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Sänger Lukas Nimscheck im Interview
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"Kinder sind früh ganz eigene Charaktere"

Manfred Ertel 22.12.2017 0 Kommentare

Begeistert Kinder mit Hip Hop: Lukas Nimscheck
Begeistert Kinder mit Hip Hop: Lukas Nimscheck (Manfred Ertel)

Im „Skurrilum“ am Spielbudenplatz auf St. Pauli ist es noch ruhig, als Lukas Nimscheck im Foyer des Spielehauses zum Interview bittet. Nur wenige Stunden später wird hier der Teufel los sein, wenn Besuchergruppen als Schnitzeljäger, Denksportler und Träumer in phantasievoll gestalteten Erlebnisräumen zum Beispiel den „Zoo des Todes“ überstehen wollen. Escape Games nennen sich die Mitmachspiele, die sich Nimscheck und die Kreativköpfe des Schmidt-Theaters ausgedacht haben. Nimscheck ist Mitgesellschafter der Spielhölle, die zum Renner auf dem Kiez avanciert ist. Als Kulturschaffender ist er trotz seines fast noch jugendlichen Alters von 29 Jahren bereits ein Tausendsassa. Der Autodidakt ist Autor, Liederschreiber, Musikproduzent. Er hat den „Tigerenten Club“ der ARD moderiert und ein Musical geschrieben. Seine Hauptleidenschaft gilt derzeit allerdings der Band „Deine Freunde“. Mit Hip Hop für Kinder im Grundschulalter füllen Florian Sump (36), Markus Pauli (39) und Nimscheck inzwischen Hallen mit mehreren tausend Zuhörern. „Deine Freunde“ sind bei Kindern Kult wie die „Drei Fragezeichen“ oder TKKG. Gerade kam ihr viertes Album auf den Markt: „Keine Märchen“.

Wohin ihn sein Weg in der Kultur einmal führen wird, bleibt für Nimscheck trotzdem eine offene Frage. Bei dem Gedanken daran wird der extrovertierte Künstler, der sonst so impulsiv und lebenslustig wirkt und sein Herz auf der Zunge trägt, auf einmal sehr nachdenklich: „Ich bin eher ein Typ, der auch Zukunftsängste hat“, sagt er dann leise, „der immer denkt, es könnte auch alles in die Grütze gehen. Deswegen halte ich mir wohl auch so viel Möglichkeiten warm“.

Frage: Wie fühlt es sich an, Kultfigur einer Generation von  Grundschülern und Frühpubertierenden zu sein?

Lukas Nimscheck: Angenehmer als man denkt, zumindest wenn man andere Leute fragt, die irgendwie prominent sind. Unsere Art von Kult oder besser, was die Kinder mit uns machen, ist sehr entspannt. Die toben sich eher im Konzert aus, sie  sind  textsicher und kulten mehr unsere Songs up als uns.

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„Deine Freunde“ gehen im Januar wieder auf große Deutschland-Tournee. Kommen da eigentlich mehr Kids oder mehr junge Eltern?

Das ist so ungefähr fifty-fifty. Wir haben schon bei der zweiten Tour gemerkt, dass inzwischen etwa fünfzig Prozent Eltern kommen und haben dahingehend auch unsere Musik etwas angepasst. Es ist jetzt mehr Familienentertainment als Kinderunterhaltung. Man kann sich das so vorstellen wie in großen Disney-Filmen, die auch für Erwachsene funktionieren. Wo die Eltern ein paar „Höh-höh“-Momente haben, und die Kinder ihre Dauerbespaßung. Inzwischen sind während der Konzerte auch die Bars ganz normal offen, und die Eltern können hinten in der Halle auch ein Bierchen trinken, während sich die Kinder vorne amüsieren. Die haben ihren eigenen Bereich vor der Bühne, damit die auch was sehen. Wir sind keine Band, wo man die Kinder abgibt. Wir sind nicht das Smaland wie bei Ikea. 

Was geht da eigentlich ab, wenn Sie vor tausend oder mehr Kindern spielen?

