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Kommentar über Anne Frank
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Mahnen und erinnern

Sebastian Krüger 12.06.2019 1 Kommentar

Anne Franks Leben endete im KZ Bergen-Belsen. In der heutigen Gedenkstätte wird an sie erinnert.
Anne Franks Leben endete im KZ Bergen-Belsen. In der heutigen Gedenkstätte wird an sie erinnert. (Peter Steffen/dpa)

Als Anne Frank am 12. Juni 1942 das erste Mal den Stift in ihrem Tagebuch ansetzte, konnte sie kaum ahnen, dass sie damit ein Stück Weltliteratur hinterlassen würde. Millionen Menschen kennen heute die intimen Gedanken eines außergewöhnlichen Mädchens, das zwei Jahre lang in einem Hinterhaus ausharren musste, während ihre Altersgenossinnen zur Schule gingen.

Am 12. Juni wäre Anne Frank 90 Jahre alt geworden. Wäre – mit 15 starb sie an den katastrophalen hygienischen Zuständen im KZ Bergen-Belsen. Ihr Tod wird auf Ende Februar oder Anfang März 1945 geschätzt. Nicht einmal ein exaktes Todesdatum haben die Nazis ihr gelassen. Auch kein identifizierbares Grab, keinen Ort zum Trauern. Keine würdige Bestattung, schon gar nicht nach jüdischem Brauch. Unrecht bis über den Tod hinaus. Wie ihre Schwester Margot liegt sie vermutlich in einem der anonymen Massengräber. Der Gedenkstein zu ihren Ehren wurde erst nachträglich errichtet.

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Annes Vater Otto Frank überlebte die Barbarei als einziges Familienmitglied und veröffentlichte das Tagebuch seiner Tochter 1947. Fünf Jahre zuvor hatte er es ihr zum 13. Geburtstag geschenkt. Anne füllte es sofort mit Leben und hörte auch dann nicht auf, als die Familie in steter Angst vor Verleumdung untertauchen musste. In mehr als 70 Sprachen ist es bis heute erschienen und bleibt ein eindrucksvolles Zeitzeugnis von Krieg, Verfolgung, Entbehrung und den Schrecken der Shoah.

Ein ungewöhnliches Talent

Ihren Wunsch, als Schriftstellerin berühmt zu werden, hat sie nur posthum verwirklichen können, dafür aber mit umso größerem Erfolg. Präzise, feinfühlig und überaus talentiert beobachtete Anne sich selbst, ihre Familie und die anderen Personen, mit denen sie sich das Versteck an der Amsterdamer Prinsengracht 263 teilte. Die meisten Leser wissen wohl schon, wie ihre Geschichte nach dem letzten Tagebucheintrag am 1. August 1944 endet. Umso tragischer hallen die Zeilen nach, in denen sie zuvor von einem Leben nach dem Faschismus träumte, von Normalität und Frieden jenseits des antisemitischen Wahns.

Antisemitismus ist keineswegs ein Relikt der Vergangenheit. 2018 stieg die Zahl der polizeilich registrierten Straftaten gegen Juden im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent, die Gewalttaten gar um 60 Prozent. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, warnte jüngst davor, in bestimmten Teilen Deutschlands eine Kippa zu tragen. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, stimmte ihm zu. Dass heute wieder Juden in Deutschland in Angst leben müssen, ist schlicht beschämend.

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Nach judenfeindlichen Straftaten kommt es manchmal zu solidarischen Aktionen, die dem grenzen- und sinnlosen Hass zumindest etwas Menschlichkeit entgegensetzen sollen. So etwa Protestaktionen, zu denen Nicht-Juden aufgerufen sind, demonstrativ eine Kippa zu tragen. Das kann man als wichtiges Zeichen der Solidarität auffassen oder als rein symbolische Geste abtun – fest steht, dass es mancherorts gefährlich ist, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung offen zu tragen. Dasselbe gilt für Davidsterne und hebräische Schriftzeichen.

Wider dem Hass

Antisemitismus sei ein importiertes Problem, heißt es immer wieder mit Verweis auf den virulenten Judenhass einiger islamischer Gesellschaften. Antisemitismus unter Migranten ist sicherlich ein Problem, aber keineswegs die einzige Erklärung für den beunruhigenden Anstieg einschlägiger Straftaten. Neben stumpfen Neonazis und eifernden Israelfeinden hegt auch die Mitte der Gesellschaft vermehrt antijüdische Ressentiments.

Bleibt die Frage, wie mit Antisemiten umzugehen ist. Wünschenswert sind Aufklärung und pädagogische Maßnahmen wie der Austausch mit Juden oder der Besuch einer Gedenkstätte. Vielleicht versteht der eine oder andere Antisemit dann, wie unvernünftig und geschichtsvergessen sein Hass ist. Erzielen solche Maßnahmen nicht den gewünschten Effekt, müssen jede Beleidigung, jede Schmiererei und erst recht jeder Angriff konsequent geahndet werden.

Vor allem jedoch darf die Gesellschaft nicht mit Stillschweigen auf antisemitische Vorfälle reagieren. Ob es ein geschmackloser Witz oder krude Verschwörungstheorien sind – keine Form von Antisemitismus darf toleriert werden. Ein tätlicher Angriff auf einen Juden sollte alle Menschen in Deutschland so empören wie ein Angriff auf sie selbst. Es ist die Aufgabe eines jeden Einzelnen, die Erinnerung an Anne Frank hochzuhalten und den Judenhassern von heute Einhalt zu gebieten.


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Leserkommentare
admiral_brommy am 19.10.2019 13:20
Durchaus nicht.



Bildungserfolg hängt immer von diversen Faktoren ab. Daher ist es Aufgabe der Politik, diese Faktoren so ...
suziwolf am 19.10.2019 13:17
@Siegfried ...

Sie machen aber jetzt die Idee der BI zum
regelrechten Mischmasch.

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