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Sonderprogramm für Daesch-Opfer
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Wie das Land Niedersachsen Jesidinnen hilft

Serena Bilanceri 08.03.2018 0 Kommentare

Wählt Frauen in Flüchtlingscamps für das Sonderprogramm aus: der Psychologe und Orientalist Jan Ilhan Kizilhan (links)
Wählt Frauen in Flüchtlingscamps für das Sonderprogramm aus: der Psychologe und Orientalist Jan Ilhan Kizilhan (links) (dpa)

Sameera Al Silo geht es jetzt etwas besser. Sie besucht die Schule, spricht schon sehr gut Deutsch und ist fest entschlossen, ihren Abschluss zu schaffen. „Als ich noch in Syrien war, habe ich an Selbstmord gedacht. Aber der Gedanke, dass meine Familie dann nie gewusst hätte, was mit mir geschehen war, hat mich davon abgehalten“, sagt sie. Nun will sie sich dafür einsetzen, dass die befreiten Frauen mehr Unterstützung bekommen, um wieder ein normales Leben führen zu können.

Al Silo und ihre Familie sind über ein Sonderprogramm im Herbst 2015 in Niedersachsen aufgenommen worden – insgesamt sind es etwa 70 jesidische Frauen und Kinder, die dort ein neues, ein zweites Leben begonnen haben.

Jutta Krämer, frühere Koordinatorin des Sonderprogramms in Niedersachsen und seit diesem Jahr Staatssekretärin im Niedersächsischen Ministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung, erläutert, dass Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) der Erste gewesen sei, der sich für die Aufnahme von Jesiden in Deutschland eingesetzt habe. 

Baden-Württemberg startete das Programm

Im Jahr 2015 hat Baden-Württemberg als erstes Bundesland etwa 1000 schwer traumatisierte Frauen aufgenommen. Vorwiegend Jesidinnen, aber auch Schiitinnen und Christinnen, da das Programm nicht an eine bestimmte religiöse oder ethnische Gruppe gebunden ist. 

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Jan Ilhan Kizilhan, Psychologe und Orientalist, war einer der Ersten, der den Auftrag bekommen hat, die Frauen in den Flüchtlingscamps im Nordirak für das Programm auszuwählen. Jesidische Vereine hätten zuvor deutsche Politiker auf die Lage im Nordirak aufmerksam gemacht, sagt er. „Und dann kam Winfried Kretschmann auf mich zu.“ Das Schwierigste sei gewesen, die Regierungen und die jesidische Gemeinschaft von dem Programm zu überzeugen. „Selbstverständlich konnten wir nicht einfach hingehen und 1000 Frauen nach Deutschland mitnehmen.“ Selbst die Vereinten Nationen seien anfangs skeptisch gewesen. Sie hatten Angst, die Frauen zu entwurzeln. „Aber diese Frauen hatten keine Wurzeln mehr; sie wohnten unter dürftigen Bedingungen in provisorischen Camps und waren so traumatisiert, dass sich mehrere aus Schamgefühl das Leben genommen haben“, sagt Kizilhan, der mehrfach für sein Engagement ausgezeichnet wurde.

Mit den 1000 Frauen, die für Baden-Württemberg ausgewählt wurden, war das Landeskontingent erschöpft. „Man versuchte, andere Bundesländer zu finden“, sagt Kremer. Auch Schleswig-Holstein und Niedersachsen erklärten sich daraufhin bereit, einige Frauen aufzunehmen.

„Sie bekommen psychologische Unterstützung, Unterkunft und Verpflegung“, sagt Kremer. Die genauen Wohnorte der Frauen bleiben geheim, um sie vor extremistischen Attacken zu schützen. Ihr Aufenthaltstitel ist auf zwei Jahre beschränkt. Laut Kremer bekommen sie aber auf Wunsch eine Verlängerung. Nach insgesamt acht Jahren dürften sie, genauso wie andere in einer ähnlichen Situation, eine unbefristete Erlaubnis beantragen.

Jesiden in Europa prangerten das Genozid an.
Jesiden in Europa prangerten den Genozid an. (imago)

Das Programm wurde mit 1,5 Millionen Euro vom Bundesland Niedersachsen finanziert und in Kooperation von Innen- und Sozialministerium sowie weiteren Einrichtungen umgesetzt. „Das Ziel war, dass die Frauen wieder eine normale Teilhabe am Leben nach den traumatischen Erfahrungen gewinnen konnten“, sagt Kremer. Das Ergebnis falle jeweils unterschiedlich aus.

Neben Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen wird auch Brandenburg 40 jesidische Frauen und deren Kinder aufnehmen, die sich in Flüchtlingscamps in Griechenland aufhalten. Kritikern reicht das nicht aus, sie werfen der rot-roten Regierung vor, das Land nehme zu wenige Frauen auf. Die Landesregierung in Potsdam hatte in der Vergangenheit versucht, die Frage auf Bundesebene zu klären. Der Bund hatte sich allerdings für Hilfe vor Ort anstatt eines erneuten Sonderkontingents ausgesprochen. Auch Kremer sagt, ohne Genehmigung des Bundes sei kein erneutes Kontingent möglich.

Bremen konnte Beteiligung nicht finanzieren

Bremen habe anfangs ebenfalls Interesse gezeigt, Frauen aus dem Nordirak aufzunehmen, sagt der Linken-Fraktionssprecher für Migration, Cindi Tuncel. Die zuständige Deputation hat den Antrag der Linken allerdings abgelehnt und sich für die Unterstützung einer Initiative auf Bundesebene ausgesprochen – eventuell mit der Aufnahme von bis zu 20 jesidischen Frauen. „Als kleinstes Bundesland können wir die notwendige Infrastruktur nicht aufbauen, um die Frauen vom Herkunftsland bis nach Deutschland zu begleiten“, sagt der Sprecher der Senatorin für Soziales, Bernd Schneider. Mit Unterstützung des Bundes sei das jedoch denkbar. 

(imago)

Holger Geisler, Sprecher des Zentralrats der Yeziden in Deutschland, wünscht sich, dass weitere Länder Frauen aus dem Nordirak aufnähmen. „Die Hoffnung ist, dass das Programm schließlich vom Bund getragen wird.“ Im Irak sei eine psychologische Betreuung der Frauen momentan kaum möglich – es fehle an der notwendigen Infrastruktur, sagt der Sprecher des Vereins, der sich für die Interessen der Jesiden in Deutschland einsetzt.

Noch immer sind viele Jesidinnen in den Händen des Daesch. Eine koordinierte Rettungsaktion der Regierungen des Iraks, Syriens und der Türkei hat bisher noch nicht stattgefunden. „Obwohl die militärischen Kräfte zum größten Teil wissen, wo die Frauen und Mädchen festgehalten werden“, sagt Geisler. Oft kämen die Frauen erst nach einem Rückkauf wieder frei. Meist sind mehrere Tausend Euro pro Person notwendig, um sie zu befreien. Viele Familien müssten sich das Geld leihen, erläutert der Sprecher. Für die Extremisten ein rentables Geschäft: Die Preise für junge Frauen schwanken zwischen 70 und einigen Tausend Dollar. Noch mehr wird verlangt, wenn Familienangehörige versuchen, eine Frau durch Mittelsmänner zurückzukaufen. Das Geld, mit dem Al Silo freigekauft wurde, stammt aus Spenden.


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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