd Thissen/dpa)

Wenn es um das Kopftuch geht, sind die Verbände, die für sich in Anspruch nehmen, die in Deutschland lebenden Muslime zu vertreten, sofort auf dem Posten. Die Diskussion, ob „Kinder an Schulen“ ihre Haare mit einem Stück Stoff bedecken sollen, sei „diskriminierend und unnötig“. Dann folgt die Keule: „anti-muslimischer Rassismus“ werde befeuert. So heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung des Islamrats und der islamischen Landesverbände, unter anderem der Bremer Schura. Der Anlass: Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, hatte laut über ein Kopftuchverbot für Kinder nachgedacht. In Österreich gibt es das seit Kurzem.

Kinder bedeutet in diesem Fall: Mädchen. Wie viele Betroffene es gibt, ist unklar, weshalb Islamratsvorsitzender Burhan Kesici auch gleich von einer „Phantomdebatte“ spricht. Symptomatisch an der aufkeimenden Diskussion: Die Verbände berufen sich sofort auf die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit und verbitten sich eine weitergehende Debatte.

"Sexualisierung von bereits kleinen Mädchen durch das Kopftuch"

In der „Zeit“ hat sich der Pädagoge Ahmet Toprak tiefer gehende Gedanken gemacht. Seine Schlussfolgerung: Man sollte kleinen Mädchen nicht das Symbol einer Identität aufnötigen, über die sie sich mit sechs oder auch zehn Jahren nicht im Klaren sein können. Außerdem sollte man die Mädchen durch das Kopftuch nicht in ihrer Klasse isolieren. Mit beidem hat er völlig recht. In Nordrhein-Westfalen macht sich die CDU-Landtagsabgeordnete (und Muslima) Serap Güler seit mehreren Monaten stark für ein Verbot: Es gebe deutlich mehr Grundschülerinnen mit Kopftuch als noch vor ein paar Jahren.

Güler argumentiert dabei nicht nur im Sinne Topraks. Sie wehrt sich zudem gegen die „Sexualisierung von bereits kleinen Mädchen“ durch das Kopftuch. Es ist genau dieses Argument, das die Islamverbände nicht so gerne hören, das aber mittlerweile die Hauptrolle spielt, wenn es um das Kopftuch geht. Denn das Stück Stoff über den Haaren hat längst nicht mehr nur etwas mit einem (im Koran nicht geforderten) Bekenntnis zum Islam zu tun.

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Es ist das Mittel reaktionär religiös geprägter Familien, Mädchen den Blicken der (männlichen) Umgebung zu entziehen. Damit degradiert man die Frau zum Objekt – legt sie das Kopftuch ab, drohen Repressalien von Familie und Community. Ein irrationaler wie diffuser Ehr- und Sittsamkeitsbegriff dominiert die gesamte Situation. Auch das Männerbild in diesem Kontext ist übrigens sexualisiert: Es wird permanente Lüsternheit unterstellt. Die Frau bedeutet Trophäe wie Gefahr. Ein Miteinander der Geschlechter auf Augenhöhe wird so unmöglich.

Vor diesem Hintergrund wird klar, warum in islamisch geprägten Ländern, in denen Parteien mit religiöser Agenda regieren, die Ablehnung des Kopftuchs für Frauen synonym mit dem Kampf gegen Diskriminierung ist. Das Stück Stoff ist zum Symbol für Repression und Rückschrittlichkeit geworden, als Zeichen des Glaubens ist es diskreditiert. Wer es ablegt, geht ins Gefängnis wie im Iran oder in Saudi-Arabien. Oder die Frau hat berufliche Nachteile zu befürchten wie in der Türkei, die sich unter Recep Tayyip Erdogan immer stärker vom Säkularismus der Republikgründung entfernt. Trotzdem hat dort eine freche Twitter-Kampagne contra Kopftuch viel Zuspruch gefunden; es sind mutige Frauen, die sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen wollen.

Mitleidige Blicke

Und in Deutschland? Hier löst das Kopftuch wegen dieser internationalen Nachrichten, aber auch, weil es so überaus präsent in den durch Parallelgesellschaften geprägten Vierteln der Großstädte ist, oft Unbehagen aus. Es ist zur „Projektionsfläche“ geworden, wie Ahmet Toprak es nennt. Selbstbewusste Muslimas, die es aus freien Stücken als Zeichen ihres Glaubens tragen, geraten dadurch in eine missliche Situation. Sie sehen sich mitleidigen Blicken oder dem Druck, sich rechtfertigen zu müssen, ausgesetzt.

Bedanken können sie sich dafür bei denen, die einem konservativen Islam das Wort reden und liberale Tendenzen – beispielsweise von Seyran Ates oder Mouhanad Khorchide – verteufeln. Denn solange sich die Islamverbände Kritik gebetsmühlenartig mit Hinweis auf Artikel vier des Grundgesetzes verbitten, sind sie es, die das Unbehagen und den „Wind auf den Segeln der Rechtsextremisten“ (ein weiteres Pressemitteilungszitat), verstärken. Symptomatisch ist, dass Artikel drei für den Islamrat in keiner Verlautbarung auf seiner Website vorkommt. Kleine Erinnerung, Artikel drei lautet: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

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Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
Es gibt nur eine Chance wieviel Artikel beschrieben. Und jetzt schwindet mit dem Artikel von Stefan Rahmstorf das Argument, dass die BRD nur für ...
Bremen99 am 21.10.2019 20:41
Das Parken in Wild-West-Manier rund um den Freimarkt hat Tradition. Vor über 40 Jahren konnte man auch schon regelmäßig beobachten wie dreiste ...
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