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Auswertung von über 500 Studien: Männer lügen häufiger

Jürgen Wendler 17.01.2019 0 Kommentare

Nicht immer stehen Menschen voll und ganz hinter dem, was sie sagen. Dies gilt auch bei Schwüren und Eidesformeln. Hinter dem Rücken gekreuzte Finger sind ein sichtbarer Ausdruck dafür.
Nicht immer stehen Menschen voll und ganz hinter dem, was sie sagen. Dies gilt auch bei Schwüren und Eidesformeln. Hinter dem Rücken gekreuzte Finger sind ein sichtbarer Ausdruck dafür. (Luca Bertolli/123RF)

Zu den Dingen, die bereits kleinen Kindern beigebracht werden, gehört, nicht zu lügen. Lügen gilt als verwerflich – und das nicht nur in der vom Christentum geprägten abendländischen Kultur, sondern auch anderswo, so etwa in Ländern, in denen der Islam oder Buddhismus eine zentrale Rolle spielen. Trotzdem wird seit eh und je gelogen, selbst in der Wissenschaft, die ihrem Wesen nach der Wahrheitssuche verpflichtet ist.

Immer wieder gibt es Berichte über einzelne schwarze Schafe, die Forschungsergebnisse fälschen. Wie in anderen Fällen mangelnder Ehrlichkeit, so geht es auch hier darum, sich einen Vorteil zu verschaffen. Lügen können helfen, zu Geld, Macht oder Ruhm zu gelangen. Allerdings kommt es zum Beispiel auch vor, dass Menschen lügen, um andere nicht zu verletzen. Sprich: Beim Lügen handelt es sich um ein vielschichtiges Phänomen. Entsprechend facettenreich ist das Bild, das wissenschaftliche Studien davon zeichnen.

Beweggründe sind vielfältig

Wer bewusst etwas Falsches aussagt, der lügt. So unstrittig ist, was Menschen unter einer Lüge verstehen, so vielfältig sind die Beweggründe fürs Lügen. Wer lügt, weil er eine Straftat begangen hat, darf mit weit weniger Nachsicht rechnen als jemand, der nur deshalb lügt, weil er einen anderen Menschen schonen möchte. Die Wahrheit kann schmerzhaft sein, und deshalb ziehen es manche vor, sie anderen vorzuenthalten.

Hinzu kommt, dass es nicht zu den menschlichen Vorlieben gehört, sich unbequemen Wahrheiten zu stellen. Dichter und Denker haben solchen Weisheiten wiederholt einen prägnanten Ausdruck verliehen, so beispielsweise die österreichischen Schriftsteller Ernst Ferstl und Alfred Polgar. „Die meisten Menschen haben vor einer Wahrheit mehr Angst als vor einer Lüge“, erklärte der 1955 geborene Ferstl, und von Polgar (1873 bis 1955) stammt dieser Satz: „Die Menschen glauben viel leichter eine Lüge, die sie schon hundertmal gehört haben, als eine Wahrheit, die ihnen völlig neu ist.“

Wer vor der Wahl steht, ehrlich zu sein und auf einen Vorteil zu verzichten oder aber zu lügen, befindet sich in einer Konfliktsituation. Solche Situationen sind im menschlichen Alltag allgegenwärtig. Ob es die Unternehmer oder Arbeitnehmer sind, die Steuererklärungen ausfüllen, oder die Schüler, denen sich bei einer Klassenarbeit die Gelegenheit zum Schummeln bietet: Sie alle müssen Entscheidungen treffen. Um herauszufinden, wie unterschiedliche Menschen mit solchen Situationen umgehen, versuchen Forscher, den Grundkonflikt experimentell nachzustellen.

Vielsagende Münzwürfe

Eine Möglichkeit besteht zum Beispiel darin, unbeobachtete Studienteilnehmer eine Münze werfen und das Ergebnis dann dem Studienleiter mitteilen zu lassen. Dies tun die Teilnehmer in dem Wissen, dass ein entsprechendes Ergebnis – etwa Kopf statt Zahl – mit einem Geldgewinn verbunden ist. Wenn sehr viele Versuche mit sehr vielen Teilnehmern zugrunde gelegt werden, müsste das Verhältnis von Kopf zu Zahl 50 zu 50 betragen. Studien zeigen jedoch, dass Kopf häufiger genannt wird. Mit anderen Worten: Es gibt immer Menschen, die um des eigenen Vorteils willen lügen.

Um sich einen Überblick zu verschaffen, welche persönlichen und Umgebungsfaktoren dabei eine Rolle spielen, hat sich eine Forschergruppe um Philipp Gerlach vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin die Ergebnisse von 565 Studien aus den vergangenen Jahren mit insgesamt gut 44 000 Teilnehmern angesehen. Ihre Erkenntnisse haben die Wissenschaftler kürzlich im Fachjournal „Psychological Bulletin“ vorgestellt.

Danach haben bei den in die Auswertung eingeflossenen Experimenten 42 Prozent aller Männer und 38 Prozent aller Frauen gelogen. Außerdem nahmen es jüngere Menschen mit der Wahrheit weniger genau als ältere. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand lügt, sinkt demnach statistisch mit jedem Lebensjahr um knapp 0,3 Prozentpunkte. Während sie bei einer 20-jährigen Person bei etwa 47 Prozent liegt, sind es bei einer 60-jährigen nur noch rund 36 Prozent.

