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Interview zur Lage in Libyen
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„Viele haben die reinste Tortur hinter sich“

Kristin Hermann 11.06.2019 3 Kommentare

Viele Menschen haben auf ihrer Reise schreckliche Situationen durchgemacht, die meisten haben dabei Freunde und Familie verloren.
Viele Menschen haben auf ihrer Reise schreckliche Situationen durchgemacht, die meisten haben dabei Freunde und Familie verloren. (Lena Klimkeit/dpa)

Herr Kenzie, seit Anfang April kämpfen Rebellen rund um den ehemaligen General Chalifa Haftar um die Hauptstadt Tripolis, wo die von den Vereinten Nationen gestützte Regierung sitzt. Was hat das für Auswirkungen auf die vielen Geflüchteten in der Stadt? 

Craig Kenzie: Die Lebensumstände in Libyen, insbesondere in Tripolis, waren schon vor dem Start der neuesten Kämpfe nicht gut, aber in den vergangenen Wochen haben sich die Bedingungen für Zivilisten und Geflüchteten noch einmal erheblich verschlechtert. Die Kämpfe werden zum Teil mit schweren Waffen und Artillerie geführt. Sie rücken immer näher an die Wohngebiete und die Haftanstalten und Schutzhäuser, in denen sich allein in Tripolis bis zu 3000 Migranten und Geflüchtete aufhalten. Die geraten immer mehr zwischen die Fronten. 

Wie äußert sich das? 

Die Weltgesundheitsorganisation berichtet, dass bei den Kämpfen in Tripolis bereits mehr als 600 Menschen getötet und mehr als 3200 verletzt wurden. Etwa 90 000 Bewohner sind zudem aus ihren Häusern geflohen oder vertrieben worden. Die Menschen in den Internierungslagern sind zum Teil eingeschlossen und hören die Granaten und die Raketen um sich herum einschlagen. Sie sind dort großer Gefahr und enormem psychischen Druck ausgesetzt. Eine der Raketen explodierte nur 80 Meter von einem Bereich, in dem sich Frauen und Kinder aufhielten. Die internationale Gemeinschaft muss dafür sorgen, dass die Menschen durch humanitäre Evakuierungsmaßnahmen dort herausgeholt werden und die willkürliche Inhaftierung endet. 

Craig Kenzie.
Craig Kenzie. (privat)

Sie und Ihre Kollegen haben Zugang zu einigen der Lager. Unter welchen Bedingungen leben die Menschen dort? 

Normalerweise arbeiten wir in fünf von der Regierung geführten Haftanstalten in Tripolis. Bei den Einrichtungen handelt es sich üblicherweise um umgebaute Lagerhäuser, in denen 100 bis 1000 Personen auf engstem Raum mit unzureichendem Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen zusammenleben.  Es gab Fälle, in denen die Geflüchteten gerade einmal 0,7 Quadratmeter pro Person für sich hatten. Das reicht nicht einmal, um sich hinzulegen. Der Konflikt hat zu Einschnitten bei der Wasserversorgung geführt, auf die wir mit Wassertransporten reagieren mussten, und die ohnehin ungenügende Qualität und Quantität der zur Verfügung gestellten Lebensmittel hat erheblich abgenommen. Das führt dazu, dass sie nicht einmal ihre Medikamente vernünftig einnehmen können.

Wie sieht Ihre Arbeit in den Lagern aus? 

Wir versuchen, medizinische Hilfe zu leisten und schwer Erkrankte in Kliniken zu bringen. Eine wichtige Komponente unserer Arbeit ist die Unterstützung der psychischen Gesundheit der Menschen, da die Willkür und Unbestimmtheit ihrer Inhaftierung in Verbindung mit den Bedingungen und dem Mangel an Optionen zu akuter Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit führen. Viele Menschen haben auf ihrer Reise absolut schreckliche Situationen durchgemacht, die meisten haben dabei Freunde und Familie verloren. Wir sehen auch, dass es Menschen gibt, die in diesen Haftanstalten ankommen und ohne Erklärung zwischen unseren Besuchen verschwinden, was besorgniserregend ist. 

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Denken Sie, diese Personen versuchen, nach Europa zu gelangen? 

Es ist wahrscheinlich, dass sie irgendwann in dem Kreislauf aus Gewalt landen, der sie auf die Boote bringt. Neben den offiziellen Lagern gibt es die illegalen Camps der Schlepper, zu denen wir keinen Zutritt haben. Viele der Menschen sind nach Libyen gekommen, um Krieg oder politischer Verfolgung in ihrem Heimatland zu entkommen. Tatsächlich haben viele von ihnen hier aber die reinste Tortur hinter sich. Es gibt Berichte über Vergewaltigungen, Folter, Erpressung von Familienmitgliedern. Sie sehen Europa als einzige Chance, dieser Hölle zu entkommen. Wir wissen nicht die genaue Anzahl der Menschen, die versuchen, die Grenze zu überschreiten, aber wir stellen einen viel höheren Prozentsatz von Todesfällen auf See fest.

Seitdem die libysche Küstenwache im Einsatz ist, werden im Mittelmeer Gerettete zurück nach Libyen gebracht. Was bekommen Sie von der Arbeitsweise mit? 

Wer von der libyschen Küstenwache aufgenommen wird, landet meist wieder in einem der offiziellen Lager. Dort sind die Geflüchteten eingesperrt und wissen nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Einige von ihnen versuchen deshalb mehrfach, mit einem der Schlepperboote überzusetzen. Wir verurteilen, dass die EU der libyschen Küstenwache die Verantwortung übertragen hat und die privaten Seenotretter kriminalisiert. Die Küstenwache hat nicht ausreichend Kapazitäten, die Menschen zu retten. Und diejenigen, die sie retten, werden an einen Ort zurückgebracht, der schon seit langer Zeit nicht mehr sicher ist.

Die Fragen stellte Kristin Hermann.

Zur Person

Craig Kenzie (31) ist Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Tripolis. Der Kanadier ist seit sieben Jahren für die Hilfsorganisation tätig und war vor dem Einsatz unter anderem im Nahen Osten.

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Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
Es gibt nur eine Chance wieviel Artikel beschrieben. Und jetzt schwindet mit dem Artikel von Stefan Rahmstorf das Argument, dass die BRD nur für ...
Bremen99 am 21.10.2019 20:41
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