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Konfliktlösung im Tierreich
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Was das Sexualleben der Bonobos lehrt

Jürgen Wendler 23.09.2019 1 Kommentar

Bonobos, auch Zwergschimpansen genannt, sind dafür bekannt, dass sie einen friedlichen Umgang mit Artgenossen pflegen und die Sexualität als Mittel nutzen, um Konflikte zu lösen und Spannungen abzubauen.
Bonobos, auch Zwergschimpansen genannt, sind dafür bekannt, dass sie einen friedlichen Umgang mit Artgenossen pflegen und die Sexualität als Mittel nutzen, um Konflikte zu lösen und Spannungen abzubauen. (Kate Bartlett)

Aus Sicht des Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud (1856 bis 1939), ist das Selbstverständnis des Menschen in den vergangenen Jahrhunderten durch drei bahnbrechende wissenschaftliche Entdeckungen erschüttert worden. Der österreichische Mediziner sprach von drei Kränkungen.

Eine dieser Kränkungen ist nach seinen Worten mit dem Namen des Astronomen Nikolaus Kopernikus (1473 bis 1543) verbunden, der erkannte, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums steht und sich als ein Planet unter anderen um die Sonne dreht. Als zweite Kränkung betrachtete Freud seine eigene Erkenntnis, dass der Mensch nicht immer Herr seiner selbst ist, sondern auch von Trieben und unbewussten Einflüssen geprägt wird. Die dritte Kränkung schließlich verband er mit dem Begründer der modernen Evolutionstheorie, Charles Darwin (1809 bis 1882). Dieser konfrontierte die Menschheit mit der Botschaft, dass alle Lebewesen einschließlich des Menschen aus gemeinsamen Urahnen hervorgegangen seien. In der Folgezeit hat sich gezeigt, wie eng der Mensch mit Affen verwandt ist. Um mehr über die Ursprünge menschlicher Verhaltensweisen zu erfahren, sehen sich Wissenschaftler deshalb insbesondere das Verhalten dieser Tiere genauer an. Gelernt haben sie dabei einiges – zuletzt zum Beispiel vom Sexualleben der Bonobos.

Enge Verwandtschaft mit Menschen

Biologen rechnen den Menschen ebenso wie verschiedene Arten von Affen zu den Primaten. Unter diesen bilden die Hominoidea (Menschenartigen), denen im Gegensatz zu anderen Primaten der Schwanz fehlt, eine eigenständige Gruppe. Zu ihr gehören die Gibbons und die Menschenaffen, zu denen neben den Gattungen der Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen auch der Mensch gezählt wird. Schimpansen sind die nächsten Verwandten des Menschen und stehen daher häufig im Mittelpunkt von Studien. Zur Gattung der Schimpansen werden zwei Arten gerechnet, die Gemeinen Schimpansen und die genetisch sehr ähnlichen Bonobos, die auch als Zwergschimpansen bezeichnet werden.

Nützliche Zusammenarbeit

Menschen bilden Gruppen, grenzen andere Menschen aus, schließen Bündnisse, kooperieren und führen Kriege. Ohne Gruppen und Zusammenarbeit wäre der Mensch nicht zu dem geworden, was er ist. Schon die Menschen der Steinzeit waren darauf angewiesen, etwa bei der Jagd. Mit den Hintergründen des Miteinanders haben sich deshalb bereits die Gelehrten der Antike beschäftigt. So gingen beispielsweise griechische Denker wie Demokrit (ungefähr 460 bis 371 vor Christus) oder Protagoras (etwa 490 bis 411 vor Christus) davon aus, dass Menschen sich zusammengeschlossen und Staaten gebildet haben, weil sie so ihre Lebensbedingungen verbessern konnten. Der griechische Philosoph Platon (etwa 427 bis 347 vor Christus) zitierte seinen Lehrer Sokrates mit der Bemerkung, dass ein Staat nur deshalb entstehe, „weil keiner von uns auf sich allein gestellt sein kann, sondern vieler anderer bedarf“. Grundlage des Staates sei die Bedürftigkeit des Menschen, und das erste und wichtigste Bedürfnis sei das nach Beschaffung der Nahrung.

