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Interview mit Schauspieler Devid Striesow
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„Theater ist wie Hochleistungssport“

11.01.2019 0 Kommentare

Devid Striesow wurde auf der Insel Rügen geboren.
Devid Striesow wurde auf der Insel Rügen geboren. (Tobias Hase/dpa)

Herr Striesow, Sie spielen in Theater, im Fernsehen und im Kino unterschiedlichste Charaktere. Welche dieser drei Bühnen ist Ihnen als Schauspieler die liebste?

Devid Striesow: Ich genieße es gerade sehr, Theater zu spielen und das Hamburger Schauspielhaus ist für mich die schönste Sprechbühne im deutschsprachigen Raum. Beim Theaterspielen ist man deutlich mehr ganzkörperlich gefordert als beim Drehen fürs Fernsehen oder Kino. Es fordert mehr Kondition und Konzentration und ist sehr viel zeitintensiver – allein dadurch, dass man bis zur Premiere eines Stücks sechs bis acht Wochen jeden Tag bis zu sechs Stunden probt. Theater ist wie Hochleistungssport. Immer, wenn ich nach einiger Zeit ans Theater zurückkehre, merke ich, dass mir genau das gefehlt hat. 

In diesem Jahr werden die beiden letzten Tatorte mit Ihnen ausgestrahlt. Sie haben die Zusammenarbeit auf eigenen Wunsch beendet. Warum wollten Sie nicht länger Kommissar Jens Stellbrink aus Saarbrücken sein?

Es war an der Zeit,  sich neuen Aufgaben zu stellen und aufgeschobene Projekte zu realisieren.  Dann kam sogar noch das Angebot vom ZDF dazu, den undurchsichtigen, ambivalenten Detektiv Andi Schwartz in der Krimireihe „Schwartz & Schwartz“ am Samstagabend zu spielen. Wunderbar!

Sie haben viele Auszeichnungen eingeheimst, unter anderem den renommierten Grimme-Preis. Wie wichtig sind Ihnen solche Preise?

Ich will jetzt nicht mit Billy Wilder sagen:  „Preise sind wie Hämorrhoiden. Früher oder später bekommt sie jeder.“ Mir bedeuten die Preise  viel, weil es immer eine Wertschätzung durch das Publikum oder einer Jury ist.  Besonders für den Filmschauspieler, der keinen Applaus vom Publikum bekommt, sind Auszeichnungen wie ein Ritterschlag.

Meistens spielen Sie besonders herausfordernde Rollen, extreme Charaktere. Gibt es für Sie eine Traumrolle, die Sie reizen würde?

Das hängt immer vom Drehbuch ab, nicht unbedingt von der Größe der Rolle. Ich würde jede toll geschriebene Rolle mit tollen Kollegen spielen. Und ja, ich würde mich auch freuen, wenn die Rollen so vielschichtig und vielfarbig bleiben würden, wie sie bisher für mich gewesen sind.

Vor Ihrer Schauspielausbildung haben Sie Musik studiert und eine Gesangsausbildung gemacht. Darüber hinaus spielen  Sie Klavier, Gitarre, Violine und Mandoline. Welche Musik hören Sie und wann?

Ich bin absoluter Klassikfan, höre gern Beethoven, aber vor allem Bach. Schon als Kind habe ich sehr viel Klassik gehört und vor dem Spiegel dirigiert. Das hat mich in meinem Leben immer begleitet. In Phasen, in denen ich mit mir im Reinen bin, höre ich ausschließlich Klassik. In den zerrissenen Phasen, in denen ich mich beispielsweise mit einer Rolle aufs Glatteis wage, höre ich vornehmlich entsprechende Musik, klar.   Von Bad Religion bis  Wahnsinns-Rock’n’Roll von Linkin Park.

Hören Sie Musik nebenbei oder nur konzentriert?

Ich bin jemand, der zu allen Gelegenheiten und auch gleich morgens nach dem Aufstehen Musik hört. Für mich ist Musikhören wie Emotion-Doping. Mit Musik komme dem nahe, was ich an mir mag. 

Ab 18. Januar sind Sie am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ in der männlichen Hauptrolle des George zu sehen. Haben Sie noch Lampenfieber? 

Ja. Kurz  bevor man die Bühne betritt, denkt man: „Schaffe ich es?“ Diese Bewältigungsangst gibt es  immer.

In dem Klassiker von Edward Albee von 1962 geht es um die Zerstörung einer Ehe, Wunschbilder und  Lügen, und zum Schluss bricht alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ein Ehe-Drama halt. Was ist für Sie unabdingbar, damit eine Beziehung gelingt?

Ich weiß es nicht. Es gibt keine Faustregel, das ist sehr individuell. Oftmals gibt es ältere Paare, von denen man sich vielleicht etwas abgucken kann. Da kann man immer nur hoffen, dass es solange hält, wie es sich beide wünschen.

Wie viel Persönliches steckt in der Erarbeitung einer so extrovertierten Männerrolle wie George?

Eigentlich ist George ja am Anfang eher der „Klemmi“ unter den Vieren. Die Herausforderung ist, als extrovertierter  Schauspieler einen verklemmten Charakter zu spielen. Es geht nicht um die Eigenschaften des Schauspielers. Man muss eine Rolle glaubwürdig für 1200 Zuschauer spielen, für ein großes Publikum. Das ist die Bühnenrealität.

