"Ostalgie ist überhaupt nicht unser Ding!" Die Prinzen feiern ihr 20-jähriges Bandbestehen

Die-Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel über Ostalgie, Höhe- und Tiefpunkte in 20 Jahren Karriere und neue persönliche Prioritäten - jenseits der Musik.
07.01.2011, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Nina Becker-Göpner

Die-Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel über Ostalgie, Höhe- und Tiefpunkte in 20 Jahren Karriere und neue persönliche Prioritäten - jenseits der Musik.

Inzwischen sind sie unverwechselbar: Nachdem sich das Quintett aus Leipzig zu Beginn seiner Karriere noch "Die Herzbuben" nannte, beschloss man 1991 künftig unter dem Namen "Die Prinzen" aufzutreten. Um Verwechslungen mit den Wildecker Herzbuben auszuschließen. Mit ihrem Markenzeichen, dem geschulten A-cappella-Gesang, wurden Sebastian Krumbiegel, Tobias Künzel, Wolfgang Lenk, Jens Sembdner und Henri Schmidt schnell zu einer der erfolgreichsten deutschen Popbands. In den letzten zwei Jahrzehnten reihten die Prinzen Hit an Hit ("Alles nur geklaut", "Du musst ein Schwein sein", "Küssen verboten"), legen jetzt mit "Es war nicht alles schlecht" ein Best-Of-Album vor und gehen ab März auf ausgedehnte Jubiläumstournee. Doch Musik ist längst nicht mehr alles im Leben der Prinzen, wie Sänger Sebastian Krumbiegel (44) im Interview erzählt.

teleschau: "Es war nicht alles schlecht" - der Titel Eures Best-Ofs klingt schwer nach Ostalgie ...

Sebastian Krumbiegel: Ostalgie ist überhaupt nicht unser Ding! Obwohl wir natürlich wissen, dass der Spruch "Es war nicht alles schlecht" ein Selbstbejammer-Ossi-Spruch ist. Und genau das nehmen wir damit aufs Korn. Wenn man den Titelsong genau anhört, geht es darin um die Nostalgie des eigenen Lebens. Die erste Liebe, der erste Kuss. Er handelt davon, wie schön es doch ist, die eigene Vergangenheit zu reflektieren. Aber Ostalgie hat bei uns wirklich nichts zu suchen. Denn wer sich genau erinnert, wie es damals in der DDR wirklich zuging, der hat so einiges nicht verstanden, wenn er sich diese Republik zurückwünscht.

teleschau: Gibt es sonst etwas, das Ihr Euch zurückwünscht? Etwas, das Ihr gerne anders gemacht hättet?

Krumbiegel: Och, das gibt es garantiert auch ... aber der Mensch ist ja eher so gestrickt, dass er die schlechten Sachen schnell vergisst. Jedenfalls bereuen wir nichts von dem, was wir bislang so getan haben. Klar gab es Entscheidungen, die nicht so optimal waren. Aber hey, was soll's! Ganz am Anfang unserer Karriere waren wir teilweise mehr Leute auf der Bühne als im Publikum. Aber so lernten wir, nie die Leute, die da sind, für diejenigen zu bestrafen, die nicht da sind. Wir geben nach wie vor Konzerte vor vielen Leuten, aber auch mal in Clubs vor kleinem Publikum. Und beides hat auf alle Fälle seinen Reiz.

teleschau: Was war in 20 Jahren die Prinzen besonders reizvoll? Was waren die Höhepunkte?

Krumbiegel: Wir haben uns immer darum gekümmert, dass wir nicht auf einem Punkt stehen bleiben, sondern haben immer nach neuen Wegen gesucht. Vor fünf Jahren begannen wir eine Theater-Tournee und begleiteten unsere Songs ausschließlich mit akustischen Instrumenten. Wir waren die erste Band, die in der Semper-Oper spielte! Gerade eben haben wir eine lange Tournee hinter uns, die uns durch die Kirchen der Republik führte. Auch ein absoluter Höhepunkt! Wenn wir weiter zurückblicken, legten wir 1994 die gesamte Leipziger Innenstadt lahm, weil wir vor über 50.000 Leuten auf dem Marktplatz spielten! Also, es gab schon einige Highlights in unserer Karriere.

teleschau: In den 20 Jahren hat sich auch das Musikgeschäft verändert ...

