

Frau Mthathi, die deutsche G 20-Präsidentschaft will Afrika zu einem Schwerpunkt machen und veranstaltet eine Konferenz, auf der private Investitionen im Mittelpunkt stehen, genannt Compact with Africa. Ziel sind Investitionspartnerschaften. Ist das der richtige Weg, um den Ländern Afrikas zu helfen?
Siphokazi Mthathi: Afrika steht an einem Wendepunkt. Der Kontinent hat sich aufgrund von starken Investitionen entwickelt, und das ist sehr positiv. In den letzten Jahren kamen sieben der zehn sich am schnellsten entwickelnden Länder auf der Welt aus Afrika. Trotzdem sind wir der Ansicht, dass diese Art der Entwicklung falsch ist.
Das müssen Sie erklären.
Das Ausmaß des Wachstums wird immer als Faktor des Bruttoinlandsprodukts berechnet. Gleichzeitig ist in allen Ländern mit starkem Wachstum die soziale Ungleichheit in den Himmel gewachsen. Wachstum hat nicht dazu beigetragen, dass die Armut abnimmt.
Weil es die Menschen nicht erreicht?
Richtig. Privates Investment ist nicht das Allheilmittel, als das es die deutsche Bundesregierung und andere anpreisen. Denn der Privatsektor geht nie von den Bedürfnissen der Menschen aus, er fragt nicht, wer die Schwächsten sind und wer am meisten Unterstützung braucht. In Afrika sind das Frauen und junge Leute.
Afrika ist ein junger Kontinent.
Ja, nehmen Sie nur das Beispiel Ghana. Es ist eines der Länder, die nun speziell gefördert werden sollen. Drei Viertel seiner Bevölkerung sind jung! Nimmt der Compact with Africa darauf Rücksicht? Wir müssen auf dem gesamten Kontinent unsere Wirtschaftsstruktur verändern, hin zu einer Ökonomie, die die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigt.
Und dafür ist die Förderung von privaten Investitionen nicht das richtige Instrument?
Nein, und die Idee ist ja auch gar nicht neu. Dieses Mantra hören wir seit 25 Jahren, die deutsche Regierung soll also nicht so tun, als ob sie hier etwas Neues präsentiert.
Was kritisieren Sie an privaten Investitionen?
Wir wissen, dass dabei oft bestehende Regeln ignoriert werden und es viel zu viele Schlupflöcher gibt. Zudem geht dabei oft mehr Geld außer Landes als Geld ins Land kommt, um denen zu helfen, die es wirklich brauchen. Unser Ziel muss sein, dass unsere Volkswirtschaften autonomer und weniger abhängig werden.
Aber würden Sie bestreiten, dass Investitionen grundsätzlich notwendig sind?
Natürlich brauchen wir dringend Investitionen, aber es müssen dabei genaue Rahmenbedingungen gelten, die dazu führen, dass den Menschen geholfen wird und es nicht zu Ausbeutung wie in der Vergangenheit kommt. Das bedeutet auch, dass die Zivilgesellschaft stark miteinbezogen wird.
Sie ist auch bei der Konferenz nur am Rande gefragt.
Ja, leider. Es geht hier nur um Deals zwischen Regierungen und Investoren. Dabei haben wir in Afrika eigene Visionen von Entwicklung entwickelt, und dort müssen die privaten Investitionen ansetzen. Man kann diese Visionen kritisieren, aber man muss sie ernst nehmen. Stattdessen sehen wir eine neue Form von Neokolonialismus, indem man Afrika wie ein Kind behandelt und ihm sagt, was es braucht. Wir brauchen Investitionen, aber es kommt auf die Art an, wie sie getätigt werden.
Können Sie ein konkretes Beispiel geben?
Nehmen Sie die Landwirtschaft. Sie wird mehrheitlich von Kleinstbauern getragen, die in der Regel Frauen sind. Sie produzieren 70 Prozent der Nahrungsmittel in Afrika. Sinnvolle Investitionen müssten dort ansetzen und sie in die Lage versetzen, ihre Produktivität zu erhöhen und flexibel auf den Klimawandel reagieren zu können.
Sie sprechen von Neokolonialismus. Ist es nicht auch die Verantwortung der afrikanischen Staatschefs, dafür zu sorgen, dass die richtigen Investitionen stattfinden und Afrika sich entwickelt?
Ja, das ist absolut richtig, das haben wir auch Vertretern der Afrikanischen Union gesagt. Wir müssen ansprechen, dass viele afrikanische Staaten ein riesiges Führungsvakuum entstehen haben lassen, das ausländische Investoren ausnutzen. Es ist zu einfach und bequem, nur mit dem Finger auf den bösen Westen zu zeigen, anstatt selbst Verantwortung zu übernehmen.
Das Gespräch führte Kordula Doerfler.
job4u ist die regionale Plattform, wenn es um Lehren und Lernen geht. Neben dem WESER-KURIER, der Handelskammer und der Handwerkskammer Bremen machen sich hiesige Firmen für junge Leute stark.
Nachmittag:
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