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Sierra Leone nach der Ebola-Krise
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Was Überleben bedeutet

Carolin Henkenberens 27.12.2018 0 Kommentare

So lange es nicht einstürzt, bleibt sie hier: Kandy Mariama steht vor ihrem Haus, das der Regen stark beschädigt hat. Die dreifache Mutter aus dem Dorf Kalia hat Ebola zwar überlebt, ist seither aber Witwe.
So lange es nicht einstürzt, bleibt sie hier: Kandy Mariama steht vor ihrem Haus, das der Regen stark beschädigt hat. Die dreifache Mutter aus dem Dorf Kalia hat Ebola zwar überlebt, ist seither aber Witwe. (Carolin Henkenberens)

Mohamed Kabia steht lachend in seinen Gummistiefeln und schaufelt den Dreck weg. Dass das, was er aus der Abwasserrinne zu Tage befördert, Essensreste, Plastikmüll und Fäkalien sind, kümmert ihn nicht. Alles muss auf einen Haufen – und dann auf den weißen Abfallwagen, der laut piepend durch die Straße fährt.

Das größte Armenviertel in Sierra Leones Hauptstadt Freetown ist ein Ort, an dem es nicht gerade einfach ist, für Ordnung zu sorgen. Markthändler drücken sich durch die engen Gassen, Schweine wühlen in modrigen Müllbergen nach Nahrung, laute Musik dröhnt von überall her. In den Häusern leben zehn, manchmal mehr Menschen, fließend Wasser gibt es nicht, Dutzende teilen sich ein Klo. Hier im Slum hatte sich Kabia mit Ebola angesteckt. Wochenlang kämpfte er um sein Leben, glaubte nicht mehr daran, dass er überlebt.

Jetzt, vier Jahre später, schiebt Kabia wieder und wieder seine Schaufel in die braune Brühe unter dem Gehsteig, holt eine undefinierbare Pampe heraus und schleudert sie zur Seite.

Hat Ebola überlebt: Mohamed Kabia (25). Heute ist er Mitarbeiter in einem Hygiene-Projekt in einem Armenviertel von Freetown.
Hat Ebola überlebt: Mohamed Kabia (25). Heute ist er Mitarbeiter in einem Hygiene-Projekt in einem Armenviertel von Freetown. (Carolin Henkenberens)

Kabia, 25 Jahre, kurzes krauses Haar, breite Schultern, ist einer der Hygiene-Arbeiter hier im Slum. Jeden Tag rücken Ebola-Überlebende wie er an und reinigen die öffentlichen Toiletten und Duschen, also genau die Orte, die zur Ebola-Zeit als Infektionsquellen galten. Sie bringen den Leuten auch bei, wie wichtig es ist, Seife und sauberes Wasser zu benutzen. Überlebende gelten als immun gegen Ebola, auch deshalb machen sie diesen Job. Kabia sagt, die Arbeit habe sein Leben verändert. „Sie hat mir Frieden gegeben.“

Frieden zu finden, das ist gar nicht so einfach nach all dem, was passiert ist. In Sierra Leone steckten sich bis zum offiziellen Ende der Ebola-Epidemie im März 2016 etwa 14.000 Menschen an. Fast so viele wie in den Nachbarländern Guinea und Liberia zusammen. Die Vereinten Nationen stuften den bislang verheerendsten Ebola-Ausbruch der Geschichte als Bedrohung für die weltweite Sicherheit ein. Militär und Polizei riegelten ganze Dörfer und Stadtteile ab, um die Ausbreitung des tödlichen Virus zu verhindern. An Kontrollpunkten wurde Chlor versprüht und Fieber gemessen. Schulen und Universitäten blieben fast neun Monate geschlossen. Menschen lagen sterbend in den Straßen, weil in Behandlungszentren kein Platz mehr für sie war.

Ebola hat Sierra Leone getroffen wie ein Schlag in die Magengrube. Das kleine Land im Westen Afrikas zählt zu den zehn ärmsten der Welt. Beim Index zur menschlichen Entwicklung belegt Sierra Leone von 189 Ländern den 184. Platz. Fast nirgendwo auf der Welt ist die Lebenserwartung niedriger als hier. Sie beträgt Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge gerade einmal 53 Jahre (Deutschland: 81). Laut dem Kinderhilfswerk Unicef stirbt mehr als jedes zehnte Kind vor seinem fünften Geburtstag. Zum Vergleich: In Deutschland ist es eines von 270 Kindern. Sogar unter jungen Leuten können gerade einmal zwei von drei lesen und schreiben.

Mehr als nur ein Job: Das Hygiene-Team besteht ausschließlich aus Ebola-Überlebenden. Die Arbeit ermöglicht ihnen soziale Anerkennung.
Mehr als nur ein Job: Das Hygiene-Team besteht ausschließlich aus Ebola-Überlebenden. Die Arbeit ermöglicht ihnen soziale Anerkennung. (Carolin Henkenberens)

Die desolate Lage ist auch eine Folge des blutigen Bürgerkriegs, der von 1991 bis 2002 das Land erschütterte. Rebellen der Revolutionären Vereinigten Front (RUF) massakrierten in ihrem Rausch nach Diamanten die Bevölkerung, zwangsrekrutierten Kinder zu Soldaten und hackten Tausende Zivilisten die Arme oder Hände ab. Doch auch regierungstreue Milizen und die Armee gingen brutal vor. Mittlerweile ist Sierra Leone befriedet und politisch stabil. Dazu beigetragen hat ein Sondergerichtshof zur Aufarbeitung der Bürgerkriegsverbrechen. Der Export von Eisenerz verhalf der Wirtschaft zum Aufschwung.

