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Verdi-Vorsitzender Frank Bsirske zieht sich zurück

Alfons Frese 22.09.2019 2 Kommentare

Mit 67 ist jetzt Schluss: Der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske hört nach mehr als 18 Jahren als Gewerkschaftschef auf.
Mit 67 ist jetzt Schluss: Der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske hört nach mehr als 18 Jahren als Gewerkschaftschef auf. (Britta Pedersen/zb/dpa)

Gerhard Schröder hat Frank Bsirske erst möglich gemacht. Im November 2000 war das, als Schröder auf dem Kongress der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) in Leipzig den Satz sagte, der seinen Regierungsstil prägen soll­te. „Wir machen das. Basta!“, verkündete der SPD- Kanzler den verdutzten Gewerkschaftlern, die nicht viel hielten von der Idee einer Rentenreform, die dann als Riester-Rente in die Sozialgeschichte eingehen soll­te. ÖTV-Chef Herbert Mai ließ Schröder reden, anstatt dem Genossen Gerd zumindest verbal Grenzen zu ziehen, wie es sich für einen Arbeiterführer gehört. Schröders Auftritt war zu viel für den angeschlagenen Mai, dem die eigenen Truppen nicht auf dem Weg zur Dienstleistungsgewerkschaft Verdi folgen wollten. Er trat zurück, und der ÖTV-Kongress taumelte ins Chaos. Schlimmer noch: Die Großfusion zu Verdi drohte zu scheitern. Dann kam Bsirske.

Den gewerkschaftlichen Krisenmanagern fiel der robuste Kerl mit Schnauzbart ein, der als ÖTV- Funktionär Erfahrung hatte und in Hannover als Personaldezernent einen ordentlichen Job machte. Der Retter in der Not wurde mit 95 Prozent zum ÖTV-Chef gewählt, managte den Fusionsprozess und ging im März 2001 als erster Vorsitzender von Verdi in die Gewerkschaftsgeschichte ein. Jetzt geht der ewige Vorsitzende mit 67 Jahren in Rente.

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Aufgewachsen in Helmstedt und Wolfsburg in einem linken Arbeitermilieu, trat Bsirske 1967 der SPD bei und machte eifrig mit im sozialistischen Jugendclub Die Falken. Als er sich 1970 für die Zulassung der kommunistischen DKP zur niedersächsischen Landtagswahl einsetzte, warfen ihn die Sozis raus. Seit 1986 ist Bsirske nun Mitglied der Grünen, deren Vertreter in den Jamaika-Verhandlungen sich vor knapp zwei Jahren von ihm beraten ließen.

„Wo er autoritär wurde, beginnt sie zu argumentieren.“ So knapp und auf den Punkt formuliert der Politologe Bsirske selten. Mit „er“ ist Schröder gemeint, „sie“ ist Angela Merkel. Der Linke Bsirske wurde zum Merkel-Fan. Ohne ihr Einverständnis hätte er seinen größten Erfolg, die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns 2015, nicht erreicht. Wobei auch Schröder zehn Jahre zuvor schon eine Lohnuntergrenze als flankierende Maßnahme der Agenda 2010 einführen wollte – damals verhinderten das die Industriegewerkschaften, weil sie den Staat aus dem Tarifgeschäft raushalten wollten.

Er blieb lange, weil er gut war

In den Bsirske-Jahren hatte die IG Metall fünf Vorsitzende. Der Verdi-Chef hat sie alle überlebt. Mit 18 Jahren und sechs Monaten amtierte er länger als Helmut Kohl. Er blieb lange, weil er gut war und ziemlich unentbehrlich und weil der Knochenjob in der Verdi-Welt ihm einen Riesenspaß machte.

In den fünf Organisationen, die sich im Frühjahr 2001 zu Verdi zusammengeschlossen hatten – neben der ÖTV gehörten dazu die Postgewerkschaft, die linke IG Medien, die eher CDU-lastige Angestelltengewerkschaft DAG sowie die aufmüpfige Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen (HBV) – war in den Jahren vor der Fusion einiges liegengeblieben. IG Medien und HBV standen kurz vor der Pleite, und der DAG starben die Mitglieder aus. Die Integrationsfigur Bsirske ermöglichte das Zusammenwachsen. Manchmal mit harter Schröder- Hand, zumeist jedoch mit der Fähigkeit des Kommunikators, der den Leuten Wertschätzung zu vermitteln vermag.

