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Serie zu 30 Jahren Mauerfall
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Grenz-Wanderer zwischen den Welten

Jürgen Hinrichs 23.09.2019 0 Kommentare

Lothar Engler am Grenzpfosten mit der Nummer 947. Der ehemalige BGS-Mann führt die Wanderung an.
Lothar Engler am Grenzpfosten mit der Nummer 947. Der ehemalige BGS-Mann führt die Wanderung an. (Frank Thomas Koch)

Hier sind sie rüber, über die Ecker, die an dieser Stelle mehr ein Bach ist als ein Fluss und deshalb kein großes Hindernis war, ein paar Paletten, dann ging das. Einfach rüber, wo das vorher nicht möglich war, weil geschossen und gesprengt wurde, verhaftet und weggeschlossen.

Andreas Weihe hat's getan. Er hörte von der Grenzöffnung in Berlin, staunte und wollte es selbst probieren. Bei ihm im Ort war alles noch dicht, ein paar Kilometer weiter könnte es aber klappen, wurde erzählt. Also nahmen Weihe und seine Frau ihre beiden Kinder, zwei und drei Jahre alt, schlossen sich dem Pulk an und standen plötzlich auf der anderen Seite. „Dort hat mein Onkel aus dem Westen gewartet, wir sind dann erst einmal ein Bier trinken gegangen.“

Einfach den Zaun geöffnet

So war das am 11. November vor 30 Jahren. Zwischen Eckertal in der BRD und Stapelburg in der DDR haben die Menschen den Zaun geöffnet, spontan, mit einfachem Werkzeug und ohne den Segen der Offiziellen. Es war in dieser Form das erste Mal, dass die innerdeutsche Grenze geschleift wurde – völlig ungeregelt und auf DDR-Seite nur still und mit Ingrimm geduldet.

Für Weihe, der heute als Stahlkocher bei Salzgitter arbeitet und in Abbenrode, seinem Heimatdorf, das Museum leitet, stand nie zur Debatte, im Westen zu leben. Weder an dem Tag, als er rübermachte, noch später, als die beiden deutschen Staaten wiedervereint waren. Seine Familie ist im alten Ort geblieben. „Hier sind unsere Wurzeln“, sagt der 57-Jährige.

Weihe ist dabei, als an einem Sonnabend in der Früh zur Wanderung aufgebrochen wird. Immer die Grenze entlang, dort, wo sie früher im Harz zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt verlief. 30 Menschen, die sich dem Grenzerkreis Abbenrode angeschlossen haben, ehemaligen Bundesgrenzschützern, Zöllnern und Angehörigen der DDR-Grenztruppen.  Eine Konstellation, wie es sie in Deutschland nicht noch einmal gibt. Die Männer haben sich vor sechs Jahren zusammengetan, um ihre Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen und sie an andere weiterzugeben. Zweimal im Jahr brechen die Zeitzeugen zu einem Gang durch ehemals vermintes Gebiet auf.

Bei Abbenrode verlief der ehemalige Grenzzaun.
Bei Abbenrode verlief der ehemalige Grenzzaun. (Grafik Weser Kurier)

Ein Pfiff, und schon ist die Aufmerksamkeit da. Lothar Engler, ein pensionierter BGS-Mann, gibt mit seiner Pfeife das Signal zum Sammeln und weist die Teilnehmer ein. „Wenn jemand nicht mehr kann, bringt Helmut ihn ins Museum“, sagt Engler. Er erntet Gelächter, doch es ist ernst gemeint. Helmut Maushake, ein Major der ehemaligen DDR-Grenztruppen, fährt dort, wo es geht, mit dem Wagen hinterher, um zur Stelle zu sein, sollte jemand die Wanderung abbrechen müssen. Es wird heiß an diesem Tag, das ist schon abzusehen, und bis zum Ziel, dem Heimatmuseum in Abbenrode, vergehen gut fünf Stunden, kein Pappenstiel. Wer klug ist, hat sich mit Proviant ausgerüstet und festes Schuhwerk angezogen.

