Die bittere Pille, lecker verpackt Dr. Eckart von Hirschhausen moderiert "Das fantastische Quiz des Menschen" (Do., 02.09., und Do., 09.09, jeweils 20.15 Uhr im Ersten) und "Frag' doch mal die Maus" (Sa., 25.09., 20.15 Uhr, ARD)

Deutschlands Lieblingsarzt: Eckart von Hirschhausen möchte mit der Sendung "Das fantastische Quiz des Menschen" Bewusstsein für den Körper wecken.
27.08.2010, 00:00
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Von Jochen Overbeck

Deutschlands Lieblingsarzt: Eckart von Hirschhausen möchte mit der Sendung "Das fantastische Quiz des Menschen" Bewusstsein für den Körper wecken.

Auf eines legt Dr. Eckart von Hirschhausen Wert: Der Quereinsteiger, als der er immer skizziert wird, ist er gar nicht. Immerhin trat er schon während seines Medizinstudiums als Kabarettist auf. "Wer über Nacht berühmt werden will, muss tagsüber sehr viel gearbeitet haben", sagt er und lacht. Ein Credo, das man dem 43-jährigen Arzt und Entertainer glaubt. Der Experte in Sachen Glück, Humor und Medizin verkaufte drei Millionen Bücher. Er tourt mit Kleinkunstprogrammen durch die Republik, moderiert beim NDR "Tietjen und Hirschhausen" und übernahm im Frühjahr Jörg Pilawas Familienshow "Frag' doch mal die Maus" im Ersten. Jetzt die nächste Aufgabe: In "Das fantastische Quiz des Menschen" (Do., 02., und Do., 09. September, jeweils 20.15 Uhr, im Ersten) beleuchtet er mit Gästen wie Ina Müller, Helmut Karasek, Claudia Kleinert, Eva Habermann und Jürgen von der Lippe alles, was mit dem menschlichen Körper zu tun hat. Und das ist eine ganze Menge.

teleschau: Sie sind Arzt, studierten aber auch Wissenschaftsjournalismus. Sie sind Buchautor, aber auch Kabarettist. Sie haben eine Talkshow im NDR und moderieren große Unterhaltungsformate im Ersten. Was sagen Sie, wenn jemand nach Ihrem Beruf fragt?

Eckart von Hirschhausen: Mein Ziel ist, dass das gar nicht mehr so wichtig ist. Obwohl wir gerne eine Bezeichnung finden würden für das, was wir tun, denke ich lieber über die Inhalte nach. Und inhaltlich liegt all das, was sie eben erwähnten, nicht weit auseinander. Ich habe im Prinzip nur das verwirklicht, was die Mediziner alle tun. Nämlich sich zu fragen, wie kommt der Wirkstoff dahin, wo er hin muss. So wie man Medikamente in eine Hülle einpackt, die nicht zu bitter schmeckt, versuche ich eine Verpackung zu finden für die Inhalte, die ich spannend und im wahrsten Sinne lebenswichtig finde. Die Kanäle, auf denen ich das ausprobiere, wechseln eben. Ich habe übrigens lange gekämpft, bis das akzeptiert wurde. Jeder beim Fernsehen sagte mir anfangs, das ginge nicht.

teleschau: Warum?

von Hirschhausen: Ich fand bei den Fernsehanstalten immer dieses Denken: "Das ist Unterhaltung - das ist Wissenschaft." Da gab es eine klare Trennlinie, an der ich scheiterte. Den einen war ich zu lustig, den anderen zu inhaltsreich, zu wenig Comedy. Dass der Erfolg irgendwann doch kam, ist für mich insofern eine Genugtuung. Ich habe 15 Jahre lang geglaubt, dass es möglich ist, den Leuten ernste Themen auf eine humorvolle Form zu präsentieren. Das mit "Das fantastische Quiz des Menschen" jetzt eine Sendung genau darum gestrickt wurde, ist das Schönste, was mir passieren konnte.

teleschau: Wann fingen Sie an, an dieser Vermischung der Genres zu arbeiten, mehr als einen Beruf auszuüben?

von Hirschhausen: Das ist gut 15 Jahre her - und damals war das noch extrem exotisch. Die Kollegen an der Klinik fragten erstaunt: "Du machst Kabarett, kann man davon leben?" Inzwischen haben sie sich alle niedergelassen, und ich bin derjenige, der ihnen diese Frage stellt. Aber im Ernst: Die Zeit ist eben auch an der Medizin und deren Vermittlung nicht vorübergegangen.

