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Wie Geflüchtete Unternehmer werden
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Flüchtlinge als Gründer

Lisa Boekhoff 02.09.2018 0 Kommentare

Hussam al Zaher hat in Hamburg das
Hussam al Zaher hat in Hamburg das "Flüchtling-Magazin" gegründet. Auch seine Geschichte wird erzählt. (Babette Hnup/Flüchtling-Magazin)

Jeder Gründer steht am Anfang vor existenziellen Fragen. Woher kommt das Kapital? Wer ist mein Kunde? Und taugt das Geschäftsmodell überhaupt? Wissenschaftler beschäftigen sich mit diesen Herausforderungen von Entrepreneuren. Über Gründer auf der Flucht ist allerdings bisher wenig bekannt. „Die Forschung hat sich dieses Bereichs so gut wie gar nicht angenommen“, sagt der Bremer Wirtschaftsprofessor Jörg Freiling. Zusammen mit seinen Kolleginnen Sibylle Heilbrunn und Aki Harima gibt er nun aber ein Buch zum Thema heraus. „Refugee Entrepreneurship“ sammelt erstmals die Geschichten von Geflüchteten, die sich selbstständig gemacht haben.

Vielen von ihnen sei eins gemein: der Wunsch, nicht in ein soziales Absicherungsnetz zu fallen, sondern das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. „Die Motivation der Geflüchteten, etwas Produktives zu tun, ist hoch“, sagt der Inhaber des Lehrstuhls für Mittelstand, Existenzgründung und Entrepreneurship (Lemex) an der Universität Bremen. Die befragten Gründer aus Syrien, Iran und Afghanistan hätten zudem eine große Bereitschaft gehabt, auch ganz neu anzufangen.

Im Buch geht es zum Beispiel um einen syrischen Unternehmer in Bremen. Als Anwalt und Manager arbeitete er zunächst in Saudi-Arabien. Doch dann gab es Probleme: Sein Sohn durfte dort als Migrant nicht studieren. Wegen des Krieges konnte der Mann aber nicht zurück nach Syrien. Schließlich kam er nach einer gefährlichen Flucht nach Bremen. Hier konnte er nicht weiter als Anwalt arbeiten. Doch etwas machen wollte er unbedingt. In der Markthalle 8 eröffnete er deshalb einen Stand mit syrischen Speisen und bekam dabei Unterstützung von einem Paar aus Bremen.

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Diese Geschichte hat Aki Harima mit ihren Kollegen zum Band beigetragen. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin beschäftigt sich schon lange Zeit mit Migrationsforschung. „Was wir machen wollten, ist die Geschichte der Gründer zu erzählen und sie als Menschen zu verstehen. Denn sie waren vor wenigen Jahren keine Geflüchteten“, erklärt sie das Anliegen des Buchs.

Faszinierend sei gewesen, wie groß die Heterogenität der Fälle sei. Schnell assoziiere man, dass die Situation für die Gründer schwierig sei und die Selbstständigkeit eine Notwendigkeit. „Wir haben aber sehr viele positive Dynamiken gesehen – wie Social Entrepreneurship.“ Im Sammelband geht es zum Beispiel um den Gründer Hussam al Zaher. Er hat in Hamburg ein Magazin aufgebaut, das Geflüchtete über ihre Situation erzählen lässt. „Seine große Mission ist, Vorurteile zu verringern.“ Zum Team gehören knapp 20 Mitarbeiter.

In den Fällen zeigt sich laut Harima und Freiling auch, wie unterschiedlich die Startbedingungen für Geflüchtete und Auswanderer sind. „Geflüchtete erleben in ihrem Heimatland eine existenzbedrohende Situation oder etwas Vergleichbares – ein Schockerlebnis“, sagt Freiling. Die Menschen seien sozial und geografisch entwurzelt. Das zeige sich etwa durch Traumata als Folge von Gewalt, Unterdrückung oder Lebensgefahr, durch Entzugswirkungen oder Heimatverlust. „Migranten treffen dagegen eine gezielte Entscheidung und Vorbereitungen. Das ist genau das, was man bei Geflüchteten nicht feststellen kann. Da ist nicht viel Ordnung drin.“ In der überwiegenden Zahl der Fälle werde von heute auf morgen oder über Nacht eine Fluchtchance genutzt – das sprichwörtliche Loch im Zaun.

