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30 Jahre Mauerfall
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„Nur eine kleine Minderheit protestierte“

Peter Gärtner 04.10.2019 0 Kommentare

Die Montagsdemonstrationen fanden ab dem 4. September 1989 in Leipzig und später auch in anderen Städten der DDR statt. Am 9. Oktober 1989 nahmen in Leipzig (Foto) fast 100 000 Menschen an einem Protestmarsch für eine friedliche, demokratische
Die Montagsdemonstrationen fanden ab dem 4. September 1989 in Leipzig und später auch in anderen Städten der DDR statt. Am 9. Oktober 1989 nahmen in Leipzig (Foto) fast 100 000 Menschen an einem Protestmarsch für eine friedliche, demokratische Neuordnung teil. Tatsächlich sei nur ein kleine Minderheit auf die Straße gegangen – der Osten habe vor allem aus Mitläufern bestanden, sagt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. (Lehtikuva Oy/dpa)

Herr Kowalczuk: Vor 30 Jahren gründeten ein paar Dutzend Oppositionelle die Bürgerbewegung Neues Forum. Heute scheint es kaum einen Ex-DDR-Bürger zu geben, der nicht gegen den SED-Staat war – oder täuscht dieser Eindruck?

Ilko-Sascha Kowalczuk: Um so weiter die Revolution und der Umbruch vor 30 Jahren entrücken, um so größer wird die Schar derjenigen, die angeblich mitgemacht haben. Viele Medien zeichnen an diesem grotesken Bild durchaus mit. Tatsächlich war es nur eine kleine Minderheit, der Osten bestand vor allem aus Mitläufern. Die Masse stand hinter der Gardine und schaute zu. In jeder Diktatur muss man ja irgendwie durchkommen.

Neuerdings versucht die Linke, einen Teil der friedlichen Revolution für sich zu reklamieren. In Leipzig, wo am 9. Oktober 1989 rund 70 000 Menschen gegen die SED demonstrierten, tritt zum Jahrestag Gregor Gysi auf ...

Das halte ich für völlig unangemessen, dass der letzte SED-Vorsitzende ausgerechnet zu diesem Anlass spricht. Es war der entscheidende Tag, der den Mauerfall am 9. November erst möglich machte. Gerade wegen der Verbrechen der SED ist dieser Auftritt von Gysi einfach nur zynisch.

Auch die AfD geriert sich – aktuell im Wahlkampf in Thüringen – als Vollenderin der Wende und behauptet: Wir sind das Volk...

Diese Partei steht dafür, das zu überwinden, wofür die Bürgerbewegung vor 30 Jahren angetreten ist und wofür das Grundgesetz steht. So deutlich muss man das sagen. Der harte Rechtsaußen-Flügel ist eine Schlüsselerklärung dafür, warum die AfD im Osten so viele Wähler gewinnt. Sie wird nicht trotz dieser Haltung, sondern wegen dieser Haltung gewählt. Reale Zukunftsängste paaren sich hier mit irrationalen nationalistischen, völkischen und rassistischen Traditionen, die im Osten seit zwei Jahrhunderten fast ungebrochen fortwirken.

Anfangs waren Euphorie und Erwartungen in der DDR nach dem Mauerfall groß. Es dauerte nicht lange, dann hatten, wie Sie in ihrem jüngsten Buch schreiben, vier von fünf Ostdeutschen ihre alte Arbeitsstelle verloren. Was hat das mit ihnen gemacht?

Diese Frage können wir bis heute nicht beantworten. Man hat das damals als Kollateralschäden, als kurze Übergangsphänomene wahrgenommen und man hat geglaubt, dass man mit Geld und sozialen Sicherungen alles geregelt bekommt. Über den Sozialstaat sollte auch eine Identität mit dem neuen System hergestellt werden. Der Verlust von Arbeit ist das eine, aber der Verlust von sozialen und kulturellen Positionen, die Einbuße von zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich in der DDR wesentlich über Arbeitsbeziehungen gebildet haben – das ist alles über Nacht zusammengebrochen – ist etwas anderes.

In vielen Gesichtern bei AfD- und Pegida-Versammlungen spiegelt sich ein enorme Wut. Woher kommt die?