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Dass Menschen sich in dieser Hinsicht nicht von Tieren wie Schimpansen unterscheiden, steht außer Frage – ebenso wie die Tatsache, dass Eigenarten des menschlichen Gruppenlebens in ähnlicher Weise auch bei den Tieren anzutreffen sind. So haben Wissenschaftler zum Beispiel festgestellt, dass es bei Schimpansen eine stark ausgeprägte Bereitschaft zur Kooperation gibt. Die Tiere teilen ihre Nahrung, unterstützen sich gegenseitig bei Konflikten und verteidigen ihr Territorium gemeinsam gegen andere Schimpansengruppen.

Für Gemeine Schimpansen spielen Territorien beziehungsweise Reviere eine bedeutende Rolle. Immer wieder kommt es zu Situationen, in denen sich verschiedene Gruppen wegen ihrer territorialen Interessen feindselig begegnen – oftmals mit tödlichem Ausgang für einzelne Tiere. Dass Schimpansenmännchen einer Gruppe sich bei der Verteidigung ihres Reviers oder auch bei der gelegentlichen Jagd auf Säugetiere wie kleinere Affen gegenseitig unterstützen, ist vermutlich der Grund dafür, dass sie die Nähe von Geschlechtsgenossen suchen. Die Sozialstruktur der Gemeinen Schimpansen, so das Ergebnis einer 2017 im Fachjournal „Royal Society Open Science“ veröffentlichten Studie, hängt folglich mit ihren Kooperationszielen zusammen, etwa der gegenseitigen Unterstützung bei kriegerischen Konflikten. Der Hauptautor der Studie, Martin Surbeck vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, fasste das Ergebnis so zusammen: „Das Führen von Kriegen scheint einen fundamentalen Einfluss auf die Struktur einer bestimmten Gesellschaft zu haben.“

Friedliche Menschenaffen

Bonobos sind im Gegensatz zu Gemeinen Schimpansen dafür bekannt, dass sie in der Regel friedliche Beziehungen zu anderen Gruppen unterhalten. Dies bedeutet allerdings nicht, dass das Leben dieser Tiere völlig konfliktfrei wäre. Dass das Gruppenleben auch Nachteile bringen kann, zeigt sich unter anderem dann, wenn es gilt, Nahrung zu teilen oder Paarungspartner zu finden. Der Konkurrenzdruck ist in Gruppen größer. Bei Konflikten zwischen Bonobomännchen einer Gruppe verlassen sich diese vor allem auf die Hilfe weiblicher Tiere, insbesondere ihrer Mütter. Diese tragen dazu bei, Konflikte beizulegen. Mithilfe weiblicher Tiere gelingt es Männchen, ihr Ansehen in der Gruppe zu steigern.

Bestmöglich nutzen kann die Vorteile des Gruppenlebens grundsätzlich derjenige, dem es gelingt, zum Erreichen bestimmter Ziele geeignete Kooperationspartner zu finden. Für die Männchen unter den Gemeinen Schimpansen einer Gruppe sind dies bei Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen ihre männlichen Artgenossen. Wie aber verhält es sich bei den Bonobos? Bei diesen scheinen die Besonderheiten ihres Sexuallebens eine entscheidende Rolle für das soziale Miteinander einschließlich der Kooperation zu spielen, wie eine kürzlich im Fachjournal „Hormones and Behavior“ veröffentlichte Studie einer Forschergruppe um Liza Rose Moscovice vom Leibniz-Institut für Nutztierbiologie in Dummerstorf zeigt. Neben weiteren Wissenschaftlern gehört auch Martin Surbeck zu den Autoren.

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In populärwissenschaftlichen Texten werden Bonobos auch als Hippies unter den Affen bezeichnet. Dahinter steht die Tatsache, dass Sexualität für sie eine herausragende Bedeutung besitzt. Die häufigen Sexualkontakte mit verschiedenen Partnern erfüllen nach Einschätzung von Forschern bei ihnen nicht zuletzt den Zweck, Spannungen abzubauen. Bonobos gehören zu den wenigen Arten, bei denen alle erwachsenen Tiere sexuelle Kontakte zu Angehörigen des gleichen Geschlechts haben. Bei den Weibchen sind solche Kontakte sogar extrem häufig, während sie bei den Männchen vergleichsweise selten vorkommen.

