Kommentar über Religionskritik Die Islamdebatte spaltet Frankreich

Eine Französin muss untertauchen, weil sie den Islam kritisiert hat. Todesdrohungen haben aber nichts mit dem notwendigen Respekt vor friedlich praktizierenden Muslimen zu tun, schreibt Birgit Holzer.
17.02.2020, 07:33
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Von Birgit Holzer

Kaum eine Person war in den vergangenen Wochen so präsent in der öffentlichen Debatte in Frankreich wie die 16-jährige Mila. Bevor sie zur derzeit wohl berühmtesten Jugendlichen des Landes wurde, betrieb sie ein Instagram-Konto, auf dem sie offen über ihre Homosexualität sprach und freimütig erzählte, was ihr gerade durch den Kopf schoss. Eine überschaubare Zahl von Anhängern verfolgte ihre Aktivitäten – bis zu jenem Tag im Januar, an dem Mila in einem Live-Video in vulgärem Ton über den Islam herzog: Die Religion sei „scheiße“, im Koran stecke nur Hass.

Sie erhielt Zigtausende Nachrichten, darunter etliche Mord- und Gewalt-Androhungen. Die Schülerin musste untertauchen, benötigt Polizeischutz, und die Öffentlichkeit diskutiert über die Grenzen der Meinungsfreiheit und die Gefahr der Radikalisierung junger Muslime.

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Der Islam bleibt ein Reizthema angesichts der bitteren Erfahrungen, die Frankreich mit Terroranschlägen gemacht hat. Vor fünf Jahren ermordeten zwei Extremisten beim Attentat auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“, das bis dahin regelmäßig Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte, elf Menschen. Es war der Auftakt einer blutigen Terrorserie, die nicht nur Frankreich traf. Meistens handelte es sich bei den Tätern um junge Männer mit Wurzeln in arabischen Ländern, die in französischen Vorstädten aufgewachsen waren und eine französische Schule besucht hatten: Wie konnten sie so abdriften und einen derart zerstörerischen Hass entwickeln?

Bei der Suche nach Antworten sind alle gefragt – die Schulen und Lehrer, die Politiker, die Vereine. In keinem anderen europäischen Staat schlossen sich so viele junge Menschen dem sogenannten Islamischen Staat an wie in Frankreich. Zugleich werden Muslime regelmäßig Opfer von Diskriminierung – ob bei der Wohnungs- oder der Jobsuche. Das Misstrauen ist groß und spaltet die Gesellschaft. Dies erklärt die verstörten Reaktionen auf die Vorfälle rund um Mila. Auch über die Gefahr hinaus, dass brutale Worte in grausame Taten umgesetzt werden, bleibt der Umgang mit dem Islam und seinen radikalen Auslegungen ein sensibles Thema in dem Land, in dem schätzungsweise knapp jeder zehnte Einwohner muslimischen Glaubens ist.

Dies hängt stark mit der kolonialen Geschichte Frankreichs zusammen, in deren Folge viele Menschen aus dem Maghreb und anderen afrikanischen Ländern kamen und ihre Lebensgewohnheiten mitbrachten, zu der auch die Ausübung ihres Glaubens gehört. Das führte zu Reibungen, zumal ein Gesetz seit 1905 die Laizität vorsieht, also die strikte Trennung von Kirche und Staat, die die Religion in den Raum des Privaten verweist.

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Mit ihr argumentiert die Rechtspopulistin Marine Le Pen, deren Partei Rassemblement National (einstmals Front National) ihr Programm auf Fremden- und Islamhass sowie auf der Klage über mangelnde Integration von Einwanderern aufbaut. Ähnlich wie zuletzt die AfD in Deutschland treibt sie die anderen Parteien vor sich her: Während die Konservativen mit der unmissverständlichen Abgrenzung von den Rechtsnationalen ringen, tut sich auch die Linke, die die pauschale Stigmatisierung der Muslime ablehnt, schwer mit einer klaren Haltung. Das kann zu Aussetzern führen, wie bei der Reaktion der früheren sozialistischen Ministerin Ségolène Royal auf die Hassbotschaften an Mila: Sie gab der Schülerin eine Mitschuld daran.

Todesdrohungen seitens anonymer Radikaler zu rechtfertigen, hat aber nichts mit dem notwendigen Respekt vor friedlich praktizierenden Muslimen zu tun. In dieser Unterscheidung liegt die ganze Schwierigkeit im Umgang mit dem Islam, dessen interne Kämpfe um die vorherrschende Auslegung auch in Frankreich ausgetragen werden. Präsident Emmanuel Macron will demnächst Vorschläge zum Kampf gegen die Radikalisierung sowie zur Finanzierung des Islam in Frankreich vorbringen. Solche Initiativen wären schon seit Jahrzehnten wichtig. Und auch angesichts des erhitzten, von Misstrauen geprägten Klimas erscheint eine ruhig und sachlich geführte Debatte mehr als überfällig.

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