Die Grenze, das war auf DDR-Gebiet das fünf Kilometer tiefe Sperrgebiet und der besonders gesicherte 500 Meter breite Schutzstreifen. Die Scheidelinie zwischen den beiden Staaten verlief aber nicht immer direkt an einer Mauer oder an einem Zaun, sie konnte auch auf einer Brücke, einem Bahndamm oder in einem Fluss liegen. An manchen Stellen blieben die genauen Koordinaten bis zuletzt offen, dann arrangierte man sich.

Von Angesicht zu Angesicht

„Hier hat das begonnen, im Mai 1952, und nicht erst mit dem Mauerbau in Berlin neun Jahre später“, sagt Engler. Er steht auf einer Brücke, die in DDR und BRD geteilt war. Ein Schritt zur einen oder anderen Seite, und man war Flüchtling oder Grenzverletzer, je nachdem. Manchmal standen sich die Wachen von Angesicht zu Angesicht gegenüber. In der DDR waren das Aufklärer, die sich so weit nach vorne wagen durften, eine Spezialtruppe, die das größtmögliche Vertrauen der Armeeführung genoss. In der BRD waren es meist Zöllner.

Wacker geht es nun voran, über Baumwurzeln und durch Gestrüpp der Ecker folgend. Ein Trampelpfad, die Gruppe im Gänsemarsch. Ab und an tauchen Grenzsteine auf, solche von früher, als Deutschland noch eine Monarchie war. Die Herzöge von Braunschweig haben ihr Territorium mit den Königen von Preußen abgesteckt. Und genau so, auf dieser Linie, taten es später auch DDR und BRD.

Der Osten stellte zur Orientierung Grenzsäulen auf, zwei Meter hohe Pfähle, die nummeriert waren. Nur noch wenige davon sind erhalten, entweder waren sie morsch oder sind von Andenkenjägern stibitzt worden. Engler hält an so einem Pfosten, es ist die Nummer 947. Insgesamt, weiß der Wanderführer, waren es an der innerdeutschen Grenze 2622. Oben drauf immer ein Nagel, „damit kein Vogel auf die DDR scheißt“, scherzt einer der ehemaligen Grenzer.

Wasser, Sonne, Schattenspiel – schön ist es an der Ecker, die sich durch die Landschaft schlängelt. Ein romantischer Flecken, an dem man die Schrecken der Vergangenheit schnell vergessen kann, wären da nicht Engler und seine Geschichten. Die Gruppe stoppt an einem alten Bahndamm, der ehemaligen Zugverbindung zwischen Ilsenburg und Bad Harzburg, die nach dem Krieg gekappt wurde.

Es gab einen Toten an dem Ort. Früh im Sommer war das, im Jahr 1976, als jemand aus dem Westen, ein Alkoholiker und Sonderling, den Bahndamm entlang ging, auf die Sperranlagen zu. Er hatte sich schon oft einen Spaß daraus gemacht, die Grenzposten im Osten mit Sprüchen zu ärgern. An diesem Tag endete das mit einer Katastrophe, die Truppe verstand plötzlich keinen Spaß mehr. Ein Feuerstoß, und der Mann war tot.

Um den Vorfall zu vertuschen, wurde die Leiche nach Magdeburg gebracht und im Stadtpark abgelegt. Der Staatssicherheitsdienst täuschte Selbstmord vor. Aufgeflogen ist die Tat nach dem Ende der DDR trotzdem. Es gab einen Prozess, der Täter, er lebt bis heute in Ilsenburg, wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil allerdings wieder auf. Begründung: Das Opfer sei nicht heimtückisch getötet worden. Der Täter habe unter dem besonderen Druck der Befehlslage gehandelt und sei erheblich indoktriniert gewesen. Er wurde dann nur noch wegen Totschlags belangt.

