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Warum Umweltaktivisten gegen den Import von Soja protestieren

Jean-Pierre Fellmer und Jonas Mielke 04.08.2019 4 Kommentare

Umweltaktivisten bringen mit Malerrollen ihre Botschaft am rotblauen Rumpf des Frachters „Hiroshima Star“ in Brake an.
Umweltaktivisten bringen mit Malerrollen ihre Botschaft am rotblauen Rumpf des Frachters „Hiroshima Star“ in Brake an. (Anne Werner)

Es ist still auf der Weser. Der Frachter fährt langsam gen Süden. Sein Name: „Hiroshima Star“. Sein Ziel: der Hafen von Brake. Der Stahlkoloss, mehr als zweihundert Meter lang, schiebt seinen rot-blauen Bauch ruhig durch die Dunkelheit. Plötzlich tauchen aus der dunklen Nacht Schlauchboote auf. Wie ein aufgescheuchter Wespenschwarm umkreisen sie den Frachter. Auf einem Boot steht Matthias Lambrecht. Er greift zum Funkgerät: „Hier spricht Greenpeace. Wir kommen in friedlicher Absicht. Unsere Aktivisten werden ihr Schiff nicht entern, sie wollen nur protestieren.“

Zwei der Schlauchboote schnellen zum stählernen Bauch des Frachters vor. Ihre Insassen sind mit Bambusstangen bewaffnet. Es sieht so aus, als wollten sie den Bauch des Kolosses aufschlitzen. Doch ihre Waffen sind stumpf: an ihren Spitzen befinden sich keine Klingen, sondern Malerrollen. Der Frachter stört sich nicht an den Zwergen, er fährt einfach weiter. Das Schlauchboot springt auf und ab. Seine Insassen kämpfen mit den Wellen. Von ihrer Mission lassen sie sich aber nicht abbringen: Sie haben eine Botschaft, die sie an den Rumpf des Schiffes malen wollen. Nach wenigen Minuten sind sie erfolgreich. Auf rot-blauem Grund steht nun in weißen Versalien: „Climate Crime!“ (Klimaverbrechen).

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In der Nacht zu Sonntag haben Greenpeace-Aktivisten mit dieser Aktion gegen den Klimawandel protestiert. Im Hafen von Brake haben sie außerdem Ladekräne besetzt, um die Löschung des Frachters zu verzögern. Denn in seinem Bauch befindet sich ihrer Ansicht nach ein Klimakiller: Sojamehl. Es soll aus Pflanzen gemahlen sein, für die Wälder und Savannen in Südamerika zerstört worden sind. In Deutschland lande das Mehl vor allem in Schweinebäuchen und Rinderpansen, um den Appetit der Deutschen auf Schnitzel und Steak zu decken, kritisiert die Umweltschutzorganisation. Dabei würden die Bäume und Sträucher in Südamerika benötigt, um das Treibhausgas Kohlenstoffdioxid zu binden.

Auf den Kränen im Hafen von Brake haben Aktivisten ausgeharrt, bis sie am Nachmittag von Spezialkräften der Polizei geräumt wurden.
Auf den Kränen im Hafen von Brake haben Aktivisten ausgeharrt, bis sie am Nachmittag von Spezialkräften der Polizei geräumt wurden. (Anne Werner)

Eines der wertvollsten Vermögen der Menschheit

810 Kilometer südwestlich von Brake ringt die Weltgemeinschaft um das, was Greenpeace-Aktivisten bei ihrer Aktion auf der Weser antreibt. In Genf debattiert der Weltklimarat (IPCC) über seinen neuen Report. Es ist ein Sonderbericht zur Nutzung von Landflächen unter dem Einfluss des Klimawandels. „Die Erde unter unseren Füßen ist eines der wertvollsten Vermögen der Menschheit“, hatte Inger Andersen, Geschäftsführerin des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, am vergangenen Freitag in einer Videobotschaft zum Beginn der Verhandlungen gesagt. „Zu einer Zeit, in der wir es uns am wenigsten erlauben können, verlieren wir fruchtbaren Boden und biologische Vielfalt in einem alarmierenden Tempo.“

Seit dem Wochenende arbeitet der Weltklimarat an der Endfassung des Berichts. Am kommenden Donnerstag soll er veröffentlicht werden. Beteiligt sind Wissenschaftler aus mehr als 30 Ländern. Sie haben den wissenschaftlichen Status Quo erarbeitet. Nun wird das Ergebnis am Genfer See von Delegierten aus der Politik debattiert und in einen Bericht gegossen. Experten erwarten ein zähes Ringen um den kleinsten gemeinsamen Nenner der 195 Mitgliedsstaaten.

