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Stephan B. postete Bekennervideo
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Mutmaßlicher Täter von Halle ist 27-jähriger Deutscher

09.10.2019

Polizisten stehen an der Mauer des jüdischen Friedhofs. Bei Schüssen in Halle sind zwei Menschen getötet worden.
Polizisten stehen an der Mauer des jüdischen Friedhofs. Bei Schüssen in Halle sind zwei Menschen getötet worden. (Sebastian Willnow/dpa)

Der mutmaßliche Täter der Angriffe in Halle (Saale), bei dem am Mittwoch eine Frau und ein Mann getötet wurden, soll in den sozialen Netzwerken ein Bekennervideo hochgeladen haben. In dem am Mittwoch verbreiteten Video ist zu sehen, wie offensichtlich in der Innenstadt von Halle geschossen wird.

Unter anderem zeigt das Video, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt. Die Aufnahmen stammen wohl von einer an einem Helm befestigten Kamera.

Zu Beginn des Videos ist zu sehen, wie der mutmaßliche Täter in Kampfanzug mit Waffen in einem Auto sitzt. Der Mann gibt in schlechtem Englisch extrem antisemitische Äußerungen von sich.

Bis zum Abend gab es keine Bestätigung der Behörden dafür, dass es sich bei dem Mann im Video um den Attentäter handelt. Zu sehen ist ein junger Mann mit kahlem Schädel in Kampfmontur. Er trägt ein weißes Halstuch. Ein solches Halstuch hatte auch der vermummte Täter getragen, der auf Aufnahmen von den Tatorten zu sehen war.

Das Video dokumentiert allem Anschein nach den Ablauf der Angriffe in Halle aus Sicht des Attentäters. Eine Version des Videos war auf der Streaming-Plattform Twitch zu sehen, wurde dort allerdings gleich wieder gelöscht.

In den Aufnahmen ist zu sehen, wie der Filmende vergeblich versucht, in die Synagoge an der Humboldtstraße zu gelangen. Die Tür bleibt allerdings verschlossen. Daraufhin schießt der Täter auf der Straße einer Passantin mehrfach in den Rücken, die ihn zuvor angesprochen hatte. Die Frau bleibt leblos neben dem Fahrzeug des Täters liegen. Es ist auch zu sehen, wie der Mann in Kampfmontur auf der Straße auf einen Mann zielt, seine Waffe hat aber wohl Ladehemmung. Das Opfer, vermutlich ein Kurierfahrer, kann unverletzt entkommen. „Pech“, sagt die Stimme des Filmenden.

Der mutmaßliche Täter fährt danach mit einem Auto durch die Stadt. Er sagt immer wieder auf Englisch, dass er ein „Loser“ (Verlierer) sei. Bei einem Döner-Imbiss in der Ludwig-Wucherer-Straße („Kiez-Döner“) steigt der Mann aus, geht in den Laden und schießt mehrfach auf ein Opfer. Anschließend schießt der Mann - so zeigt es das Video - auf eine Polizeistreife, die sich ihm in den Weg stellt. Der Mann berichtet an seine mutmaßlichen Livestream-Zuschauer, dass er am Hals angeschossen worden sei.

Das insgesamt knapp 36 Minuten lange Video liegt dpa vor. Es hat den Anschein, dass der Täter während der Tat per Livestream mit Personen kommuniziert.

Laut "Bild"-Zeitung fuhr Stephan B. nach der Tat in Halle um 13.30 Uhr bei einer Werkstatt im 15 Kilometer entfernten Wiedersdorf vor, einem Ortsteil von Landsberg. Dort habe er einen Elektriker angeschossen und sei mit einem Taxi, das in der Werkshalle stand, in Richtung A9 geflüchtet. An der Anschlussstelle Zeitz sei er dann auf die Landstraße B91 gefahren. Schließlich sei der Täter in dem Taxi-Fahrzeug von einem Lkw gerammt worden und habe festgenommen werden können. Die Polizei meldete gegen 13.44 Uhr auf Twitter, dass "eine Person festgenommen" worden sei. 

Das Vorgehen ähnelt dem Ablauf des Anschlags von Christchurch in Neuseeland. Bei dem Anschlag auf eine Moschee Mitte März waren 51 Menschen getötet und Dutzende verletzt worden. Dem mutmaßlichen Täter droht lebenslange Gefängnishaft. Er hatte den Anschlag mit einer Helmkamera live auf Facebook übertragen.

