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Einfach nackt sein
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Das erste Mal als Aktmodell

Elena Matera 29.09.2018 1 Kommentar
Katja Fröhlich ist 21 Jahre alt.
Katja Fröhlich ist 21 Jahre alt. (Christina Kuhaupt)

Menschen sitzen um mich herum, sie beobachten mich. Ich stehe in der Mitte des Raumes und öffne meine Bluse. Es ist dieser kurze Moment, in dem ich das Unwohlsein spüre: der Moment des Ausziehens. Er ist schlimmer, als letztendlich nackt zu sein. Beim Ausziehen wird mir erst klar: Gleich stehst du hier nackt vor all diesen fremden Menschen. Es ist dieser Moment, an den ich mich noch gut erinnern kann. Das war vor einem Jahr – mein erstes Mal als Aktmodell.

Eine Freundin hatte mich auf die Idee gebracht, mich nackt zeichnen zu lassen. Sie ist Studentin an der Kunstakademie in Hamburg. Ich mache viel Yoga. Meine Freundin fand es daher total interessant, mich in meinen Yogaposen zeichnen zu können. Ich fand das Ganze auch irgendwie spannend. Einen Tag bin ich dann zusammen mit ihr nach Hamburg gefahren.

Drei Stunden lang saß ich in einem Kurs als Aktmodell. Eine merkwürdige Situation. Die gesamte Kunstakademie war ein einziger großer Raum. Ich stand also nicht nur nackt vor den Kursteilnehmern, sondern auch vor allen Studenten, die dort einfach so herumgelaufen sind. Meine Freundin war meine seelische Unterstützung. Sie saß direkt vor mir, hat mich gezeichnet und angelächelt. Das hat mir sehr geholfen.

Das Aussehen ist egal

Mittlerweile arbeite ich regelmäßig als Aktmodell. Das Ausziehen ist noch immer eigenartig. Sobald ich aber in meiner Pose bin, verfliegt das Gefühl des Unwohlseins. Es gibt dann nur noch mich und meinen Körper. Es ist schon fast ein meditativer Zustand. Ich fixiere einen Punkt an der Wand oder blicke aus dem Fenster und denke an nichts. Ich vergesse in diesen Momenten, dass ich nackt bin. Es ist eine mentale Arbeit, die mich stärker macht.

Manche Posen sind 30 Sekunden lang, andere können bis zu einer halben Stunde dauern. Das kann ganz schön anstrengend sein. Erst letztes Mal habe ich nach einer längeren Pose mein rechtes Bein nicht mehr gespürt. In der Pause bin ich dann nackt quer durch den Raum gehumpelt. Das war schon eine ziemlich skurrile Situation. Als Aktmodell lernt man mit der Zeit seine Grenzen und den eigenen Körper sehr gut kennen.

Viele Freunde sagen mir, dass sie das nicht könnten. Nackt vor anderen Menschen zu posieren, das ist ja auch eine Ansage. Ich fühle mich sehr wohl in meinem Körper. Ich bin jung und sportlich. Es ist auch völlig egal, wie ich aussehe. Die Kursteilnehmer wollen zeichnen. Sie wollen die menschliche Anatomie erfassen. Sie bewerten mich nicht, sondern sehen nur meine Formen, meinen Körper und nicht mich als Person.

Nicht mehr als eine Arbeit

In den Pausen kommen manchmal Kursteilnehmer zu mir und sagen, dass ich ganz tolle Posen gemacht habe. Die Atmosphäre ist vor allem bei den freien Kursen schön, in denen ältere Personen sitzen. Die zeichnen immer sehr konzentriert und bedanken sich nach jeder Pose bei mir. Ich fühle mich da sehr wertgeschätzt. Bei den Studenten wird hingegen gerne viel geredet, gelacht und gekichert. Das beziehe ich dann nicht auf mich. Ich verstehe das ja auch. Sie sind eben jünger und müssen den Kurs belegen, weil er auf dem Lehrplan steht.

Ich versuche mich einfach zu entspannen. Mein Kopf wird ganz leer, ich verbinde mich mental mit mir. Für mich sind die Stunden beim Aktzeichnen total heilsam. Viele Menschen verbinden mit dem Aktzeichnen leider gleich etwas Sexuelles, weil man ja nackt ist. Meine Mutter hat mich auch einmal gefragt, ob da Männer im Kurs sitzen. Das kann ich einfach nicht nachvollziehen. Die Kursteilnehmer wollen zeichnen, und ich halte die Posen. Mehr ist es nicht. Es ist eine Arbeit, die ich gerne mache.

Das Problem ist, dass nackt sein noch zu oft mit einem gewissen Schamgefühl besetzt ist. Insbesondere die sexuelle Komponente interpretieren die Menschen selbst hinein. Ich würde mir wünschen, dass das Nacktsein nicht so sehr mit Scham und Selbstwertgefühl behaftet ist. Wir alle sind nackt, wenn wir uns ausziehen. Jeder Körper ist schön auf seine ganz eigene Art und Weise. Nacktsein ist natürlich.


Aufgezeichnet von Elena Matera.

Zur Person

Katja Fröhlich ist 21 Jahre alt und studiert Philosophie in Bremen. Sie beschäftigt sich gerne intensiv mit der Psyche und den Verhaltensweisen der Menschen. Ihr großer Traum ist ein Psychologiestudium. Seit einem Jahr arbeitet Katja Fröhlich als Aktmodell in verschiedenen Kunsthochschulen und Zeichenkursen. Solange sie studiert, möchte die 21-Jährige diese Tätigkeit auch weiterhin ausüben.


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Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 20.09.2019 20:52
Das Wort ist halt zu lang:
„Nachindustriellervonmenschenverutsachterklimawandel“
Nun tun sie mal nicht so. Sie wissen genau was gemeint ...
E-biker am 20.09.2019 20:48
Ein verständlicher Kommentar, wenn man den Prozess gegen die "Glaubensbrüder" verloren hat...
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