Die spannende Frage: Wie deutlich wird die Kritik an der industriellen Landwirtschaft in dem Bericht ausfallen? So schätzen unter anderem Beobachter der Hilfsorganisation Oxfam die Lage ein. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte bereits in der vergangenen Woche aus einem unveröffentlichten und vertraulichen IPCC-Dokument zitiert. Stand des Papiers: Ende April. Darin zeichnen die Wissenschaftler ein deutliches Bild: In den vergangenen 100 Jahren seien die Landflächen der Erde um etwa 1,5 Grad Celsius wärmer geworden, weil sie sich schneller aufheizen als die Meere. Die Folgen: Häufigere Hitzewellen mit höheren Temperaturen. Weltweit kämen Starkregenfälle heftiger und häufiger vor, so die Wissenschaftler laut „Süddeutscher Zeitung“. Mittlerweile würden zwei Drittel der globalen Waldfläche vom Menschen genutzt, deren Rodung wiederum 22 Prozent aller menschlichen Treibhausgasemissionen durch Landnutzung verursache. Die Botschaft: Landwirtschaft und Waldzerstörung heizen den Klimawandel weiter an.

Das ist der Grund, warum die Aktivisten auf der Weser im Einsatz sind. Mittlerweile ist der Frachter im Hafen angekommen. Es ist fast fünf Uhr, aber noch ist es dunkel. Dirk Zimmermann stellt sich vor die Kamera, im Hintergrund der Schriftzug, den die Aktivisten mit Scheinwerfern beleuchten. Der Agrar-Experte trägt eine Schwimmweste, eine Pudelmütze und zwei Ohrringe, einer davon: ein pinkes Blümchen. „Für unseren Hunger nach Fleisch gehen in Südamerika Jahr für Jahr zwei Millionen Hektar an Wäldern und Savannen verloren“, spricht er in die Kamera. Zum Vergleich: Das ist in etwa die Hälfte der Fläche Niedersachsens.

Von 2010 bis 2017 ist die Anbaufläche für Sojabohnen allein in Brasilien um ein Drittel gewachsen. Das geht aus Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hervor.
2017 wurden in die EU insgesamt 14,4 Millionen Tonnen Sojabohnen, 20,8 Millionen Tonnen Sojaschrot und 0,3 Millionen Tonnen Sojaöl importiert. Der Sojaschrot für Europa stammt überwiegend aus Südamerika, während die Bohnen zur einen Hälfte aus Süd-, zur anderen Hälfte aus Nordamerika verschifft werden.
Auch in den Hafen in Brake (Foto) werden Soja-Importe aus Brasilien geliefert.
Vor der Einfahrt zum Futtermittelhafen von Brake protestierten bereits 2013 Aktivisten der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) gegen Soja-Importe aus Übersee.
Der weltweit größte Abnehmer von Soja ist China. Die weltweiten Handelsströme des Sojas werden vom Verband der Ölsaaten-verarbeitenden Industrie, kurz Ovid, beobachtet.
Aufgrund des Handelsstreits mit den USA kauft China nun überwiegend in Brasilien ein, was zu einer enormen Steigerung des Sojahandels zwischen beiden Ländern geführt hat.
Auf dem Bild werden im brasilianischen Santos Sojabohnen für den Transport nach China verladen.
Fotostrecke: Warum Umweltorganisationen Soja-Importe aus Brasilien kritisieren

Hinter dem Frachter auf dem Festland stehen zwei Kräne. Aktivisten haben sie erklommen, um die Löschung der Ladung zu verzögern. Von beiden Kränen flattern zwei gelbe Banner: „Soja-Futter zerstört Wälder. Greenpeace.“ Noch bis zum Nachmittag werden die Aktivisten auf den Kränen ausharren, bis die Polizei sie widerstandslos hinab begleitet.

