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An Bord der MS „CFS Panjang“
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Zweiter Tag

Florian Schwiegershausen 19.04.2019 0 Kommentare

Der Schlosser Kostya Vakulenko sitzt im Raucherraum mit der Gitarre in der Hand. Irgendjemand hat immer mal Gitarre gespielt und durchaus passabel gesungen.
Der Schlosser Kostya Vakulenko sitzt im Raucherraum mit der Gitarre in der Hand. Irgendjemand hat immer mal Gitarre gespielt und durchaus passabel gesungen.

Um neun Uhr morgens wache ich auf. Wir sind auf offener See. Meine Kabine hat inklusive Bad etwa 16 Quadratmeter – ziemlich groß eigentlich. Später erfahre ich, dass der Zweite Offizier, Christopher Murray, der aus Jamaika stammt, für mich seine Kabine geräumt und eine kleinere nebenan bezogen hat. Der Zweite Offizier hat an der Wand ein Band befestigt und einen Kugelschreiber als Gewicht daran geknotet. Je mehr Wellengang ist, desto weiter schlägt das Pendel dieser Konstruktion aus. An diesem Morgen halten sich die Ausschläge in Grenzen.

Frühstück gibt es täglich von sieben bis acht Uhr, weil um acht Uhr für Deck- und Maschinencrew die Arbeit losgeht. An diesem Morgen geht aber alles etwas später los. Denn da wir spät abgelegt haben, durften alle länger schlafen. Ich komme erst gegen 9.30 Uhr in die Crewmesse, toaste mir zum Frühstück zwei Scheiben Brot und treffe dabei einige Crewmitglieder. Als ich allein bin, schaue ich mich um. Zwischen den Spielen der Playstation entdecke ich eine CD mit den schönsten Schnulzen von Engelbert. Auch Seeleuten ist also manchmal nach Liedern voller Herz und Schmerz.

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Auf dem Tisch stehen Spreewaldgurken sowie Nutella. Der Senf kommt aus Bautzen und der Orangensaft aus Mecklenburg-Vorpommern. Auf dem Zucker prangt das Logo von „Ja!“, die Handelsmarke einer großen deutschen Supermarktkette. Das Wasser ist Harzer Quellbrunnen, abgefüllt in 1,5-Liter-Plastikflaschen – all das mitten in der Karibik. Für die Versorgung auf den Schiffen ist die Firma Kloska mit Sitz in Bremen und Rostock zuständig. Das Unternehmen kauft die haltbaren Lebensmittel in Deutschland, verschifft sie per Container nach Jamaika und versorgt damit alle Schiffe der CFS-Gruppe.

Im Lauf des Tages mache ich mich mit dem Schiff vertraut. In dem orangefarbenen Overall und mit Sicherheitshelm gehe ich die Treppe bis zur Brücke hoch. Ab und zu habe ich noch Orientierungsschwierigkeiten. Meine Kabine finde ich allerdings leicht. Das ist meinen Adiletten zu verdanken. Sie stehen vor der Tür und weisen mir den Weg. Die Crewmitglieder ziehen immer ihre Schuhe aus, bevor sie eine Kabine betreten, auch wenn sie nur Schlappen anhaben. So tragen sie keinen Dreck hinein.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre: Kadett Emre Kilincoglu aus Istanbul schrubbt das Deck. Er ist für ein halbes Jahr an Bord der „CFS Panjang“, um erste Erfahrungen zu sammeln.
Lehrjahre sind keine Herrenjahre: Kadett Emre Kilincoglu aus Istanbul schrubbt das Deck. Er ist für ein halbes Jahr an Bord der „CFS Panjang“, um erste Erfahrungen zu sammeln.