teleschau: Inwiefern?

von Hirschhausen: Das alte Bild vom Doktor, der einen weißen Kittel trägt und alles weiß, von einer Art Halbgott, bei dem man nicht groß nachfragen darf, ist im Wandel. Und auch den Patienten, der von dem Arzt ausgeht, der ihn wieder gesund machen kann, obwohl er 20 Jahre lang geraucht und zu fett gegessen hat, den gibt es kaum mehr. Gerade die jüngere Generation schaut vor einem Arztbesuch im Internet nach und hat schon gezielte und auch kritische Fragen. Die möchte wissen, was es für Behandlungsmöglichkeiten gibt und welches Krankenhaus das Beste ist. Arzt und Patient sind heute Partner. Der Arzt hat einen gewissen Informationsvorteil, aber kommt im Idealfall nicht mehr mit dem Zeigefinger.

teleschau: Wie wollen Sie dieses neue Mediziner-Bild in eine Fernsehsendung übersetzen?

von Hirschhausen: Ich möchte die Leute neugierig machen! Wir haben etwa eine Kategorie, die "Mikromakro" heißt. In der müssen die Kandidaten ein Bild von etwas erraten. Wir kommen also von einer extremen Nahaufnahme eines Körperteils oder einer Körperzelle und zoomen da raus, bis man's erkennt. Meine tiefste Überzeugung ist: Wenn man wahrnimmt, wie schön der menschliche Körper eigentlich ist, dann hat man gar keine Lust, den zu zerstören. Wenn man mal gesehen hat, wie ein Weizenfeld sich im Wind wiegt und dann erfährt, dass das Flimmerepithel in der Lunge genau das Gleiche macht und die Härchen auf diese Weise allen Dreck herausschaffen, möchte man gar nicht mehr rauchen! So etwas zu zeigen und zu erklären, hilft mehr als herkömmliche Aufklärungsarbeit oder gar Verbote. Außerdem wird es in der Sendung eine Kategorie geben, in der die Zuschauer Fragen stellen können. Wie kommen die Flusen in den Bauchnabel? Warum müssen wir uns die Haare schneiden, Affen aber nicht? Wieso haben Männer Brustwarzen? "Hirschhausens Sprechstunde" soll die heißen.

teleschau: Lernt man so etwas während eines Medizinstudiums?

von Hirschhausen: Nein, überhaupt nicht. Ich habe gerade einen kleinen Streit mit der Ärztekammer ob das, was ich tue, noch eine ärztliche Tätigkeit ist. Ich schrieb denen einen Brief, in dem ich sagte: Meine Themen sind, wie man sich gesund hält, was Glück ist, wie wichtig Humor ist - und ich verwende ausschließlich Wissen, das ich nach meinem Studium erlangte. Ich wünschte mir sehr, dass ich das schon währenddessen gelernt hätte - habe ich aber nicht. Die Ausbildung ist auf das Krankhafte fixiert. Über Kommunikation, über Motivation lernen junge Ärzte nichts. Viele denken, ihr Part ist zu Ende, wenn sie dem Patienten gesagt haben, dass er dreimal täglich seine Pillen nehmen muss. So leicht ist es aber nicht. Es geht um mehr, darum, den Menschen zu vermitteln, was passiert, wenn sie diese Pillen nehmen und was, wenn sie es nicht tun! Würde das den Studenten beigebracht, würde ich auch gerne wieder meine Beiträge zahlen!

teleschau: Wer drei Tage lang Privatfernsehen guckt, kann zuschauen, wie man ein Kind erzieht und wie Schulden abgebaut werden. Er lernt, wie man eine Wohnung einrichtet und wie man kocht. Schon das scheint kaum zu funktionieren - wie soll's dann mit etwas so Abstraktem wie der Gesundheit oder gar dem Glück gehen?