Die Dämmerung bricht an. Der Himmel färbt sich von schwarz zu blau. In der Luft hängt eine Drohne, sie surrt ständig. Wenig später gesellt sich ein Paraglider dazu. Er fliegt in Schleifen über die aus dem Schlauchboot ragenden Köpfe. Auch er trägt einen gelben Banner mit einer Botschaft, zieht ihn wie einen Schweif durch die Luft. Die beiden bleiben nicht lange allein. Ein Polizeihubschrauber stößt dazu. Es bleibt friedlich, kurze Zeit später ist der Himmel über dem Frachter wieder frei.

Dort, wo die Ladung der „Hiroshima Star“ herstammt, verschärft sich das von den IPCC-Wissenschaftlern skizzierte Problem besonders: In den Amazonas-Regenwäldern Brasiliens. „Deathwatch for the Amazon“, auf Deutsch: Totenwache für den Amazonas. So umschreibt der britische „Economist“ die Lage im größten Regenwald der Erde auf seiner aktuellen Titelseite. 

Das brasilianische Institut für Weltraumforschung INPE beobachtet mit Satelliten die Veränderungen im Regenwald. Vor wenigen Wochen lieferte das staatliche Institut aktuelle Daten. Mehr als 100.000 Hektar Regenwald seien demnach allein in der ersten Hälfte des Julis gerodet worden, eine Fläche etwa so groß wie die Insel Rügen. Die Reaktion des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro: Erst vermutete er Falschinformationen der ausländischen Presse, später stellte er die Seriosität der Forscher in Frage.

Dirk Zimmermann ist Agrar-Experte bei Greenpeace.
Dirk Zimmermann ist Agrar-Experte bei Greenpeace. (Anne Werner)

„Der Amazonas gehört uns, nicht euch“

Bereits seit seinem Amtsantritt zu Beginn des Jahres registrierten die Beobachter eine steigende Abholzung des Regenwaldes. Die Haltung des populistischen Präsidenten: „Der Amazonas gehört uns, nicht euch.“ Das sagte er im Juli, als er ausgesuchte internationale Medienvertreter in die Hauptstadt Brasilia einlud. Zum ersten Mal seit er im Amt ist. Seine Regierung versuche, wirtschaftlichen Fortschritt und Regenwaldschutz in Einklang zu bringen. „Wir kooperieren mit allen Staaten, welche die Biodiversität des Amazonas wirtschaftlich nutzen wollen“, sagte Bolsonaro. Aber es gebe nun mal „absurde Umweltnormen“, die verhinderten, Umweltschutz und Entwicklung in Einklang zu bringen.

Zwischen 2004 und 2012 sei die Rate der Rodungen im Regenwald gesunken, doch schon unter Ex-Präsidentin Dilma Rouseff und nun unter Bolsonaro werden wieder mehr Bäume gefällt, so der „Economist“. Bolsonaro ermögliche das, indem er Gesetze nicht konsequent anwende, die Rodungen verhindern könnten. Die Folgen sind wohl fatal. Laut „Economist“ gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Zerstörung des Ökosystems im Amazonas-Regenwald bald so weit fortgeschritten ist, dass es kein Zurück mehr gibt. Mit erheblichen Folgen für das Klima in ganz Südamerika.

Der internationale Druck auf den brasilianischen Präsidenten wächst bisher eher überschaubar, aber Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) fand deutliche Worte als er im Juni zu einem Staatsbesuch in Brasilien aufbrach. „Wer das Klima schützen will, muss den Wald und insbesondere die Tropenwälder des Planeten retten“, sagte Müller.

Der Bundesminister sendete eine weitere Botschaft, die auch die Aktivisten von Greenpeace registriert haben dürften. „Die Fleischproduktion weltweit hat sich in den letzten 50 Jahren fast vervierfacht“, sagte Müller. Das habe dazu geführt, dass auch die Anbauflächen für Soja stark gewachsen seien, da es überwiegend in der Tiermast eingesetzt werde. Der Minister fordert nun: „Mit Blick auf die unkontrollierten Folgen des Soja-Anbaues muss deshalb das Mercosur-Abkommen mit einem verbindlichen Zertifizierungsabkommen zur Einfuhr von nachhaltigem Soja verbunden werden.“ Die Einfuhr dürfe nicht mehr auf Grundlage von Brandrodung von Regenwäldern erfolgen, erklärte Müller.