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Größe und Vielfalt sind die Hauptmerkmale von Verdi, die zum Start mit 2,8 Millionen Mitgliedern größer war als heute mit 1,9 Millionen. Selbst Bsirske hat den Schwund, der auch bedingt war durch Privatisierungen und Stellenabbau im öffentlichen Dienst, nicht stoppen könne. Der junge Bsirske wollte einst „raus aus den gewerkschaftlichen Gettos“ und zeigte sich offen für neue Beschäftigungsformen, flexible Arbeitszeiten und eine differenzierte Tarifpolitik. Die Individualisierung sah er als „positive Herausforderung“. Bsirske startete als Modernisierer, der mit Charme für Arbeitnehmerinteressen kämpfte und so gar nichts hatte vom Betonkopfimage langjähriger Industriegewerkschafter.

Im Verdi-Reich mit 13 Fachbereichen und 1000 Berufen ist der Vorsitzende ständig unterwegs: Irgendein Gremium tagt immer. Von einer „gewissen Entgrenzung“ hat Bsirske gesprochen, wenn es um sein Arbeitspensum ging. Sechs-Tage-Woche und am Sonntag in der Wohnung am Berliner Savignyplatz Aktenstudium. Das war sein Ding.

„Ich würde mich als freundlich und zugewandt beschreiben“, sagt Bsirske über sich selbst. Die Wohlhabenden im Lande, denen „Milliarden in den Hintern gesteckt werden“, wie der Verdi-Chef vor 15 Jahren dröhnte, hatten in seinen ersten Jahren einen anderen Eindruck. Große Klappe und ein gestreckter Mittelfinger Richtung gieriger Banker – das kam gut an bei den eigenen Leuten. Später hatte er die Klassenkampfrhetorik nicht mehr nötig. „Ich habe eine Grundpopularität in der Organisation.“

Zwiespältiges Miteinander: Frank Bsirske (l.) und der damalige Kanzler Gerhard Schröder 2001.
Zwiespältiges Miteinander: Frank Bsirske (l.) und der damalige Kanzler Gerhard Schröder 2001. (Bernd Settnik/dpa)

Pragmatisch wie Gerhard Schröder

Wenn es ernst wurde und ums Geld ging, war ­Bsirs­ke mindestens so pragmatisch wie Gerhard Schröder. Im Sommer 2003 löste er gemeinsam mit Klaus Wowereit den Konflikt im damals überdimensionierten öffentlichen Dienst Berlins. Die Arbeitszeit wurde um zehn Prozent reduziert – ohne Lohnausgleich. So tief hatte selten ein Gewerkschafter den eigenen Leuten in die Tasche gegriffen. Mit fünf verschiedenen Innenministern, von Otto Schily bis Horst Seehofer, hat er Einkommen und Arbeitszeiten für einige Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst verhandelt.

„Ideenreich und konditionsstark“, so hat Thomas Böh­le Bsirske dabei erlebt. Böhle, der Münchner Personal- und Kreisverwaltungsreferent, war als Verhandlungsführer der kommunalen Arbeitgeber immer dabei. Über die Jahre sind die beiden echte Sozialpartner geworden und befreundet. Einmal ließ der Gewerkschafter den Arbeitgeber nach einer Tarif­runde in Potsdam von seinem Fahrer nach München fahren, weil Böhle krankheitsbedingt nicht fliegen konnte. Beide haben das Tarifsystem für den öffentlichen Dienst modernisiert. Besondere Regelungen wie die Personalausstattung im Krankenhaus wurden vereinbart und überdurchschnittlich hohe Einkommenszuwächse für Erzieherinnen und Erzieher erreicht. Bsirske setzte das in Arbeitskämpfen durch, die er aufgrund der vielen Verdi-Mitglieder in den Kitas wagen konnte.

