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Interview mit Nils Binnberg
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„Vegan-Sein erschien mir als Weg zur Unsterblichkeit“

Deike Diening 25.03.2019 10 Kommentare

Nils Binnberg, Autor ; fotografiert in Berlin-Kreuzberg. Foto: Thilo Rückeis
Nils Binnberg (Thilo Rückeis TSP)

Herr Binnberg, was haben Sie heute gegessen?

Nils Binnberg: Eine Pizza mit Büffelmozzarella und Kirschtomaten. Zum Frühstück gab es Amaranth-Poppies mit Beeren und Hafermilch.

Hört sich gesund an. Zu welchem Food-Trend gehört das?

Zu gar keinem, mein Essen hat kein Label mehr, das ist eine große Befreiung. Ich esse Amaranth jetzt nicht mehr, weil es kein Gluten hat, sondern weil ich das nussige Aroma mag. Acht Jahre lang bin ich allen möglichen Ernährungstrends gefolgt, bis ich in dem Versuch, möglichst gesund zu essen, krank geworden bin: Orthorexia nervosa.

Sie sagen, Sie seien am Ende 20 Ernährungslehren gefolgt. Widersprechen sich die nicht?

Man muss das nur nacheinander machen. Bei mir fing es an mit Low-Carb, darüber kam ich zur Paleo-Diät, das ist die Steinzeit-­Diät mit viel Fleisch, tierischen Produkten, Eiern, Fisch. Dann landete ich irgendwann bei vegan, der rein pflanzlichen Ernährung. Das war für mich die Königsklasse. Es war die reine Lehre, „clean eating“, was bedeutet, dass man keine industriell verarbeiteten Lebensmittel zu sich nimmt und nichts, das mehr als fünf Zutaten hat. Vegan-Sein erschien mir wie der Weg zur Unsterblichkeit. Ernährungslehren haben ja auch etwas extrem Religiöses. Ernährung formt unsere Identität. Und sobald man sich einer Lehre verschreibt, missioniert man ja auch andere.

„Ab 12 bis alle is“ - unter diesem Motto gibt's im Karton täglich einen Mittagstisch.  Genauso bunt wie die Auswahl an Gerichten ist auch das Lokal selbst: Die Einrichtung ist alternativ und improvisiert.
 Adresse: Karton, Am Deich 86, 28199 Bremen.
In der Bremer Neustadt serviert das Restaurant Kuß Rosa nicht nur in der Grillsaison vegan-vegetarische Speisen. "Unsere Küche... biologisch-undogmatisch", wirbt das Lokal. 
Adresse: Kuß Rosa, Buntentorsteinweg 143, 28201 Bremen.
 
Das Cafe Frida in der Bremer Neustadt serviert eine große Auswahl an vegetarischen Gerichten, darunter auch deutsche Klassiker. 
Adresse: Cafe Frida, Pappelstraße 73, 28199 Bremen.
 
Fast Food vegan: Whöner, Currywurst, wechselnde Suppen und Tagesgerichte und sogar Kuchen serviert Marc Moog in seiner Veganbar in Findorff. 
Adresse: Veganbar, Admiralstraße 97, 28215 Bremen.
Fotostrecke: 20 Restaurants, die Veganer und Vegetarier in Bremen kennen sollten
Sie auch?

Ich war Missionar und Nervensäge in meinem Freundeskreis. Ich habe die Augenbrauen hochgezogen und gesagt: Bist du verrückt? Kartoffeln? Es ist 18 Uhr, das wird dein Körper nicht mehr verstoffwechseln! Der Presse­chefin eines großen Modehauses habe ich erzählt, dass wir alle als Säugetiere vor 12 Uhr mittags im Verstoffwechselungsmodus sind und bis dahin 80 Prozent unserer Flüssigkeit – im Idealfall stilles Wasser – zu uns genommen haben müssen.

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Welcher Lehre folgt das?

Das hatte ich irgendwo aufgeschnappt, es hatte sich bei mir eingebrannt. Kürzlich traf ich diese Frau wieder und erzählte, dass ich nun an einem Buch schreibe, in dem es darum geht, Ernährungsmythen zu demaskieren. Sie fragte: Und wie ist das mit dem Wassertrinken vor 12? Wenn sie seitdem um 13 Uhr auf die Uhr geschaut hat, hat sie ihre Kollegen angeguckt und gerufen: „Ach du Scheiße! Der Nils hat gesagt ...“ Ich habe mich entschuldigt.