Zur Erklärung reicht es Expertenangaben zufolge nicht aus, auf die Bedeutung des Abbaus von Spannungen und den Aufbau sozialer Bindungen hinzuweisen. Um die genauen Ursachen der häufigen Sexualkontakte zwischen den Weibchen zu ergründen, hat die Forschergruppe um Liza Rose Moscovice mehr als ein Jahr lang Daten zum Verhalten und zum Hormonstatus der erwachsenen Tiere einer Bonobogruppe in der Demokratischen Republik Kongo gesammelt. Die Wissenschaftler dokumentierten neben den sexuellen Kontakten auch, welche Gruppenmitglieder als Partner für andere soziale Aktivitäten ausgewählt wurden. Außerdem sammelten sie Urinproben, um die Konzentration des Hormons Oxytocin zu messen. Oxytocin wird zum Beispiel nach einem angenehmen Körperkontakt freigesetzt und fördert die Kooperation.

Weibchen bilden Koalitionen

Wie sich unter anderem herausstellte, stieg der Oxytocinspiegel bei den Weibchen nach sexuellen Kontakten mit anderen Weibchen an, nicht aber nach Kontakten mit Männchen. Tiere, die mehr Sex miteinander hatten, unterstützten sich häufiger bei Konflikten. Dies galt sowohl bei Kontakten zum gleichen als auch bei Kontakten zum anderen Geschlecht. In der Mehrzahl der Fälle wurden die Koalitionen aber von Weibchen gebildet. Um zu erklären, wie Weibchen dominante Stellungen in der Bonobogemeinschaft erreichen, liefert die größere Motivation zur Zusammenarbeit mit Geschlechtsgenossinnen nach den Worten von Surbeck einen möglichen Ansatz. Auch von Menschen ist bekannt, dass Bündnisse zwischen Mitgliedern des gleichen Geschlechts vorteilhaft sein können. Liza Rose Moscovice weist darauf hin, dass es wichtig sei, das gleichgeschlechtliche Sexualverhalten von Tieren nicht mit menschlicher Homosexualität gleichzusetzen. Die Studie mache aber deutlich, dass die gleichgeschlechtlichen sexuellen Kontakte neue Wege zur Förderung eines hohen Maßes an Kooperation eröffnet hätten.

Rituale fördern das Miteinander

Wie wichtig ein gutes Miteinander und die Zusammenarbeit für menschliche Gemeinschaften sind, lässt sich nicht zuletzt an den Ritualen ablesen. Dass Gottesdienste nach bestimmten Regeln ablaufen, macht sie zu einem Ritual. Gleiches kann aber zum Beispiel auch für Betriebs-, Geburtstags- oder Hochzeitsfeiern oder die Art gelten, in der andere Menschen begrüßt oder verabschiedet werden. Wissenschaftler vermuten, dass Rituale in der Entwicklungsgeschichte des Menschen zunehmend an Bedeutung gewonnen haben, weil sie das Miteinander fördern. Wer sich an einem Ritual beteiligt, drückt damit aus, dass er sich als Teil einer Gruppe versteht. An der Universität Heidelberg haben sich über viele Jahre Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sonderforschungsbereichs mit Ritualen beschäftigt. Sprecher war der Religionswissenschaftler Professor Axel Michaels. Von ihm stammt unter anderem der Hinweis, dass Rituale ein soziales Kapital bildeten, indem sie Vertrauen und Sicherheit vermittelten. Dieses Kapital lasse sich im privaten Miteinander genauso einsetzen wie in politischen oder wirtschaftlichen Beziehungen.


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Leserkommentare
peteris am 21.10.2019 12:30
Vielleicht wissen wir am 1.11. um 11:11h mehr.


Sie meinen sicher den 11.11. um 11:11h?
suziwolf am 21.10.2019 12:19
Und dann ... @kretschmar -
[auch wieder] eine gemeinsame Währung -

Das britische £ - Sterling -
europaweit jetzt ...
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