Preisgekrönte Reportage

„Die Heimat kann man nicht vergessen“

Bremen. Jürgen Engelmann lebt seit mehr als 30 Jahren in Kausche. Immer in der Wolkenberger Straße. Doch das alte Kausche gibt es nicht mehr. Dort, wo heute große Schaufelradbagger im Tagebau Braunkohle abtragen, lag bis Mitte der 1990er-Jahre der 300-Seelen-Ort.
26.11.2010, 22:06
Lesedauer: 7 Min
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„Die Heimat kann man nicht vergessen“
Von Maren Beneke
„Die Heimat kann man nicht vergessen“

Der Tagebau Welzow-Süd: Wo heute Schaufelradbagger die Kohle abtragen, haben bis vor wenigen Jahren noch Hunderte Mensch

Maren Beneke

Bremen. Jürgen Engelmann lebt seit mehr als 30 Jahren in Kausche. Immer in der Wolkenberger Straße. Doch das alte Kausche gibt es nicht mehr. Dort, wo heute große Schaufelradbagger im Tagebau Braunkohle abtragen, lag bis Mitte der 1990er-Jahre der 300-Seelen-Ort. Kausche musste, wie viele andere Dörfer auch, der Kohle weichen. Der Ort ist komplett umgezogen: Mit Einwohnern, Friedhof und Bäumen.

Jürgen Engelmann steht am Abgrund. Seine Füße hat er fest in den sandigen Boden gedrückt. Mit der Hand an der Stirn schirmt er die Augen gegen die Sonne ab. Doch so angestrengt er auch schaut: Er sieht nichts. Nichts von dem, was hier einmal war. Er sieht keine Häuser, keine Straßen, keine Wälder. Er sieht keine Menschen, keine Tiere. Nichts von dem, was er bis heute seine Heimat nennt, ist übrig geblieben.

Es ist selten geworden, dass Jürgen Engelmann an den Tagebau Welzow-Süd zurückkehrt. Hier am Aussichtspunkt blickt er einhundert Meter in die Tiefe. Außer dem monotonen Piepen der schweren Maschinen ist es ruhig. In der Sonne leuchten die oberen Sandschichten goldgelb. Am Grund der Grube fressen sich Schaufelradbagger unbarmherzig in den dunklen Boden. Tonne um Tonne wird hier die Braunkohle abgebaut. Der Bodenschatz, der das Leben in der Niederlausitz seit Jahrhunderten bestimmt. Der den Menschen in der Region die Arbeit sichert. Der ihnen gleichzeitig aber auch die Heimat nimmt.

Seit der Tagebau Welzow-Süd 1959 erschlossen wurde, waren die Kauscher darauf eingestellt, früher oder später ihre Häuser zu räumen. Die Nachbardörfer Stradow, Jessen oder Radeweise gab es bei der deutschen Wiedervereinigung schon lange nicht mehr. Viele ihrer Bewohner mussten – wie zu DDR-Zeiten üblich – in Plattenbausiedlungen an den Stadtrand von Cottbus oder Spremberg ziehen. Zusammengepfercht in winzige Wohnungen, nicht annähernd so groß wie die Häuser und Höfe, in denen sie vorher gewohnt hatten.

Auch Kausche war ein für die Region typischer Ort. Die Wege wurden von jahrhundertealten Bäumen gesäumt. Eichen, Buchen, Linden und Ahorn. Zweistöckige Häuser aus rotem Klinker standen an der Hauptverkehrsstraße. In großen Gärten wuchsen Kartoffeln, Tomaten oder Salat. Es gab Kühe, Schweine und Schafe.

Die Dorfbewohner waren zur Wendezeit eine funktionierende Gemeinschaft. Man hielt zusammen, feuerte am Wochenende gemeinsam die Fußballer vom SG Kausche an. Man traf sich in der Gaststätte „Fuchsbau“ und zog an Karneval in Kosakenkostümen durch das Dorf.

Jürgen Engelmann fühlte sich in Kausche geborgen. Anfang der 1980er-Jahre hatte er sich am Ortsrand einen Bauernhof gekauft. Mit seiner Frau und den beiden Kindern wohnte der kleine Mann mit der kräftigen Statur auf 5600 Quadratmetern. Genug Platz, um Bienen zu züchten, sich um Hund und Katze zu kümmern. Bis in den Wald waren es nur ein paar Schritte. „Ein richtiges Paradies“, sagt Engelmann.

Lange hat er nicht gebraucht, um sich einzuleben. Durch seine Arbeit als Leiter der örtlichen Brikettfabrik kannte er viele der Nachbarn. Er engagierte sich im Karnevalsverein und in der Kommunalpolitik. Dass die Bagger immer näher kamen, das wusste er. Das wussten alle Kauscher.