Doch dann kam Ebola. Eines der aggressivsten Viren der Welt. Wird es beim Menschen nicht behandelt, tötet es 25 bis 90 Prozent der Infizierten .

Das Virus greift sämtliche Zellen an, vor allem aber Blutzellen. Die Wände der Blutgefäße werden durchlässig, es kommt zu inneren und oft äußeren Blutungen. Einige Patienten bluten aus der Haut, der Nase oder dem Mund. Einige erbrechen Blut oder haben blutigen Durchfall. Die Sauerstoffzufuhr der Organe wird massiv gestört. Am Ende versagen diese.

Ein Gegenmittel gibt es bislang nicht. Zwar wurden während der Epidemie in Westafrika experimentelle Medikamente ausprobiert, doch ihre Wirksamkeit ist nicht belegt. Auch Transfusionen mit Blutplasma von Überlebenden, das Antikörper enthält, halfen nicht immer. Beim aktuellen schweren Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo mit bislang mehr als 300 Toten besteht neue Hoffnung: Mehrere neue Medikamente werden in einer groß angelegten Studie getestet. Wie effektiv sie sind, muss sich zeigen. Im Fokus der Ärzte steht bisher: Symptome zu lindern. Mit Schmerzmitteln oder Infusionen gegen den Wasserverlust.

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Wieso jemand überlebt und jemand anderes nicht, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Es hängt unter anderem damit zusammen, wie schnell ein Patient ins Krankenhaus kommt, wie sein vorheriger Gesundheitszustand war, wie gut sein Immunsystem auf die Viren reagiert. In Sierra Leone haben 70 Prozent der etwa 14.000 von der WHO dokumentierten Ebola-Kranken überlebt. Das ist, verglichen mit anderen Ausbrüchen, ein äußerst hoher Anteil. Allerdings wurde nicht bei allen ein Bluttest gemacht, der das Virus eindeutig bestätigt. Die Labore waren schlicht überfordert. Betrachtet man nur die 8706 bestätigten Fälle, sinkt die Überlebensrate auf 59 Prozent. Wie viele der Überlebenden auch heute noch leben, ist unklar.

Als er die Nachricht erhielt, geheilt zu sein, war die Freude riesig, erzählt Kabia. Seine gesamte Familie, Nachbarn und Freunde feierten mit ihm, begrüßten ihn herzlich. Als sich die Jubelstimmung gelegt hatte, stellte sich jedoch die Frage, wie es weitergehen sollte mit ihm, mit seinem Leben. Viele junge Leute in Sierra Leone sind arbeitslos. Ihm drohte das gleiche Schicksal. Kabia hatte Glück. Saidu Bah, der Leiter des Hygieneprojekts, stellte ihn ein.

Vier Mal täglich rücken Kabia und seine Kollegen mit Putzlappen und Desinfektionsmitteln in den öffentlichen Toiletten des Slums an. 600.000 Leones, das entspricht etwa 65 Euro und einem ortsüblichen Lohn, bekommen sie im Monat. Die Kölner Hilfsorganisation Cap Anamur finanziert das Projekt. Sie rief es schon während der Ebola-Epidemie ins Leben, weil schnell deutlich wurde, dass die dreckigen Toiletten massiv zur Verbreitung von Ebola beitrugen.

Für die Überlebenden ist die Arbeit mehr als nur eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Sie hat ihnen Anerkennung verschafft. Viele hatten nach ihrer Rückkehr aus dem Ebola-Behandlungszentrum mit Ausgrenzung zu kämpfen. Noch heute stehen an den Straßenrändern große Plakate, die dazu aufrufen, Überlebende nicht zu diskriminieren.

Notaufnahme im Ola During Children‘s Hospital: Mütter warten die Behandlung ihrer Kinder.
Notaufnahme im Ola During Children‘s Hospital: Mütter warten die Behandlung ihrer Kinder. (Carolin Henkenberens)

Sancigi Bangura, ebenfalls Hygiene-Mitarbeiter, belastet das Stigma. Der 29-Jährige kann oder will sich nicht mehr erinnern, wann und wie lange er mit Ebola infiziert war. Selbst das Datum seiner Entlassung kennt er nicht mehr. „Ich kann darüber nicht nachdenken“, sagt er mit fester Stimme. „Ich kämpfe gegen die Stigmatisierung, ein Ebola-Überlebender zu sein, und deshalb denke ich darüber nicht nach.“ Einige Leute hätten nicht mehr mit ihm geredet, ihn wie Luft behandelt. Andere hätten ihn gegrüßt und dabei gelacht. „Als Provokation!“, sagt Bangura. Nur seine Familie habe zu ihm gehalten.

Seine neue Arbeit gibt ihm Selbstvertrauen. „Ich bin kein Opfer mehr“, sagt Bangura. Die Leute hätten erkannt, dass die Ebola-Überlebenden Wichtiges für die Gemeinschaft leisten, dass Hygiene Leben retten kann. Auch Kabia sagt: „Wenn jemand über mich lacht, ist mir das egal, weil ich am Ende des Monats mein Einkommen habe.“

Der Erfolg der Überlebenden kann sich sehen lassen. Sozusagen als Nebeneffekt konnte die bakterielle Infektionskrankheit Cholera gestoppt werden. „Vorher gab es hier im Viertel jedes Jahr einen Ausbruch“, erzählt Kabia. 26 Überlebende stehen auf der Gehaltsliste, doch immer wieder helfen weitere Überlebende freiwillig mit. Sie wollen Teil des Teams sein, das so viel Anerkennung erfährt.

