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Hypochondrie
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Krank vor Angst, krank zu sein

Bernadette Winter 02.06.2019 0 Kommentare

Der Leidensdruck bei Hypochondrie ist laut Experten enorm. Häufig suchen die Betroffenen wechselnde Ärzte auf.
Der Leidensdruck bei Hypochondrie ist laut Experten enorm. Häufig suchen die Betroffenen wechselnde Ärzte auf. (Monika Skolimowska/dpa)

Kopfschmerzen halten sie für einen Hirntumor. Schlägt das Herz schneller, könnte es ein Infarkt sein. Und dieses Husten gerade – ist das vielleicht ein Anzeichen für Lungenkrebs? So krank, wie viele Menschen denken, sind sie eigentlich nicht. „Ich bin Hypochonder“, sagen manche dann. Doch selbst diese Diagnose stimmt oft nicht. Was man umgangssprachlich unter Hypochondrie versteht, ist eher eine ganz leichte Form dieser Krankheit. Bei der ernsten Variante sprechen Experten von der hypochondrischen Störung – betroffen sind davon aber nur sehr wenige Menschen.

„Statistiken sprechen von 0,05 Prozent“, sagt Julia Scharnhorst vom Berufsverband Deutscher Psychologen. Andere Studien kämen auf 0,5 bis drei Prozent, ergänzt Sven Steffes-Holländer, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Chefarzt an der Heiligenfeld-Klinik Berlin. „Alltags-Hypochonder“, wie er das nennt, gebe es aber sicher mehr – fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung, schätzt er.

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Varianten der eingebildeten Krankheit gibt es viele. Ein typischer Fall: Menschen, in deren Bekanntenkreis jemand schwer erkrankt oder sogar stirbt, erkennen bei sich manchmal ähnliche Symptome und Beschwerden. „Das sind jedoch keine hypochondrischen Ängste“, sagt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes für Psychiatrie und Psychotherapie.

Meist sei diese Unruhe nach ein paar Wochen oder einem Arztbesuch wieder vorbei. Sie empfiehlt in diesen und ähnlichen Fällen einen gemeinsamen Realitäts-Check in der Familie oder unter Freunden. Gibt es tatsächlich Risikofaktoren? Oder eine genetische Vorbelastung? Spreche die Familie offen über Gefühle und Ängste, habe das ebenfalls einen präventiven Effekt. Und auch Verfahren wie progressive Muskelentspannung, Yoga oder autogenes Training könnten dabei helfen, harmlosere Krankheitsängste in den Griff zu bekommen.

Ärzte-Hopping als Folge

Wer dagegen an einer hypochondrischen Störung leidet, entdeckt nicht nur Symptome – sondern befürchtet konkret, zum Beispiel an Krebs oder einem Herzleiden zu sterben. Und meist braucht es dafür nicht viel: „Viele dieser Krankheiten beginnen mit unspezifischen Symptomen, die auch unter Stressbelastungen auftreten können“, erklärt Steffes-Holländer. Sehstörungen etwa, Schwindel, Brust- oder Bauchschmerzen und Übelkeit.

Doch anstatt die Beschwerden etwa mit Stress zu erklären oder anderen eher harmlosen Gründen, werden sie für die Betroffenen zum vermeintlich sicheren Todesurteil. „Das Denken kreist permanent um die Unversehrtheit des eigenen Körpers“, sagt Steffen-Holländer. Zu der schon fast zwanghaften Kon­trolle der eigenen Befindlichkeit komme der wiederholte Arztbesuch, wie Roth-Sackenheim erklärt. Beruhigen lassen sich die Patienten dadurch jedoch nicht. Vielmehr suchen sie immer noch weitere Ärzte auf. Denn: Der erste Arzt könnte ja aus Unkenntnis nichts entdeckt haben. Manch einer lässt so ohne Not unangenehme oder gar schmerzhafte Untersuchungen über sich ergehen.

Das Internet ist in dem Fall eher Fluch als Segen, sagt Scharnhorst. Seltene Symptome und Krankheiten seien schließlich immer nur ein paar Mausklicks entfernt. „Patienten suchen Erklärungsmodelle für ihre Beschwerden, wollen aber auch die Schwere ihrer Symptomatik beweisen“, sagt Steffes-Holländer. Belastungen würden vermieden, um nicht noch schlimmer zu erkranken, die Tagesstruktur sei dahin. „Viele können sich auf normale Alltagsaufgaben nicht mehr konzentrieren, im schlimmsten Fall wird man arbeitsunfähig“, schildert Roth-Sackenheim.

Ein Auslöser der echten Hypochondrie kann nach Angaben der Experten der plötzliche Verlust von nahe stehenden Personen sein. „Häufig beginnt die Störung schon zuvor, aber die Erfahrung ist dann der letzte Auslöser“, erklärt Scharnhorst. Auch Entzündungen oder Funktionsstörungen der Schilddrüse könnten Angsterkrankungen auslösen, betont Roth-Sackenheim. Diese Variante lasse sich gut mit Medikamenten wie Cortison oder Schilddrüsen-Hormonen behandeln. Ansonsten kämen etwa Antidepressiva oder eine Verhaltenstherapie zum Einsatz. Man könne lernen, gut mit den Angstsymptomen umzugehen, sagt Scharnhorst.

Verhaltenstherapie ist ein Ansatz

In eine Verhaltenstherapie seien oft die Angehörigen mit eingebunden, erklärt Steffes-Holländer. Gemeinsam werde nach einem Erklärungsmodell gesucht: Gab es etwa Eltern, die ängstlich-überbehütend auf körperliche Symptome geachtet haben? Die Therapie soll helfen, alternative Erklärungen für ein Unwohlsein zu finden und nicht zu häufig zum Arzt zu gehen. Der Patient setze sich bewusst mit seinen Ängsten auseinander. Auch Sport gehöre dazu, um das Vertrauen in den eigenen Körper wiederzugewinnen.

Auch die Frage nach der Rolle der Ängste ist wichtig: Ist es ein Weg, Aufmerksamkeit zu erhalten, überhaupt gesehen zu werden? Oder ist Hypochondrie eher eine Art, das eigene Gefühlsleben auszudrücken? Manchen gebe eine solche Angst auch die Legitimation, kürzer zu treten, im Beruf etwa, sagt Steffes-Holländer. Diese Menschen müssten vor allem lernen, legitime Gefühle und Wünsche nicht nur durch Symptome auszudrücken – und Hilfe anzunehmen.


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Leserkommentare
werderfan am 23.10.2019 21:15
Ich versuche das mal kurz für die Demokratiefreunde zu erläutern:
1. Der Umweltausschuss des Beirats Blumenthal tagt am nächsten Montag ...
IhrenNamen am 23.10.2019 21:02
Ich bin mal sehr gespannt wie sich das auf die Spendensumme auswirkt.
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