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Mehr Schiffe unter deutscher Flagge?
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Reedereien erhalten Steuervorteile

Philipp Jaklin 30.01.2016 0 Kommentare

Hapag-Lloyd, die größte deutsche Reederei, führt lediglich 41 von 175 Schiffen unter deutscher Flagge.
Hapag-Lloyd, die größte deutsche Reederei, führt lediglich 41 von 175 Schiffen unter deutscher Flagge. (dpa)

Man könnte Frank Jungmann für einen Ausnahmereeder halten. Jedenfalls gibt es nicht mehr besonders viele von seiner Art. Denn in seiner Reederei, der German Tanker Shipping mit Sitz in Bremen, fährt der größte Teil der Schiffe unter deutscher Flagge. Von den insgesamt 20 Öltankern in Fahrt gehören 13 Schiffe der Reederei, sie sind allesamt unter heimischer Flagge unterwegs. „Darauf sind wir stolz“, sagt Jungmann. „Und es lohnt sich für uns, sonst würden wir es nicht machen.“

Immer mehr deutsche Reeder sind in den vergangenen Jahren zum Schluss gekommen, dass es sich für sie nicht mehr lohnt. Sie haben die deutsche Flagge auf ihren Schiffen durch eine ausländische ersetzt. Das spart viel Geld, denn es müssen dann keine deutschen Seeleute mehr beschäftigt werden. Nur ein kleiner Teil der deutschen Handelsflotte ist heute noch unter deutscher Flagge auf internationaler Fahrt im Einsatz. Gut 200 Schiffe waren es 2014, innerhalb von fünf Jahren hat sich die Zahl mehr als halbiert. Stattdessen werden zunehmend die Flaggen von Liberia, Antigua und Barbuda, Malta oder den Marshallinseln aufgezogen.

Erweiterte Steuerprivilegien für Reeder sollen diesen Trend nun stoppen. Bislang konnten die Unternehmen 40 Prozent der Lohnsteuer ihrer Seeleute auf Schiffen unter deutscher Flagge einbehalten. Am Freitag billigte der Bundesrat eine Initiative Hamburgs, wonach für sie bald überhaupt keine Lohnsteuer mehr ans Finanzamt abgeführt werden muss. Zuvor hatte der Bundestag zugestimmt. Das Okay der EU-Kommission gilt als sicher.

Dänen und Holländer im Vorteil

Auch in einem weiteren Punkt kommt die Politik der Schifffahrtsbranche entgegen: Künftig entfällt die Auflage, dass Besatzungsmitglieder 183 Tage lang Heuer von einem Arbeitgeber beziehen müssen, damit das Steuerprivileg greift. Das erleichtert es den Reedereien, ihre Seeleute auf unterschiedlichen Schiffen einzusetzen – denn diese sind oft vom Reeder nur angemietet („gechartert“) und gehören den Eignern von Einschiffsgesellschaften.

Schon heute erhält die Branche Subventionen: jedes Jahr etwa 58 Millionen Euro Zuschuss zu den Sozialbeiträgen deutscher Seeleute und für Ausbildungsförderung. Wenn nun keine Lohnsteuer mehr fällig wird, beseitigt das aus Sicht der Reeder einen Wettbewerbsnachteil gegenüber Ländern wie Dänemark oder den Niederlanden, die ähnliche Regelungen haben.

Das Problem beim „Ausflaggen“: Bekommen deutsche Absolventen nautischer Hochschulen keinen Job an Bord, fallen sie auch an anderer Stelle in der maritimen Wirtschaft oder im Hafenwesen als qualifizierte Arbeitskräfte weg. „Ohne Reeder, die unter deutscher Flagge fahren, wird es auch beim Lotsennachwuchs in unseren Häfen knapp“, sagt die Bundestagsabgeordnete Sarah Ryglewski (SPD). Dennoch sei in ihrer Partei „einige Überzeugungsarbeit“ zu leisten gewesen. So hatte Nordrhein-Westfalens Finanzminister Norbert Walter-Borjans die Befreiung von der Lohnsteuer als „Sündenfall“ bezeichnet.

Reeder sollen für mehr Nachwuchs sorgen

Das Steuerprivileg ist mit einer Bewährungsfrist verbunden, bis 2020 ist es zunächst befristet. Die Politik will von den Reedern Taten sehen: Sie sollen dafür sorgen, dass wieder mehr Nachwuchs an Bord eines deutschen Schiffs die nötige Praxiserfahrung sammeln kann.

Doch wird das passieren? „Es wird nicht so sein, dass jetzt alle wieder einflaggen“, sagt Robert Völkl vom Bremer Rhederverein. Die Steuerbefreiung allein reiche angesichts der desolaten Lage der Schifffahrt nicht aus. „Die Reeder kämpfen ums nackte Überleben“, so Völkl. Man dürfe keine kurzfristige Trendwende erwarten.

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Auch Alfred Hartmann, Präsident des Verbands Deutscher Reeder, sieht allenfalls einen „wichtigen Beitrag“, um deutschen Seeleuten wieder eine Perspektive zu geben. Die Reeder verlangen mehr: Sie fordern eine komplette Befreiung von den Sozialversicherungsbeiträgen. Und eine Lockerung der Regel, wonach bestimmte Positionen an Bord eines deutschen Schiffes mit mindestens vier EU-Bürgern besetzt sein müssen, darunter ein Schiffsmechaniker. Es gebe auch eine entsprechende Zusage von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), heißt es beim Verband.

Reedereien geben sich zurückhaltend

Viele in der Branche warten daher ab, wie stark sie tatsächlich entlastet werden. Die Reederei NSB in Buxtehude hat erst kürzlich entschieden, auf sämtlichen Schiffen die deutsche Flagge einzuholen. Damit habe man sich schwergetan, sagt eine Sprecherin. „Aber wir haben inzwischen Charterraten, die nicht einmal die täglichen Betriebskosten decken.“ Bis 2017, so der Plan, soll das letzte von insgesamt 67 Schiffen in Fahrt ausgeflaggt sein. Damit spare NSB pro Schiff 300.000 US-Dollar im Jahr ein. Ändert die Steuerbefreiung die Situation? „Das werden wir prüfen.“

Auch bei der größten deutsche Reederei Hapag-Lloyd soll zunächst alles beim Alten bleiben. 41 von insgesamt 175 Schiffen fahren dort unter deutscher Flagge. „Eine Aufstockung oder Reduzierung ist aktuell nicht geplant“, so ein Firmensprecher.

Der Bremer Reeder Frank Jungmann sagt, er spare nun einen „ansehnlicher Betrag“ ein. Einiges davon habe er schon an seine Mitarbeiter weitergegeben. „Sicher können wir jetzt auch den einen oder anderen mehr einstellen.“ An einen gewaltigen Schub für deutsche Seeleute glaubt er nicht, doch auch er sieht die Reeder am Zug: „Man kann nicht immer nur weitere Forderungen an die Politik stellen.“


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
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