Ist Schauspielerei für Sie eher Handwerk oder Kunst?

Meine Meinung dazu ändert sich  alle paar Jahre (lacht). Im besten Fall ist es eine Mischung aus beidem. Und es hängt immer von der Aufgabe ab: Nicht jedes Spiel ist gleich. Theaterspielen ist für mich auf jeden Fall eine Kunstform, an der man festhalten sollte. Theater ist für das breite Publikum eine Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern. Schauspielen kann sicherlich nicht jeder erlernen wie ein Handwerk und das will ja auch nicht jeder. Dazu braucht es zu viel Selbstaufgabe.  Es geht darum, möglichst unbeschadet viele Facetten von sich zu zeigen, die aber nicht in die Tiefe blicken lassen. Für mich ist Spielen dann gelungen, wenn man so eine Tiefe erreicht, dass es andere wirklich berührt.  

Machen Ihnen die Veränderungen durch die neuen Nationalisten in Europa und der Welt oder auch die AfD in Deutschland Angst? 

Ja, das macht mir Angst. Aber vor allem verstehe ich nicht, dass die Medien diese Personen, diese austauschbaren Männchen wie Trump, immer wieder in den Mittelpunkt des Interesses stellen statt vor den politischen Strömungen zu warnen.

Sie sind in Rostock aufgewachsen und waren 16 Jahre, als die Mauer fiel. Sind für Sie die alten und die neuen Bundesländer nach fast 30 Jahren zusammengewachsen?

Ich kann das nicht allumfassend  einschätzen, weil ich viel unterwegs bin. Aber ich weiß, dass es Orte im Osten von Deutschland gibt, wo die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sagen würde, dass Ost und West nicht zusammengewachsen sind. Für mich war der Mauerfall, die Wende, das größte biografische Ereignis. Nach Hamburg zu dürfen, wofür wir früher erschossen worden wären, wenn wir es nur versucht hätten, war etwas ganz Großes. Wenn ich aktuell Bilder im Fernsehen vom Mauerfall sehe, kommen mir heute noch die Tränen.

Sehen Sie sich als Ostdeutscher oder als Europäer?

Wenn man anfängt, zu dieser Frage eine Antwort zu formulieren, hat man immer das Gefühl, man landet im Politiker-Argumentationsmodus. Ich bin der Meinung, wir müssen in komplett anderen Dimensionen denken, oder denken lernen, um unseren Lebensraum zu erhalten und neu zu gestalten. Da werden Ost-West-Denkschemen ganz klein

Was verbinden Sie mit dem Begriff Heimat?

Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Das kann auch ein Hotelzimmer sein, wenn ich meine persönlichen Dinge bei mir habe. Das gilt gerade für mich, da ich enorm viel unterwegs war in den vergangenen Jahren.

Sie haben einen erwachsenen Sohn und zwei weitere Kinder. Was geben Sie denen mit auf den Weg?

Ich versuche, sie so wenig wie möglich zu reglementieren, was schon schwierig genug ist. Ich habe durch meine eigene Biografie gelernt, dass Reglements, ob durch einen autoritären Staat oder ähnliches, zu nichts Gutem führen. Jedem die eigenen Möglichkeiten bewusst zu machen und mit Lob zu befeuern, hat die positivsten und nachhaltigsten Auswirkungen. So denke ich.

Was gefällt Ihnen an Hamburg?

Es ist die Mentalität, die mir gefällt. Hamburg ist eine coole, offene Stadt.

Die Fragen stellte Barbara Glosemeyer.

Info:

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ Premiere 18.1., 19.30 Uhr am Schauspielhaus (nur noch wenige Karten erhältlich), neun weitere Vorstellungen bis 6.6., Kartentelefon (040) 248713, www.schauspielhaus.de

Zur Person

Devid Striesow wurde am 1. Oktober 1973 auf der Insel Rügen geboren. Die ungewöhnliche Schreibweise seines Vornamens verdankt der Sohn eines Elektrikers und einer Säuglings- und Kinderkrankenschwester seinen atheistischen Eltern, die den Namen von der biblischen Schreibweise David absetzen wollten. Er wuchs in Rostock auf. Nach seiner Schulausbildung zog er nach Berlin, um eine Lehre als Goldschmied zu beginnen. Doch der Mauerfall 1989 änderte seine Lebensplanung, so dass er wieder zur Schule ging, um das Abitur zu machen. Zunächst studierte er Musik. Nach dem Zivildienst bewarb er sich an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Er hat einen erwachsenen Sohn und zwei weitere Kinder.


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Leserkommentare
suziwolf am 21.10.2019 14:16
„The satirist has black humor, hasn‘t he ?
Otherwise he wouldn‘t be Jan Böhmermann.“

Auf jeden Fall - die Werkstofftonne braucht ...
Wunderland2019 am 21.10.2019 14:13
Zuallererst ist es für die Beschäftigten, die ihre Jobs verlieren werden, sehr bedauerlich.
Es war allerdings zu erwarten das Kürzungen der ...
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