Was wünscht sich Kabia für seine Zukunft? „Dass ich mich weiterentwickeln kann“, sagt er. Er ist sich bewusst, dass das Hygiene-Projekt vielleicht irgendwann endet. Dass Projekte immer abhängig sind von Spenden und Geldgebern. Deshalb wünscht er sich, dass er danach einen neuen Job findet. Welchen, das sei ihm egal. Ansonsten sind seine Wünsche bescheiden: Er möchte heiraten, Kinder bekommen.

Yusuf Kabba, fester Händedruck, tadelloses Englisch und mitreißendes Lachen, hatte immer größere Träume. „Jeder kann Dinge verändern“, findet der 30-Jährige. „Indem er zuerst sein eigenes Verhalten ändert.“ Kabba ist Vorsitzender der sierra-leonischen Organisation der Ebola-Überlebenden. Er ist jemand, von dem Freunde sagen, er solle Politiker werden. Schon als Jugendlicher ist er engagiert und zielstrebig. Er spielt Theater, unterrichtet Kinder in seinem Heimatdorf, geht in die Moscheegemeinde. Er will Lehrer werden, weil es ihm gefällt, anderen etwas beizubringen. „Lehrer ist ein nobler Beruf“, sagt Kabba.

Doch als ihn Ebola traf, hätte er seinen Tatendrang fast verloren.

„Am 6. Oktober 2014 begann das Gräuel“, sagt Kabba und knetet seine Finger, „mein Problem.“ Kabba lebt in Freetown, Stadtteil Allen Town, studiert Lehramt. Ein Familienmitglied, dessen Namen er nicht nennen möchte, ist Arzt. Bei ihm steckt er sich an. Auch wenn unhygienische Toiletten bei der Ausbreitung eine Rolle spielten, steckten sich die meisten wohl bei Verwandten an, die sie gepflegt oder besucht haben. Ebola überträgt sich über Körperflüssigkeiten wie Blut, Urin, Speichel, Kot, Sperma oder Schweiß. Selbst ein benutztes Bettlaken reicht aus. Besonders perfide: Leichen können das Virus auch noch übertragen.

Als Kabba die ersten Symptome bekommt, die einer normalen Grippe gleichen – Kopfschmerzen, Durchfall, Fieber – ahnt er schon, dass er Ebola hat. Er informiert einen der Contact Tracer, die täglich durch das Viertel marschieren und Kontaktpersonen von Infizierten überwachen. Wer Fieber hat oder andere Symptome zeigt, muss für 21 Tage in die Isolation. So lange dauert es maximal, bis die Krankheit ausbricht. Der Helfer bittet Kabba um Geduld. Dass ein Krankenwagen kommt, kann er nicht versprechen. Die sind in Sierra Leone Mangelware. Es gibt vor der Zeit nicht einmal genug Plastikhandschuhe. Nach einigen Tagen fährt dann doch ein Wagen vor, für einen anderen Mann. Der aber ist längst tot. Also steigt Kabba ein. Seine Familie verabschiedet sich, als sei es für immer.

In der Isolierstation verschlechtert sich Kabbas Zustand. „Ich begann zu bluten, musste mich oft übergeben und bekam sehr starken Durchfall.“ Als er sein Testergebnis erhält, fängt er an zu weinen. Er wird in ein Behandlungszentrum, ein Zelt in einem Vorort von Freetown, verlegt.

Die Erlebnisse dort kann Kabba nicht vergessen. Der leblose Körper, der drei Tage lang blutüberströmt im Bett neben ihm liegt. Der so fürchterlich riecht. Die Ärzte und Schwestern, die in ihren Schutzanzügen wie Astronauten aussehen. Die Nacht, als er mit einem Freund telefoniert, der in einem anderen Behandlungszentrum ist. Der nächste Morgen, als er erfährt, dass sein Freund tot ist.

Doch Kabba gibt nicht auf. Er motiviert sich selbst: „Ich schaffe das!“

Am 29. November 2014 dann die Erlösung: Er ist geheilt, darf nach Hause.

Doch die Freude währt nur kurz. Es ist nichts mehr wie zuvor. „Ein bis zwei Monate war ich einfach nur traurig“, erzählt Kabba. „Ich war verwirrt, bekam Albträume und hatte Flashbacks von der Situation im Ebola-Behandlungszentrum, wo ich Menschen habe sterben sehen.“ Er hat Angst, dass ihn die Leute schief ansehen und zieht sich zurück, trifft alte Freunde nicht mehr.

Stattdessen freundet er sich mit anderen Überlebenden an, sie tauschen sich über ihre Erlebnisse aus, machen sich Mut. Aus der Gemeinschaft schöpfen sie neue Kraft. Sie gründen die Organisation der Ebola-Überlebenden in Sierra Leone (SLAES) mit Kabba als Präsidenten.

Die Stimme der Überlebenden: Yusuf Kabba (30) aus Freetown ist Präsident der Organisation der Ebola-Überlebenden in Sierre Leone. Er setzt sich für ihre Interessen ein.
Die Stimme der Überlebenden: Yusuf Kabba (30) aus Freetown ist Präsident der Organisation der Ebola-Überlebenden in Sierre Leone. Er setzt sich für ihre Interessen ein. (Carolin Henkenberens)

Für Kabba ist es die langsame Rückkehr ins Leben. Der SLAES-Chef stürzt sich fortan in die Arbeit, die Universitäten und Schulen sind ohnehin geschlossen. Sein Lehrerstudium pausiert. Kabba organisiert Gesprächskreise, ruft eine Anti-Stigmatisierungskampagne ins Leben, hält Vorträge, sammelt Spenden, trifft Politiker und Hilfsorganisationen. Er geht in Dörfer und erzählt, dass es möglich ist, Ebola zu überleben, wenn man zum Arzt geht. „Einige dachten, die Ärzte bringen sie um oder Ebola ist eine Erfindung“, erinnert sich Kabba.