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Die Heimatliebe sei bei allen da oder da gewesen. Darum blieb eine Hälfte von ihnen in der Nähe des Ursprungslandes, um zurückkehren zu können, wenn die Verhältnisse sich dort bessern. Andere setzten die Migration fort, um nach Skandinavien oder Länder wie Frankreich oder Deutschland zu gehen. Dort hofften sie auf bessere Chancen, die Familienangehörigen unterzubringen, und eine Perspektive ohne Existenzangst. „Wobei das alles Vermutungen sind.“

In Bremen organisieren die Wissenschaftler des Lemex schon seit einigen Jahren internationale Konferenzen zum Thema Migrationsgründung. Das Interesse an Refugee-Entrepreneuren stieg dann bei einem Workshop sprunghaft an. So entstand die Idee zum Buch. 25 Autoren schrieben an den 16 Fallstudien mit und interviewten die Geflüchteten, um deren Gedankengänge, Gefühle und Entwicklung besser zu verstehen, um nicht nur eine Momentaufnahme festzuhalten.

Die Startbedingungen der Gründer seien in den Ländern sehr unterschiedlich, teilweise schwierig bis prekär, sagen die Wissenschaftler. Harima sieht vor allem die zivilgesellschaftliche Hilfe für die Gründer als besonders positiv: „Was wir gesehen haben ist, dass durch Geschäftsentwicklung mit Einheimischen oder mit deren Unterstützung ein großes Empowerment entsteht. Das ist auch eine Art Heilprozess.“ Selten gebe es bei den Geflüchteten aber eine Erwartungshaltung, dass man sie gesondert unterstützen müsse.

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Nur manchmal passiert es laut Freiling aber, dass Einheimische und Geflüchtete gemeinsame Sache machen. Das Buch erzählt von einem solchen Fall aus dem Allgäu. Der syrische Geflüchtete Abdul Saymoa, der wegen des Kriegs seine Heimat verlassen musste, baute mit Einheimischen einen Betrieb für orientalische Arten der Käseherstellung auf. „Cham Saar“ heißt die arabische Käserei. „Daraus ist ein florierendes Geschäft entstanden. Das ist sehr schön: Einheimische als auch Migranten formen ein Team. Dadurch entsteht eine Dynamik in der Geschäftsentwicklung.“

Zusammenarbeit dieser Art lässt sich nicht planen. „Es ist alles immer eine Zufallsverdrahtung“, sagt Freiling mit Blick auf diese und die andere Geschichten. Doch ein Stück weit sei das für alle Gründer spezifisch: Aus einer Konstellation etwas zu machen: „Dinge, die passieren, so zu drehen, dass man Rückenwind bekommt.“ Anders sei aber, dass die Geflüchteten selten langfristig ein Geschäft aufbauen könnten. „In Europa haben sie große Unsicherheit, bis wann sie einen Aufenthaltstitel haben.“ Wenngleich einer der Gründer aus dem Band sogar eine Komponentenfertigung für Fotovoltaik aufzog.

Die Bremer Wissenschaftler sind auch bei einem neuen Projekt mit der Paris School of Business, der Dublin Business School sowie Flüchtlingsorganisationen aus Frankreich, Deutschland und Irland dabei. Es soll ein digitaler Inkubator für Geflüchtete entstehen: ein Kurs im Internet, der ihnen bei der Gründung hilft. Das Angebot soll Reichweite schaffen, erklärt Aki Harima: „So viele Geflüchtete haben unternehmerisches Potenzial. Wir können aber derzeit nicht alle erreichen.“

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Das im Band gesammelte Wissen um die Anforderungen der Gründer sei wichtig, sagt Jörg Freiling, auch um eben spezielle Hilfsangebote für sie zu entwickeln. Große Migrationsströme mit einem Fluchthintergrund könnten in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen. Aufseiten der Politik sieht der Wirtschaftswissenschaftler derweil Nachholbedarf bei der Unterstützung: „Ich glaube, es ist nicht immer so klar, dass man Geflüchtete in die Gründungsrichtung beraten kann und es einige gibt, die für die Idee affin sind.“


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Leserkommentare
Michalek am 20.10.2019 17:37
Schüler brauchen keine Erhebungen und sie sollten nicht als Versuchskaninchen herhalten müssen.

Grundschüler brauchen Unterricht, der ...
aguahorst am 20.10.2019 16:55
In der Nähe von Wilhelmshaven baut man neue Kavernen, um damit Geld zu verdienen. In Bremen will man sie verfüllen und stilllegen.....was passiert ...
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