Doch die Kitas sind die Ausnahme, die bröckelnde Tarifbindung in Dienstleistungsbereichen die Regel. Deshalb ist Bsirskes größter Erfolg gleichzeitig Symp­tom der Schwäche: Da die Gewerkschaften in großen Teilen der Wirtschaft keine anständigen Löhne durchsetzen können, zog der Gesetzgeber eine Untergrenze ein. Ohne die Größe und den Einfluss von Verdi, ist sich Bsirske sicher, gäbe es keinen Mindestlohn.

Eigentlich hätte der Mindestlohn gut zehn Jahre früher kommen müssen, als Schröders Agendapolitik umgesetzt wurde. Der Absturz der SPD wäre weniger tief und der Niedriglohnsektor weniger groß ausgefallen. Es war viel los im Frühjahr 2003. Am ­Rosenmontag platzte das Bündnis für Arbeit, das der IG-Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel Mitte der 1990er-Jahre erfunden hatte, damit Politik, Arbeit­geberverbände und Gewerkschaften sich gemeinsam um Wachstum und Beschäftigung bemühten. Anfang 2003, mitten in der Wirtschaftskrise, gab es nur noch Gegeneinander. Konsens war nicht mehr möglich.

Auf das Scheitern des Bündnisses folgte die Agenda 2010

Schröder schlug sich auf die Seite des Kapitals und ging bei der entscheidenden und letzten Bündnis-Sitzung Bsirske direkt an. Der Duktus des Politologen Bsirske, der gerne Substantive wie „Vermarktlichung“ oder „Attraktivierung“ benutzt, ging Schröder auf den Geist. Das Scheitern des Bündnisses kam Schröder zupass, zehn Tage später stellte er die Agenda 2010 vor.

„Wer hat dich denn eingeladen?“, begrüßte Schröder Bsirske im Herbst 2003 im Kanzleramt, als man sich zum Abschied des IG-Metall-Vorsitzenden Zwickel versammelt hatte. Zwei Jahre später, diesmal rief Schröder alle Gewerkschaftsbosse zu seinem eigenen Abschied, hatte Bsirske keine Zeit und schickte seinen Stellvertreter. Mit Angela Merkel begannen dann die guten Bsirske-Jahre, und von 2008 an schaffte Verdi auch die Tarifwende mit Einkommenserhöhungen im öffentlichen Dienst auf oder sogar über dem Niveau der Privatwirtschaft. „Wir sind es wert!“ – mit diesem Slogan schickte Bsirske seine Leute auf die Straße und freute sich über „eine gelungene Diskursverschiebung“ in der Gesellschaft, die nach Jahren der neoliberalen Dominanz nun viel mehr Verständnis für höhere Einkommen hatte.

Das lässt sich auch über Angela Merkel sagen, die für Bsirske viel mehr Sozialdemokratin war als ihr Vorgänger im Kanzleramt. Im Herbst 2015 hätte der Verdi-Chef die Bundeskanzlerin beinahe umarmt auf der Bühne des Gewerkschaftskongresses, wieder einmal in Leipzig. Merkel hatte ihre Flüchtlingspolitik erklärt, für Bsirske „ein Signal der Zuwendung“. Und diese Zuwendung, das sagte der ehemalige Rabauke fast schon pathetisch zu Merkel, „beruht auf Gegenseitigkeit“. Selbstverständlich würdigt die Bundeskanzlerin den ehemaligen Verdi-Vorsitzenden, wenn der Mitte Oktober in Berlin in einem Festakt verabschiedet wird. Der langjährige Klassenfeind und Tarifpartner Thomas Böhle wird auch sprechen.

Als Vorsitzender wird Frank Werneke auf Frank Bsirske folgen, sein bisheriger Stellvertreter. Dass Bsirske künftig in Charlottenburg oder am Maschsee in Hannover sitzen, Bücher lesen und alle zwei Tage ins Kino gehen wird, wie er erzählt, ist schwer zu glauben. Dazu ist er zu rastlos, zu politisch engagiert und interessiert. Vielleicht geht ja noch was bei den Grünen, denen er seit 1986 angehört.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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