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„Ocean Viking“ folgt auf „Aquarius“
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Neues Schiff soll im Mittelmeer Menschen aus Seenot retten

Julia Naue und Annette Reuther 03.08.2019

Das norwegische Schiff „Ocean Viking“ soll im Auftrag der französischen Hilfsorganisation SOS Méditerranée Flüchtlinge vor der libyschen Küste suchen.
Das norwegische Schiff „Ocean Viking“ soll im Auftrag der französischen Hilfsorganisation SOS Méditerranée Flüchtlinge vor der libyschen Küste suchen. (Anthony Jean/SOS Mediterranee/dpa)

Stefanie und Michael wissen, was sie tun. Das große rote Schiff, auf dem sie stehen, schwankt. Sie haben sich freiwillig entschieden, hier Wochen zu verbringen. Und dabei werden sie auch viel Elend erleben. Die Hebamme und der Medizinstudent aus Deutschland sind nicht das erste Mal als Seenotretter im Mittelmeer im Einsatz. Und doch ist es dieses Mal etwas Besonderes. Mit der „Ocean Viking“ nehmen Ärzte ohne Grenzen und SOS Méditerranée ihre Arbeit wieder auf. Die gemeinsam betriebene „Aquarius“, über deren Einsatz der WESER-KURIER im Dezember 2016 eine preisgekrönte Reportage gedruckt hatte, war nach einem politischen Tauziehen Ende 2018 stillgelegt worden.

Jetzt also auf ein Neues. Immer wieder spielen sich im Mittelmeer Tragödien ab. Migranten ertrinken ‒ sterben vor den Toren Europas. Doch wer gerettet wird, ist keineswegs willkommen. Die Suche nach sicheren Häfen wird jedes Mal zur Hängepartie – gerettete Migranten müssen teils Wochen auf den Schiffen ausharren. Die „Ocean Viking“ ist nun das größte Rettungsschiff im Mittelmeer, am Wochenende soll sie von Marseille aus aufbrechen – ihr Einsatz dürfte den Entscheidungsdruck auf Europa weiter erhöhen. Bis zu 200 Menschen kann das Schiff unter norwegischer Flagge aufnehmen. Im Notfall auch mehr, auf eine Zahl möchte sich niemand festlegen. Die „Aquarius“ hatte Platz für bis zu 500 Menschen.

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Es ist wenige Tage vor der Abfahrt der „Ocean Viking“, das riesige rote Schiff liegt im Hafen von Marseille in Südfrankreich. Die Sonne brennt, die letzten Arbeiten werden erledigt, irgendwo im Hintergrund hört man ein Schweißgerät. An Deck des fast 70 Meter langen Schiffes lagern 1000 Rettungswesten, verpackt in Dutzenden Säcken, voll bis oben hin. Nicht weit entfernt liegt eine große Puppe – mit ihr üben die Seenotretter den Einsatz. Es gibt auf der „Ocean Viking“ eine 360-Grad-Rundbrücke für bessere Sicht, einen Hubschrauberlandeplatz und drei medizinische Untersuchungsräume. Sie sind in Containern untergebracht, dort stehen Pritschen, Kisten voll mit Medikamenten und Verbandszeug, ein Vitaldatenmonitor. Alles wirkt funktional und schlicht ‒ aber hochprofessionell. An Bord sind ein Rettungsteam von SOS Méditerranée und ein medizinisches Team von Ärzte ohne Grenzen im Einsatz.

Schlicht, aber funktional: die Bordklinik.
Schlicht, aber funktional: die Bordklinik. (JULIA NAUE)

„Oft gab es Frauen, die vergewaltigt worden waren“

Dazu gehört die 31-jährige Stefanie aus Süddeutschland. Die junge Hebamme war bereits 2018 auf der „Aquarius“. Für sie beginnt nun ein neuer Rettungseinsatz. Wenn Stefanie über ihre Erfahrungen auf der „Aquarius“ berichtet, wirkt sie gefasst. „Oft gab es Frauen, die vergewaltigt worden waren“, erzählt sie. Wie geht man damit um? „Man funktioniert einfach und macht seine Arbeit – stellt seine eigenen Bedürfnisse zurück.“

