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Facebook legt Datenbank an
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Zuckerbergs Lebensarchiv

Miriam Keilbach 23.09.2011 0 Kommentare

San Francisco. Was haben Sie eigentlich für Erinnerungen an Ihre Geburt? Wenn Sie welche haben, stellen Sie diese doch auf Facebook ein. Quatsch? Nicht, wenn es nach dem Gründer des sozialen Netzwerkes, Mark Zuckerberg, geht. Auf der f8 Entwicklungskonferenz in San Francisco stellte Zuckerberg sein neues Facebook vor. Spielen die User mit, wird es eine gigantische Sammlung von sämtlichen Daten aus 800 Millionen Leben.

Sie sieht imposant aus, die neue Seite. Das riesige Panoramabild, das Profilfoto und die vielen einzelnen Boxen, die für mehr Übersicht auf der Startseite sorgen. Eine Box für neue Freunde, eine für letzte Aktionen, eine für Statusmeldungen, eine für Fotos, eine für Orte, an denen man gewesen ist. Dazu noch weitere Boxen, je nach Ausstattung des Profils. Übersichtlicher als bislang, denn derzeit wird im Neuigkeiten-Stream nicht nach Inhalten sortiert, es läuft automatisch chronologisch ein. Wenn die ersten zehn Meldungen berichten, wer nun mit wem befreundet ist, steht das eben ganz oben. Und mitunter wichtige Meldungen fallen aus der Seite. Jetzt wird das anders, kündigte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg auf der f8 Entwicklungskonferenz in San Francisco höchst persönlich an. Rund 100.000 User verfolgten die Rede per Livestream im Internet.

Neben der optischen Neuordnung mit Boxen wird auch inhaltlich umgestellt. Rechts neben dem Panoramabild steht die Timeline. Ganz oben der aktuelle Monat, darunter vergangene, dann geht es in den Jahreszahlen zurück, bis ganz unten das Wort „Geburt“ steht. Kein Scherz. Bislang kann Facebook auf eine Vielzahl von Daten zugreifen, die sich auf den Zeitraum seit 2006 beziehen. Facebook war seit der Gründung 2004 bis 2006 zunächst nur für Havard-Studenten, dann für amerikanische Studenten und seit 2006 auch für ausländische User geöffnet. Nun will Facebook den gesamten Lebenslauf seiner rund 800 Millionen Nutzer, 20,25 Millionen in Deutschland und 207.440 in Bremen.

Derzeit erhalten die Nutzer das neue Profil, wenn sie verschiedene Anwendungen installieren. Dafür ist auch die Herausgabe von Handynummer oder Kreditkartennummer erforderlich. Das Interesse ist trotzdem groß. In einigen Wochen sollen alle Nutzer auf Timeline umstellen können. Zuckerberg kündigte an, dass das neue Profil – zumindest zunächst – freiwillig ist. An den alten Profilen werden aber künftig keine Änderungen, auch keine Verbesserungen, mehr vorgenommen. Wer sich nicht mit neuen Einstellungen beschäftigen möchte, kann beim alten Profil bleiben – und sieht, zumindest bislang, auch die Profile von Timeline-Nutzern noch in der alten Ansicht.

Neues Profil zunächst freiwillig

Eine zentrale Rolle im neuen Facebook-Imperium spielen Anwendungen, auch Apps oder Applikationen genannt. Diese Anwendungen können aus dem Internet geholt und ins eigene Profil geladen werden. Zuckerberg gab am Freitag bekannt, dass er dafür mit verschiedenen Unternehmen kooperiert, darunter namhafte wie das Wallstreet Journal oder Netflix.

Die Anwendungen erscheinen ebenfalls in eigenen Boxen. Über Netflix werden Serien eingebunden, die man gerade sieht. So können Freunde sich einklinken und die Serie ebenfalls anschauen. Über Spotify wird angezeigt, welche Musik der User gerade hört, auch hier können Freunde mithören, wenn ihnen ein Song gefällt. Der Dienst Kobo zeigt an, welche Bücher man zuletzt gelesen hat, über Hulu lassen sich Filme sehen. Diese Apps werden in Deutschland nicht verfügbar sein, dafür kündigte Facebook an, dass man auf andere Dienstleiter zurückgreifen würde, für Videos etwa auf Myvideo. „Nur weil Spotify bei uns in Deutschland nicht verfügbar ist, heißt das nicht, dass wir auf Musik verzichten müssen“, sagte Facebook-Sprecherin Tina Kulow. Neben Myvideo wird in Deutschland mit der Musikplattform Soundcloud und dem Spieleanbieter The Game starten. Wichtig sei die Ankündigung in erster Linie für Entwickler, die jetzt neue Apps entwickeln könnten.

Hinzu kommen kleinere Anwendungen wie etwa Runkeeper, die anzeigt, wo und wie lange der Nutzer gerade joggen war. Alle Informationen, vom Kochen bis Discobesuch, sollen in Echtzeit ins Netzwerk eingespielt werden. Eine auf den ersten Blick banale Information, die nicht mehr banal ist, wenn man sieht, dass nur wenige Zentimeter weiter die Box „Nike+GPS“ auftaucht. Der Internetsoziologe Stephan Humer sagt, dass Facebook aus diesem Grund auch auf Klarnamen setzt. „Damit wird eine wesentliche Zuordnungslücke geschlossen und das erarbeitete Profil kann noch besser vermarktet werden.“

Spielen die Nutzer mit, schafft Zuckerberg ein Paradies für die Werbebranche. Eine bis ins Detail passende Sammlung an Informationen, die man über eine Person braucht. Vorlieben was Essen, Filme, Musik, Bücher, Tiere, Mode und Sport angeht. Der Lebenslauf verrät weitere Details. Je mehr Infos eine Firma über eine Person hat, desto besser kann die Werbung auf die Vorlieben dieser Person abgestimmt werden – und desto reizvoller ist es für die Firma, Geld zu investieren. Diese Basis machte Facebook im Januar zu einem Unternehmen mit geschätztem Marktwert von 50 Milliarden Dollar, rund 37 Milliarden Euro. Eine Idee ist auch, dass Facebook Provision erhält, wenn Nutzer darüber beispielsweise einen kostenpflichtigen Musik- oder Videodienst entdecken und sich dort anmelden.