Soja ist im Agrarsektor ein besonders beliebtes Tierfutter. „Nachdem die Bohnen gepresst wurden, um das in ihnen enthaltenen Öl als Lebensmittel oder zur Herstellung von Biodiesel zu gewinnen, liegt als Pflanzenbestandteil dann noch Sojaschrot vor“, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Verbands Tiernahrung (DTV), Peter Radewahn. „Die im Schrot enthaltenen Aminosäuren haben eine günstige Zusammensetzung und eine hohe Verfügbarkeit, sprich leichte Verdaulichkeit.“ Aber auch das günstige Preis-Leistungs-Verhältnis sei ein Grund für die Nutzung von Soja in der Tiermast, macht Radewahn deutlich.

Die Position des Verbandes: Zertifizierung funktioniert. In einem Positionspapier heißt es, dass nach DTV-Schätzungen etwa 60 Prozent des Sojaschrots im Futter nachhaltig zertifiziert sei. Insgesamt gibt es 17 verschiedene Zertifikate, eine Selbstregulierung der Industrie. Seit 2006 gilt ein Soja-Moratorium, der den Handel, die Finanzierung und den Erwerb von Soja von Regenwaldflächen, die nach 2008 gerodet wurden, untersagt. Es werde von Wirtschaft, Umweltministerium sowie von Organisationen wie Greenpeace und dem WWF getragen.

Fotostrecke: Greenpeace-Aktion in Brake

Die Nacht ist vorbei, der Job fast erledigt. Die Aktivisten nutzen die Gelegenheit, noch einen zweiten Schriftzug auf den Frachter zu malen. Die gleiche Botschaft: „Climate Crime!“ Zimmermann nutzt noch einmal die Gelegenheit, um bei Tageslicht sein Anliegen in die Kamera zu sprechen: „Diese Soja-Importe müssen unbedingt gestoppt werden. Solches Tierfutter darf überhaupt nicht mehr in Deutschland landen.“ Es brauche eine Gesetz, mit dem die Lieferketten transparenter würden, um Soja aus Raubbau zu verbannen. Aber auch grundsätzlich müsse man unabhängig von Soja-Importen werden. „Wir halten in Deutschland einfach viel zu viel Tiere, das ist super schlecht für das Klima. Und wir müssen weniger Fleisch und Milchprodukte essen.“ Auch der zweite Schriftzug ist vollendet, die Mission erfüllt. Die Schlauchboote sammeln sich, fahren Richtung Süden. Es ist wieder still auf der Weser.

Zur Sache

Der globale Soja-Boom

Von 2010 bis 2017 ist die Anbaufläche für Sojabohnen allein in Brasilien um ein Drittel gewachsen. Das geht aus Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hervor. Die weltweite Nachfrage wächst stetig: Laut FAO hat sich die Soja-Produktion in den vergangenen 60 Jahren mehr als verzehnfacht. Die größten Herstellerländer sind die USA und Brasilien. 2017 wurden in die EU insgesamt 14,4 Millionen Tonnen Sojabohnen, 20,8 Millionen Tonnen Sojaschrot und 0,3 Millionen Tonnen Sojaöl importiert. Der Schrot für Europa stammt überwiegend aus Südamerika, während die Bohnen zur einen Hälfte aus Süd-, zur anderen Hälfte aus Nordamerika verschifft werden. Der weltweit größte Abnehmer ist China. Die weltweiten Handelsströme des Sojas werden vom Verband der Ölsaaten-verarbeitenden Industrie, kurz Ovid, beobachtet. Aufgrund des Handelsstreits mit den USA kauft China nun überwiegend in Brasilien ein, was zu einer enormen Steigerung des Handels zwischen beiden Ländern geführt hat.


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Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
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Bremen99 am 21.10.2019 20:41
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