Besonders häufig litten gerettete Frauen und Kinder unter Verbrennungen. Sie sitzen in der Regel in der Mitte der Boote – dort sammelt sich ausgelaufenes Benzin. In Verbindung mit dem Salzwasser wird es zu einer ätzenden Mischung. Beine, Hüfte – sie verbrennt alles gnadenlos. „Einmal wurde auch während der Rettung ein Baby auf einem Schlauchboot geboren“, erzählt Stefanie, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte. Für Frauen und Kinder gibt es auf der „Ocean Viking“ einen schlichten Schutzraum – an den Wänden hängen ein paar Bilder. Der Container ist keine 30 Quadratmeter groß, es gibt zwei Toiletten, einfache Duschen. Der Schutzraum kann blitzschnell in ein Notfallzentrum umgebaut werden, falls es besonders viele Schwerverletzte an Bord gibt.

Der Container für Männer ist gut 80 Qua- dratmeter groß und ein paar Schritte entfernt. Auch hier ist alles auf das Nötigste begrenzt. Doch wer es hier hin schafft, ist erst mal in Sicherheit. Denn, das berichten die Helfer, nicht immer können alle gerettet werden. Oft können sie nur noch Tote bergen.

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Seit Beginn des Jahres sind der Internationalen Organisation für Migration zufolge im Mittelmeer Hunderte Menschen bei der Flucht ums Leben gekommen. Zwar machen sich deutlich weniger Menschen auf den Weg als in den Vorjahren – die Überfahrt sei aber gefährlicher geworden, warnen Menschenrechtsorganisationen. Setzt man die gesunkene Zahl der Abfahrten ins Verhältnis zu den Todesfällen, kommen mehr Menschen ums Leben. Viele Unglücke werden außerdem gar nicht bekannt, weil weniger Retter im Einsatz sind.

Besonders Italiens rechter Innenminister Matteo Salvini hetzt gegen Seenotretter. Ihre Einsätze würden die Menschen erst zum Aufbruch motivieren, denn die wüssten ja, dass sie gerettet würden, argumentieren er und andere Gegner der Seenotrettung. Die Retter würden sich zu Gehilfen der Schleuser machen, seien selbst „Kriminelle“.

Dieses sogenannte Pull-Faktor-Argument ist hoch umstritten und von vielen Wissenschaftlern widerlegt. „Das Thema Flucht wird häufig viel zu schlicht gedacht“, sagt der Migrationsforscher Jochen Oltmer von der Universität Osnabrück. Da gebe es die Vorstellung, dass sich jemand zum Beispiel aus Ostafrika auf den Weg mache, in kürzester Zeit in Nordafrika ankomme und dort einen Schlepper finde, der ihm die Fahrt übers Mittelmeer organisiere. „Und wenn dann während der Überfahrt was passiert, wird man auf jeden Fall gerettet – deswegen geht man das Risiko auch eher ein. Doch so einfach ist es nicht, Fluchtbewegungen sind wesentlich komplexer“, betont der Experte. Dass weniger Menschen die Überfahrt wagen, liege auch daran, dass Schlupflöcher wie Libyen immer schwerer zu erreichen seien.

Hebamme Stefanie steht in der Klinik auf dem Rettungschiff „Ocean Viking“
Hebamme Stefanie steht in der Klinik auf dem Rettungschiff „Ocean Viking“ (JULIA NAUE)

Deutscher Kapitänin könnte der Prozess gemacht werden

Italiens populistische Regierung weigert sich, NGO-Schiffe anlegen zu lassen ‒ immer wieder spielen sich im Mittelmeer Dramen ab. Im Hinterkopf hat auch SOS Méditerranée den Fall der Kapitänin Carola Rackete. Die deutsche Kapitänin fuhr vor kurzem trotz eines Verbots mit dem Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ und Dutzenden Migranten an Bord unerlaubt in den Hafen von Lampedusa. Ihr könnte der Prozess gemacht werden. „Italien ist für uns keine Option anzulanden“, betont der SOS-Méditerranée-Geschäftsführer David Starke. Das dürfte schwierig werden.

Mit dem Auslaufen der „Ocean Viking“ spitzt sich die Lage auf dem Mittelmeer weiter zu und der Druck auf Länder wie Malta und Italien wächst. Denn es warten schon andere Rettungsschiffe auf Einlass. Für Matteo Salvini ist das Katz-und-Maus-Spiel mit den Seenotrettern die perfekte Bühne. Gerne inszeniert er sich als harter Minister, der keine „Illegalen“ nach Italien lässt.

