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Helmut Schmidt: Ein Besuch im Haus des verstorbenen Altbundeskanzlers

Nadine Wenzlick 16.03.2019 1 Kommentar

Ab April bietet die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung Führungen durch das Haus des verstorbenen Altkanzlers an.
Ab April bietet die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung Führungen durch das Haus des verstorbenen Altkanzlers an. (Christian Platz)

Wer den Neubergerweg in Langenhorn hinunter geht, ist angekommen in Hamburgs Peripherie. Die Siedlung ist von einfachen Reihen- und Doppelhäusern geprägt, in den Sechzigern gebaut und etwas in die Jahre gekommen. Eine ganz normale Wohngegend eigentlich – doch hinter der Holzpforte mit der Hausnummer 80 lebte ein Paar, das alles andere als normal war: Altbundeskanzler Helmut Schmidt und seine Ehefrau Loki. In seinem Testament hatte Schmidt verfügt, dass das Haus, in dem er 2015 verstorben ist, unverändert als Gedächtnisort bewahrt werden soll. Ab April bietet die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung nun Führungen an.

„Als der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew hier zu Besuch war, mochte er das gar nicht glauben: eine Krankenschwester nebenan, ein Busfahrer gegenüber. Er dachte, das seien alles Statisten“, erzählt Ulfert Kaphengst, Sprecher der Stiftung. Es war aber alles echt. Die Schmidts kauften das Doppelhaus 1961 vom gewerkschaftlichen Baukonzern Neue Heimat – ein Jahr vorher war dort noch eine Weide mit Holsteiner Kühen gewesen. Schmidt war damals Senator der Hamburger Polizeibehörde.

Fotostrecke: Eindrücke aus dem Wohnhaus von Helmut Schmidt

Doch auch für einen Senator war das Haus relativ bescheiden. Das Ehepaar bewohnte die eine Hälfte, Helmut Schmidts Vater Gustav die andere. Durch mehrere Anbauten und den Zukauf des benachbarten Hauses, in dem sich heute das Archiv der Schmidts befindet, entstand ein hofartiges Refugium mit einer großen Rasenfläche und einem Baum in der Mitte.

Gäste aus aller Welt gingen hier ein und aus ‒ manch einer ließ offenbar einen Schirm stehen. Im Hintergrund der Steinway-Flügel, auf dem Helmut Schmidt oft spielte.
Gäste aus aller Welt gingen hier ein und aus ‒ manch einer ließ offenbar einen Schirm stehen. Im Hintergrund der Steinway-Flügel, auf dem Helmut Schmidt oft spielte. (Christian Platz)

Hamburg war Helmut Schmidt immer wichtig

Auch als Schmidt 1974 Bundeskanzler wurde, blieb das Paar in dem Haus in Langenhorn wohnen. „Das war eben hier das Zuhause. Hamburg war Helmut Schmidt immer wichtig, und Loki liebte die Nachbarschaft zur Natur und zum Moor“, sagt Ulfert Kaphengst. „Natürlich wurde das Haus in den Siebzigern mit Infrarot- und Kameraüberwachung entsprechend gesichert. Davor befand sich auch eine kleine Polizeistation, in der zwei ganz normale Schutzpolizisten saßen und den Zugang kontrollierten.“

Kontrolliert laufen auch die Führungen ab: Weil es sich um ein Wohnhaus mit schmalen Türen und Gängen handelt, finden sie in Kleingruppen von bis zu sechs Personen statt: Jeweils an einem Tag im Monat gibt es 24 Plätze. Die rund 30-minütige Tour, die von Gästeführern geleitet wird, beginnt im Arbeitszimmer von Helmut Schmidt. Hier sieht es aus, als wäre Schmidt bloß kurz am Brahmsee. Neben dem Schreibtisch steht noch eine angebrochene Martini-Flasche, aus der Schmidt seinen Gästen anbot, auf der Arbeitsfläche liegt sein grüner Stift – als hätte Schmidt bis gerade eben damit geschrieben.

Die beschrifteten Regale scheinen unter der Last der zahlreichen Büchern förmlich zu ächzen. „Mitarbeiter berichten, dass Helmut Schmidt von einer Wissbegierde getrieben war, die man sich kaum vorstellen kann“, so Kaphengst. „Er hat ständig gelesen und Informationen gesammelt. Hier in seinem Arbeitszimmer haben nahezu alle Hamburger Bürgermeister gesessen. Wenn Schmidt irgendwas wissen wollte, bat er sie einfach hierher.“

Ausstellungen in der Kunstschau der Böttcherstraße „Günter Colberg - Plastiken“ und „Olga Bontjes van Beek - Bilder“. Zur Eröffnung ist auch Bundeskanzler Helmut Schmidt mit seiner Frau Loki anwesend. Beide geraten auf dem Bremer Marktplatz in die Eröffnung der
Schmidt 1966 beim Landesparteitag der SPD in Bremen. Damals in der Funktion des stellvertretenden SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzenden und Mitglied der Verhandlungskommission der Sozialdemokraten.
Bundeskanzler Helmut Schmidt verneigt sich 1979 in der oberen Rathaushalle vor dem mit der bremischen Staatsflagge bedeckten Sarg von Wilhelm Kaisen.
1975 war Helmut Schmidt aus politischen Gründen in der Stadt, um seine Partei bei der Bürgerschaftswahl zu unterstützen. Vorher war er zu Besuch beim WESER-KURIER, um Interviews zu geben und sich ein Bild vom Pressehaus zu machen - hier von der Setzerei. Neben Schmidt steht der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Claus Grobecker.
Fotostrecke: Helmut Schmidt und Bremen

