Wetter: wolkig, 7 bis 15 °C
Interview mit Rüdiger Grube
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Ex-Chef der Deutschen Bahn: „Ich vergesse nie, wo ich herkomme“

Manfred Ertel 09.11.2018 0 Kommentare

Rüdiger Grube war acht Jahre lang Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn.
Rüdiger Grube war acht Jahre lang Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn. (Manfred Ertel)

Rüdiger Grube (67) ist ein Überzeugungstäter. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) weiß was er will und vor allem, warum. Das wird schnell klar, als Manfred Ertel ihn im Hotel „The Fontenay“ an der Außenalster zum Gespräch trifft. Und er sofort begeistert über sein aktuellstes Anliegen spricht, die Stiftung „Off Road Kids“, die in Hamburg und fünf anderen Städten mit „strenger Herzlichkeit“ Straßenkindern und jungen Obdachlosen hilft.

Sind Sie eigentlich ein Spätzünder?

Rüdiger Grube: Wenn man meinen Lebenslauf anschaut, könnte man das denken, bin ich aber nicht. Die familiären Umstände haben mich erst relativ spät starten lassen.

Ist Ihr für Top-Manager ungewöhnlicher Bildungsweg eher ein Beleg für Ihren Ehrgeiz oder für die Durchlässigkeit unseres Bildungssystems?

Für beides. Als ich fünf Jahre alt war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Meine Mutter hat dann immer darauf geachtet, dass mein Bruder und ich alles gleich hatten, Pullover, die Farbe der Hose, die Pudelmütze. Aber mein Bruder, der sehr viel intelligenter ist als ich, hatte damals durch die Trennung meiner Eltern einen Sprachfehler und konnte keine höhere Schule besuchen. Deshalb durfte ich auch nicht zur höheren Schule gehen. Ich habe mich letztlich gegen den Willen meiner Mutter mit 16 selbst auf der Realschule angemeldet, und dann alles mit viel Ehrgeiz und einem durchlässigen System nachgeholt.

Was hat Sie angetrieben, diesen Umweg bis zum Ziel zu gehen?

Ich hatte als Zehnjähriger mal ein Erlebnis, das nagte wie ein Stachel unter meiner Haut. Wir mussten bei einer Tante übernachten, weil meine Mutter im Krankenhaus lag. Die Tante fragte morgens am Frühstückstisch, was wir mal werden wollten, und ich sagte wie aus der Pistole geschossen: Pilot. Sie hat mich schallend ausgelacht und gesagt, du schaffst doch gar kein Abitur. Heute schmunzele ich darüber, damals hat mir das sehr wehgetan. Das war einer der ganz entscheidenden Antriebe.

Was können heute junge Menschen von Ihrem Bildungsweg lernen?

Nie aufzugeben und sich mit Winston Churchill zu beschäftigen: Wenn man erfolgreich sein will im Leben, muss man einmal mehr aufstehen als man hingefallen ist. Für mich beginnt Siegen im Kopf und Erfolg ist kein Schicksal.

Wie fühlen Sie sich gut anderthalb Jahre nach ihrem Ausscheiden bei der Bahn, sind Sie im Ruhestand angekommen oder noch im Abklingbecken?

Mit Sicherheit bin ich nicht im Ruhestand angekommen. Aber der Stress ist ein völlig anderer, weil ich mich ausschließlich auf Themen fokussieren kann die mir Spaß machen. Was Spaß macht, macht man gern. Und was man gern macht, macht man auch gut.

Können Sie nicht loslassen?

Ein Leben nur mit Freizeit ist nicht mein Leben. Das hängt sicherlich mit meiner beruflichen Sozialisation zusammen, dass ich immer kämpfen musste, immer ziemlich mit Speed unterwegs war, Das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, das ist mein Zuhause. Ich fühl’ mich glücklicherweise gesund und für mich ist das der richtige Weg. Und außerdem habe ich eine recht junge Frau, die auch sehr aktiv ist, und wenn man auf Augenhöhe wahrgenommen werden möchte, muss man sich selbst auch attraktiv und interessant halten. Von nichts kommt nichts.

Mehr zum Thema
Was wusste die Regierung?: Bericht: Millionen-Abfindung für Ex-Bahnchef Grube
Was wusste die Regierung?
Bericht: Millionen-Abfindung für Ex-Bahnchef Grube

Ex-Bahnchef Rüdiger Grube hat nach seinem Abgang beim bundeseigenen Konzern im vergangenen Jahr ...

 mehr »

Ärgern Sie sich als Fahrgast eigentlich genauso häufig über die Deutsche Bahn wie viele andere Passagiere?