Selbst aus dem Urlaub am Adriastrand meldet er sich mit Schimpfwörtern zu Wort, mit denen er Hilfsorganisationen oder andere Länder wie Deutschland überzieht. Wenn die NGO-Schiffe in italienische Gewässer fahren, „beschlagnahmen wir eins nach dem anderen. Wir werden sehen, wer zuerst müde wird“, verkündete er. Eine Einigung der Europäer auf einen Mechanismus zur Verteilung der Mi- granten ist nicht in Sicht.

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Salvinis Kalkül ist, dass die Schiffe nach Italien fahren und dort aus dem Verkehr gezogen werden können. Für die „Ocean Viking“ könnte die Situation an den Mittelmeerhäfen bedeuten, dass die Migranten Tage, vielleicht Wochen auf dem Schiff ausharren müssen. Wie lange das maximal tragbar ist – das ist unklar. „Der Kapitän oder die Kapitänin muss entscheiden, was das Beste ist“, sagt Starke von SOS Méditerranée.

Fest steht für die Rettungsorganisation jedenfalls: Zurück nach Libyen werden die Geretteten nicht gebracht. Denn das Land biete keinen sicheren Hafen. Das bewerten internationale Experten genauso. Die Vereinten Nationen sehen Flüchtlinge in dem Krisenland dem Risiko von willkürlicher Haft, Folter, sexueller Gewalt, Zwangsarbeit und Tötung ausgesetzt.

Eine prägende Erfahrung

Den 23-jährigen Michael, der in Kiel Medizin studiert, treibt die Kriminalisierung der Rettungseinsätze um. Das Schiff, auf dem er zuvor im Einsatz war, wurde beschlagnahmt. Eine prägende Erfahrung sei das gewesen. „Seit Jahren ertrinken in einer der am besten überwachten Seeregionen der Welt, im zentralen Mittelmeer, Menschen“, erzählt der großgewachsene blonde Mann über seine Motivation. Das sei ein Unding.

Auf der „Ocean Viking“ wird er wohl bis Anfang September für SOS Méditerranée sein. Der gelernte Notfallsanitäter kann dort in der Klinik aushelfen und wird auf dem Schiff mit anpacken. Dort kennt er sich bereits bestens aus. Er zeigt, wo die aufblasbaren Schnellboote – die sogenannten Bananen – sind und wie genau die Geretteten an Bord gebracht werden. Für ihn ist dieser Einsatz genau das Richtige ‒ und steht außer Frage. „Der kleinste gemeinsame Nenner sollte einfach sein, dass man Menschen, denen das Ertrinken droht, die Hand reicht und nicht die Augen davor verschließt.“

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Zwei Schwangere dürfen von Bord

Die italienische Küstenwache hat zwei Schwangere von dem Rettungsschiff der spanischen Hilfsorganisation Proactiva Open Arms in Sicherheit gebracht. Die im neunten und achten Monat schwangeren Frauen seien zusammen mit einer Schwester abgeholt worden, teilte der Chef der Organisation, Oscar Camps, am Sonnabend auf Twitter mit. Bei einer Frau hatten bereits Wehen eingesetzt, wie Proactiva zuvor erklärt hatte. Das Schiff hatte mehr als 120 Migranten vor der libyschen Küste aufgenommen und sucht derzeit nach einem sicheren Hafen. Italien hatte die Einfahrt verwehrt.

Auch die deutsche Hilfsorganisation Sea-Eye ist mit der „Alan Kurdi“ und 40 Migranten noch auf dem Meer blockiert. Das Schiff hatte die Menschen bereits Mitte der Woche gerettet. Die Einsatzleitstelle der italienischen Küstenwache habe Sea-Eye nun mitgeteilt, dass die maltesischen Behörden zuständig seien, „obwohl das Schiff genau vor Lampedusa liegt“, twitterte die Regensburger Organisation. „Malta ist mehr als 20 Stunden entfernt. Ein unerträglicher Streit wird auf dem Rücken der Flüchtlinge ausgetragen. “


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Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
Es gibt nur eine Chance wieviel Artikel beschrieben. Und jetzt schwindet mit dem Artikel von Stefan Rahmstorf das Argument, dass die BRD nur für ...
Bremen99 am 21.10.2019 20:41
Das Parken in Wild-West-Manier rund um den Freimarkt hat Tradition. Vor über 40 Jahren konnte man auch schon regelmäßig beobachten wie dreiste ...
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