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Kommentar über Südafrika
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Ein Versagen von Politik und Menschlichkeit in Südafrika

Markus Schönherr 17.09.2019 0 Kommentare

Ein Mann und sein Kind steigen auf dem O. R. Tambo International Airport in Johannesburg aus einem Bus, um nach den Angriffen gegen Migranten ein Flugzeug nach Nigeria zu nehmen.
Ein Mann und sein Kind steigen auf dem O. R. Tambo International Airport in Johannesburg aus einem Bus, um nach den Angriffen gegen Migranten ein Flugzeug nach Nigeria zu nehmen. (Denis Farrell/dpa)

Es sagte einer der Hunderten Afrikaner, die vergangene Woche die Heimreise aus Südafrika antraten. „Die Situation ist sehr schlimm. Wir können es uns nicht leisten, auf der Suche nach unserem Glück anderswo unser Leben zu verlieren.“ Seit 20 Jahren lebten viele von ihnen am Kap. Doch dann wurde der Traum von der „Regenbogennation“ zum Albtraum. Im Morgengrauen versammelten sie sich vor dem nigerianischen Konsulat in Johannesburg, bereit für die Reise in eine ihnen fremd gewordene Heimat. Familien, deren gesamtes Dasein in Koffer und Plastiktüten gequetscht ist – ein Sinnbild für das Versagen von Politik und Menschlichkeit in Nelson Mandelas einstigem Hoffnungsland.

Bei den jüngsten Ausschreitungen in Johannesburg und Pretoria kamen zwölf Menschen ums Leben. Bloß zwei davon waren Immigranten, so wurde in einem Versuch, zu differenzieren, schnell betont. Doch im Gegensatz zu Südafrikas Regierung sehen Betroffene und Beobachter ganz deutlich Motive des Fremdenhasses in der Gewalt: Wenn wütende Mobs die Ausländer beschuldigen, die Kriminalität anzuheizen und ihnen Jobs und Frauen zu „stehlen“. Vielen Simbabwern, Mosambikanern und Nigerianern reicht es nun – sie wollen nicht länger in einem Land leben, in dem ihre Läden geplündert, ihre Häuser angezündet werden und die Regierung der Anarchie bloß zusieht.

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Ist Südafrikas demokratisches Projekt von 1994 gescheitert? Nicht ganz. Anders als zu Zeiten der Apartheid ist heute ein friedlicher Alltag möglich. Und wo kein Zusammenleben herrscht, dort ist zumindest der Konsens weit verbreitet, dass auch eine Gesellschaft mit tiefen Unterschieden als eine geeinte Nation vorankommen kann. Allerdings hat das Fundament Risse: 55 Prozent der Südafrikaner gelten als arm, 27 Prozent sind arbeitslos. Und wo Ressourcen knapp sind, ist die Stimmung schnell im Keller. Im Falle Südafrikas äußert sich das nicht nur durch eine zunehmend populistische Politik, sondern vor allem durch gewalttätige Proteste. Seit 2008 richten diese sich regelmäßig gegen afrikanische Migranten.

Für Afrika steht viel auf dem Spiel. Denn von Mal zu Mal werden die Reaktion in den Nachbarländern lauter. Nach den jüngsten Ausschreitungen boykottierten viele Länder Fußballturniere und Wirtschaftstreffen mit Südafrika. In der Demokratischen Republik Kongo, Mosambik und Nigeria kam es zu Racheangriffen auf südafrikanische Konzerne. „Genug ist genug“, polterte Nigerias Regierung und forderte Sanktionen gegen das Land am Kap. Dabei wäre diplomatische Harmonie zwischen den beiden Staaten wichtig, sind sie schließlich nicht nur Afrikas stärkste Wirtschaftsmächte, sondern auch tonangebend in Fragen von Migration, Sicherheit und Klimaschutz. Südafrika droht, wie bereits zur Zeit der Rassentrennung, eine Isolation von seinen Nachbarstaaten – mit dem Unterschied, dass es heute eine Regionalmacht und Europas wichtigster Ansprechpartner des Kontinents ist.

Mit einem Schritt wäre man der Lösung schon deutlich näher: Südafrikas Regierung könnte sich endlich eingestehen, dass sie ein Problem hat. Und zwar mit der Fremdenfeindlichkeit. Denn bisher taten Südafrikas Machthaber die Gewalt als Alltagskriminalität ab; spontane Ausschreitungen, die nichts im Geringsten mit Fremdenhass zu tun hätten. Ebenso fragwürdig wie die hartnäckige Leugnung des Problems ist die vermeintliche Lösung: Angesichts der diplomatischen Krise ernannte Staatspräsident Cyril Ramaphosa am Wochenende „Sondergesandte“. Diese sollen in sieben Länder reisen, um dort zu demonstrieren, dass Südafrika die „Ideale der panafrikanischen Einheit und Solidarität“ nicht vergessen hat – eine reine PR-Aktion.

So verlockend es in diesen Tagen auch ist, der sich windenden Politik die Schuld zu geben, müssen auch die unmittelbaren Täter in die Verantwortung genommen werden. „Südafrikaner sind nicht fremdenfeindlich, sie sind hungrig“, sagte der oberste Richter des Landes, Mogoeng Mogoeng. Das stimmt, jedoch sollte ein Leben in Elend weder eine Entschuldigung noch eine Erklärung für Gewalt und Totschlag darstellen. Vielleicht haben viele Bewohner Südafrikas, wo alle 15 Minuten eine Vergewaltigung und alle 25 Minuten ein Mord passiert, Hunger. Doch es gibt noch viele weitere Probleme, die nicht aus der Not heraus geboren sind: übertriebene oder gebrochene Männlichkeit, eine historische Kampfmentalität, zerrüttete Familien, fehlende Vorbilder. Wenn aus diesen Schwächen heraus gegen Randgruppen gehandelt wird, hat nicht nur die Politik versagt, sondern auch die Menschlichkeit.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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