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Journalist Günter Bannas im Interview
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„Es findet ein Umbruch statt“

Carolin Henkenberens 19.06.2019 0 Kommentare

Günter Bannas, langjähriger FAZ-Politikredakteur
Günter Bannas, langjähriger FAZ-Politikredakteur (Günter Bannas)
Herr Bannas, kaum ein Journalist hat den politischen Betrieb so lange und so hautnah miterlebt wie Sie. Wann hat Sie zuletzt eine politische Nachricht wirklich überrascht?

Günter Bannas: (Überlegt). Überrascht hat mich eigentlich, dass Frau Merkel 2017 dann doch wieder antrat. Aber es war wiederum auch nicht so, dass ich aus allen Wolken fiel. Wirklich überrascht hat mich das Vorziehen der Bundestagswahl 2005, damit hatte ich absolut nicht gerechnet.

Wieso kam es für Sie überraschend?

Weil ich es nicht ahnte. Die wenigen, die damit zu tun hatten, haben nicht geplaudert. Das ganze Müntefering-Umfeld wusste es nicht. Auch wichtige Kabinettsmitglieder, etwa Hans Eichel, Peter Struck und Wolfgang Clement, wussten es nicht. Das war wirklich ein Coup.

Und bei Angela Merkel, wieso waren Sie da überrascht?

Meine These ist, dass Bundeskanzler nie freiwillig ihr Amt verlassen. Entweder entscheidet der Wähler oder der Koalitionspartner darüber. Grundsätzlich war ich der Auffassung, dass das bei Frau Merkel auch so sein wird. Als sie aber 2016 so lange offen ließ, ob sie wieder antritt, war ich wider meiner These zu der Einschätzung gelangt, dass sie es lässt.

Sie haben die Entwicklung der Grünen seit den 1980er-Jahren intensiv begleitet. Hätten Sie je geglaubt, dass die Partei einmal stärkste politische Kraft in Deutschland werden könnte?

Nein. Ich hatte nie gedacht, dass die Grünen mal bei 25 Prozent sind in Umfragen. Auf der anderen Seite war ich immer schon der Auffassung, dass die Grünen, die ich ja seit ihrer Gründungszeit beobachtet habe, keine Ein-Punkt-Partei sind. Sie sind nicht nur für Umweltschutz, sie hatten immer schon ein breites thematisches Spektrum. Von der Wählerschaft her waren sie auch von Anfang an relativ breit aufgestellt. Sie wurden damals schon sowohl von „Steinewerfern“ als auch von der Gattin des Apothekers gewählt.

Was haben die Grünen in den vergangenen Jahren richtig gemacht?

Anders gemacht, würde ich sagen. Ihnen kam natürlich zugute, dass Jamaika scheiterte. Man darf nicht vergessen: Bei der Bundestagswahl 2017 hatten sie nur 8,9 Prozent. Ihnen kommt auch die Krise der SPD zugute und dass mit dem neuen Führungsduo um Robert Habeck und Annalena Baerbock abgeschafft wurde, dass ein Vorsitzender aus dem linken und einer aus dem Realo-Flügel kommen muss. Die Grünen haben einen ganz anderen politischen Stil jetzt. Sie polarisieren nicht mehr, sondern machen Politik mit einem fröhlichen Gesicht.

Der Erfolg der Grünen liegt auch an der Krise der Volksparteien. Darauf gehen Sie auch in Ihrem Buch ein. Betrachten Sie die Lage von SPD und CDU mit Sorge?

Ja, weil die Unionsparteien und die SPD maßgeblich zur Stabilisierung der Politik in Deutschland beigetragen haben. Wenn die beiden wichtigsten Parteien in einer existenziellen Krise sind, dann muss man sich Sorgen machen. Ich glaube zwar nicht, dass die Demokratie in Gefahr ist, aber es findet zurzeit ein Umbruch statt, den ich noch vor zwei Jahren nicht vorausgesehen habe. Das geht rapide. Dafür muss man sich nur die Ergebnisse der Europawahl ansehen, bei der die Grünen in vielen Städten vorne lagen.

