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Verdens erste Punk-Band tritt beim Auferstehungsfestival im Schlachthof auf / Vorher zwei Konzerte in Barme
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Oha: OH 87 kehren zurück

Anke Landwehr 16.11.2012 0 Kommentare

Thomas Gottmann, Rüdiger Dudda, Günter Laue und Wolfgang Panning (von links) lassen OH87 wieder auferstehen: Sie treten
Thomas Gottmann, Rüdiger Dudda, Günter Laue und Wolfgang Panning (von links) lassen OH87 wieder auferstehen: Sie treten zweimal in Drübberholz auf, bevor sie am 29. Dezember im Bremer Schlachthof ein Gastspiel geben. (Fotos: Oh87)

Verden. Das ist einer der Tage, die Wolfgang Panning nie vergessen wird. Im Rotenburger Gymnasium treten die Dead Kennedys auf. Der Schulleiter weiß offenbar nicht, wen er da ins Haus gelassen hat – eine skandalumwitterte Politpunk-Band aus San Francisco, bei deren Auftritten es regelmäßig Ärger gibt. Das ahnt er erst, als vor der Schule Polizei in Hundertschaften aufmarschiert. Nervös bittet der Rektor das junge Publikum in der überfüllten Aula, doch bitte nicht zu rauchen und keine Brandlöcher im Parkett zu hinterlassen. "Und was soll ich sagen: Niemand hat geraucht", staunt Panning noch rund 30 Jahre später.

Der gebürtige Armsener hat damals selbst Musik gemacht. Er war der Frontmann von OH87, Verdens erster Punk-Band. Demnächst wird er wieder das Mikrofon umklammern und die Songs von damals singen. Im Bremer Kulturzentrum Schlachthof steht er am 29. Dezember beim Auferstehungsfestival mit OH87 auf der Bühne, vorher spielt sich die reanimierte Band bei zwei Auftritten im Tagungszentrum Drübberholz in Barme warm: am 24. November und 15. Dezember (sonnabends) jeweils ab 20 Uhr. Im Hintergrund läuft dann ein Video mit Fotos und Collagen aus der glorreichen Vergangenheit des Quartetts, das an den Wochenenden quer durch Deutschland tourte.

Ein Bild aus alten Tagen: Günter Laue, Thomas Gottmann und Wolfgang Panning in Aktion.
Ein Bild aus alten Tagen: Günter Laue, Thomas Gottmann und Wolfgang Panning in Aktion.

Gegründet wurde die Band 1978 als "Offensive Herbst 78". Schnell wurde daraus OH78 und kurze Zeit später OH87. "Weil 1987 für uns die Zukunft war", sagt Panning. Er hatte gerade Abitur am Domgymnasium gemacht und zusammen mit Freunden "Notlösung" gegründet. Der Name war berechtigt, wie Panning erkannte, nachdem er OH87 kennengelernt hatte. Die Band spielte genau das, was ihm vorschwebte. "Wer jung war und es wissen wollte, war Punk."

Die letzte Besetzung bestand neben Panning aus den Dörverdenern Thomas Gottmann, Rüdiger Schmidt und Günter Laue und die das Gymnasium am Wall besucht hatten. Alle waren Autodidakten: Schmidt bearbeitete das Schlagzeug, Laue und Gottmann verlegten sich auf Gitarre und Bass, Panning sang. Und zwar Texte wie: "Ich habe meinen Intellekt verloren, ich fühl’ mich wieder richtig frei. Ich kann mich selber lenken, anstatt nur zu denken. Alles andere ist mir einerlei." Alle Songs waren selbst geschrieben und drückten das Lebensgefühl der Musiker aus. Panning: "Wir waren von den 68er Lehrern geprägt. Unser Ding war die Solidarität. Wir waren Antifaschisten, klar."

OH87 spielte in besetzten Häusern und in Jugendzentren wie dem legendären "Cräsh" in Freiburg. Da gab es Leute im Publikum, die mit weißer Farbe die Buchstaben "OH 87" auf ihre schwarzen Lederjacken gemalt hatten – was die Jungs aus Verden genauso cool und aufregend fanden wie alles andere auch. Ihr Punk-Sein hatte allerdings Grenzen. "Wir hätten im Cräsh übernachten können. Aber das war da so siffig, dass wir lieber sitzend im Bus geschlafen haben." Und sie hätten sich auch nicht "kostümiert", sondern normale Klamotten getragen.

OH87 wurden so oft angefragt, dass sie ständig auf Reisen waren. "Aber wir haben nie Demos verschickt, das wollten wir nicht." Schließlich hätten die Sex Pistols es auch ohne Anbiederung an die Musikindustrie geschafft. "Das zu tun, wäre Verrat an unseren Prinzipien gewesen." OH87 hatte zwar nie einen Plattenvertrag, produzierte aber selbst Singles und war auf Samplern in Vinyl und auf Kassette vertreten. "Unsere Singles werden bei Ebay heute zu Preisen bis zu 210 Euro gehandelt", so Panning. Und 2005 brachte das Bremer Plattenlabel Phonomenal eine Doppel-LP mit 56 Aufnahmen der Band heraus.

Dass sie Jahrzehnte nach der Auflösung wieder zusammengefunden hat, ist einer Anfrage von Benno Blittersdorf zu verdanken, der das Auferstehungsfestival im Bremer Schlachthof organisiert. Thomas "Tom" Gottmann, der heute als Ingenieur in der Nähe von Ulm arbeitet, aktivierte daraufhin seine alten Mitstreiter. Günter "Louis" Laue wohnt in Verden und ist Arbeitstherapeut in einer Behindertenrichtung. Wolfgang Panning hat sich in Hoyerhagen bei Hoya niedergelassen, wegen einer Krankheit wurde er zum Frührentner. Rüdiger Schmidt, der als Innenarchitekt in Hamburg arbeitet, hat die Sticks endgültig aus der Hand gelegt. Für ihn springt Rüdiger Dudda aus Verden ein. Der Tischler spielt in seiner Freizeit immer noch bei "Die Brut". "Er passt perfekt zu uns", sagt Panning und ist beinahe gerührt darüber, wie gut sich die Gruppe nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich versteht.

Und nun der bevorstehende Auftritt in Bremen an "geweihter Stelle". Im Schlachthof habe die Karriere der Toten Hosen begonnen, schwärmt Panning, wie hier auch viele andere Punk-Größen aufgetreten seien, die sich nicht vom "Establishment" hätten vereinnahmen lassen. Das habe er der Neuen Deutschen Welle damals sehr übel genommen, sie habe den Punk durch ihre Angepasstheit "platt gemacht". Nicht so Jello Biafra. Der Frontmann der später heillos zerstrittenen Dead Kennedys war schon mehrfach im Schlachthof zu Gast.

Das Festival am 29. Dezember ist ausverkauft, OH87 wird eine gute Stunde auf der Bühne stehen. Ob die Gruppe danach weitermacht? "Schön wäre es ja, aber darüber haben wir bisher nicht nachgedacht", sagt Panning. So recht vorstellen kann er es sich allerdings nicht, dass Thomas Gottmann, ein fünffacher Familienvater, auch weiterhin 700 Kilometer für Proben und Auftritte anreist.

Oha: OH 87 kehren zurück

Verdens erste Punk-Band tritt beim Auferstehungsfestival im Schlachthof auf / Vorher zwei Konzerte in Barme

Zitat:

"Unsere Singles werden

heute zu Preisen bis zu

210 Euro gehandelt."

Wolfgang Panning, OH87


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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