Offenbar ist so etwas ansteckend.

Das ist wie ein Staffelstab, den man übergibt. Und alle Ratgeberliteratur auf diesem Gebiet funktioniert auch auf die gleiche Weise: Ein Protagonist steht vor dem Scherbenhaufen seiner Existenz, hat vielleicht Herzleiden, ist von Übergewicht geplagt, fahrig, unkonzentriert. Dann wird die Ernährung umgestellt, und handstreichartig ist er total fit, optimiert, leistungsstark. So eine Geschichte hat eine hohe Überzeugungskraft.

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Nach vier Jahren mussten Sie jeden Tag etwas Grünes essen, zwei Liter Wasser trinken, Speisen minutenlang kauen. Sie hatten Magenschleimhautentzündungen, eine Dünndarmbiopsie, eine Magenspiegelung – alles unter der Flagge der Gesundheit.

Diese Widersprüche habe ich ausgeblendet, durch den starken Glauben daran, auf dem richtigen Weg zu sein. Ich habe morgens Avocado, Früchte und Samen gegessen. Es ging vor allem um das, was ich nicht aß. Deshalb hatte ich total viel Hunger und bin wie jeder, der Hunger hat, total gereizt gewesen. Gar nicht so leistungsfähig, wie es immer heißt. Und von den Smoothies bekommt man Durchfall.

Nach wie vielen?

Schon nach einem, wenn man es nicht gewöhnt ist. Das ist einfach zu viel Information auf einmal für den Körper, extrem viele Ballaststoffe. Ich hatte auch panische Angst vor Brot. Ich dachte, ein Bissen, und die Wampe ploppt wieder über.

Wie konnte es so weit kommen?

Hinter einer Orthorexie verbirgt sich ein heimlicher Abnehmwunsch. Ich war schon als Jugendlicher unzufrieden mit meinem Körper. Meine Arme kamen mir trommelstabdünn vor. Ich hab’ in der Brüllhitze des Sommers zwei Longsleeves übereinander getragen, um die Arme zu verstecken. Ständig hörte ich, ich sei zu dünn. Der Junge kriegt nicht genug zu essen.

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Sie schreiben von einem Schlüsselmoment im Urlaub, einem Abend im Hotelzimmer mit Ihrem Freund auf Capri. Durch seinen abschätzigen Blick merkten sie plötzlich, dass Sie einen Bauch haben.

Ich hatte das so noch nicht gesehen, und damit fing alles an. Ich war 33 Jahre alt, und irgendwann hatte ich unbemerkt zugenommen. Plötzlich war ich „skinnyfat“, wie man sagt, also: dünn, aber mit Fett an den falschen Stellen. Also am Bauch. Da habe ich Panik bekommen.

Was haben Sie gemacht?

Ich bin in einem Münchner Fitnessstudio zu einem Sportmediziner gegangen und habe eine Impedanz-Fettanalyse machen lassen. Da wird der Widerstand von Fett und Muskelgewebe gemessen. Was aus dem Computer ratterte, sah ziemlich bedrohlich aus. Ich habe einen Ernährungsplan bekommen, der mir zeitgeistkonform ‒ es war 2010 ‒ vorgeschlagen hat, dass ich auf Kohlenhydrate verzichten sollte. Und ich habe einen Body-Pump-Kurs verschrieben bekommen, Training mit Langhanteln zur Discomusik.

Da war Low-Carb gerade in Mode.

Ehrlich gesagt, ich hatte Bio-Leistungskurs, aber als er meinte: Kohlenhydrate reduzieren! Die „bösen“ Dinge wie Brot, Nudeln und Kartoffeln habe ich sofort weggelassen, und siehe da, innerhalb von einer Woche war ich drei Kilo leichter.

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Drei Kilo in einer Woche?

Heute weiß ich, dass ich einem Trick aufgesessen bin: Wenn man Kohlenhydrate weglässt, verliert man in der ersten Woche zunächst unglaublich viel Wasser. Und eben kein Fett. Der im Muskelgewebe gespeicherte Mehrfachzucker hat die Besonderheit, dass er sehr viel Wasser speichert. In dem Moment, wo er aufgespalten wird, wird dieses Wasser abtransportiert. Ich hat­te drei Kilo Wasser verloren.

Wie hat Ihr Freund auf den neuen Nils Binnberg reagiert?

