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Die Deutschen sind Shopping-Weltmeister

Eva Przybyla 20.09.2019 0 Kommentare

In Deutschland stoßen die Textilproduzenten auf ein äußerst kauffreudiges Publikum – gefühlt ist das ganze Jahr über
In Deutschland stoßen die Textilproduzenten auf ein äußerst kauffreudiges Publikum – gefühlt ist das ganze Jahr über "Sale". (Gerten/DPA)

Bevor die Kleidung im Einzelhandel oder im Online-Shop landet, durchläuft sie diverse Chemiebecken und legt eine weite Reise zurück. Ein Hemd braucht etwa Fäden, Knöpfe und selbstverständlich den Stoff. Für den Stoff wird Baumwolle angebaut, mit Pestiziden besprüht und dann mit vielen Chemikalien bearbeitet. Der Stoff wird mit teils umweltschädlichen Substanzen gefärbt, weicher und seidiger gemacht. All diese Prozesse geschehen nicht an einem Ort, sondern an mehreren. Um das Hemd zu bearbeiten, verbrauchen die Fabriken der Textilindustrie viel Wasser und viel Strom. Und zum Konsumenten muss das Hemd häufig um den halben Erdball transportiert werden, was zusätzlich zu hohen Kohlendioxid-Emissionen führt.

Die deutsche Bekleidungsindustrie lässt die meiste Kleidung in China, Bangladesch und der Türkei produzieren. Für ihre Produkte findet sie in Deutschland äußerst kauffreudige Abnehmer: Die Konsumenten erwerben jährlich laut Umweltbundesamt im Durchschnitt zwölf Kilogramm Kleidung. Zur Einordnung: Ein Hemd wiegt etwa 200 Gramm, also müsste eine Person in Deutschland 60 Hemden in einem Jahr kaufen, um auf diese Zahl zu kommen. Laut Jugendverband des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kauft niemand so viel Kleidung wie die Deutschen. Nur die US-Amerikaner und die Schweizer shoppen ähnlich viel. Kritiker sprechen gern von „Fast Fashion“, einem Trend zur „Wegwerfkleidung“.

Kleidungsproduktion belastet die Umwelt

Das Umweltbundesamt zählt viele Gefahren für Mensch und Natur auf, die mit dem Modekonsum der Deutschen zusammenhängen: So wird 70 Prozent der gesamten Kleidung aus Synthetik hergestellt. Bei der Herstellung der Kunstfaser gelangen viele schädliche Stoffe in die Umwelt, etwa über die Luft und die Abwässer. Verwendet wird auch Mikroplastik, also winzige Plastikpartikel, die sich etwa beim Waschen der Kleidung vom Stoff lösen und über das Wasser von Pflanzen, Tieren und Menschen aufgenommen werden. Schädliche Chemikalien rund um die Herstellung von Kleidung sind etwa Färbemittel, gesundheitsgefährdende per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) und hormonell wirksames Nonyl-Phenol-Ethoxylat (NPE). Für ein Kilogramm Textil werde in der Verarbeitung bis zu ein Kilogramm Chemikalien eingesetzt, heißt es beim Umweltbundesamt.

Nicht viel besser sieht es beim Anbau von Baumwolle aus. Bisher entfallen beispielsweise rund 25 Prozent der weltweit verspritzten Insektizide und etwa zehn Prozent der Pestizide auf den Baumwollanbau. Der hohe Wasserverbrauch des Malvengewächses (3600 bis 26 900 Kubikmeter Wasser pro Tonne) führte unter anderem zum Austrocknen des Aralsees in Zentralasien.

Der Preis eines T-Shirts setzt sich aus verschiedenen Anteilen zusammen. Der Lohn für die Arbeiter ist hierbei der geringste Anteil.
Der Preis eines T-Shirts setzt sich aus verschiedenen Anteilen zusammen. Der Lohn für die Arbeiter ist hierbei der geringste Anteil. (Grafik Weser-Kurier)

Aber die Verbraucher sind nicht machtlos gegen diese Umweltbelastungen: „Jeder Einzelne kann etwas tun“, erklärt das Bundesamt. Konkret bedeutet das: bewusster Kleidung kaufen. So wird den Verbrauchern empfohlen, auf Siegel zu achten, die mehr über die Herstellung verraten. Wichtige Siegel sind der „Blaue Engel“ für Textilien, das Naturland-Siegel und das „Bluesign“. Letzteres hat vor allem zum Ziel, die Umwelteinflüsse der Textilindustrie zu verringern, indem es auch den Chemikalien-Einsatz und den Wasserverbrauch von Herstellern untersucht. Andere Siegel prüfen nicht nur die ökologische Nachhaltigkeit der Kleidung, sondern auch die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung. Dazu gehört etwa der international anerkannte „Global Organic Textile Standard“-Siegel, kurz GOTS. Die ausgezeichnete Kleidung muss zu mindestens 70 Prozent aus kontrolliert biologisch erzeugten Naturfasern bestehen. Bei GOTS zählen auch soziale Standards: Die Hersteller müssen das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit befolgen und ihren Mitarbeitern mindestens den örtlichen Mindestlohn zahlen.