Ich ärgere mich nicht, ich schäme mich, wenn ich teilweise die schlechten Leistungen erlebe, ich habe schließlich acht Jahre dort die Verantwortung gehabt. Ich fahre fast jeden Tag mit dem Zug oder fliege irgendwo hin, beides tut sich nicht viel, auch Flugzeuge kommen zu spät, und beides ist nicht gut.

Aber verstehen Sie, warum Züge schon beim Einsetzen in Hamburg Verspätung haben, die Zugreihung oft nicht stimmt oder Speisewagen schon früh morgens nicht betriebsbereit sind?

Nein, der Kunde braucht das auch nicht zu verstehen. Es muss der Anreiz sein für das Management, dass wir dort wirklich besser werden. Ich will aber auch nicht die Leistungen schmälern, die Bahn und auch Fluggesellschaften täglich bringen. Wenn man bedenkt, dass die Bahn täglich 37.000 Züge plus 6000 Güterzüge bewegt und 7,5 Millionen Menschen befördert. Manche Ursachen kommen ja auch von außen wie kürzlich das Drahtseil, dass über die Gleise gespannt war. Aber ich will gar nichts gesundbeten. Die Bahn hat viele Herausforderungen zu meistern. Doch dafür sind jetzt andere verantwortlich.

Was fühlen Sie, wenn Sie heute durch ihren Geburtsort Moorburg fahren?

Das macht mich auf der einen Seite sehr traurig, weil ich den Ort natürlich als Kind als blühendes grünes Dorf umgeben von Apfel- und Kirschplantagen erlebt habe. Wenn man heute durch Moorburg fährt, dann ist da zwar wieder etwas entstanden, weil die Hafenerweiterung doch nicht so schnell realisiert werden konnte wie man das damals vorhatte. Aber Moorburg ist nicht mehr Moorburg, Der Ort wirkt verlassen, verkommen, Es ist offen gesprochen nicht mehr meine Heimat.

Ihre Familie galt immer als überzeugte Anhänger der Sozialdemokratie. Was empfinden Sie beim heutigen Zustand der SPD?

Ich bin nie in der Partei gewesen, aber ich habe ein großes Herz für Menschen, die schwer arbeiten müssen, die morgens früh aufstehen und mit wenig Geld ihr Leben bestreiten müssen. Weil ich selbst aus so einer Welt komme und nie vergessen habe, wenn ich morgens um zehn aus der Schule kam und meine Mutter kein Geld hatte, um was zu essen zu kaufen. Ich möchte nie vergessen, wo ich herkomme und etwas für Menschen tun, die auf Unterstützung angewiesen sind. Der Zustand der SPD macht mich nicht nur traurig, sondern fast ärgerlich.

Weil die Wahl- und Umfrageergebnisse für die Sozialdemokraten nicht gerecht sind?

Weil ich finde, dass die Sozialdemokraten gute Politik gemacht haben und auch immer noch machen, und sich das in den Wahlergebnissen nicht widerspiegelt. Man muss sicher differenzieren, Bayern ist anders zu sehen als Hamburg. Aber ich finde, dass die SPD in Hamburg eine sehr gute Arbeit gemacht hat und auch noch macht. Und ich kann nur alle Daumen drücken, dass wir in Hamburg auch weiterhin so stabile politische Verhältnisse haben werden.

Hätten Sie gerne über einen Wechsel in die Politik nachgedacht?

Das reizt schon ein bisschen (lacht). Und es hat mich geehrt, dass ich in Hamburg gefragt worden bin, als ein neuer Wirtschaftssenator gesucht wurde. Aber es gibt ein altes Sprichwort: Schuster bleibt bei deinen Leisten.

Mehr zum Thema
Neuer Job bei Wall-Street-Haus: Ex-Bahnchef Grube heuert bei US-Investmentbank Lazard an
Neuer Job bei Wall-Street-Haus
Ex-Bahnchef Grube heuert bei US-Investmentbank Lazard an

Vom Staatskonzern zur Investmentbank: Mit 65 Jahren, wenn andere in Rente gehen, probiert Rüdiger ...

 mehr »

Was läuft falsch in der Politik, dass politische Arbeit so wenig gewürdigt wird, wie es derzeit den Altparteien widerfährt?

