Wetter: Regen, 11 bis 14 °C
Kommentar zum Organmangel
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Organspende muss zum Normalfall werden

Nico Schnurr 31.05.2018 3 Kommentare

Inzwischen hat jeder dritte Deutsche einen Ausweis zur Organspende. Zu häufig wird die Entscheidung aber nicht im Ausweis vermerkt.
Inzwischen hat jeder dritte Deutsche einen Ausweis zur Organspende. Zu häufig wird die Entscheidung aber nicht im Ausweis vermerkt. (DPA)

Kann man Menschen zwingen, selbstlos zu sein? Nein. Aber man kann sie dazu bringen, sich mit ihrer Verantwortung auseinanderzusetzen. Allein darum geht es bei der Widerspruchslösung, die in 23 europäischen Ländern gilt und nun, endlich wieder, auch in Deutschland diskutiert wird. Sie besagt: Wer zu Lebzeiten nicht widerspricht, ist als Toter automatisch Organspender.

Die Regel greift nicht die persönliche Entscheidungsgewalt an, höchstens die eigene Bequemlichkeit. Es wird so getan, als sei ein kurzes Schreiben ein furchtbarer Akt, der Freiheit raubt. Dabei gilt doch: Nein heißt nein. Man muss es nur mitteilen. Zeit dafür hat man sein Leben lang. Das ist zumutbar – und dringend notwendig.

Die Transplantationsmedizin ist ethisch brisant. Aber sie gibt Hoffnung, wo sonst Hoffnungslosigkeit herrscht. Dafür ist sie auf Solidarität angewiesen. Auch eine Widerspruchslösung kann diese Solidarität nicht garantieren, aber immerhin für eine echte Entscheidungsfindung sorgen. Es geht nicht darum, Unbehagen und Zweifel an der Organspende wegzuwischen, eher darum, sich überhaupt mit ihr zu befassen.

Mehr zum Thema
Debatte um Neuregelung: Negativrekord bei Organspenden
Debatte um Neuregelung
Negativrekord bei Organspenden

Wenn ein Mensch stirbt, kann er anderen das Leben retten: als Organspender. Die meisten Deutschen ...

 mehr »

Die Deutschen haben die Wahl, nur entscheiden sie sich viel zu selten. Etwa 40 Prozent wissen nicht so recht, was mit den eigenen Organen nach dem Tod passieren soll. Knapp die Hälfte der Unentschlossenen sagt, man habe sich noch nicht genug mit dem Thema beschäftigt. Verständlich. Niemand hat Lust, sich Fragen zu stellen, die an die eigene Endlichkeit erinnern. Solange der Tod verdrängt werden kann, wird er verdrängt.

Die Krankenkassen versuchen, das zu ändern. Aufklärung per Post. Das ist gut gemeint, bedeutet aber alle zwei Jahre 50 Millionen Euro fürs Altpapier. Und selbst wenn nicht jeder Brief ungelesen im Müll landet: Geändert haben die Schreiben ebenso wenig wie moralische Appelle der Politiker, die sich wunderbar ignorieren lassen. Im Zweifel sind immer die anderen gemeint, wenn zur Spende aufgerufen wird.

Entfremdung von den Leidenden

Dabei ist der Organmangel dramatisch. Seit zwei Jahrzehnten hat es nicht mehr so wenige Spenden in Deutschland gegeben wie 2017. Jeden Tag sterben drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig mit einem Organ versorgt wurden. Mehr als 10.000 Patienten warten auf eine Spende. Das Glück der Gesunden wird zunehmend zum Pech der Patienten.

Die Lebensqualität ist hoch, auch die medizinischen Standards sind es. Unfalltode werden seltener und die Gesellschaft immer älter. In Zukunft wird noch mehr gerettet werden können und noch weniger jung gestorben werden müssen. Natürlich ist all das großartig, aber es birgt die Gefahr, dass sich die Gesunden weiter von den Leidenden entfremden. Eine Widerspruchslösung könnte das verhindern. Sie erhöht die Zahl der Organspender im Schnitt um 20 bis 30 Prozent.

Mehr zum Thema
Sinkende Bereitschaft: Warum tun sich die Deutschen so schwer mit der Organspende?
Sinkende Bereitschaft
Warum tun sich die Deutschen so schwer mit der Organspende?

Die Deutschen sind mit dem Spenden ihrer Organe sehr zurückhaltend. Die Transplantationsskandale in ...

 mehr »

Inzwischen hat jeder dritte Deutsche einen Ausweis zur Organspende. Nur jeder Zweite, der weiß, was er will, hat das aber auch in seinem Ausweis vermerkt. Der Gedanke, Gutes zu tun, verdient Lob, aber er rettet noch keine Leben. Die Widerspruchslösung würde Verbindlichkeit schaffen. Das allein aber wird nicht reichen.

Die Deutschen sind nicht egoistischer als ihre europäischen Nachbarn. Fast alle finden die Organspende gut, aber kaum einer spendet. Dieser Widerspruch erklärt sich nicht allein mit deutscher Bequemlichkeit, auch nicht mit früheren Transplantationsskandalen. Die Spendenzahlen sanken schon vorher. Oft scheitert es nicht am Vertrauen in die Medizin, sondern an den Kliniken. Nicht allein die Bürger, auch die Krankenhäuser beteiligen sich zu wenig an der Organspende.

Neurologen als mobile Expertenteams

Kliniken funktionieren immer öfter wie Konzerne, und auch wenn das zynisch klingen mag: Aus betriebswirtschaftlicher Sicht lohnen sich Organentnahmen in Deutschland nicht. In Kroatien, wo es pro Million Einwohner mehr als dreimal so viel Spender gibt, zahlt der Staat 7000 Euro für eine Organentnahme. In Deutschland sind es höchstens 5000 Euro, meist weniger. Das deckt vielleicht den Aufwand, berücksichtigt aber nicht, dass das Bett auf der Intensivstation nicht mit einen anderen Patienten belegt werden kann.

Den Kliniken muss auch dabei geholfen werden, den Hirntod der Patienten festzustellen. Dafür braucht es etwa Neurologen, die Kliniken als mobile Expertenteams unterstützen. Und vor allem brauchen die Transplantationsbeauftragten mehr Freiheiten im Arbeitsalltag, um mit Patienten und Angehörigen über Organspenden zu sprechen. Die größte Selbstlosigkeit bringt nichts, wenn sie in den Kliniken ignoriert wird und Theorie bleibt.

nico.schnurr(at)weser-kurier.de


job4u - Das Ausbildungsportal
job4u - Das Ausbildungsportal

job4u ist die regionale Plattform, wenn es um Lehren und Lernen geht. Neben dem WESER-KURIER, der Handelskammer und der Handwerkskammer Bremen machen sich hiesige Firmen für junge Leute stark. 

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 14 °C / 11 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regenschauer.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 90 %
WESER-KURIER Kundenservice
Leserkommentare
Opferanode am 20.10.2019 15:14
@ Bunker
Bei Ihnen weiß ich nicht immer, ob Sie das ernst meinen, was Sie schreiben. Kann ja auch ironisch gemeint sein?
Wenn Sie von ...
alterwaller am 20.10.2019 15:01
INITIATIVEN !!!

Zu hoch, zu flach, zu breit, zu lang. Die Fenster passen nicht zum Umfeld und was ist mit begrünten Dächern ? Da wird ...
Anzeige