Beim Mittagessen, das der Koch immer zwischen 12 und 13 Uhr auf den Tisch bringt, lerne ich weitere der 13 Crewmitglieder kennen. Die Mannschaft besteht aus Kapitän Valentin Cristian (49), dem Ersten Offizier Jovan Weir (30), dem Zweiten Offizier Christopher Murray (32), Maschineningenieur Sergiy Yurkin (53), dem Zweiten Ingenieur Vlas Sychuhov (26), dem Bootsmann Oleks Matyushyneta (53), den Vollmatrosen Mesut Dedeeli (36) und Salim Karadeniz (57), dem Leichtmatrosen Giorgi Dolidze (29), dem Schlosser Kostya Vakulenko (28), Koch Viktor Alyeksyeyev (36), Deckkadett Emre Kilicoglu (23) und Maschinenkadett Kedir Yesufe (29). Offiziere und die Mannschaft essen auf der „CFS Panjang“ getrennt. Zwischen den beiden Räumen liegt die Kombüse mit zwei Durchreichen. So kann Koch Viktor das Essen sowohl am Fenster zur Offiziers- als auch zur Crewmesse ausgeben. Als Gast darf ich mir meinen Sitzplatz aussuchen.

Auf dem Küchen- und Messedeck hängen Instruktionen, was an Bord erlaubt ist und was nicht. Drogen und hochprozentiger Alkohol sind strikt verboten. Bier und Wein hingegen ist in Maßen erlaubt. Bei Problemen, die nicht an Bord zu klären sind, ist die Reederei zu verständigen. Deshalb hängen in allen Decks Infoblätter mit einer Bremer Festnetznummer aus. Wer sie wählt, landet im Büropark Oberneuland bei Harren & Partner. Dort hat rund um die Uhr jemand Bereitschaft. Obwohl wir mitten auf dem karibischen Meer sind, fühlt es sich für mich wie Heimat an.

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Neben dem Eingang zur Küche hängt die sogenannte Roll List. Darauf ist die Rangordnung vermerkt. Mein Name steht an letzter Stelle. Im Notfall müsste ich mich den In-
struktionen des Maschinenkadetten Kedir beugen – denn am Ende der Liste steht mein Name.

Der Zweite Offizier Christopher weist mich in die Notfallinstruktionen ein. Deckkadett Emre nimmt ebenfalls teil, denn er ist mit mir zusammen an Bord gegangen. Er stammt aus Istanbul und hat sich dort im Büro von Harren & Partner beworben. Emre, der Offizier werden möchte, hatte einen guten Eindruck von dem Unternehmen. Außerdem erhält er jeden Monat 500 US-Dollar Heuer. Laut Emre ist das nicht alltäglich. Er sagt, dass einige Reedereien den Kadetten, die auf die Praxis als Teil ihrer Ausbildung angewiesen sind, nur Unterkunft und Verpflegung geben. Harren & Partner wiederum hat ein langfristiges Interesse an ihren Zöglingen. Deckkadetten, die sich gut machen, sollen später möglichst als Offiziere anheuern. Die Instruktionen von Christopher enden beim Rettungsboot, das sich am Heck auf einer steilen Rampe befindet. Im Notfall wird es abwärts ins Wasser katapultiert. Christopher bietet mir lächelnd an, in der Schräge Platz zu nehmen. Ich lehne dankend ab.

Nun kenne ich das Schiff ein wenig und weiß, wer an Bord welche Aufgaben hat. Die Namen bereiten mir immer noch Probleme. Klar ist: Der Kapitän stammt aus Rumänien, die beiden Offiziere aus Jamaika, der Maschineningenieur und der Schiffskoch aus der Ukraine. Der Zweite Maschineningenieur ist Russe, der Bosun ist aus Sewastopol auf der Krim. Ein Deckmitglied ist Georgier, drei sind Türken und der Maschinenkadett ist aus Somalia.

Der Erste Offizier, Jovan Weir, macht Eintragungen im Logbuch. Hier am Tisch schauen die Offiziere auch auf die Karten für den Kurs.
Der Erste Offizier, Jovan Weir, macht Eintragungen im Logbuch. Hier am Tisch schauen die Offiziere auch auf die Karten für den Kurs.

