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Kommentar über Nudging
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Herumschubsen für den guten Zweck

Silke Hellwig 22.09.2019 0 Kommentare

Für die Fridays-for-Future-Bewegung geht der Staat zu schüchtern in Sachen Klimaschutz vor.
Für die Fridays-for-Future-Bewegung geht der Staat zu schüchtern in Sachen Klimaschutz vor. (Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa)

Für die einen ist es zu sehr von oben herab, zu viel Zwangsbeglückung; für die anderen ist es zu lasch und nachgiebig. Die Rede ist vom Klimaschutzpaket der Großen Koalition. Es setzt auf die bittersüße Methode: hier bestrafen, durch höhere Preise oder Ordnungsstrafen, hier belohnen, durch Vergünstigungen und finanzielle Anreize. Wenn das die Bevölkerung nicht dazu bringt, von dem abzulassen, was ihr, ihren Mitmenschen oder ihrem Lebensraum nicht guttut, was dann? 

Vernunft sollte man meinen, Einsicht. Doch viele Bürger möchten gerne zu besseren Menschen mutieren, scheitern aber an sich selbst. Psychologen wissen zu beantworten, warum tagtäglich Millionen von Menschen recht bewusst anders leben, als sie eigentlich wollen und sollen – unvernünftiger, ungesünder, ohne Rücksicht auf Verluste für sich selbst, andere oder die Natur. Die Psychologie spricht von der sogenannten Status-quo-Verzerrung, der Macht der Gewohnheit und der Scheu vor Veränderungen, selbst wenn sie Gutes bewirken.

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Was tun, um die Menschen über diese Schwelle zu hieven und zu neuen Lebensgewohnheiten zu verhelfen? Staatliche Strenge und Kontrolle oder wohlwollendes Appellieren und Gewährenlassen? Seit Jahrzehnten bemühen sich diverse Bundesregierungen mit einer Mischung aus beidem, die Bürger einigermaßen auf dem rechten Pfad zu halten. Der Erfolg ist durchwachsen: Höhere Abgaben wie die Tabak- oder Ökosteuer, Bußgelder wegen zu hoher Geschwindigkeit oder Falschparkens werden in der Regel brav gezahlt, da es kaum Entkommen gibt. Sie führen aber bei manchen Menschen zu einer verdrießlichen Grundstimmung.

Andere Regeln, die dem gedeihlichen Miteinander dienen, werden betont ignoriert, insbesondere, wenn sie kaum zu kontrollieren sind wie öffentliches Urinieren oder Zigarettenstummel-Fallenlassen. Warum auch? Gesetzes- und Ordnungshüter sind mangels Masse offensichtlich nicht in der Lage, allein das Einhalten der Straßenverkehrsordnung umfassend zu kontrollieren. Tag für Tag rüpeln sich Auto-, Radfahrer, auch Fußgänger durch die Städte, meist vollkommen unbehelligt. Manche fahren angetrunken, andere preschen durch sogenannte Fußgängerzonen, haben das Handy am Ohr oder protzen mit ihren PS. Hätte die Automobilindustrie nicht vor einigen Jahren damit begonnen, Autofahrern mit Piepstönen an den Nerven zu sägen, wenn sie sich nicht binnen Sekunden anschnallen, läge die Anschnallquote heute wohl kaum bei 98 Prozent.

Nudging als Beglückungsformel

Als erfolgversprechende Beglückungsformel gilt ein verhaltensökonomisches Instrument namens Nudging. Ein US-amerikanischer Jurist und ein Landsmann, ein Ökonom, machten es vor gut zehn Jahren durch ein Buch populär. Auf sanfte Weise sollen die Bürger zu einer besseren Version ihrer selbst gestupst werden, quasi ohne dass sie überhaupt merken, wie ihnen geschieht. Sogenannte Schockbilder auf Zigarettenschachteln sollen Rauchern das Nikotin verleiden, das Auslegen von Obst auf Augenhöhe zum Verspeisen verleiten.

Die Schar der Befürworter hält sich mit der der Kritiker in etwa die Waage. Für die einen handelt es sich beim Nudging um eine charmante Methode, um Menschen dahin zu bringen, wo der Staat sie haben will. Für andere handelt es sich um eine hinterhältige Form von Manipulation. Schließlich geht es darum, die Bürger auszutricksen, wenngleich zu ihrem Besten. Nur: Wer bestimmt das? Im Abschlussbericht des Bundesumweltamts zur „Ermittlung und Entwicklung von Maßnahmen zum ,Anstoßen‘ nachhaltiger Konsummuster“ aus dem Jahr 2017 ist von einem „legitimen Ziel“ die Rede, das „gesamtwohlfahrtsfördernde Wirkung“ haben sollte.

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Dass Nudging als erwägenswerte Methode zur Einschränkung der Eigenständigkeit angesehen wird, zeigen die Überlegungen in besagtem Bericht, inwiefern das Grundgesetz sie überhaupt zulässt: „Eingriffe durch Nudges in das allgemeine Selbstbestimmungsrecht können jedoch gerechtfertigt werden. Die Rechtfertigungsprüfung des deutschen Verfassungsrechts bietet mit der Verhältnismäßigkeitsprüfung ein probates Mittel (...).“

Der Staat formt (sich) seine Bürger. Für die Fridays-for-Future-Bewegung (FFF genannt) geht er in Sachen Klimaschutz zu schüchtern vor. Anstupsen, um die Umwelt zu retten? Von wegen, FFF hofft auf einen unsanften Stoß. Das kann man vielleicht machen, wird einem Umdenken aber eher im Weg stehen: Wer damit rechnet, herumgeschubst zu werden, bewegt sich aus eigenem Antrieb irgendwann keinen Millimeter mehr.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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