Das Gleiche, was auch bei einem Große-Leute-Konzert abgeht. Das ist unser Anspruch. Wir sparen nicht an Licht, Ton oder an Bühnenshow. Es gibt Nebel, Blitze, Konfetti, alle Dinge, die man für eine große Show braucht. Und vor der Bühne geht Geschreie, Gesinge, Getanze ab, vielleicht noch mehr als bei den meisten anderen Bands.

Ist die Zeit von Kinderliedern mit Rolf Zuckowski vorbei und stattdessen eher Hip-Hop angesagt?

Das wird uns immer so ein bisschen in den Mund gelegt, als wenn wir absichtlich in die Kindermusik reintreten würden. Machen wir aber gar nicht. Kinderlieder haben ihre Berechtigung, und ich finde auch, dass es nicht schlimm ist, ein einfaches Kinderlied gut zu finden. Aber ich glaube, das Zeitalter ist vorbei, in dem ein Erwachsener so tun muss, als wäre er ein Kind, um Kindermusik zu machen. 

Was war überhaupt der Anlass für die Gründung von „Deine Freunde“?

Wir hatten vorher schon in unterschiedlicher Konstellation zusammen Musik gemacht, kannten uns aber zu dritt noch nicht. Unser DJ und Produzent Markus hat ein Studio, wo wir uns durch Zufall mal getroffen haben. Da haben wir dann 2010 aus Spaß einen Song für Kinder aufgenommen, „Schokolade“, weil unser Rapper Flo damals in einer Kita arbeitete. Die hatten Sommerfest und wir dachten, das bringt Spaß, warum nicht. Dann haben wir weitergemacht und die ersten vier Lieder gleich an Rolf Zuckowski geschickt.

Warum gerade an Rolf Zuckowski, der ja damals „der“ Kindermusiker und praktisch ein Konkurrent war?

Weil wir einerseits wussten, dass er kein Arschloch ist und er sich das in jedem Fall anhören wird, egal ob er das jetzt mag oder nicht. Als der dann auf einmal auf unserem Anrufbeantworter war,  war das  so, als wenn du den Weihnachtsmann auf der Mailbox hast. Er hat totale Größe bewiesen, in dem er akzeptiert hat, dass wir  ganz anders sind als das, was er macht, Und wollte das trotzdem unterstützen. Er ist auch bis heute unser größter Förderer.

Ihre Kollegen waren musikalische Vollprofis. Florian Sump spielte Pop bei „Echt“ und Markus Pauli produzierte „Fettes Brot“. Wie kommt man da auf einmal auf Kiddie-Hip-Hop?

Das war keine Marketingstrategie. Es war eher so, dass wir alle fragend dagestanden und gedacht haben, was gibt es eigentlich für Acht- oder Zehnjährige, was auch deren Lebenswirklichkeit widerspiegelt? Wenn du einen Achtjährigen nach seiner Musik fragtest, dann hat er bevor es uns gab zum Beispiel gesagt, „ich hör gern Peter Fox“. Der macht geile Musik, der schnupft aber in einem seiner Songs auch die Asche wie Koks. Und das sind eben Texte, mit denen sich ein Achtjähriger nicht so gut identifizieren kann. Die vielleicht auch ein bisschen zu hart für ihn sind.

Einer der Songs heißt „Manchmal will ich einfach klein sein“ und klingt wie eine Vorlage.

Ich glaube jeder, der kreativ ist, wundert sich manchmal, wie schnell er erwachsen wird. Ich hab manchmal noch den Kopf von dem 18-jährigen Lukas, bin jetzt aber fast 30. Das geht Künstlern mit 50 auch so, dass sich im Kopf  gar nicht so viel verändert hat. Darum geht es auch bei unserer Musik. Die Sachen fühlen sich immer noch genauso an. Deswegen gehen uns auch die Ideen nicht aus.

Sie wollen sich mit Kindern verbünden, haben Sie mal gesagt. Was bedeutet das?

Das bedeutet auf jeden Fall nicht dieses pseudo-freche „Eltern sind doof“. Sondern es bedeutet, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen. Kinder sind auch mit zehn Jahren schon totale Charaktere. Aber sie werden immer alle in einen Topf geworfen. Wenn wir nach den Konzerten Autogramme schreiben gibt es da die ganz Nachdenklichen, es gibt welche, die sind super kritisch oder ganz aufgeregt, aber es sind immer eigene Charaktere. Das zu akzeptieren, ist wichtig.