Das muss man sicher differenzieren. Aber ganz allgemein muss man wohl sagen, dass die Menschen sich durch viele, die in der Politik tätig sind, nicht mehr vertreten fühlen, die sind für viele Menschen nicht mehr als Vorbild wahrnehmbar. Und es fehlt an Führung. Man muss als Politiker am Puls der Wähler sein, das fehlt häufig.

Kann ausgerechnet der Aufsichtsratsvorsitzende einer durchaus zweifelhaften Fondsgesellschaft wie BlackRock, Friedrich Merz, das Symbol für politische Erneuerung der Kanzlerpartei CDU sein?

Ich kenne Friedrich Merz sehr gut, wir sind gut befreundet und sein Leben ist sicher nicht nur das von BlackRock. Der Mann hat große Stärken, der Mann kann führen, hat Visionen, er ist hochintelligent. Merz  ist allemal ein Kandidat, dem ich das zutraue. Ich kenne aber auch Annegret Kramp-Karrenbauer sehr gut, habe sie als Ministerpräsidentin des Saarlandes regelmäßig getroffen. Ich habe vor ihr großen Respekt und war immer tief beeindruckt von ihrer Professionalität, dem Ehrgeiz und der Verbindlichkeit, Ich kann mir auch sie gut als CDU-Vorsitzende vorstellen. Wen ich mir nicht vorstellen kann, ist Herr Spahn.

Warum nicht ?

Er hat keine ausreichende Erfahrung, aber immer, mit Verlaub,  ‘ne große Klappe. Mein Typ von Politiker ist er nicht.

Muss man als Ex-Politiker, der 16 Jahre draußen ist und sich so dem großen Geld verschrieben hat wie Merz, nicht mal akzeptieren, dass seine Zeit vorbei ist?

Gehen Sie nicht davon aus, dass Friedrich Merz die Politik jemals gedanklich verlassen hat. Ich bin immer überrascht gewesen, wie tief er noch in den Themen drin steckt. Aber er hat sehr klug akzeptiert, dass Merkel die Bundeskanzlerin ist und sich vernünftigerweise entschieden, sich nicht tagtäglich in der Fraktion mit der Kanzlerin anzulegen. Jetzt geht es darum, eine neue Dekade vorzubereiten. Da ist er sicher jemand, der neue Impulse setzen kann, Deshalb sind meine beiden Kandidaten Kramp-Karrenbauer und Merz.

Zur Person:

Grube begann seine Managerkarriere auf Umwegen. Der Sohn Moorburger Ostbauern machte nach Haupt- und Realschule erst eine technische Ausbildung bei der „Hamburger Flugzeugbau“, studierte Fahrzeugbau und Flugtechnik an der Fachhochschule und später Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der Universität, promovierte in Kassel. Er war in Spitzenpositionen bei der DASA, Airbus und EADS sowie bei DaimlerChrysler tätig. Bevor er im Sommer 2017 in Hamburg den Aufsichtsratsvorsitz bei der HHLA übernahm, war er acht Jahre lang  Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn.

Eigentlich war seine Vertragsverlängerung um drei weitere Jahre bei der Bahn bereits beschlossene Sache. Bundeskanzlerin, Vizekanzler und der Verkehrsminister hatten ihr Okay gegeben, der Personalausschuss zugestimmt, als im Aufsichtsrat  auf einmal über einen Zwei-Jahres-Vertrag diskutiert wurde. Grube hielt das für mangelnde Wertschätzung und unternehmenspolitisch für falsch: „Die Bahn kann alles gebrauchen, nur nicht ständige Personaldiskussionen“. Er lehnte ab. Grube, der in zweiter Ehe mit der Star-Köchin Cornelia Poletto (47) verheiratet ist, sitzt in mehreren Aufsichtsräten, ist Chairman der Investmentbank Lazard in Frankfurt und berät diverse Unternehmen. 


job4u - Das Ausbildungsportal
job4u - Das Ausbildungsportal

job4u ist die regionale Plattform, wenn es um Lehren und Lernen geht. Neben dem WESER-KURIER, der Handelskammer und der Handwerkskammer Bremen machen sich hiesige Firmen für junge Leute stark. 

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 7 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %
WESER-KURIER Kundenservice
Leserkommentare
elfotografo am 22.10.2019 18:55
"Es ist doch ein Märchen, dass man mit einer Loge Geschäftskontakte akquiriert oder pflegt, geschweige denn Geschäfte abschließt."

Haben ...
FloM am 22.10.2019 18:51
@gorgon1:
Abgedroschen ist es den x-ten Kommentar mit undifferenzierten Anschuldigungen zu schreiben.

Die Erkenntnis, daß man Teil ...
Anzeige