Rabba regt sich auf über... Die Englisch-Inflation

Streetfood ohne Straße, Sale, wo sowieso verkauft wird, Essen aus der "casual kitchen" – die immer häufigere und oft überflüssige Verwendung englischer Wörter kommt unserem Kolumnisten höchst spanisch vor.
06.09.2017, 14:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Rabba

Fyi: In diesem Text tauchen viele englische Wörter auf. Was, Sie sind schon über die drei Buchstaben am Anfang gestolpert? Das wundert mich jetzt aber, wo doch immer mehr Leute ihre elektronisch versandten Mitteilungen selbst popeligsten Inhaltes einleiten mit „for your interest“. Als ob der Empfänger einer Mitteilung nicht von allein darauf kommen könnte, dass diese eine Information beinhaltet.

Nun gut, diesen Blödsinn könnte man als skurrilen Tick der Generation Internet abhaken, die sich als schon frühkindliche Nutzer des "world wide webs" eine Aura des Weltmännischen zulegen wollen. Doch er fügt sich leider nahtlos ein in den immer inflationäreren Gebrauch englischer Wörter und Begiffe in unserem sprachlichen Alltag – und das auch dort, wo es überhaupt keinen Sinn macht oder schlicht überflüssig ist.

Eine Herausforderung ist jetzt eine „Challenge“, ein Wettbewerb ein „Contest“. Einen Zugang gibt’s nicht mehr, nur noch den „Access“. Und das Wort Schalter in Verbindung mit einer Stelle, an der man eine Auskunft bekommt, findet man auch nicht mehr. Das sind jetzt Service-Points (die ihrem ach so hippen Titel oft nicht mal gerecht werden).

Und erst die „Sale“-Werbung in Geschäften. Hallo? Was macht es für einen Sinn, in Stätten, die ganz klar dem Verkauf dienen, darauf hinzuweisen, dass ein Verkauf stattfindet? Ich werde mal nachfragen, ob außerhalb der „Sale“-Zeiten alles verschenkt wird.

Auch im Business, sorry, im Geschäftsleben, geht es selbst bei nicht international agierenden Unternehmen vermeintlich trendy-international zu. Bewerber werden in „Assessment Center“ geladen, es gibt „Key User“ (nein, das sind keine Hausmeister), und wer eine Führungsposition bekleidet, ist ein „Head of“- oder ein "Chief Executive"-Irgendwas.

Essen-Lkw und zufällige Küche

Noch absurder wird der Englisch-Wahn in der Gastronomieszene. Es gibt keine Imbisswagen mehr, nein, das sind jetzt „Food-Trucks“. Und man kann sich Gerichte aus der „new casual kitchen“ bestellen. Boah, das klingt echt mega! Casual hat aber auch nicht so appetitanregende Bedeutungen wie „zufällig“ und „beiläufig“. Wenigstens die Speisekarte dieses Lokals kommt ohne eine Englisch-Garnitur aus: Da gibt es ganz profan das „Stammessen“ und „Omas Empfehlung“. Würde auch echt blöd klingen, wenn da „Grandmas Choice“ stehen würde, oder?

Ein „Wir-sind-echt-cool-und-von-Welt“-Image will wohl auch der "Urban Baker" suggerieren. "Handcrafted Snacks" gibt es da. Wow. Das Wort handgemacht reicht eben nicht mehr. Dabei bewirbt genau dieser Backwaren-Produzent in der hier landestypischen Sprache den „Geschmack von Früher“. Oha, noch nicht mal das Wort „Taste“ wird benutzt. Ob das die Kunden verstehen?

Richtig lächerlich wird es, wenn „Streetfood“ mitten in einem Einkaufszentrum angeboten wird – fernab jeder Straße und ganz ohne Reinfahr-Möglichkeit (auf Deutsch: Drive In). Und wenn man seinen Salat für zwei Euro mit "Double up Chicken" bekommen kann. Natürlich "fresh to eat". Hoffentlich.

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Mich wundert, dass die Politik noch nicht diesem Englisch-Wahn verfallen ist. "Merkel made it" oder "Give Schulz a Chance for Chancellor" wären doch vielleicht genau die Sprüche, die die Gäste in einer "casual kitchen" erreichen würden.

Dämlich gemixt

So richtig dämlich wird es, wenn englische und deutsche Wörter gemixt werden: „Pocket Fahrpläne“, „Last-Minute-Plakate“, „fresh belegte“ Brötchen und „Kaffee to go“ – Leute, das tut wirklich weh! Beim „Coffee to go“ liest man nicht selten den Hinweis „auch zum Mitnehmen“. Immerhin: Das zeigt, dass nicht alle Anbieter den Englisch-Kenntnissen ihrer potenziellen Kundschaft vertrauen – wahrscheinlich basierend auf der Erkenntnis der eigenen Unkenntnis dieser Sprache.

Stichwort Werbung. Auch hier ist Englisch das Maß aller Dinge – und die "Message" wird oft nicht verstanden. Geradezu das Paradebeispiel dafür ist der Spruch „Come in and find out“, mit dem eine Parfümerie-Kette hierzulande mal grandios gescheitert ist. Da würde ich ja glatt ein „lol“ hinzufügen – wäre die Verwendung dieses für „laughing out loud“ stehenden englischen Kürzels in der elektronischen Kommunikation nicht längt aus der Mode (was kein Verlust ist).

Also lache ich mal richtig laut, auch wenn Sie es nicht hören können. Aber wenigstens fyi.

Alle "Rabba regt sich auf"-Beiträge gibt es in unserem Dossier.

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