Krumbiegel: Ich finde es wichtig, sich auf das zu konzentrieren, was man wirklich gut kann. Und das ist bei uns, live aufzutreten. Ein Live-Konzert kannst du dir nicht herunterladen, ein Live-Konzert kannst du dir nicht brennen. Ein Live-Konzert musst du erleben! Und da sind wir nach wie vor sehr intensiv unterwegs. Wir spielen 70 bis 80 mal live im Jahr. Internet, Downloads, die CD-Verkäufe gehen zurück. Aber so eine richtig klare Meinung habe ich dazu nicht.

teleschau: Wie kommt's?

Krumbiegel: Naja, wenn mein Sohn ankommt und mich fragt, ob ich ihm die neueste CD von Linkin Park oder Peter Fox runterladen kann, dann sage ich ihm: "Du, diese Künstler leben davon, dass ihre Werke bezahlt werden. Wünsch' dir doch die CD zu Weihnachten!" Tja, dann nickt er verständnisvoll, kommt aber am nächsten Tag mit einer ganzen Festplatte voll mit Mucke aus der Schule. Da weiß ich dann auch nicht mehr, was ich sagen soll. Musik sollte doch einen Wert, eine Botschaft haben. Aber das alles muss erst mal mit Geld für Promotionaktivitäten, Tonstudio oder Konzerte unterstützt werden. Und so würde ich gerne den Leuten sagen, dass gute Musik nur entstehen kann, wenn sie auch finanziell unterstützt wird!

teleschau: Für "Es war nicht alles schlecht" habt Ihr Eure alten Hits neu arrangieren lassen. Warum?

Krumbiegel: Wir wollten nicht einfach eine Best-Of-Sammlung so zusammenklatschen, sondern uns Mühe geben. Über Annette Humpe lernten wir den "Ich & Ich"-Mitproduzenten Sebastian Kirchner kennen. Und den haben wir gefragt, ob er unsere Lieder bearbeiten möchte und diese sozusagen ins neue Jahrtausend mit uns holt, samt den neuen vier Songs. Denn wir sind nach wie vor eine kreative Band, die die Jetztzeit reflektiert und damit gleichzeitig in die Zukunft blickt. Nur die letzten 20 Jahre Revue passieren lassen, wäre uns doch viel zu wenig gewesen.

teleschau: Teilweise kennt ihr Euch schon seit der Grundschule und seit Bestehen gab es nie einen Besetzungswechsel. 20 Jahre zusammen in einer Band - da kennt man sich wohl recht gut?

Krumbiegel: Wir kennen uns sehr gut. Das ist manchmal förderlich und manchmal auch ein bisschen schwierig. Wenn einer komisch mit der Augenbraue zuckt, weiß der andere gleich, wie derjenige drauf ist! In den letzten Jahren haben wir gelernt, uns künstlerische und menschliche Freiräume zu lassen. Logischerweise haben sich in den letzten 20 Jahren die Prioritäten verschoben.

teleschau: Inwiefern?

Krumbiegel: Naja, ich habe zum Beispiel neulich einen alten Tagebucheintrag von mir gelesen, in dem steht, dass bei mir zuerst die Musik kommt und dann eine ganze Weile nichts! Das ist heute anders. Wir haben nun alle Familien, haben Verantwortung übernommen und der muss man auch gerecht werden. Das sehe ich nicht als negativ, sondern als eine ganz normale Entwicklung an. Und natürlich treffen wir uns untereinander auch mal zum Grillen. Aber doch eher sporadisch, damit wir uns immer wieder freuen, wenn wir uns beruflich sehen!

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