Licht organisieren, Wege freischneiden

So eine Geschichte ist das, die Engler erzählt. Sie löst Diskussionen aus. Eine Frau, die den Täter kennt und selbst in Ilsenburg lebt, sagt, dass er seit dem Geschehen ein gebrochener Mann sei. „Ich will nichts verharmlosen, überhaupt nicht“, betont die Frau, „es war schlimm, was er getan hat.“ Man müsse aber doch bitte auch den historischen Kontext berücksichtigen: „Wir im Osten sahen uns damals als die Guten, er dachte, das Richtige zu tun.“ Dann habe das politische System gewechselt, und plötzlich sei alles schlecht und falsch gewesen. „Das ist moralischer Absolutismus.“

Der Wandertross ist an der Stelle angelangt, wo Andreas Weihe mit seiner Familie am 11. November 1989 über die Ecker in den Westen kam. Es war ein Sonnabend, früher Abend, ein wunderbarer Herbsttag. Engler stieß auch dazu. Er führte einen Technischen Zug des BGS in Goslar und wurde durch einen Anruf seines Vorgesetzten alarmiert: „Setz mal deine Leute in Bewegung.“ Sie sollten helfen und für ein Mindestmaß geregelter Abläufe sorgen.

Konkret lautete der Auftrag, Licht zu organisieren, die Wege frei zu schneiden und eine provisorische Brücke zu bauen. Unmöglich, dabei nicht DDR-Gebiet zu betreten. Engler erinnert sich: „Bis hierher und nicht weiter, haben die Grenzer von drüben gesagt.“ Er beschreibt die Stimmung, Hunderte auf beiden Seiten. „Das war Freude, ja, aber kein Jubel. Die Menschen waren fassungslos, sie konnten es nicht glauben.“ Zwei Tage war der BGS-Mann nicht zu Hause, so viel los, so viel zu tun. „Wir haben auch geweint.“ Am Morgen des zweiten Tages wurde die Brücke fertig. Da waren es schon Massen, die meist von Ost nach West, aber auch umgekehrt über die Grenze wechselten.

Fotostrecke: Ein Gang mit Grenzern von beiden Seiten

Helmut Maushake war damals nicht einverstanden, er ist es bis heute nicht. „Wir können froh sein, dass keiner von uns gebrüllt und an die Waffen befohlen hat“, sagt der 75-Jährige. Nichts dagegen, meint er, die Grenze zu öffnen, aber doch nicht so. „Das hätte organisiert werden müssen, innerhalb einer Woche hätten wir das alles geregelt.“ Im Ergebnis sei es ein gewaltsamer Grenzdurchbruch gewesen. Unverantwortlich, findet der Ex-Major.

Maushake hält grundsätzlich dagegen. Er will die Geschichtsschreibung nicht der anderen Seite überlassen, den Siegern im Systemstreit. „Ich passe auf, dass die nicht so viel Mist erzählen.“ Engler, sein ehemaliger Kontrahent, stand vor der Grenzöffnung oft auf den Besucherplattformen, von denen man auf die Sperranlagen der DDR schauen konnte, und hielt Vorträge. „Er sagt heute genau das, was er vor 30 Jahren zum Besten gegeben hat.“ Die ganze Wahrheit sei das nicht, könne es gar nicht sein, sagt Maushake. Er kabbelt sich mit Engler, beruhigt sich aber auch wieder.

Nach einem Gang, der unter Bäumen Schutz vor der stechenden Sonne bietet, ist die Gruppe auf dem letzten Stück der Hitze ausgeliefert. Es geht eine Senke hinunter und wieder hinauf. Ackerland. Die Bauern säen und ernten, wo bis vor 30 Jahren nichts wachsen durfte. Engler zeigt Fotos, ein öder Streifen mit Zäunen, Beleuchtung und Selbstschussanlagen, die durch versteckt gelegte Drähte ausgelöst wurden und Schüsse abgaben, oder mit Splitterminen. Hunderte Menschen sind beim Versuch, die Grenze zu überwinden, getötet worden. Heute deutet am Schlusspunkt der Wanderung nichts mehr auf den Todesstreifen hin, wie er im Volksmund genannt wurde. Der Acker ist ein Acker und die Grenze seit 30 Jahren Vergangenheit.


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Leserkommentare
hopfen am 21.10.2019 11:38
Ein sehr gutes Beispiel dafür wie realitätsfern Politiker inzwischen sind. Würden alle fast identische Ferienzeiten bekommen, würde das absolute ...
admiral_brommy am 21.10.2019 11:29
Zitat: ".....und die Behörden lehnen seinen Asylantrag ab. "

Ausreisepflichtig scheint er aber nicht zu sein. Warum?
Warum ...
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