Christliche Organisationen wie die Caritas und der Rat der Kirchen bieten den traumatisierten Überlebenden psychologische Hilfe an. Auch Kabba hat lange Gespräche mit einer Psychologin geführt. „Sie hat mich inspiriert“, sagt er. „Sie zeigte mir: Das Leben geht weiter.“

Im Winter 2015 kann Kabba sogar seine Lehrerausbildung fortsetzen – mit einem Zuschuss der Kirchen. Einen Job als Lehrer hat er derzeit nicht. Er hat keine Zeit mehr dafür. Sein Telefon klingelt fast pausenlos. Seit im Kongo wieder Ebola ausgebrochen ist, rufen ihn Zeitungen an und wollen Interviews. Kabba ist längst die Stimme der Überlebenden.

Sein Engagement habe ihm seine Visionen zurückgegeben, sagt Kabba. Wenn er von seinen Träumen zu erzählen beginnt, gerät er ins Schwärmen. Er möchte nach Deutschland fliegen, einfach, um zu sehen, wie es dort ist. Er fände es schön, eine Weile in Europa zu arbeiten. Nicht, weil er Sierra Leone verlassen will. Nein, er liebt „Salone“, die westafrikanische Kultur und die Menschen. Sondern, weil er glaubt, mit neuem Wissen aus dem Ausland Sierra Leone verändern zu können.

Kabba wird allerdings auch nachdenklich: Er wolle den Menschen in seinem Land dienen, sagt er, den Verletzlichen, den Waisenkindern; jenen, die schon so viel gelitten haben. Er weiß, dass nicht alle den Sprung zurück in den Alltag hinbekommen haben. Ebola hat viele Familienstrukturen zerstört, Kinder zu Waisen gemacht, Männer zu Witwern und Frauen zu Witwen. Die Familie ist in Sierra Leone mehr als eine romantische Vorstellung. Sie ist das soziale Absicherungssystem. Es fehlen nicht nur geliebte Angehörige, sondern vor allem Ernährer.

Was das für Hinterbliebene bedeutet, zeigt sich im Örtchen Kalia im Süden des Landes. Eine junge Frau sitzt auf einem Baumstumpf und rührt in einem Topf, in dem Wasser und Maniokmehl köcheln. Es ist Frühstückszeit. Die Kinder toben, wollen ihre Aufmerksamkeit. Seit vier Jahren muss sich Kandy Mariama allein um sie kümmern.

Mariama hat Ebola zwar überlebt, aber ihr Mann nicht. Die Folgen zeigt sie anhand ihres Hauses: Es ist eine Ruine. Der Regen hat den Lehm von den Wänden gespült und die Holzbalken freigelegt. Nur noch zwei hintere Zimmer sind bewohnbar. Die teilt sich Mariama mit ihrer Schwester und deren Kindern. Wie sie das Haus wieder reparieren kann, wisse sie nicht, sagt sie. Solange es nicht einstürzt, bleibe sie hier.

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In Kalia hatten sich 44 der rund 450 Einwohner mit Ebola infiziert. Ein Kind und sechs Frauen haben überlebt. Das Kind ist Waise, die Frauen allesamt Witwen. Eine von ihnen ist auch Hanna Jacob. Sie steckte sich bei einer Schwangeren an, der sie bei der Geburt half. Die Mutter und das Neugeborene starben, kurz darauf fing bei Jacob das Fieber an. In dem Haus, in dem sie und ihr Mann einst lebten, erinnert nichts mehr an glückliche Zeiten. Es ist komplett verfallen. Jacob wohnt jetzt mit ihren sechs Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren in einem einzigen Zimmer. Eine Frau aus dem Dorf hat sie aufgenommen.

Die Witwen aus Kalia, ihre Geschichten ähneln sich. Ihr Leben nach Ebola ist eines, das noch schwieriger geworden ist, als es ohnehin schon war: Sie leben von dem, was sie auf dem Feld anbauen, Reis, Maniok, Erdnüsse. Seitdem die Männer fehlen, müssen die Kinder noch früher und öfter mithelfen. Seitdem die Männer fehlen, leben die Frauen in kaputten Häusern oder viel zu kleinen Räumen. Psychologische Hilfe, sagen sie, habe sie nicht erreicht.

Hoffnung liegt in göttlicher Kraft. Der Dorfvorsteher beginnt das Interview mit einem Gebet. Er öffnet seine Arme und bittet um Allahs Segen für den Besuch und für die Überlebenden. Möge ihnen Gutes widerfahren, sagt er. Die Frauen blicken stumm auf den Boden.

Ebola hat die Ärmsten besonders oft getroffen. Wo Menschen nah zusammen leben, ohne sauberes Wasser, Bildung, ausgewogene Ernährung und Gesundheitsversorgung, hat es ein Virus leicht, sich zu verbreiten.

