Filmkritik

Fragen Sie Dr. Ruth

Biografischer Dokumentarfilm über die US-Sexualtherapeutin Ruth Westheimer, die seit den 1980er-Jahren Ratschläge für guten Sex erteilt. Eine Schilderung von 90 Jahren intensiv erlebter Zeitgeschichte.
29.08.2020, 17:19
Lesedauer: 3 Min
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Von Irene Genhart
Fragen Sie Dr. Ruth

Ruth Westheimer in einer Szene des Films "Fragen Sie Dr. Ruth"

Film

Das Wörtchen „normal“ mag Ruth Westheimer gar nicht. In den Augen der US-Soziologin sind Begriffe wie „Norm“ oder „Normalität“ im Zusammenhang mit Sexualität fehl am Platz. Ihr Credo: Erlaubt ist, was Spaß macht und in der Öffentlichkeit nicht stört. Schwierigkeiten mit manchen sexuellen Vorlieben lägen in der Natur der Sache oder an der Moral der Gesellschaft.

Diese Botschaft verbreitet „Dr. Ruth“, seit sie in den 1980er-Jahren als Moderatorin der Radiosendung „Sexually Speaking“ zum ersten Mal ins Mikro sprach. Mit der Feinfühligkeit, mit der sie auf (fast) alle Fragen eingeht, aber auch mit ihrer Unbefangenheit hat sie das Reden über und die Haltung zur Sexualität in den USA maßgeblich beeinflusst.

Noch heute ist die über 90-Jährige unermüdlich unterwegs, hält Vorträge, unterrichtet, veröffentlicht Ratgeber, schreibt Kolumnen und ist weiter gern gesehen im Fernsehen mit ihrem ansteckenden Lachen und ihrer wachen Schlagfertigkeit.

Letterman und Leno

Bezeichnenderweise beginnt „Fragen Sie Dr. Ruth“ mit einer Reihe erheiternder Live-Momente. Etwa wenn die zierliche Frau gestandene Moderatoren wie David Letterman oder Jay Leno in Verlegenheit bringt mit der Aufforderung, das Wort „Sex“ so enthusiastisch auszusprechen, dass es lustvoll klingt.

Westheimer hat (Medien-)Geschichte geschrieben als erste lizenzierte Sex-Therapeutin, die zuerst im Radio und ab 1984 auch im Fernsehen offen über Sex sprach. Von Anfang an kämpfte sie gegen Tabus und Missverständnisse. So sprach sie offen über die sexuellen Bedürfnisse von Frauen, Abtreibung oder Aids.

Das alles ist bestens dokumentiert und würde mehr als genug Stoff bieten für einen Film über ihren Einfluss auf die westliche Sexual- und Moralgeschichte. Doch Regisseur Ryan White interessiert etwas anderes fast noch mehr: Westheimers Biografie - das Schicksal, das die am 4. Juni 1928 in Karlstadt als einziges Kind jüdisch-orthodoxer Eltern geborene Karola Siegel zu Ruth Westheimer werden ließ.

Behütete Kindheit

Der von ihr als behütet dargestellten Kindheit im zunehmend von den Nazis dominierten Deutschland folgte kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die Trennung von den Eltern und die Emigration in die Schweiz, wo sie bis kurz nach Ende des Krieges in einem Kinderheim lebte. Ihre Jugend war keine glückliche Zeit; die Sehnsucht nach der Familie und die Ungewissheit über deren Schicksal plagten Westheimer. Auf der anderen Seite erlebte sie in der Schweiz ihre erste Liebe und schrieb als 15-Jährige eine Art Lebensphilosophie auf - dass „die Natur alles derart wunderbar eingerichtet hat, dass man sich kaum vorstellen kann, dass irgendetwas davon verwerflich sein könnte“.

Es folgten Jahre in einem Kibbuz in Israel und eine kurze erste Ehe, der Einsatz bei der Armee und ein Bombenanschlag, der sie fast ein Bein kostete. Dann ging sie nach Paris, wo sie studierte, schwanger wurde und ein zweites Mal heiratete. Später in den USA fühlte sie sich zum ersten Mal „im Leben angekommen“. Es folgten die zweite Scheidung und später die dritte Ehe mit Fred Westheimer sowie ein zweites Kind.

„Bloß weil ein Mensch zwei schwierige Beziehungen hinter sich hat, bedeutet das noch nicht, dass auch die dritte im Desaster enden muss“, erklärte sie später Ratsuchenden. Zum Geheimnis ihres Erfolgs sagt sie, der liege wohl daran, dass sie klein und blond sei und dass Menschen oft den Eindruck hätten, mit ihrer Großmutter zu reden.

Reisen nach Israel und in die Schweiz

Ryan White hat einige Wochen mit der Protagonistin vor deren 90. Geburtstag verbracht - auch auf Reisen nach Israel und in die Schweiz. All das verbindet der Film patchworkartig mit Archiv-Materialien, Auszügen aus Tagebüchern und Fotos. Hinzu kommen Gespräche und Begegnungen mit Kindern und Enkeln.

„Fragen Sie Dr. Ruth“ ist ein in vielem geglückter, dicht verflochtener Film. Das hängt nicht nur mit der charismatischen Protagonistin zusammen, sondern auch mit der Kunst von Ryan White, zu ihrer Persönlichkeit vorzudringen. All das zusammen lässt den Film über eine biografische Erkundung hinaus zur lebhaften Schilderung von 90 Jahren intensiv erlebter Zeitgeschichte werden.

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