Wären Sie ein guter Vater?

Ich hoffe das. Und Ich hoffe auch, dass ich bald einer sein werde. Ich weiß auf jeden Fall, wie ich’s machen will. Ob ich damit ein guter Vater bin, weiß ich natürlich nicht.

Also wollen Sie gerne Kinder haben?

Unbedingt. Es wird in meinem Fall ja nicht ganz einfach, Kinder zu haben, weil ich mit einem Mann zusammen lebe. Aber einer der Gründe, warum ich nächstes Jahr heiraten möchte ist, auch adoptieren zu können.

Hat Ihre Musik einen pädagogischen Erziehungsfaktor?

Das ist ein doofes Wort. Wir vermitteln Werte. Wir singen darüber, was Verlässlichkeit und Zusammenhalten, was Freundschaft ausmacht, wie man Konflikte lösen und klären kann, und wie man dem Familienalltag mit Humor begegnen kann. Das ist vielleicht auch pädagogisch, aber nicht auf die doofe didaktische Art.

Eigentlich sind Sie Kulturarbeiter im besten Sinne: Moderator, Sänger, Autor, Filmemacher, Theaterproduktionsmanager. Fehlt eigentlich nur noch Voice of Germany.

Ich finde Casting-Situationen sehr, sehr unangenehm, das mache ich nicht. Aber ich bin jetzt auch nicht der allerbeste Sänger auf dieser Welt, ich frag mich sogar manchmal selbst, was ich eigentlich am besten kann. Und es gibt immer noch die Momente wo ich denke, irgendwann kommt mal jemand vorbei und sagt, das darfst du gar nicht, dir fehlt der Schein, das Zertifikat dafür. Ich bin immer noch am Ausprobieren.

Sie sind 29, Ihre beiden Freunde sind Ende 30. Wie lange kann man glaubwürdig Hip-Hop für Kinder machen?

Das ist eine sehr gute Frage. Aber die „Fantastischen Vier“ oder „Fettes Brot“ sind ja auch schon alle etwas älter. Das sind Bands, die mit ihrem Publikum mitgewachsen sind. Wir machen das bestimmt noch zehn Jahre, weil es wirklich der coolste Job ist, den ich mir vorstellen kann. Es kommt so viel Liebe dabei auf die Bühne zurück und so viel positive Emotion. Irgendwann nehmen wir dann unsere Songs und machen ein Musical daraus oder Hörspiele. Ist doch auch gut.

Was hat Sie von Ost-Berlin nach Hamburg verschlagen?

St. Pauli, tatsächlich. Ich wollte immer schon in den Kulturbetrieb, aber was man heute Hochkultur nennen würde, interessiert mich als Arbeitsfeld überhaupt nicht. Mich interessiert Entertainment, was bei Menschen sofort funktioniert, weil es emotionale Knöpfe drückt. Das habe ich auf St. Pauli sehr schnell gefunden. Ich habe beim Imperial Krimi-Theater angefangen, dann kam das Schmidt Theater. Ich liebe diese Art von Theater, eine sehr direkte Art von Kultur mit viel Humor. Da läuft nicht immer gleich eine nackte Oma mit Schweineblut über die Bühne. In Berlin gibt es keine vergleichbare Unterhaltungstheater-Szene.  Für mich, der gerne in dieser Kultur arbeiten und bestehen will, aber auch davon leben möchte, ist St. Pauli das perfekte Nest.

Interview: Manfred Ertel


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Leserkommentare
MaxHeinken am 21.10.2019 19:17
„Über die Hotline....“

...wenn man denn dort mal durchgestellt wird.
Diese Hotline ist leider immer überlastet und nicht zu ...
nizo800 am 21.10.2019 19:11
Werbung, ja bitte! Auch im Weser-Kurier. Aber, bitte, nicht in Form eines Artikels vorgetragen! Das ist hier Fall. Leider.
Martin Korol, Bremen
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