Eine Hilfsorganisation hat ein symbolisches Grab in Kalia errichtet, denn die Toten liegen viele Kilometer entfernt begraben. An diesem Ort der Trauer hat die Natur die Kontrolle übernommen. Pflanzen und Farne sprießen in die Höhe. Ihr sattes Grün fügt sich in die Kulisse des Regenwaldes, der vier, fünf Meter hinter dem Mahnmal beginnt. Auf dem Gedenkstein hat der Regen dunkle Schlieren hinterlassen, seine Inschrift ist vom Gestrüpp halb verdeckt. „Hier liegen die symbolischen Überreste von 37 Ebola-Opfern aus Kalia“, steht darauf geschrieben.

Doch Gras ist in Kalia noch nicht über die Erlebnisse gewachsen. „Wir werden nie vergessen, was passiert ist“, sagt der Dorfvorsteher. Kalia wurde im August 2014 zum Inbegriff der Ebola-Tragödie. Nur wenige Orte waren so massiv betroffen. Das gesamte Dorf wurde 42 Tage abgeriegelt, niemand durfte sein Haus verlassen. Ein Übergreifen der Epidemie auf die nur einige Kilometer entfernte 200 000-Einwohner-Stadt Bo sollte verhindert werden.

Ein islamischer Geistlicher hatte das Virus in den Ort gebracht. Als er krank wurde, dachten die Ärzte in Bo, es sei Typhus. Als der Gelehrte starb, wurde er auf traditionelle Weise gewaschen und beerdigt. Niemand wusste, dass der Tote hoch ansteckend war, sein Körper nur so vor Viren wimmelte. Die Dorfbewohner erwiesen dem Mann, wie üblich, ihre letzte Ehre.

Wer sich mit Ebola angesteckt hatte, kam in das Schulgebäude. Polizisten sorgten dafür, dass keiner es betrat oder verließ. Alle anderen mussten zu Hause bleiben. Mehr als fünf Wochen hockten die Menschen in ihren dunklen Lehmhütten, wartend und betend. Die Lebensmittelversorgung hat damals die Deutsche Welthungerhilfe aus Bonn übernommen. „Wir waren die einzigen, die sich das getraut haben“, sagt Mitarbeiter Santigie Kanu. Mit Geländefahrzeugen fuhren die Helfer unter Quarantäne stehende Dörfer ab und brachten Reis, Öl, Fisch und Seife. Als nach der Epidemie sämtliche Einrichtung von Erkrankten verbrannt werden musste, lieferte die Welthungerhilfe Matratzen, Bettlaken, Handtücher und Küchenutensilien. In Kalia sind sie dafür bis heute zutiefst dankbar.

An den drastischen Maßnahmen in Kalia wird die Überforderung und Verzweiflung der Behörden, aber auch der Weltgemeinschaft deutlich. Obwohl die WHO schon im März 2014 vom ersten Ebola-Fall in Guinea erfährt, ruft sie erst am 8. August den weltweiten Gesundheitsnotstand aus. Da ist die Epidemie längst außer Kontrolle geraten, die Zahl der Infizierten steigt enorm. Weltweite Panik bricht aus. Selbst in Deutschland diskutieren Parlamente, was im Fall der Fälle zu tun ist.

War viele Jahre die Dorf-Hebamme: Hanna Jacob steckte sich mit Ebola an, als sie einer Frau bei der Geburt ihres Kindes half.
War viele Jahre die Dorf-Hebamme: Hanna Jacob steckte sich mit Ebola an, als sie einer Frau bei der Geburt ihres Kindes half. (Carolin Henkenberens)

Die Seuche kann sich auch deshalb ausbreiten, weil sie drei Monate völlig unentdeckt bleibt. Als im Dezember 2013 im Ort Meliandou in Guinea ein zweijähriger Junge plötzlich Fieber, Erbrechen und schwarzen Stuhl bekommt, weiß niemand, wieso. Der Junge hatte wahrscheinlich eine infizierte Fledermaus berührt und sich so angesteckt. Das haben Wissenschaftler aufwendig rekonstruiert. Flughunde sterben nicht am Ebola-Virus, sondern tragen es in sich. Wer ihr Fleisch verzehrt oder von ihnen angefressene Früchte isst, kann sich infizieren. In Guinea ahnt niemand etwas, der Junge stirbt vier Tage später, und Ebola beginnt, sich zu verbreiten.

Im Westen Afrikas war Ebola eine neue Erscheinung, bislang kam es vor allem in Zentralafrika vor. Entdeckt wurde Ebola 1976. Es tauchte zuerst in der Demokratischen Republik Kongo und zeitgleich, aber davon unabhängig, im Sudan auf. Eine belgische Nonne, die im Norden des Kongo in einem Missionskrankenhaus arbeitete, war an einer unbekannten Krankheit gestorben. Forscher in Antwerpen sollten ihr Blut auf Gelbfieber untersuchen – und stießen auf ein längliches, wurmartiges Virus. Es tötete sämtliche Mäuse, denen der Erreger gespritzt worden war.

Wie sollte man ein solch tödliches Virus nennen? Nach seinem Entdeckerort, so wie es üblich ist? Würde das nicht die Einwohner für immer mit der Krankheit verbinden? Die Wissenschaftler entschieden sich, den Namen des nächstgelegenen Flusses zu wählen. Es traf den Ebola-Fluss, der sich 200 Kilometer kurvenreich durch die Landschaft schlängelt. Sein Wasser muss einmal so sauber gewesen sein, dass die Einheimischen ihn „weißes Wasser“ (Legbala) nannten. „Ebola“ ist die französische Abwandlung von Legbala. So wurde aus Ebola, dem Namen für Leben und Reinheit, ein Synonym für Tod. Die Ironie: Die Karte der Forscher war ungenau, ein anderer Fluss lag viel näher.