Vom Arbeitszimmer geht es ein paar Stufen hinunter in den Flur. Dass die Schmidts einen Sinn für Kunst hatten, ist dort sofort spürbar: Die Wände sind voll mit Bildern und Gemälden. Vor allem das Kanzlerporträt des Malers Bernhard Heisig sticht ins Auge. Daneben steht eine Glasvitrine mit Holzenten, Tontöpfen und Figuren – Souvenirs, die die Schmidts im Laufe der Jahre angesammelt haben. „Jeder noch so kleine Gegenstadt wurde in den vergangenen Monaten sorgfältig inventarisiert“, verrät Kaphengst.

An der Schwelle zum Wohnzimmer steht der Steinway-Flügel. An ihm hat Helmut Schmidt viel Zeit verbracht, zur Entspannung. Genau wie an dem Schachbrett, das größer ist als der Fernseher. Jeden Abend haben die Schmidts dort eine Partie gespielt. Von dort geht der Blick ins große Wohnzimmer. Auf der roten Couch haben  ausländische Staatschefs wie Valéry Giscard d‘Estaing, Weltpolitiker wie Henry Kissinger, der spanische König Juan Carlos oder der polnische Regierungschef Edward Gierek gesessen. Neben dem Kanzlerbungalow in Bonn war Schmidts Haus quasi zweiter, inoffizieller Regierungssitz.

Die Hausbar „Ottis Bar“ war benannt nach dem Sicherheitsbeamten Otti Heuer, der hier als Barkeeper fungierte.
Die Hausbar „Ottis Bar“ war benannt nach dem Sicherheitsbeamten Otti Heuer, der hier als Barkeeper fungierte. (Daniel Reinhardt)

Und allen, denen die Frage auf den Lippen brennt: Ja, auf dem Wohnzimmertisch vor der Couch stehen natürlich auch ein Aschenbecher und Zigarettendosen. Wie eigentlich an jedem Ort im Haus, an dem man sich hinsetzen kann. Weiter als bis zum Eingang des Wohnzimmers dürfen die Besucher bei den Führungen nicht gehen. „Das hängt damit zusammen, dass das Haus sonst Schaden nehmen könnte“, erklärt Kaphengst. „Es ist eben kein Museum, sondern ein Privathaus, das als Ort der Zeitgeschichte erhalten bleiben soll. Mit den Führungen wollen wir den Besuchern einen Einblick geben. Wir werden das Haus außerdem stärker von innen beleuchten, so dass man in einige Räume wie bei einem Schaufenster von außen hineinsehen kann.“

Zum Beispiel in das Esszimmer, wo 30 Jahre lang jeden zweiten Freitag im Monat auf Einladung der Schmidts die „Freitagsgesellschaft“ tagte – eine Vortrags- und Diskussionsrunde aus Persönlichkeiten unterschiedlichster Fachrichtungen. Am Anfang kam dort sogar von Loki Schmidt gekochte Hausmannskost wie Roastbeef mit Bratkartoffeln, Grünkohl oder Eintopf auf den Tisch. Dem Holz-Mobiliar ist anzusehen, dass hier gelebt wurde.

Wenn Schmidts Aschenbecher mal wieder loderte, dann hinterließ er auf dem Tisch einen großen schwarzen Fleck. „Aber wie das bei älteren Leuten so ist: Warum den Tisch erneuern?“, schildert Kaphengst. „Der war ja noch gut.“ So hat der Besuch im Helmut-Schmidt-Haus auch etwas von einer Zeitreise. Die Holzwände und die Grastapete katapultieren den Besucher in eine längst vergangene Zeit – gleichzeitig erzählt das Haus viel über die Schmidts als Menschen.

Kaum ein Ex-Bundeskanzler ist so präsent wie Helmut Schmidt. Ein Lebenslauf:    23. Dezember 1918 geboren in Hamburg als
1942 Hochzeit mit Hannelore Loki Glaser 1946 Nach Entlassung aus Kriegsgefangenschaft Rückkehr nach Hamburg, Eintritt in
Am  4. Februar 1974 sprechen Helmut Schmidt und Valery Giscard d'Estaing im Pariser Elysee Palast miteinander. Eine lang
Am 16. November 1974 treffen der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl und der amtierende Bundeskanzler Helmut Schmidt auf dem Bun
Fotostrecke: Helmut Schmidt - eine Chronik

Die Führungen (Kostenbeitrag pro Person: zwölf Euro) durch das Haus Neubergerweg 80, Hamburg-Langenhorn, gehen quartalsweise in den Vorverkauf. Die ersten Termine waren schon innerhalb von fünf Minuten ausgebucht. Die nächsten Buchungen sind am 23. Mai und am 23. August möglich. In den kommenden Jahren will die Stiftung die Anzahl der Führungen steigern. Um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, muss das Haus umgebaut werden.


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Leserkommentare
IhrenNamen am 23.10.2019 20:54
Wie viel Papier man wohl sparen würde wenn man den Papieratlas einfach weglassen würde.
Hobbylandwirt am 23.10.2019 20:43
Peteris: "Und beschleunigen damit den von Menschen gemachten Klimawandel!"

Sie haben hoffentlich ein Elektroauto und keinen ...
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