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Die Gruppe um Gerlach macht in ihrer Veröffentlichung allerdings auch deutlich, dass für die Frage, ob jemand zum Lügen neigt, auch der jeweilige Hintergrund von Bedeutung ist. Anders ausgedrückt: Ein und derselbe Mensch kann sich in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich verhalten. Welches Ausmaß an Ehrlichkeit Studienteilnehmer an den Tag legen, hängt daher nach Darstellung der Experten stets auch vom Versuchsaufbau ab.

Dass Männer eher zur Unehrlichkeit neigen als Frauen, ist eine Vermutung, die Forscher schon lange beschäftigt. Zu den Studien, die eine Bestätigung dafür geliefert haben, gehört eine 2015 im Fachjournal „Economic Letters“ veröffentlichte Arbeit von Wirtschaftswissenschaftlern der Universitäten Hamburg und Regensburg. Bei einem Experiment waren die Studienteilnehmer aufgefordert worden, das Ergebnis von Würfelwürfen, die nur sie beobachten konnten, zu notieren und am Ende den Forschern mitzuteilen.

Ihnen winkte ein Gewinn: Es wurden so viele Euro ausgezahlt, wie Würfelaugen gezählt worden waren. Dabei galt die Einschränkung, dass es für sechs Augen kein Geld gab. Da bei den Würfen alle Augenzahlen gleich wahrscheinlich sind und eine Sechs nicht gerechnet wurde, hieß das, dass ein Durchschnittswert von 2,5 zu erwarten war. Auf dieser Grundlage zogen die Wissenschaftler aus den angegebenen Ergebnissen Rückschlüsse auf mögliche Lügen.

Lügen ist als Mitglied einer Gruppe wahrscheinlicher

Wie sich herausstellte, lag die Auszahlungsquote bei Männern im Durchschnitt bei 3,58, bei Frauen bei 3,40. Deutlicher als bei den Einzelpersonen wurden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, als die Forscher das gleiche Experiment mit Zweiergruppen machten, die entweder gemischt waren oder nur aus Frauen oder Männern bestanden. Bei männlichen Gruppen ergab sich eine Auszahlungsquote von 4,00, bei gemischten von 3,71.

Sehr viel niedriger, nämlich nur bei 2,74, lag das durchschnittliche Ergebnis bei den weiblichen Gruppen. Bedeutung maß die Forschergruppe um Professor Gerd Mühlheußer von der Universität Hamburg ihrem Ergebnis auch deshalb bei, weil soziale, wirtschaftliche und politische Entscheidungen oft von Gruppen getroffen werden. Mit Blick auf ethische oder unethische Verhaltensweisen könne deren Zusammensetzung durchaus von Bedeutung sein, hieß es.

In einer anderen Studie kamen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen lügen, zunimmt, wenn sie nicht allein, sondern als Mitglied einer Gruppe entscheiden. Die an der Untersuchung beteiligte Wirtschaftswissenschaftlerin Lisa Spantig von der Ludwig-Maximilians-Universität München erklärte das Ergebnis mit dem Hinweis, dass Gruppenmitglieder ihre Vorstellungen von richtigen und falschen Verhaltensweisen aufeinander abstimmten. Deshalb falle es Einzelnen in der Gruppe leichter, Normen anders zu deuten.

Vom Einfluss der Sprache

Zu lügen ist eine Sache, Lügen zu erkennen eine andere. Dies fällt besonders schwer, wenn der Lügner nicht in seiner Muttersprache spricht. Eine Erklärung hierfür haben die Psychologen Kristina Suchotzki und Professor Matthias Gamer von der Universität Würzburg im vergangenen Jahr im „Journal of Experimental Psychology“ vorgestellt. Die Schwierigkeit liegt demnach darin begründet, dass die Unterschiede bei der Zeit, die wahre und gelogene Aussagen in Anspruch nehmen, in einer Fremdsprache geringer ausfallen als in der Muttersprache.

Bei einer Reihe von Experimenten hatten die Würzburger Psychologen Studienteilnehmer Fragen beantworten lassen – mal wahrheitsgemäß, mal gelogen, mal in ihrer Muttersprache, mal in einer Fremdsprache. Manche der Fragen waren mit Emotionen verbunden. So sollten die Teilnehmer zum Beispiel angeben, ob sie jemals Drogen konsumiert hatten. Die Forscher maßen währenddessen unter anderem die Zahl der Herzschläge pro Minute und die Geschwindigkeit der Antwort. Grundsätzlich gilt nach ihren Angaben, dass das Aussprechen einer Lüge länger dauert als das einer Wahrheit. Weil in einer Fremdsprache aber auch Wahrheiten schwerer über die Lippen kämen, fielen die zeitlichen Unterschiede geringer aus. Dies gelte selbst bei den Fragen mit emotionalem Charakter.


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Leserkommentare
Michalek am 20.10.2019 17:37
Schüler brauchen keine Erhebungen und sie sollten nicht als Versuchskaninchen herhalten müssen.

Grundschüler brauchen Unterricht, der ...
aguahorst am 20.10.2019 16:55
In der Nähe von Wilhelmshaven baut man neue Kavernen, um damit Geld zu verdienen. In Bremen will man sie verfüllen und stilllegen.....was passiert ...
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