Interview mit Bremer Ärztin

„Die Leute haben keine Perspektive“

Die Bremer Ärztin Kerstin Klein spricht im Interview über ihre Arbeit in einem Flüchtlingslager in Bangladesch und warum sie sich für den neunmonatigen Einsatz entschieden hat.
28.01.2019, 22:46
Lesedauer: 3 Min
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Von Von Philipp Hedemann
„Die Leute haben keine Perspektive“

Kerstin Klein berät in Kutupalong die Mutter eines geistig und körperlich behinderten Jungen.

Fotos: Philipp Hedemann

Frau Klein, warum haben Sie sich für einen neunmonatigen Einsatz in Kutupalong entschieden?

Kerstin Klein: Schon als Medizinstudentin habe ich davon geträumt, mit Ärzte ohne Grenzen Menschen in Not zu helfen. Meinen Patienten sage ich immer: Träume muss man umsetzen. Das gilt natürlich auch für mich. Darum habe ich mir jetzt ein Jahr unbezahlten Urlaub genommen und erfülle mir meinen Traum. Jetzt bin ich fit für diesen anstrengenden Einsatz. Aber als Ärztin weiß ich auch, dass gesundheitlich immer etwas passieren kann. Also: Wann, wenn nicht jetzt?

Mit welchen Problemen kommen Ihre Patienten in Kutupalong zu Ihnen?

Ich behandele hauptsächlich Menschen, die unter Psychosen und Epilepsie leiden. Teilweise wurden die Psychosen von traumatischen Erlebnissen in Myanmar oder auf der Flucht ausgelöst. Unter meinen Patienten sind Menschen, die mit ansehen mussten, wie ihre eigenen Kinder oder Eltern getötet wurden, und Frauen, die vergewaltigt wurden. Zudem leiden immer mehr Menschen im Lager an Depressionen. Jetzt, da sie sich im Lager halbwegs eingerichtet haben, treten psychische Probleme verstärkt zu Tage.

Warum?

Den Leuten wird schmerzlich bewusst, dass sie keine Perspektive haben. Zudem wird berichtet, dass der Drogenmissbrauch im Lager zunimmt. Wenn Menschen, vor allem junge Männer, nichts zu tun haben, kommt es leider vor, dass sie anfangen, Drogen zu nehmen. Unter den Problemen im Lager leiden besonders Frauen und Kinder, die immer wieder Opfer häuslicher Gewalt werden.

Sind manche Menschen so verzweifelt, dass sie nicht mehr leben wollen?

Leider ja. Es kommen Menschen zu mir, die suizidale Gedanken haben oder bereits versucht haben, sich zu erhängen oder zu vergiften. Unter ihnen sind überdurchschnittlich viele Frauen, die – teilweise nach Vergewaltigungen – von ihren Männern verlassen wurden. Manche Mütter ziehen auch einen erweiterten Suizid in Betracht, weil sie nicht möchten, dass ihre Kinder ohne sie weiterleben müssen.

Wie können Sie suizidgefährdeten Menschen helfen?

Zunächst halte ich oft ihre Hände und nehme ihnen das Versprechen ab, sich nichts anzutun. So gelingt es mir, nonverbal mit den Frauen eine Beziehung herzustellen. Aber das reicht natürlich nicht. Zusätzlich überweise ich sie zu meinen Ärzte ohne Grenzen-Kolleginnen und Kollegen zur Psychotherapie. In besonders schweren Fällen verschreibe ich Medikamente.

Was sind die größten Herausforderungen der Arbeit im Flüchtlingslager?

Wir haben hier viel weniger Diagnose-Möglichkeiten als in der High-Tech-Medizin in Deutschland. Ich muss hier beispielsweise ohne EKG und Labor und mit einer sehr eingeschränkten Auswahl an Medikamenten auskommen. Darum muss ich hier noch genauer zuhören und besonders gut auf die Gestik und Mimik meiner Patientinnen achten. Frauen bitte ich deshalb, während der Gespräche ihren Schleier zu lüften. Dass ich bereits in Bremen viele Geflüchtete behandelt habe, kommt mir hier sehr zugute. Es ist auch schon vorgekommen, dass Patienten von ihren Angehörigen in Ketten zu mir gebracht wurden, damit sie sich und andere nicht gefährden. Ich bitte die Familien dann natürlich, die Ketten abzunehmen. Bis jetzt konnten alle Patienten ohne Ketten wieder nach Hause gehen.

Die meisten Rohingya hatten nie zuvor mit einer Psychiaterin zu tun. Gibt es da nicht Berührungsängste?

Nein, eigentlich nicht. Da es im Süden Bangladeschs kaum vergleichbare Angebote gibt, kommen nicht nur viele Geflüchtete, sondern auch zahlreiche Bangladeschis zu uns. Sie nehmen dafür teils stundenlange Anreisen in Kauf. Viele meiner Patienten waren zuvor bei traditionellen Heilern, die ihnen jedoch nicht helfen konnten. Wenn sie merken, dass unsere Ansätze und Medikamente viel besser wirken, sind sie oft sehr dankbar und versprechen, dass sie mich in ihre Gebete einschließen werden. Das ist ein sehr schöner Lohn für meine Arbeit.

Wie halten Sie diese sehr belastende Arbeit aus?

Ich bin emotional ziemlich stabil. In meiner Arbeit ist Empathie sehr wichtig, aber ich habe auch gelernt, einen gesunden Abstand zu den oft sehr belastenden Schicksalen meiner Patienten zu wahren. Ihnen wäre nicht damit gedient, wenn ich an ihren Problemen zerbrechen würde. Außerdem kann ich mich nach Feierabend mit meinen Kollegen vor Ort und über das Internet mit meiner Familie, Freunden und Kollegen zu Hause austauschen. Als ich bei einer Therapie einmal unsicher war, hat eine Kollegin aus Bremen mir die entsprechende Seite aus einem Fachbuch per E-Mail geschickt.

Die Fragen stellte Philipp Hedemann.

Info

Zur Person

Kerstin Klein

ist Oberärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Fachärztin für Neurologie aus Bremen. Seit Oktober arbeitet die 45-jährige Medizinerin in der psychiatrischen und neurologischen Abteilung des Ärzte-ohne-Grenzen-Krankenhauses im Flüchtlingslager Kutupalong im Süden Bangladeschs. Hier bildet sie einheimische Ärzte aus.

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