Zuckerbergs großer Plan

Außerdem sind die Informationen in der Zukunft wertvoll. Stellen Eltern Fotos oder Videos der neugeborenen Tochter bei Facebook ein, um allen mitzuteilen, dass das Kind jetzt da ist, kann die Tochter in zehn Jahren, wenn sie selbst einen Account hat, verlinkt werden. So ergibt sich das Bild eines kompletten Lebens, durch die Informationen, die das ganze Netzwerk zusammenträgt. Facebook, das Lebensarchiv, eine Datensammlung unbekannten Ausmaßes.

Mit Timeline führt der 27-jährige Zuckerberg seinen Plan, aus Facebook eine weltweit vernetzte Plattform zu schaffen, in der das komplette soziale Leben abgebildet wird, in die nächste Runde. Alle beruflichen und sozialen Kontakte sollen irgendwann nur noch über das Netzwerk organisiert werden. Erst kürzlich erhielt jeder Nutzer eine eigene Facebook-E-Mail-Adresse und kann über die Nachrichtenfunktion auch private Nachrichten als E-Mail an Nicht-Facebook-Nutzer schicken.

Auch die Neuerungen in den vergangenen Tagen, in denen Nutzer nun auch anderen Nutzern folgen können, ohne mit ihnen befreundet zu sein („Abonnieren“) und der Einführung der Smart Lists, gehören zu Zuckerbergs weitreichendem Plan. Facebook sortiert die Freunde, wenn man nur genug Informationen preisgibt. Ohne es zu wissen, entsteht so ein Netzwerk, das genau aufschlüsselt, wer wen warum kennt. So gibt es nicht etwa die von Facebook kreierte Gruppe „Arbeit“, sondern die Gruppe ist nach dem Arbeitgeber benannt. Teilt ein User einen anderen in jene Gruppe ein, wird er via Benachrichtigung dazu aufgefordert, die Verbindung zu bestätigen. Erfolgt der Klick, wandert die Information ungewollt und unwissend ins eigene Profil.

Sozialer Druck, Geltungsbedürfnis

Die englischsprachigen Profile wurden ebenfalls in den vergangenen Tagen mit einer neuen Oberfläche betraut. Facebook sortiert die Inhalte der Freunde jetzt vor: die von Facebook als wichtige Meldungen eingestuften, tauchen in der Mitte der Seite auf, der bisherige Stream wird nach rechts verlagert, die Infos sind viel kleiner. Ein erster Schritt zur besseren Ansicht im Profil.

Was den Datenschutz selbst angeht, können die Nutzer weiterhin selbst entscheiden, welche Inhalte sie mit wem teilen. Datenschützer kritisieren die Verlockung, durch die neuen Einteilung auch Informationen preiszugeben, die sie eigentlich gar nicht preisgeben wollen. Ein Profil sieht ausgefüllt hübscher aus als leer. Wenn es jetzt den Reiter „Geburt“ gibt, ist der Reiz da, auch etwas reinzustellen.

„Es gibt viele, teils individuelle Gründe, warum Nutzer Informationen rausgeben: sozialer Druck, weil Freunde es auch machen, Freude am Experimentieren, die Hoffnung auf Unterhaltung und das Entstehen von Beziehungen, aber auch eine generell unkritische Haltung nach dem Motto: Was soll schon passieren?“, sagt Humer. Einige Nutzer drohten aus Angst vor den neuen Features mit einer Abmeldung – der Konzern kann das aber verkraften. Der amerikanische Journalismus-Dozent und Blogger Jeff Jarvis twitterte am Freitag über einen möglichen Facebook-Austritt: „Du verlierst dein Leben.“

Viele Menschen sähen keine klassische Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem mehr. Humer mahnt zur Vorsicht: „Daten, die einmal draußen sind, können nicht wieder zurückgeholt werden. Wo sie einmal landen werden und in welchem Kontext, das kann man heute nicht abschätzen.“ Aber auch im neuen Profil gilt, dass alles preisgegeben werden kann, aber nichts preisgegeben werden muss. Und selbst wenn, kann der Nutzer selbst bestimmen, für welche seiner Freunde die Informationen. Ein großer Datenschutz-Aufschrei löst Zuckerberg mit seinen Neuerungen nicht aus. Vielmehr erschreckt einige Nutzer die Idee dahinter: Mark Zuckerberg macht ernst. Er spinnt ein Netz und zieht Millionen Menschen mit.

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Leserkommentare
motser am 22.10.2019 09:34
die größte Härte ist die Einfuhr von Soja Futtermitteln aus Brasilien über Brake. Wann wird dieses Treiben endlich beendet?
schroemac am 22.10.2019 09:33
Zumindest zeigt AKK nun ihr wahres Gesicht, und die Kanzlerin nickt die Pläne ab?
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