Bundesinnenminister Horst Seehofer sagte am Abend, die Angriffe in Halle hätten sehr wahrscheinlich ein rechtsextremistisches Motiv. „Nach Einschätzung des Generalbundesanwalts gibt es ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund“, teilte der CSU-Politiker in Berlin mit.

Die Polizei in Halle stufte die Gefährdungslage in der Stadt am Abend nicht mehr als akut ein. "Sie können wieder auf die Straße, die Warnungen sind aufgehoben", twitterten die Beamten. Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen. 

Während des Nachmittags hatten die Beamten die Bevölkerung gebeten, in ihren Wohnungen zu bleiben. Auf Twitter veröffentlichte die Polizei mehrere Telefonnummern für Hinweise. Das Bundeskriminalamt hat zudem im Internet ein Hinweisportal eingerichtet, auf dem Zeugen Fotos und Videos hochladen können. 

Polizisten gehen bewaffnet durch den Ort Wiedersdorf/Landsberg. Neben den Schüssen in Halle hat es auch Schüsse im rund 15 Kilometer entfernten Landsberg (Saalekreis) gegeben.
Polizisten gehen bewaffnet durch den Ort Wiedersdorf/Landsberg. Neben den Schüssen in Halle hat es auch Schüsse im rund 15 Kilometer entfernten Landsberg (Saalekreis) gegeben. (Jan Woitas/dpa)

Nach Angaben des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, hielten sich zum Zeitpunkt des Angriffs 70 bis 80 Menschen in der Synagoge auf, um den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur feierten. „Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen“, sagte Privorozki der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“. „Aber unsere Türen haben gehalten.“ 

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sagte am Abend: „Die Brutalität des Angriffs übersteigt alles bisher Dagewesene der vergangenen Jahre und ist für alle Juden in Deutschland ein tiefer Schock.“ Zugleich erhob er schwere Vorwürfe gegen die Polizei. „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös.“ Er fügte hinzu: „Wie durch ein Wunder ist nicht noch mehr Unheil

geschehen.“

Die Stadt Halle sprach von einer "Amoklage" und hatte die Bevölkerung ebenfalls eindringlich dazu aufgerufen, bis Wohnungen und Gebäude nicht zu verlassen oder an sicheren Orten zu bleiben. Oberbürgermeister Bernd Wiegand habe einen Stab für außergewöhnliche Ereignisse einberufen, informiert die Kommune.  Die Bundespolizei kontrollierte verstärkt Bahnhöfe und Flughäfen in Mitteldeutschland sowie die Verkehrswege nach Polen und Tschechien.

In mehreren Bundesländern, darunter Bremen, wurden am Mittwoch Sicherheitsvorkehrungen für Synagogen verstärt. 

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zeigte sich entsetzt über die Tat. „Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land.“ Er kehrte von einer Konferenz in Brüssel vorzeitig zurück.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte in Berlin, die Bundesregierung hoffe, dass der Täter oder die Täter schnell gefasst würden. Die Gedanken gingen „an die Freunde und die Familien der Todesopfer“, sagte er.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat am Mittwochabend an einer Solidaritätsveranstaltung an der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin teilgenommen. Auch Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) besuchte die Veranstaltung. Steffen Seibert nannte Merkels Besuch bei Twitter ein „Zeichen der Verbundenheit“. Er fügte hinzu: „Wir müssen uns geschlossen jeder Form von Antisemitismus entgegenstellen.“ Dazu setzte Seibert das Twitter-Schlagwort „#Wirstehenzusammen“. (dpa/rab/mmi)

++ Dieser Artikel wurde um 21.37 Uhr aktualisiert ++


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Leserkommentare
Gissmo am 23.10.2019 09:36
Danke für die konstruktive Antwort, man kann sich scheinbar ja doch noch ohne Beleidigungen hier im Kommentarbereich austoben, so machts doch allen ...
RalfBlumenthal am 23.10.2019 09:28
Was macht ein Ortsamtsleiter, der seinen Willen nicht bekommt ?
Er macht nichtöffentlich, was öffentlich gehört !
So geht das nicht, Herr ...
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