"Grüner Knopf" nimmt Unternehmen genau unter die Lupe

Mittlerweile gibt es jedoch einen regelrechten Siegel-Dschungel in der Textilbranche. Hilfreich ist da das Internetportal Siegelklarheit.de, ein Projekt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Doch das Portal allein reichte offenbar selbst dem Bundesentwicklungsminister nicht aus. Gerd Müller (CSU) stellte kürzlich ein weiteres Gütesiegel vor: den „Grünen Knopf“ des BMZ. Auch dieses Label soll umweltfreundlich produzierte Kleidung sowie faire Arbeitsbedingungen auszeichnen. Nach Angaben von Müller ist das Besondere an dem Siegel, dass dafür das ganze Unternehmen gecheckt wird. „In dieser Tiefe prüft sonst keiner“, sagt er. Zunächst sollen die Prüfstellen wie etwa der TÜV jedoch den Baumwollanbau ausblenden und sich nur auf die Verarbeitung der Textilien konzentrieren. Müller zufolge sind das die Produktionsschritte Zuschneiden, Nähen und Färben. „Die Missstände sind dort besonders groß“, begründet er diesen Schritt. Eine Näherin in Äthiopien etwa verdiene gerade einmal 20 Cent die Stunde und habe nicht selten einen 16-Stunden-Arbeitstag.

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Doch Kritiker monieren Prüfung und Kontrolle als unvollständig. So findet Gertraud Gauer-Süß, dass es bereits genügend gute Siegel gibt, wie etwa das der „Fair Wear Foundation“. Sie engagiert sich für die Rechte von Arbeitnehmern in der Textilindustrie in der Bremer Regionalgruppe der Kampagne für Saubere Kleidung. Gauer-Süß kritisiert zudem, dass die gesetzten Standards nicht verpflichtend seien. Deshalb würden nur wenige Unternehmen tatsächlich die Bedingungen der Arbeitskräfte etwa in Bangladesch verbessern. Schuld daran seien nicht immer die Auftraggeber in Europa, erläutert Gauer-Süß. Auch für die Produzenten seien die Lieferketten häufig undurchsichtig.

Aber auch ohne Gesetz beobachtet Jürgen Janssen ein Umdenken in der Bekleidungsbranche. Er leitet das Sekretariat des Bündnisses für nachhaltige Textilien, das das BMZ nach dem Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch ins Leben rief. Bei dem Unglück starben 2013 mehr als 1000 Menschen, die Kleidung auch für europäische Firmen produzierten. Heute gehören dem Bündnis staatliche und nicht-staatliche Organisationen sowie Unternehmen an. Rana Plaza habe das Bewusstsein verändert, meint Janssen. „Wir wissen heute viel mehr über die Lieferketten als noch vor vier oder fünf Jahren.“ Und auch konkrete Verbesserungen habe das Bündnis erreicht. In Bangladesch hätten viele Hersteller die Sicherheit der Gebäude erhöht. Trotzdem komme es immer noch zu Unglücken, doch deren Häufigkeit und Schwere ginge zurück.

Janssen glaubt nicht daran, dass die Textilbranche in absehbarer Zeit zu 100 Prozent nachhaltig und fair produzieren wird. Konsumenten sollten deshalb ihre Kaufgewohnheiten ändern, empfiehlt er. Schon mit einem kritischen Blick beim Shoppen könne man etwas verändern.

Zur Sache

Die Schnäppchen haben ihren Preis

Super schnell und billig wird heutzutage Kleidung produziert, die neuesten Trends werden in rauen Mengen auf den Markt geworfen. „Fast Fashion“ heißt dieses Geschäftsmodell, das vor allem Billig-Ketten verfolgen. Doch die Schnäppchen haben ihren Preis: Sie bedeuten oft miserable Löhne für die Textilarbeiterinnen und eine hohe Belastung für die Umwelt. Statt mit der Mode zu gehen, empfehlen die Kampagne für Saubere Kleidung, Greenpeace und andere, besser wenige und dafür hochwertige Kleidungsstücke zu kaufen. Besonders ressourcenschonend ist es auch, Second-Hand-Artikel zu erwerben. Zudem kann man bei Kleidertauschpartys alte Sachen loswerden und dafür neue bekommen – ohne Geld auszugeben.

Die Antwort auf „Fast Fashion“ ist „Fair Fashion“. Mode, die fair und nachhaltig ist, aber auch hübsch und individuell aussieht. „Fair Fashion“ liegt im Trend. Auch in Bremen, es gibt immer mehr Läden und Labels.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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