Für die Frauen in Kalia war Ebola eine Zäsur. „Ich wünsche mir, dass wir Medikamente bekommen, wenn wir krank sind“, sagt Jacob auf die Frage, was sie sich fürs weitere Leben erhofft. „Eine gute Zukunft für meine Kinder“, ergänzt Mariama. Ein zweites Mal zu heiraten, ist aussichtslos für die Frauen. „Niemand wird diese Last auf sich nehmen“, meint der Dorfvorsteher.

Am 17. März 2016 erklärt die WHO die Ebola-Epidemie in Westafrika für endgültig beendet. Danach kommt eine neue Krise auf: die Krise der Gesundheitsnachwirkungen der Überlebenden. Wer das Virus besiegt hat, kämpft oft mit Spätfolgen. Häufig klagen Überlebende über Gelenk- und Muskelschmerzen und können deshalb nicht mehr auf dem Feld arbeiten, einige haben vermehrt Kopfschmerzen. Andere haben Sehstörungen, einige verloren ihr Augenlicht oder Gehör. Bei Frauen setzte mitunter die Menstruation aus. Die WHO bezeichnet all dies als „Post-Ebola-Syndrom“. Meist verschwinden die Leiden nach einiger Zeit wieder, manche bleiben aber auch.

Im November 2015 hat der damalige Präsident Ernest Bai Koroma Ebola-Überlebenden kostenlose medizinische Versorgung zugesagt. In Sierra Leone erhalten auch Kinder unter fünf Jahren, Schwangere, stillende Mütter und Menschen mit Behinderung kostenlos Medikamente und ärztliche Behandlung. Doch wenn mal wieder keine Medikamente in den Krankenhäusern oder Gesundheitsstationen vorrätig sind, werden Kranke zu Apotheken geschickt, wo sie die Mittel selbst bezahlen müssen. Ebola-Opfer sind jetzt, da die speziellen Hilfsprogramme ausgelaufen sind, nur einige von vielen Bedürftigen im Land.

Besuch in Dumangbe: Mohamed Billy (links) mit seiner Mutter Tene Paka und einem Cousin. Billy (26) hat Ebola überlebt, seither fühlt er sich jedoch oft schlapp.
Besuch in Dumangbe: Mohamed Billy (links) mit seiner Mutter Tene Paka und einem Cousin. Billy (26) hat Ebola überlebt, seither fühlt er sich jedoch oft schlapp. (Carolin Henkenberens)

Zimmi, eine Minenstadt an der Grenze zu Liberia. In Zimmi, sagen die Leute stolz, grüben sie die schönsten Diamanten der Welt aus. Zu Wohlstand verhalf das kostbare Mineral bislang jedoch nicht. In der untergehenden Abendsonne lehnt ein schmächtiger junger Mann an einer Hauswand aus Lehm. Er trägt ein buntes T-Shirt im Batik-Look, das ein bisschen 1990er-Jahre-Flair versprüht. Er habe nichts zu tun, sagt Mohamed Billy leise. Er blickt die Straße hinab, auf die spielenden Kinderhorden, die hellgelb verputzten Häuser. Dann folgt sein Blick zwei Jungs, die sich mit ihren Motorrädern den Weg über die Straße schlängeln und kreuzende Fußgänger aus dem Weg hupen.

Normalerweise sitzt Billy auch auf einem solchen Motorrad. Er verdient sein Geld damit, Passagiere von Zimmi in die umliegenden Dörfer zu fahren, ein Auto hat nämlich kaum jemand hier im entlegenen Osten von Sierra Leone. Doch schon seit zwei Wochen kann Billy nicht arbeiten. Mal wieder. Seit er Ebola hatte, fühlt er sich schnell schlapp, hat Muskelschmerzen.

„Ich habe keine Kraft“, sagt der 26-Jährige, schiebt seinen rechten Ärmel hoch und kneift in seinen Oberarm. Früher, da habe er gerne Fußball gespielt, sagt er nachdenklich. Jetzt gibt es Tage, da kann er das Motorrad kaum halten, geschweige denn durch den Matsch manövrieren. Die Straße nach Liberia nennt sich Highway, buckelige Piste mit riesigen Pfützen wäre passender. Wenn Billy nicht den ganzen Tag fahren kann, macht er ein Minusgeschäft. Denn das Motorrad leiht er bei einem Mann, gegen eine Gebühr von 200 000 Leones in der Woche. Hinzu kommt der Sprit, der seit einer Weile ein Drittel mehr kostet, weil die Regierung die Subventionen eingestellt hat.

„Das einzige Kind, das mir geblieben ist, ist immer krank“, klagt Tene Paka, Billys Mutter. Sie sitzt auf der Veranda ihres Hauses in Dumangbe, eine halbe Autostunde von Zimmi entfernt. Ein paar Meter vor dem Haus fließt ein Bach, Urwaldpflanzen umgeben ihn, eine Brücke aus runden Holzstämmen wölbt sich über dem Wasser. Ein kleines Paradies. Ebola hat in diesem Dorf 31 Menschen getötet. „Ebola hat mir meine Tochter und zwei Söhne genommen“, sagt die Mutter. Ihr Mann starb, da waren die Kinder noch klein. Eine Grippe, Malaria? Die Mutter weiß nicht genau, woran. Jetzt ist das jüngste Kind, Mohamed, ihre einzige Unterstützung.