von Hirschhausen: Ich sehe durchaus auch diese Entwicklung, wo man sich fragen kann, was Ursache und was Wirkung ist, ob diese Berater nicht manchmal erst die Orientierungslosigkeit schaffen, gegen die sie ankämpfen. Ich denke, das Faszinierende dieser Sendungen liegt darin, dass man verfolgt, wie Menschen sich verändern. Das Fernsehen ist dabei für uns oft Ersatz für das, was man früher innerhalb der Dorfgemeinschaft erlebte. Da war ich eben dabei, wenn mein Nachbar umbaute. Wenn ich den Nachbarn im Hochhaus gar nicht kenne, fehlt mir diese Freude. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ich habe an den Reaktionen auf mein letztes Buch "Glück kommt selten allein ..." gemerkt, dass man durchaus Dinge bewegen kann. Da schreiben Leute auf meiner Homepage, dass ihnen das Buch in der Krise half und dass sie erstmals nach langer Trauer wieder lachen konnten. Dieser Ansatz, medizinische Themen unterhaltsam zu präsentieren, wirkt tiefer, als viele glauben.

teleschau: Sie sind eigentlich prädestiniert für eine Coaching-Show oder ein anderes tägliches Format. Schon mal gefragt worden?

von Hirschhausen: Ach, Ideen gibt's viele. Von täglichen Coaching-Formaten bis hin zu Glücks-Eventshows kam da alles. Aber ich bin kein klassischer Fernsehmoderator. Im Herzen bin ich sehr viel mehr Bühnenmensch. Ich habe, wenn ich mit meinen Programmen toure, Freiheiten, die ich im Fernsehen nicht haben kann. Das ist, wo ich herkomme. Was etwa ein Harald Schmidt macht, ist natürlich reizvoll, und auf gewisse Art ist er ein Vorbild. Aber eine Late-Night-Show würde eine zynische Art erfordern, die nicht meine ist. Und dann hat man eine Breite an Themen, die mich gar nicht unbedingt interessiert. Das bin ich nicht - und das ist auch gut so. Und generell möchte ich weder mich noch meine Zuschauer überfordern, in dem mein Gesicht jeden Tag in der Glotze ist.

teleschau: Inwieweit ist Fernsehen für Sie noch ein Lernprozess?

von Hirschhausen: Zu lernen gibt es immer viel. Einmal ist Moderieren eine unglaubliche Konzentrationsfrage. Man muss tierisch viele Dinge gleichzeitig im Kopf haben, aber trotzdem immer im jeweiligen Moment sein. Das ist schwierig. Dass so 'ne Sendung locker und leicht rüberkommt, dass das authentisch gelebt wird, ist etwas, in dem man zeit seines Lebens besser wird. Ich habe aber eine gute Schule aus 15 Jahren Bühne: Ich habe keine Angst, spontan zu sein und auf Menschen zuzugehen.

teleschau: Der deutsche Humor hatte stets einen eher mittelmäßigen Ruf. Liegt das tatsächlich daran, dass in den 30er-Jahren viele humorbegabte Menschen dieses Land verlassen mussten?

von Hirschhausen: Das ist in der Tiefe sicher ein Grund. Vor allem, wenn man sich anschaut, welche Kultur es in den 20er-Jahren gab und wie weit Juden daran beteiligt waren, ist das natürlich eine Tragödie, die bis weit ins letzte Jahrhundert nachwirkte. Ein großer Teil der amerikanischen Comedy-Szene hat bis heute jüdische Wurzeln, von Jerry Seinfeld bis Woody Allen. Ich glaube aber, dass das in Deutschland für die letzten 50 Jahre, aber nicht für immer gilt: Generell wird die Humorfähigkeit der Deutschen unterschätzt. Wir haben eine unglaubliche Tradition an gedichtetem Humor, wir haben sehr viele witzige Poeten - auch heute. Das geht von Heinrich Heine und Kurt Tucholsky über Robert Gernhardt bis zu Thomas Gsella und der Titanic-Schule. Und: Wir exportieren inzwischen Comedy-Formate, etwa "Genial daneben!" Ich glaube, dass wir da aufholen.

teleschau: Über was lacht Eckart von Hirschhausen?

von Hirschhausen: Ich finde Slam-Poetry spannend und gehe immer noch sehr gerne Standup-Comedy gucken. Die Szene ist auch in Deutschland in den letzten Jahren sehr gewachsen. Es gibt Clubs und Shows überall und viele Orte, wo sich junge Künstler ausprobieren können. Diese ganze "Da geht einer auf die Bühne und versucht, die anderen zu unterhalten. Vielleicht scheitert er, vielleicht hat er aber auch Erfolg"-Ding, das ist nach wie vor eines meiner liebsten Hobbys.

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