Doch mit der Eingliederung in die Bundesrepublik war plötzlich alles ganz anders. Es gab eine neue Regierung, eine neue Währung. Es gab andere Autos und fremde Produkte. Für viele Kauscher war die Wende ein Schock. Auch für Jürgen Engelmann. Von heute auf morgen wurde die Brikettfabrik geschlossen. Engelmann musste 120 Männer und Frauen ohne Arbeit nach Hause schicken. Als die beiden Werksschornsteine Anfang der 1990er-Jahre gesprengt wurden, war das für ihn wie ein Stich ins Herz. Jürgen Engelmann war enttäuscht.

Aber gleichzeitig war da noch ein anderes Gefühl. Ein Gefühl, das er über Jahre hinweg verdrängt hatte. Doch plötzlich war es wieder da: die Hoffnung. Denn die neue Regierung ließ prüfen, welche Tagebaue zukunftsfähig waren. Auch den Welzow-Süd.

Zwei Jahre ließ sich das Land Brandenburg Zeit für die Entscheidung. Eine Zeit, die Jürgen Engelmann endlos vorkam. „Nicht zu wissen, woran man ist, das ist das Allerschlimmste“, sagt er. Als Vorsitzender des Umsiedlungsausschusses diskutierte er oft bis in die späte Nacht hinein mit anderen Kauschern und Vertretern der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) – ohne zu wissen, was aus dem Ort werden würde.

400 Menschen müssen umziehen

Vier Tage vor Weihnachten kam 1991 schließlich die Nachricht: Der Tagebau in Welzow-Süd bleibt, die rund 400 Kauscher müssen umziehen. Trotz der schlechten Nachricht hielt die Dorfgemeinschaft zusammen. Man wolle gemeinsam umsiedeln, beschlossen die Kauscher. Nicht etwa in eine jener Plattenbausiedlungen. Sondern an den Rand der Kleinstadt Drebkau, in ein eigenes Neubaugebiet.

Doch wo innerhalb weniger Jahre der neue Ort entstehen sollte, war zu Anfang der 1990er-Jahre nichts als eine grüne Wiese. Anstatt auf 1000 Hektar sollten die Kauscher nur noch auf zwölf Hektar leben. Es wuchs kein einziger Baum auf dem Gelände. Es gab keinen Platz für Tiere oder Ackerbau. Das neue Kausche würde mit dem alten nicht mehr viel zu tun haben. So viel war klar.

Auch deswegen wollten die Kauscher ihre Umsiedlung selbst bestimmen. Wenn schon gehen, dann nur mit einer ordentlichen Entschädigung vom Staat. Jürgen Engelmann traf sich mit Ministerpräsident Manfred Stolpe, handelte die Bedingungen für den Umzug aus. Die Dorfbewohner sollten den Wert ihrer Häuser und Wohnungen eins zu eins ersetzt bekommen. Sie sollten den neuen Ort mitgestalten. Und: Sie sollten Arbeit bekommen.

Im Dezember 1993 unterschrieben alle Parteien den Kausche-Vertrag. Nur wenige Monate später rollten die Bagger an. Im neuen Kausche. Es entstanden 25 Mietshäuser mit 149 Wohnungen. 40 Familien bauten 33 Eigenheime. 1996 zogen die Kosaken ein letztes Mal durch den alten Ort.

Rund sechs Kilometer nördlich vom ehemaligen Dorf stehen heute die neuen Ortsschilder. Der 73-jährige Engelmann lebt jetzt in einem Doppelhaus. Zusammen mit seiner Frau und der Familie der Tochter. Eigentlich sei es immer sein Traum gewesen, einmal am Wasser zu wohnen. „Aber ich konnte die Leute nicht einfach im Stich lassen“, sagt der Ortsvorsteher.

Der Moment, in dem er den Schlüssel seines alten Hauses an die Laubag übergeben hat – es war der schlimmste in seinem Leben, erzählt Engelmann. Er nimmt seine Brille ab, weil ihm die Tränen kommen. Auch noch nach 13 Jahren. Bei der Umbettung des Friedhofs war er nicht dabei. „Dafür bin ich zu nah am Wasser gebaut.“ Der Bauernhof, das Grundstück, die Umgebung – nur die Erinnerung ist ihm geblieben. Die Erinnerung an den Aprikosenbaum, dessen Früchte er Jahr für Jahr geerntet hat. Die Erinnerung an den Wald, in dem er im Herbst Pilze gesammelt hat. Die Erinnerung an das Dorf, die Nachbarn.

Die verschworene Gemeinschaft – es gibt sie heute nicht mehr. In den Mietwohnungen wohnen viele Menschen von außerhalb. Zwar sind unzählige Kauscher an Karneval und bei den Fußballspielen ihres Vereins dabei. Sie feiern, essen Bratwurst, schwatzen. Aber an einem normalen Tag bleibt das Bürgerhaus leer.

Im ersten Stock hat Jürgen Engelmann sein modernes Büro eingerichtet. An der Wand hängt wie schon im alten Arbeitszimmer ein rosafarbenes Poster mit der Gebetsbitte „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann“. Überall in Kausche sind sie zu finden, diese Überbleibsel aus dem alten Ort. In einem der Gärten in der Ringstraße hängt ein früheres Ortsschild. Auf dem Marktplatz steht die alte Pumpe neben dem Kriegerdenkmal, der Weg zum Bürgerhaus ist mit den Steinen des ehemaligen Gutes gepflastert.