Die Leute hatten 1990 nach den Erfahrungen von zwei starken Staaten einen dritten gewählt. Dieser Staat wurde durch die D-Mark und auf eine neue Art durch Helmut Kohl verkörpert. Es gehört zum Selbstverständnis vieler Ostdeutscher, dass der Staat für die Regelung auch der individuellen Probleme zuständig ist. Das hat sich auch in den Jahren des Transformationsprozesses nicht verändert. Doch es gab radikalste Veränderungen auf allen Ebenen in kürzester Zeit, unglaubliche soziale Verwerfungen, gewaltige kulturelle Erschütterungen, die den meisten Menschen im Westen in der Tiefe und Breite gar nicht bewusst sind. Später dann gab es zwei Ereignisse, die viele Menschen im Osten sehr irritierten: während der Finanzkrise wurden über Nacht Banken als systemrelevant eingestuft, für die unfassbare Rettungsmilliarden bereitstanden. Die Dieselkrise schien dann endgültig zu bestätigen, was die SED einst lehrte: nicht die Verursacher, sondern der Verbraucher hat jene Lasten zu tragen, die die Konzerne mit ihrer kriminellen Energie zu verantworten hatten. Das wurde von der Politik einfach weggewischt und führte zu einer hohen Frustration auch gegenüber dem System.

Kann man Demokratie überhaupt lernen?

Die Mehrheit der Ostdeutschen ist in ein System gespült worden, das sie nie verstanden hat. Und was noch viel nachhaltiger wirkt: es wurde ihnen nie erklärt. Es gab zwar Programme, wie man die Lehrpläne in den Schulen verändert. Aber über Erwachsenenbildung hat sich kaum jemand Gedanken gemacht. Das Leben in der Diktatur war sehr gefährlich, aber auch sehr einfach, weil immer klar war, wo die Grenzen sind. Die Demokratie ist hingegen wahnsinnig anstrengend, weil man nicht in einem kollektiven Wir aufgeht, sondern weil es darum geht, dass jeder einzelne Verantwortung übernimmt. Das Ich-sein wurde den Menschen von der Diktatur aber ausgetrieben.

Wenn man heute das Wort Treuhand nur erwähnt, ballen ältere Ostdeutsche die Faust in der Tasche. Warum ist das so?

Das ist ein gesellschaftlicher Prozess, der nichts mit der Realität zu tun hat. Für den Transformationsprozess gibt es zwei Reizworte: das eine ist Stasi, das ist ein Entlastungsbegriff. Denn alle, die nicht für die Geheimpolizei gearbeitet haben, können heute sagen, die Stasi war schuld. Das andere ist die Treuhand, die für Dinge verantwortlich gemacht wird, für die sie nicht verantwortlich war. Die Treuhand hat viele Fehler gemacht, es gab kriminelle Machenschaften. Aber letztlich war sie das Instrument der Politik und sie musste mit einer ökonomischen Ruinenlandschaft umgehen, die vorher durch die SED-Wirtschaftspolitik entstanden ist. Man sollte nicht vergessen: für den Transformationsprozess gab es kein Beispiel, keinerlei Erfahrungen und nur extrem wenig Zeit.

Die AfD und die Linke drängen gleichwohl auf einen neuen Treuhand-Untersuchungsausschuss im Bund wie in den Ländern. Was könnte das bringen?

Der Populismus von rechts und links hat eine charakteristische Klammer: man nimmt in der Gegenwart gewachsene, berechtigte Ängste auf und verspricht als Allheilmittel Instrumentarien einzusetzen, die aus der Vergangenheit stammen. Für beide Parteien spielt die Treuhand dafür eine wichtige Rolle, denn sie verkörpert drei Dinge: erstens steht sie für uneingelöste Versprechen von blühenden Landschaften und, dass es keinem schlechter gehen wird als vorher. Zweitens wird die Treuhand als eine rein westliche Institution konstruiert. Der Populismus im Osten hat eine klare antiwestliche Stoßrichtung. Als drittes steht die Treuhand als eine Institution der Eliten. Der Populismus ist immer auch elitenfeindlich. Bei einem weiteren Untersuchungsausschuss geht es letztlich nur darum, das gegenwärtige demokratische System infrage zu stellen.

Die Fragen stellte Peter Gärtner.

Zur Person

Ilko-Sascha Kowalczuk

ist Historiker, Autor und Projektleiter der Stasi-Unterlagen-Behörde. Sein Buch „Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“ ist im C.H.Beck Verlag erschienen.


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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