Ebola hat das Leben des 26-Jährigen nicht nur gesundheitlich verändert. Auf ihm lastet nun Verantwortung. Deshalb lebt er in Zimmi und nicht im Dorf Dumangbe. „Es ist nicht einfach“, sagt Billy mit ruhiger Stimme. Er ist keiner, der jammert. Er will stark sein. „Ich kämpfe!“ Deshalb nervt es ihn, so oft krank zu sein. Besonders vermisst er seine ältere Schwester, sie sorgte vorher für das Wohl der Familie.

Die Langzeitfolgen von Ebola sind bislang wenig erforscht. Noch nie hat es so viele Überlebende gegeben. Der Ausbruch in Westafrika ist deshalb eine Chance, noch nie ließ sich besser herausfinden, was das Virus mit Menschen macht. In Freetown wurden im Militärkrankenhaus 361 Überlebende medizinisch behandelt. Etwa jeder dritte klagte über Spätfolgen. Aus ihnen konnten 35 Studienteilnehmer rekrutiert werden. Ein internationales Wissenschaftlerteam um Janet Scott von der Universität Liverpool fand heraus, dass viele Ebola-Überlebende unter Kopfschmerzen, Depressionen und Schlafproblemen leiden. Auch zeigten sich neuronale Schäden in Form von Schlaganfällen oder Hirnschwund sowie Schädigungen des Nervensystems.

Ebola-Viren können sich in bestimmten Körperregionen verstecken, die für das Immunsystem schwer zugänglich sind. Bei einigen Patienten konnte Ebola selbst Monate nach der Heilung im Kammerwasser des Auges nachgewiesen werden. Deshalb kommt es zu Sehstörungen oder sogar Erblinden. Internationale Organisationen boten Überlebenden kostenlose Augenuntersuchungen an. Eine Studie von Forschern der Universität North Carolina mit Überlebenden aus Liberia konnte zeigen, dass Ebola bei acht Prozent der Teilnehmer noch mehr als zwei Jahre nach der Heilung in der Samenflüssigkeit nachweisbar war. Die Überlebenden-Organisation SLAES fordert deshalb, dass der Samen regelmäßig untersucht wird.

In Zimmi thront kurz vor dem Ortseingang eine neue Krankenstation auf einem Feld. Nach der Ebola-Krise sind vielerorts solche Gesundheitsposten gebaut worden, oft mit einer Isolationseinheit. Doch nicht selten sind es Gebäude ohne ausreichend Medizin oder geschultes Personal. „Es gibt keine Medikamente“, sagt Billy. An diesem Tag vertröstete ihn der Hilfsarzt schon zum dritten Mal. „Immer heißt es: vielleicht morgen, vielleicht übermorgen. Vielleicht irgendwann.“

Baute während des Ebola-Ausbruchs in Freetown eine Isolierstation mit auf: Kinderärztin Noa Freudenthal aus Bonn.
Baute während des Ebola-Ausbruchs in Freetown eine Isolierstation mit auf: Kinderärztin Noa Freudenthal aus Bonn. (Carolin Henkenberens)

„Das Gesundheitssystem ist hier so krank, dass die Nachbetreuung der Überlebenden sehr schwierig ist“, sagt Noa Freudenthal, 36, Kinderärztin aus Bonn. Sie arbeitet für ein halbes Jahr für Cap Anamur im Kinderkrankenhaus in Freetown und war schon während der Ebola-Epidemie in Sierra Leone. Verändert habe sich seither zu wenig, findet Freudenthal. Der hygienische Standard habe sich zwar erhöht. „Das Krankenpersonal achtet stärker darauf, Handschuhe, Gesichtsmasken und Kittel anzuziehen.“ Gut sei die Hygiene aber längst nicht. Manchmal liefen Ratten auf dem Klinikgelände. Sagt’s – und prompt flitzt eine am Waschraum im Innenhof vorbei.

Nach wie vor fehlt es im Gesundheitssystem an fast allem. Medikamente, Geräte, Betten, Personal. Im Kinderkrankenhaus teilen sich zwei, manchmal drei Kinder ein Bett. Dauernd können wichtige Untersuchungen nicht gemacht werden, weil die Regierung Material nicht bezahlen kann. „Wir haben hier eine Todesrate von 17 Prozent, das hat man in Deutschland vielleicht auf einer Palliativstation“, sagt die Kinderärztin. Erst an diesem Tag hat sie zwei Kinder verloren. „In Deutschland wird es Pflegern und Ärzten freigestellt, nach Hause zu gehen, wenn ein Kind stirbt. Hier wird das Kind eingepackt und die Visite geht weiter.“

Auf dem Land sieht es noch schlechter aus. In Gbentu, einem Dorf im Norden des Landes, fängt in der Gesundheitsstation ein Eimer durch die Decke tropfendes Regenwasser auf, Putz bröckelt von der Wand. Der kleine Geburtsraum samt einer Liege mit grauem Plastikbezug erinnert an eine Besenkammer. 15 bis 20 Kinder kommen hier jeden Monat auf die Welt. Ohne Strom, ohne fließend Wasser, ohne Ultraschall.

Ebola könnte theoretisch jederzeit wieder ausbrechen, das Virus lebt weiter in Tieren im Urwald. Wie wäre das Land auf einen neuen Ausbruch vorbereitet? „Ich glaube, Sierra Leone wäre dem weiterhin wahnsinnig hilflos ausgeliefert“, sagt Freudenthal. Der Gesundheitsminister des Koinadugu-Distrikts, dem größten in Sierra Leone, betont aber auch den gesellschaftlichen Fortschritt. „Die Menschen sind sensibilisiert, alle haben in gewisser Weise Angst vor Ebola“, sagt Francis Moses. „Wenn wir einen neuen Ausbruch hätten, wüsste man, was Ebola ist und dass die Überlebenschancen am besten sind, wenn man sich früh behandeln lässt.“ Auch die internationalen Helfer und die WHO hätten mittlerweile deutlich mehr Erfahrung.