Sehen Sie eigentlich Parallelen zwischen der Situation von 1981, als die sozialliberale Koalition kurz vor ihrem Bruch stand, und heute, da die SPD im Herbst aus der Groko aussteigen könnte?

Es gibt schon große Unterschiede. Die FDP ist 1982 nicht aus der sozialliberalen Koalition ausgestiegen, weil sie Angst um ihre Existenz hatte, sondern weil sie eine andere Politik wollte. Die SPD will zwar jetzt auch eine andere Politik, aber sie ist vor allem von der Erfahrung getrieben, dass ihre Mitarbeit in der Großen Koalition vom Wähler nicht honoriert wird. Wobei die Frage ist, was gewesen wäre, wenn die SPD nicht in die Koalition eingetreten wäre. Ob das der SPD genutzt hätte? Ich habe da meine Zweifel. Vielleicht ist die SPD zu altbacken geworden und die CDU auch. Vielleicht ist es auch eine Generationenfrage, bei den Grünen gestalten gerade die 30- bis 50-Jährigen und nicht die viel Älteren, so wie es bei SPD und Union zu großen Teilen ist.

Droht der SPD, genau wie der FDP damals, Schaden, wenn sie aus der Groko austritt?

Ein Risiko ist es auf jeden Fall. Ich glaube aber ehrlich gesagt nicht, dass die SPD aus der Großen Koalition aussteigt.

Sie haben in all Ihren Jahren viele Politikerkarrieren aufblühen und zu Ende gehen sehen. Warum kommt Robert Habeck so gut an?

Er polarisiert nicht, insofern ist er eher ein Politiker der Generation Merkel. Das Zusammenführen, nicht so das Zuspitzen, ist zurzeit mehr gefragt als noch zu Zeiten von Gerhard Schröder und Joschka Fischer, die ja doch sehr auf sich bezogen Politik betrieben haben, und das noch mit harter Rhetorik gegen politische Gegner.

Wie weit bringt es AKK noch?

Sie ist in einer ganz schwierigen Phase. Für die CDU ist seit dem Amtsantritt von Frau Kramp-Karrenbauer nichts besser geworden, die Wahlergebnisse sind schlechter geworden, die Umfragen ebenso. Natürlich erwartet eine Partei, wenn sie schon eine neue Vorsitzende wählt, dass vieles besser wird. Das ist im Moment nicht zu sehen.

Was müsste sie anders machen?

Schwer zu sagen. Möglicherweise ist es auch eine Gesetzmäßigkeit, dass wenn eine Führungsperson abtritt, wie früher Adenauer, Schmidt, Brandt oder Kohl, die nachfolgende Generation es sehr schwer hat. Das wiederholt sich jetzt bei der CDU.

Journalist ist man auch nach Feierabend. Wie also verbringen Sie Ihren Ruhestand?

Mein Buch „Machtverschiebung“ in der deutschen Politik ist jetzt erschienen, und ich schreibe regelmäßig eine Kolumne im „Hauptstadtbrief“, der in der Berliner Morgenpost erscheint. Insofern bin ich noch auf altem Gelände tätig.

Das Gespräch führte Carolin Henkenberens.

Zur Person

Günter Bannas (67)

ist Journalist und leitete bis zum Ruhestand im März 2018 das Hauptstadtbüro der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Über seine Zeit in Bonn und Berlin schrieb er nun ein Buch. 


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Leserkommentare
elfotografo am 22.10.2019 18:55
"Es ist doch ein Märchen, dass man mit einer Loge Geschäftskontakte akquiriert oder pflegt, geschweige denn Geschäfte abschließt."

Haben ...
FloM am 22.10.2019 18:51
@gorgon1:
Abgedroschen ist es den x-ten Kommentar mit undifferenzierten Anschuldigungen zu schreiben.

Die Erkenntnis, daß man Teil ...
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