Insgesamt 21 Bäume durften die Kauscher damals aus dem alten Ort mitnehmen. An einem nebligen Novembertag im Jahr 1995 kamen die großen Maschinen in den Ort. 1,35 Meter tief gruben sie sich rund um die Pflanzen in die Erde, um dann mitsamt dem verwurzelten Erdballen in das neue Kausche zu fahren.

Es hängen viele Erinnerungen an diesen Bäumen. Zum Beispiel an der Dorflinde, gespendet aus dem Garten der Familie Schimma. Oder an dem Ahorn, der in Jürgen Engelmanns Garten wächst. Ein stattlicher Baum, der auch schon neben seinem Bauernhaus gestanden hat. Aber die Aprikose, die musste er zurücklassen. So wie viele andere liebgewonnene Gegenstände.

Am höchsten Punkt des Bürgerhauses hängt eine große Uhr. „Wir haben eine eigene Zeitrechnung“, sagt Engelmann. Vor genau 13 Jahren, zehn Monaten und 28 Tagen wurde Kausche ein Ortsteil von Drebkau. Viele Kauscher können nicht vergessen. Sie sind nie richtig angekommen im neuen Dorf.

Seit der Umsiedlung hat Kausche zum ersten Mal eine eigene Kirche, die Hoffnungskirche. Auf dem Fliesenboden spiegeln sich die bunten Fenster. Sie zeigen verschiedene Heilungsszenen aus dem Leben von Jesus. „Zu Weihnachten ist es hier immer rappelvoll“, versichert Jürgen Engelmann. Den Rest der Zeit teilen sich die Kauscher ihren Pastor mit mehreren anderen Gemeinden.

Am Siedlungsausgang, rund 100 Schritte von Jürgen Engelmanns Haus entfernt, steht das neue Vereinsheim des SG Kausche mit Duschen und Umkleidekabinen für die Fuß- und Volleyballer. Der Rasen vom Fußballfeld sieht bundesligatauglich aus. Auch die Tribünen scheinen fabrikneu zu sein. Kaum Spuren von Graffiti oder anderen Schmierereinen. „Früher mussten wir die Wildschweine vom Platz jagen“, sagt Jürgen Engelmann. „Heute ist der Platz eingezäunt und eine moderne Beregnungsanlage sorgt für einen immergrünen Rasen.“

Im neuen Kausche ist vieles schön, doch es fehlt das Leben. Am Nachmittag wirkt der Ort wie ausgestorben. In der Dorfkneipe im Bürgerhaus könnten rund 30 Gäste Platz finden. Meistens sind es aber nur zwei oder drei Männer, die schweigend an der Bar sitzen und ihr Feierabendbier trinken. Die Ladenzeile am Marktplatz steht schon lange leer. Eine Gärtnerei hat hier bis vor wenigen Jahren Blumen verkauft. Auch der Jugendclub ist umgezogen. „Zu laut“, haben sich die Nachbarn beschwert. Wenige Meter weiter fahren die Autos auf der Bundesstraße vorbei. Ein beständiges Rauschen weht durch die Luft.

Jürgen Engelmann bewegt sich mit kurzen Schritten über das Kopfsteinpflaster. Zu Beginn der Ringstraße reiht sich ein Mietshaus neben das andere. Die Gebäude schimmern in zartem Gelb, Rosa oder Blau. Meter um Meter sind Straßenlaternen in den Boden gepflanzt. In der Wolkenberger Straße das gleiche Bild. In der Siedlungsmitte stehen drei der Eigenheime. Weiß verputzt, rote Dachziegel und ein Balkon mit Holzgeländer. Drei Mal das gleiche Haus im Abstand von wenigen Metern.

Mietshaus neben Mietshaus

Jürgen Engelmann würde jederzeit tauschen. Mit all denjenigen, die in den Dörfern leben können, in denen sie aufgewaschen sind. „Neu ist immer schön“, sagt Engelmann. „Aber die anderen mussten ihre Heimat nicht hinter sich lassen. Deswegen geht es ihnen besser.“ 13 Jahre sind zu kurz, um dem Dorf eine Seele zu geben, um zu einer neuen Heimat zu werden. „Das alte Kausche ist meine Heimat“, sagt Jürgen Engelmann. „Die kann man nicht so einfach vergessen.“

Die alte Identität, sie liegt irgendwo da draußen. Verschüttet zwischen dem Kohleflöz, den Baggern, den Förderbändern. In der Abenddämmerung schaut Jürgen Engelmann nachdenklich auf den Tagebau. Er selbst hat einmal von der Kohle gelebt. Und doch tut es unendlich weh hier zu stehen. An den Ort zurückzukehren, wo die Erinnerung plötzlich wieder lebendig wird. An den Bauernhof, die Wolkenberger Straße, die Heimat. Engelmanns Augen blicken ins Leere. Sie sehen nichts von dem, was direkt unter ihm passiert.

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