Alle fanden ihn gut. „Du siehst zehn Jahre jünger aus“ war das verbreitetste Kompliment. Für mich war es die Einstiegsdroge in eine wahnsinnige Welt der Ernährungsmythen.

Haben wir eigentlich keine anderen Sorgen, dass wir die richtigen Frühstücksflocken unser Leben bestimmen lassen?

Diese Frage finde ich immer etwas doof. Als wären das Luxusprobleme, aber die sind existenziell für eine wachsende Bevölkerungsschicht.

Es ist doch keine Religion.

Aber ein Ersatz. Der Veganismus zum Beispiel hantiert schon im Vokabular mit Begriffen, die wir aus der Religion kennen: Missionieren, Sünde, Scham, Moral. Wenn man sich die Speisegesetze der Veganer anguckt und die der Juden, dann sieht man plötzlich Ähnlichkeiten: Die Juden verzichten auf Schweinefleisch, aber nicht weil das Schwein unrein ist, sondern weil es einer gottgegebenen Ordnung auf dem Weg zur Perfektion nicht entspricht. Da sieht man die Nähe zum Veganismus.

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Ich dachte immer, es ginge dabei nur ums Tierwohl.

Beim Veganismus geht es immer mehr um Körpertuning. Es ist ähnlich wie beim Fitnessstudio, wo man sagt, man macht etwas für seine Gesundheit, aber in Wahrheit will man die Figur für den Strand. So isst man vegan, aber nicht wegen der Kuh. Unter dem Hashtag #vegan gibt es in den sozialen Medien über 70 Millionen Bilder, die beliebtesten sind dünne Frauen in Bikinis. Manche lassen sich dort mit ihrer Celine-Tasche, die dummerweise aus Leder ist, ablichten. Im Zeitalter des Selfies konkurriert eben die Tugendhaftigkeit mit dem Narzissmus.

Sie sagen heute, es sei ungesund, sich so viel mit Ernährung zu beschäftigen.

Erwiesenermaßen ist das ungesund! Diese Krankheit, die mich so lange begleitet hat, benennt genau das: ungesunde Fixierung auf gesunde Ernährung. Irgendwann habe ich einen Artikel in der „New York Times“ gelesen, in dem war von dem Phänomen Orthorexia nervosa die Rede. Ein Mediziner in der Nähe von San Francisco, Steven Bratman, hat 1997 diesen Namen begründet. Er war eigentlich Akupunkteur, Öko-Landwirt und Mediziner, als immer mehr Patienten in seine Praxis kamen, die ihm erzählten, was für neue Ernährungslehren sie aufgetan haben. Er merkte plötzlich, dass hinter dieser Tugendhaftigkeit eigentlich eine Störung steckt. Etwas Zwanghaftes, Psychisches. Und in dem Moment, wo man den Begriff geformt hat, ist das Phänomen da. So war es auch bei mir, ich saß im Büro und dachte: Oha! Es fühlte sich an, als hätte man mich beim Klauen erwischt.

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Sie waren ertappt.

Definitiv. Es war der Moment, als alles runterfiel, woran ich acht Jahre geglaubt hatte.

Sie zucken immer noch zurück, wenn Ihnen jemand einen Brotkorb reicht.

Das geht vielen Leuten so. Wenn ich in meinem Umfeld von Orthorexia nervosa erzähle, kommt sofort: Ich glaube, ich bin da auch nicht so weit entfernt. Dass diese Krankheit noch nicht anerkannt ist, ist zweitrangig. Es ist erst einmal wichtig, dass man ein Problem erkennt. Viele Psychologen glauben, dass die Orthorexia eine Vorstufe ist zu anderen Essstörungen, der Bulimie und der Anorexie. Wir alle haben inzwischen gelernt, dass es den Jojo-Effekt gibt und Diäten nichts nützen.

Haben Sie nach Ihrer Erkenntnis Ihr Leben umgekrempelt und alles anders gemacht?

Das geht gar nicht sofort. Die Zwanghaftigkeit und das Regelwerk ist ja auch ein starkes Ordnungssystem. Ich finde das jetzt alles fatal, rückblickend. Wenn man einmal aus dem Glauben raus ist, sieht man es plötzlich alles.

Was meinen Sie?

Über Essen lässt sich alles Mögliche vermeintlich fabelhaft kontrollieren. Dabei gibt es überhaupt keine ernährungswissenschaftliche Studie, die irgendeine Evidenz bringt über irgendeinen Effekt von irgendeinem Lebensmittel.

