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Kommentar über den britischen Weg
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Ein tiefer Graben zieht sich durch Großbritannien

Katrin Pribyl 24.07.2019 2 Kommentare

Königin Elizabeth II. von Großbritannien begrüßt Boris Johnson bei dessen Ankunft am Buckingham-Palast, wo die Queen ihn zum neuen Premierminister Großbritanniens ernannte.
Königin Elizabeth II. von Großbritannien begrüßt Boris Johnson bei dessen Ankunft am Buckingham-Palast, wo die Queen ihn zum neuen Premierminister Großbritanniens ernannte. (Victoria Jones/dpa)

Theresa May ist Geschichte, Boris Johnson hat in der Downing Street übernommen. Das ist einerseits verstörend, hat doch der Konservative in den vergangenen Jahren neben seinen Entgleisungen als Außenminister vor allem mit einer ganz eigenen Auslegung der Wahrheit die Menschen in die Irre und das Land ins Chaos geführt. Andererseits ist es mehr als angemessen, dass nun endlich die Person übernimmt, die jahrelang von Ideologien getriebene Tagträumereien beworben hat. Mit der Realität hatte das wenig gemein, aber von Details und Tatsachen ließ sich Johnson nie ablenken.

Endlich muss der Brexit-Hardliner Verantwortung übernehmen. Endlich, so hoffen Beobachter, steht er vor der wahrscheinlichen Entzauberung. Denn allein mit Optimismus und einem naiven Glauben an die vermeintlich britische Stärke lassen sich weder die Herkulesaufgabe Brexit lösen, noch die großen Probleme des Landes. Vielmehr wird Johnson zügig sehr unpopuläre Entscheidungen zu treffen haben, vor allem in Sachen EU-Austritt. Ob er damit seine europaskeptische Anhängerschaft vergrault oder die Mehrheit der Öffentlichkeit verstimmt – eine Seite wird enttäuscht zurückbleiben. Denn Johnson hat sich in selbst gezogene rote Linien verstrickt, den Menschen, die für seinen Aufstieg hilfreich waren, offenbar wahllos zugesagt, was sie im jeweiligen Moment hören wollten.

Noch ist völlig unklar, was passieren wird. Wie das Königreich am 31. Oktober aus der EU scheidet. Ob der Austritt stattfindet und wenn ja, mit oder ohne Abkommen. Oder gibt es am Ende noch vor dem Ablauf der Scheidungsfrist Neuwahlen? Das scheint mittlerweile am wahrscheinlichsten. Vermutlich ist es auch der einzige Ausweg aus der Sackgasse, denn die Verhältnisse im tief gespaltenen Parlament haben sich keineswegs geändert. Wie May wird auch Johnson einer Minderheitsregierung vorstehen, die Tories verfügen lediglich über eine hauchdünne Mehrheit. Der Exzentriker braucht alle Abgeordneten in den eigenen Reihen – die europaskeptischen Hardliner wie auch die EU-Freunde –, um nicht genauso zu scheitern wie seine Vorgängerin.

Mays Versagen hat aber den Premierminister Boris Johnson erst möglich gemacht. Hätte sie viel früher ihre Pläne mit allen Seiten kommuniziert, sowie das gesamte Spektrum der konservativen Fraktion ins Boot geholt und somit den Brexit über die Linie gebracht, würde das Land heute nicht so desaströs dastehen, sondern könnte nach vorne blicken unter einer frischen Führung. Stattdessen hat ein fundamentaler Wandel stattgefunden.

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Nun haben die Briten einen Regierungschef, der viele Prädikate mit sich führt, von denen jedoch die wenigsten schmeichelhaft klingen – egal ob Scharlatan, Hallodri, Populist oder Spieler. Lediglich die oft genutzte Bezeichnung des Clowns passt längst nicht mehr, denn sein Aufstieg ist alles andere als lustig. Vermutlich ist dieser aber die logische Konsequenz der vergangenen Jahre, in denen viel über Unwahrheiten gestritten, aber nur selten konstruktiv debattiert wurde.

Leider geht es im Königreich abseits der proeuropäischen Proteste vor Westminster kaum mehr um die Wahl zwischen EU-Verbleib und Scheidung. Heute verläuft der Graben vor allem zwischen den Anhängern eines Austritts mit Deal und jenen, die die Staatengemeinschaft ohne Abkommen verlassen wollen. Die Rhetorik hat sich verschärft und bei den Tories fand ein Rechtsruck statt, der Großbritannien in den nächsten Monaten noch tiefer in die Krise stürzen dürfte.

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Doch abgesehen vom Brexit-Drama erwischt das Land eine andere Eskalation zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Denn während auf der Insel die Regierung wechselt, spitzt sich die Lage im Persischen Golf zu, seit der Iran vergangene Woche einen unter britischer Flagge fahrenden Tanker in der Straße von Hormus festgesetzt hat. Aus den USA scheint nicht viel Hilfe zu erwarten zu sein, obwohl die Briten seit Jahren regelrecht unterwürfig versuchen, US-Präsident Donald Trump bei Laune zu halten. Sie benötigen nach dem Brexit einen schnellen  Handelsdeal, außerdem einen verlässlichen Verbündeten. Deshalb wurde Trump vor wenigen Wochen beim Staatsbesuch im Buckingham-Palast mit Fanfaren von der Queen hofiert. Die peinliche Bittstellerei scheint bislang nicht zu fruchten, Washington erteilte London eine Absage bezüglich Unterstützung im Iran. Nun will Großbritannien eine von europäischen Ländern angeführte Seeschutzmission in der Region auf den Weg bringen. Ausgerechnet die EU-Partner sollen helfen, auf die die Europaskeptiker seit Jahren verbal einprügeln. Das passt alles – wieder einmal – nicht zusammen.


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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