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Kommentar: Der Frust im Osten ist nicht nachvollziehbar

Joerg Helge Wagner 01.10.2018 11 Kommentare

Weil das Unbehagen im Osten so groß ist, soll es nun eine neue Bund-Länder-Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ richten.
Weil das Unbehagen im Osten so groß ist, soll es nun eine neue Bund-Länder-Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ richten. (Wolfgang Kumm/dpa)

Driftet nach 28 Jahren wieder auseinander, was eigentlich zusammenwachsen sollte? Zusammenwachsen, weil es doch zusammengehöre, so der Wunsch des ersten SPD-Bundeskanzlers Willy Brandt, der die deutsche Wiedervereinigung als 76-Jähriger erlebte. Sein damals regierender CDU-Nachfolger Helmut Kohl versprach dem „Beitrittsgebiet“ recht bald „blühende Landschaften“. Beiden Politikern darf man unterstellen, dass sie an ihre Sätze glaubten. Waren sie – vom heutigen Ist-Zustand aus betrachtet – naive Träumer, Utopisten gar?

Man kann sich der Frage zunächst einmal statistisch nähern. So liegt das durchschnittliche Nettoeinkommen privater Haushalte im Osten mittlerweile bei nahezu 90 Prozent des Westniveaus, die Wirtschaftsleistung pro Kopf erreicht jedoch nicht einmal 75 Prozent. Das ist eigentlich kein Grund zum Jammern – zumindest nicht im Osten.

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Dem halten linke Politiker – das schließt Sozialdemokraten ausdrücklich mit ein – entgegen, dass das Armutsrisiko im Osten höher sei, die Durchschnittsgehälter aber niedriger. Stimmt. Aber die Schere schließt sich: Bei der Armutsgefährdung trennen Ost und West noch ganze 2,5 Prozentpunkte. Und wenn der Facharbeiter in Magdeburg weniger verdient als jener in München, zahlt er auch weniger Miete und kauft günstiger ein.

Wenn sich nun trotzdem zwei von drei Sachsen als Deutsche zweiter Klasse fühlen, woran liegt’s? Gerne wird bei der Ursachenforschung mit starken, aber doch unscharfen Begriffen hantiert: Von Verunsicherung und Bedrohung ist da die Rede, von entwerteten Biografien, von Menschen, die nach all den Veränderungen nun auch mal veränderungsmüde seien. Von übertriebenen Erwartungen, überzogenen Ansprüchen und mangelnder Bereitschaft, volle Verantwortung für die eigene Existenz zu übernehmen, ist weit seltener zu hören.

Ein vernichtender Wirtschaftskrieg

Wenn in keiner Weise konkurrenzfähige Betriebe geschlossen oder saniert wurden, war das erst einmal kein schreiendes Unrecht. Vor allem dann nicht, wenn die Betroffenen sofort Sozialleistungen aus Kassen bezogen, in die sie bis dato nicht eine Kopeke eingezahlt hatten (was sie freilich auch nicht konnten). Lautstarker Frust hätte eher westlichen Beitragszahlern zugestanden, weil sie nolens volens auch die Renten von Stasi-Offizieren mitfinanzieren müssen.

Lauscht man heute jedoch manchen Politikern oder Parteigängern von links- bis rechtsaußen, dann wurde die DDR anno 1990 Opfer eines beispiellosen kapitalistischen Raubzuges, eines vernichtenden Wirtschaftskrieges: das Land am Ende annektiert, seine Bewohner gedemütigt.

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Jene Bewohner, die im selben Jahr skandierten: „Kommt die D-Mark, bleiben wir – kommt sie nicht, geh‘n wir zu ihr.“ Im Kopf die Bilder von all den schönen Sachen, die man damit kaufen kann – aber kein Gedanke, dass einem in einer freien Gesellschaft nur sehr selten etwas geschenkt wird. Eine Naivität, die jener von Wirtschaftsflüchtlingen aus unterentwickelten Ländern beklemmend ähnlich ist.

Aber inzwischen ist doch auch im Osten eine ganze Generation aufgewachsen, die nur das vereinigte Deutschland kennt. Klar, zu den Chancen, die damit verbunden sind, gehört auch jene, sein Glück im Westen der Republik zu suchen. Versteppen also ganze Regionen des Ostens bloß deshalb, weil der unersättliche Westen die besten Köpfe geradezu wegsaugt? Das ist doch eher ein Stadt-Land-Phänomen: Leipzig wächst seit Jahren um fünfstellige Zahlen, sterbende Dörfer gibt es auch in Niedersachsen.

Fliegende Wechsel zwischen rechts- und linksaußen

Doch weil das Unbehagen im Osten so groß ist, soll es nun eine neue Bund-Länder-Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ richten. Hallo? Hatten wir uns nicht nach fast drei Jahrzehnten durchgerungen, den Solidarpakt II endlich auslaufen zu lassen? Haben wir nicht erst im vorigen Jahr den Länderfinanzausgleich reformiert? Jenen Mechanismus also, der allein dazu dient, die Lebensverhältnisse bundesweit anzugleichen, wie vom Grundgesetz gefordert. Gibt es nicht längst Förderprogramme für strukturschwache Regionen innerhalb der EU, der die DDR ja wohl auch beigetreten ist?

Hilft alles nichts, im Osten sucht man zunehmend sein politisches Glück rechts- oder linksaußen, fliegende Wechsel inbegriffen. Dabei weist selbst die AfD, die sich so gerne als Sachwalterin der Entrechteten und Betrogenen geriert, eine scharfe Ost-West-Trennlinie auf: Im Westen geben von Verlustängsten geplagte Besitzbürger den Ton an, im Osten hingegen die Vertreter eines nationalen Sozialismus. Zumindest hier wäre jede neue Spaltung zu begrüßen.


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Leserkommentare
thowaei am 23.10.2019 14:25
In KEINEM Land der EU kann man aktuell mit 54 Jahren in Rente gehen. Slowenien ist diesbezüglich der Spitzenreiter mit einem Renteneintrittsalter von ...
gorgon1 am 23.10.2019 14:15
Absolut mein Meinung. !!!
Beste Grüße
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