Einige der Russen haben ihren Beruf bei der russischen Marine gelernt. Doch die Flotte roste und dümple so vor sich hin, sagt der Zweite Maschinenoffizier. An Bord eines Handelsschiffs können sie wesentlich mehr verdienen als den Durchschnittslohn in der Heimat. Bis auf die Kapitäne haben alle einen Neun-Monats-Vertrag. Neun Monate sind sie an Bord und drei Monate bei der Familie. Danach geht es wieder für neun Monate an Bord. Die Verträge der Kapitäne, zumindest an Bord bei Harren & Partner, laufen dreieinhalb Monate. Dann wechseln die Kapitäne. Einige der Seeleute arbeiten bereits seit Jahren für die deutsche Reederei und sind zufrieden mit ihrem Arbeitgeber. „Im internationalen Arbeitsmarkt für Seeleute sind Zeitverträge oder Projekteinsätze die absolute Regel. Dennoch versuchen gute Reedereien mit den Menschen länger zusammenzuarbeiten. Die Widerkehrrate ist eine Kenngröße, für die sich auch die Kunden der Reedereien interessieren, unsere liegt bei über 90 Prozent. Die Bindung erfolgt hauptsächlich darüber, dass sich beide Seiten als verlässliche Partner erfahren“, erläutert Malte Steinhoff, Sprecher von Harren & Partner.

Jeder Montag ist auf dem Schiff ein besonderer Tag: Denn um 19 Uhr öffnet der Kapitänskiosk. Die Crewmitglieder können dort Zigaretten, Bier, Rot- oder Weißwein, Schokoriegel, Erdnüsse und andere Snacks kaufen. Eine Stange Zigaretten kostet dort zollfrei 14 US-Dollar. Eine Kiste Bier gibt es ab zwölf US-Dollar. Obwohl der Alkohol nicht teuer erscheint, zeigen die kommenden Tage an Bord, dass die Crewmitglieder verantwortungsvoll genießen.

Weitere Informationen

Jamaika

. . .hat etwa 2,9 Millionen Einwohner, die Haupteinnahmequelle des Inselstaates ist der Tourismus. Bedeutendster Rohstoff ist Bauxit, aus dem Aluminium gewonnen wird. Zudem werden Zuckerrohr und Rum exportiert. Der Konsum von Marihuana, auf Jamaika Ganja genannt, ist legal. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag laut des Statistikportals Statista im Jahr 2018 bei etwa 15,3 Milliarden US-Dollar, das entspricht etwa 13,5 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das BIP Deutschlands lag 2018 bei rund 3,39 Billionen Euro. Das Auswärtige Amt warnt vor der hohen Kriminalität in der Hauptstadt Kingston sowie in der vor allem bei Kreuzfahrttouristen beliebten Montego Bay im Nordwesten der Insel.

Die Crew

. . .der „CFS Panjang“ bestand während des Umlaufs aus 13 Seeleuten und einem Besucher. Immer an Bord sind der Kapitän und mindestens ein Erster und ein Zweiter Offizier. Außerdem gibt es einen Ersten und einen Zweiten Maschineningenieur. Die Anzahl der weiteren Offiziere, Matrosen, Leichtmatrosen, Maschinenschlosser und Köche ist abhängig von der Größe des Schiffs. An Bord der „CFS Panjang“ sind ein Bootsmann, zwei Matrosen, ein Leichtmatrose, ein Maschinenschlosser und ein Koch sowie zwei Kadetten – einer an Deck und einer im Maschinenraum.

Kloska Group

Uwe Kloska gründete im Jahr 1981 in Bremen ein Unternehmen für technische Schiffs- und Industrieausrüstung. Die Firmengruppe besteht heute aus 20 Unternehmen und beschäftigt weltweit mehr als 750 Mitarbeiter. Ein Unternehmensteil bietet die Schiffsversorgung an – also alles von der Milchtüte über Klopapier bis zum Handtuch wie auch Ersatzteile für das Schiff. Kloska versorgt die Schiffe der CFS und damit auch die „CFS Panjang“ und ihre Crew.

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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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