Bei der Tennisspielerin Venus Williams wurde 2011 die Autoimmunkrankheit "Sjögren-Syndrom" festgestellt. Bei der Krankheit greifen Immunzellen die Speichel- und Tränendrüsen an. Außerdem sorgte die Krankheit dafür, dass sich Williams oft müde fühlte und Muskelschmerzen hatte. Also stellte sie ihre Ernährung um. Nun isst sie vegan. 
Auch Schwester Serena Williams ist auf vegane Ernährung umgestiegen. Die aktuelle Nummer 1 der Tennis-Weltrangliste ist ihrer Schwester zuliebe seit 2012 Rohkost-Veganerin.
Levi Leipheimer ist ehemaliger US-amerikanischer Radrennfahrer. Er ist engagierter Tierschützer. In den Medien gehen die Meinungen darüber auseinander, ob er nun ein Veganer oder ein Vegetarier ist.
Carl Lewis ist ein ehemaliger US-amerikanischer Leichtathlet. Er zählt zu den erfolgreichsten Leichtathleten der Sportgeschichte. 1999 wurde er zum "Leichtathlet des Jahrhunderts" gekürt. Auch er ist Veganer und der Meinung: "Ein Mensch braucht keine Proteine aus Fleischprodukten um ein erfolgreicher Athlet zu sein."
Fotostrecke: Diese Spitzensportler ernähren sich vegan
Nicht mal so etwas wie fünf Stücke Obst oder Gemüse am Tag? Das kann doch nicht schaden.

Gar nichts! Das sieht man an ihrer Widersprüchlichkeit, Studien sind Glaubensbekenntnisse. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, höchste Instanz in Ernährungsfragen, macht die Grundlagen für ihre zehn Ernährungsregeln überhaupt nicht transparent.

Einer dieser Gurus veröffentlichte „Weizenwampe“. Wer sich so ein Buch kauft, ist doch Masochist, oder?

Absolut. Schlimmer noch sind diese ganzen Aktionspläne, wo Leute dazu aufgerufen werden, gesünder zu essen, obwohl wir gar nicht wissen, was das ist! Die Ernährungsempfehlungen von oberster Stelle, sei es von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung oder dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft – Frau Julia Klöckner, hallo! – finde ich extrem fahrlässig. Weil wir diese Evidenz eben nicht haben. Ich finde es nicht okay, dass sich die Politik da einmischt. Die ganze Debatte über die Lebensmittelampel zum Beispiel ist einfach hysterisch und zeigt, an welchem Punkt wir angelangt sind. Es steht doch schon jetzt auf jeder Verpackung drauf, was drin ist. Man kann das einfach lesen. Was spricht gegen eine Tüte Chips?

Acrylamid?

Das wird in Mengen analysiert, die kein normaler Mensch zu sich nimmt.

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Was hat Ihnen schließlich geholfen?

Auch die Frage einer Ernährungsberaterin: wie denn meine Großeltern sich ernährt hätten. Darüber habe ich verstanden, dass es erprobte Essensmuster gibt, die auf die Gesundheit gar keinen so großen Einfluss haben. Die hatten Sauerteigbrot, Schwarzbrot mit Krabben. Sie haben Nudeln und Kartoffeln gegessen. Mein Großvater väterlicherseits ist 90 geworden, die Mutter mütterlicherseits 85. Sie waren gesund.

Das Gespräch führte Deike Diening.

Zur Person

Nils Binnberg (42) arbeitete als Autor unter anderem für den WDR, die „Welt am Sonntag“ und Magazine wie „GQ“. In ­seinem Buch „Ich habe es satt“ erzählt der Journalist von seiner Essstörung ‒ die Suche nach gesundem Essen hatte ihn krank ­gemacht.

Weitere Informationen

Nils Binnberg: Ich habe es satt! Suhrkamp Taschenbuch, 173 Seiten, 12,95 €.


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Leserkommentare
WK-28203 am 22.10.2019 11:44
Nur leider sind die bestimmten Bahnen/Busse der BSAG schon überfüllt, dort gibt es einfach kaum noch Platz drin...

Um es mal direkt ...
peteris am 22.10.2019 11:19
Ach die "armen Landwirte". Monokultur,Massentierhaltung und Grundwasserverseuchung, sind das Markenzeichen der so "armen Landwirte", was auch noch ...
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