Hoffnung machen nicht nur die möglichen neuen Medikamente, sondern auch ein Impfstoff namens RVSV-Zebov, dessen Entwicklung seit 2014 im Eiltempo vorangetrieben wurde. Er ist zwar noch nicht zugelassen, wurde aber in der Schlussphase der Ebola-Krise in Guinea erfolgreich getestet. In der Demokratischen Republik Kongo erhielten in diesem Jahr mehr als 35.000 Kontaktpersonen von Infizierten, Ärzte, Pfleger und Bestatter die Impfung. Die Lizenzrechte für RVSV-Zebov hat das amerikanische Pharmaunternehmen Merck Sharp & Dohme erworben, künftig soll der Stoff in großem Umfang in Burgwedel bei Hannover produziert werden.

Ort der Erinnerung und Trauer: Eine Hilfsorganisation hat ein symbolisches Grab in Kalia errichtet, weil die Toten auf speziellen Friedhöfen beerdigt werden mussten. Eine der Überlebenden ist die Witwe Baby Swarray.
Ort der Erinnerung und Trauer: Eine Hilfsorganisation hat ein symbolisches Grab in Kalia errichtet, weil die Toten auf speziellen Friedhöfen beerdigt werden mussten. Eine der Überlebenden ist die Witwe Baby Swarray. (Carolin Henkenberens)

Seit Ebola in der Demokratischen Republik Kongo ausgebrochen ist, hat Kabba in seiner Funktion als Präsident der Organisation der Ebola-Überlebenden wieder zahlreiche Interviews gegeben. Seine Warnung an die Regierung: Seid gewappnet! Vermasselt es nicht wieder! Und an die Bevölkerung: Wascht euch weiter die Hände! Die Wassereimer, die während des Ausbruchs vor sämtlichen Behörden und Geschäften zum Händewaschen bereit standen, sind lange schon abgebaut.

Die Überlebenden-Organisation wirft dem Gesundheitsministerium in Sierra Leone vor, während der Krise 14 Millionen US-Dollar an Hilfsgeldern veruntreut zu haben. Wenn das Geld besser eingesetzt worden wäre, meint Kabba, hätten mehr Menschen überlebt. Zwei Ebola-Opfer aus Sierra Leone klagen mittlerweile vor dem Gerichtshof der westafrikanischen Staatengemeinschaft (ECOWAS). „Wir wollen Gerechtigkeit“, sagt Kabba. „Niemand möchte die Verantwortung übernehmen.“ Für ihn ist das Kapitel Ebola längst nicht beendet. Er will noch lange für die Interessen der Überlebenden eintreten.

In einem Lokal in Zimmi lädt Billy mit einem Löffel etwas Reis auf seinen Teller. Er macht das vorsichtig und behutsam. Eigentlich habe er keinen Appetit, sagt er – und isst trotzdem. Als er im Ebola-Behandlungszentrum war, habe er getrunken und gegessen, weil er überleben wollte. Er wusste, dass er Energie braucht zum Leben. „Ich habe Ebola besiegt, ich kann alles schaffen!“, sagt der junge Mann und lächelt so schüchtern, als sei er sich nicht ganz sicher, ob das stimmt.

(Carolin Henkenberens)

Zur Person

„Und, wie war‘s?“, fragen Freunde und Verwandte nach meiner dreiwöchigen Reise nach Sierra Leone. Was sagt man, wenn man in einem der ärmsten Länder der Welt war? Wo sich eine Frau zu Boden wirft, die zufällig einen Arzt erblickt? Wo Kinder wenig Chancen auf gute Bildung haben?

Die Reise war manchmal unangenehm. Nicht nur wegen des Mangels, den ich sah. Sondern auch, weil ich fast ununterbrochen meine Privilegien spürte. Kaufe ich eine Cola oder nicht? Kamera auspacken oder nicht? Wie ich mich auch entschied: Meine bloße Anwesenheit in Sierra Leone offenbarte schon meinen relativen Wohlstand.

Doch was auch von dieser Recherche bleibt: Die Bewunderung für den Tatendrang einiger Menschen, der über Zweckoptimismus hinausgeht. Sie wollen ihr Land verändern und sind dafür bereit, zu verzichten. Sie ziehen aus dem Ausland wieder in ihre Heimat oder denken gar nicht daran, sie zu verlassen. Santigie Kanu von der Welthungerhilfe etwa. Er findet es wichtig, entlegene Orte nicht zu vernachlässigen und fuhr deshalb mit mir nach Zimmi. Ich bin ihm dafür sehr dankbar.

Carolin Henkenberens (29)

arbeitet seit September 2015 beim Weser-Kurier, erst als Volontärin, seit April 2017 als Redakteurin. Sie hat Politikwissenschaft und Friedens- und Konfliktforschung in Bremen und Frankfurt am Main studiert. Neben dem Studium war sie Stipendiatin an der katholischen Journalistenschule IFP.

 

 

++ Korrektur: Zunächst hieß es in diesem Text, dass Schimpansen und Antilopen nicht am Ebola-Virus sterben. Das stimmt nicht. Sie erkranken, im Gegensatz zu Flughunden, an dem Virus. ++

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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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