Arbeiter in der Spargelsaison

Ein Leben in zwei Welten

Hunderttausende Saisonarbeiter verbringen die Hälfte des Jahres fern der Familie und der Heimat. Zum Großteil kommen sie aus Rumänien und Polen, um in der Spargelsaison in Deutschland Geld zu verdienen.
19.05.2018, 20:39
Lesedauer: 4 Min
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Von Lieselotte Scheewe (Text) und Jonas Kako (Fotos)
Ein Leben in zwei Welten

Die Saisonarbeiter kommen zum Großteil aus Rumänien und Polen. Einer von ihnen ist Attila Hunyadi (oben rechts). Seit zehn Jahren arbeitet er in der Saison in Deutschland. Er sieht es als Chance, hier Geld zu verdienen. Unter anderen Bedingungen würde er aber lieber in seinem Heimatland arbeiten, sagt er.

Jonas Kako

Attila Hunyadi ist nicht gekommen, um zu bleiben. Sein Leben teilt sich in zwei Welten, die über 1600 Kilometer voneinander entfernt sind. Fünf Monate im Jahr lebt der 27-Jährige in seinem Heimatdorf im Kreis Mureș in Rumänien. Von März bis September wohnt er in Bassum, in einem der Container auf dem Spargel- und Erdbeerhof Wichmann, schleppt Kisten, wäscht Spargel, schneidet Kirschbäume, organisiert und übersetzt.

Seit er 18 Jahre alt ist, kommt er zum Arbeiten nach Deutschland. Die Möglichkeit, hier Geld zu verdienen, beschreibt er als Chance, aber wenn er könnte – die Bedingungen andere wären, würde er aber in seinem Heimatland bleiben. Es ist heiß an diesem Tag im Mai. Zwei Stunden hat Attila Hunyadi Zeit, sich in seinem kühlen Wohncontainer auszuruhen.

Vor ihm steht ein Teller mit Kartoffelsalat und Frikadellen. Er schafft die Portion nicht ganz. „Zu heiß, um viel zu essen“. 290 Kisten Spargel hat der Saisonarbeiter am Vormittag in den weißen Transporter geladen, mit dem er heute unterwegs ist. Für zwei Felder ist er zuständig, an deren Feldrändern sich die grünen Kisten stapeln.

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Attila Hunyadi bückt sich geschickt, die Muskeln spannen, er schwitzt in der heißen Maisonne, als er Kiste um Kiste auf die Ladefläche des Wagens wuchtet. Der Fahrtwind durchs offene Autofenster bringt Abkühlung. Fahren, packen, ausladen. An die 500 Spargelkisten gehen an einem Tag wie diesem durch Attila Hunyadis Hände.

Und nicht nur durch seine: 490.000 familienfremde Arbeitskräfte arbeiteten laut Statistischem Bundesamt 2016 in der Landwirtschaft, davon 58 Prozent Saisonarbeiter. „Nach der Schule hast du in Rumänien keine Chance, Geld zu verdienen“, sagt Attila Hunyadi. Die Bedingungen dort sind schlecht: Es sei zwar Arbeit da, aber die sei so schlecht bezahlt, dass es sich für ihn nicht lohne, dort zu arbeiten. Sein Vater ist in einer Fabrik angestellt, seine Mutter in einem Café.

Zudem hat sein Großvater ein bisschen Land, um die Familie mit Gemüse zu versorgen. Als vor dem Transporter eine Gruppe älterer Leute auf Fahrrädern durch die Landschaft fährt, schüttelt der Rumäne den Kopf. In seinem Heimatland sei das undenkbar. Die meisten Menschen stehen noch bis ins hohe Alter auf dem eigenen Feld, bauen Gemüse im Garten an oder kümmern sich um ihre drei, vier Kühe oder Hühner, um genug zu essen zu haben.

Mindestlohn ist nicht gleich Mindestlohn

„Es gibt zu viel Korruption in Rumänien. Du bekommst nur etwas, wenn du Geld bezahlst oder Kontakte hast“, sagt Attila Hunyadi. Der 27-Jährige spart sein Geld, um sich ein Auto und vielleicht auch eine Wohnung zu kaufen. Seine Freundin Patrycya Kozera, die ebenfalls auf dem Hof arbeitet, möchte mit dem verdienten Geld ihr Medizinstudium in Polen finanzieren.

Die Arbeit auf dem Wichmannhof sei hart, aber „alles ist gut für uns und richtig durchdacht“, findet Hunyadi. Er hat in den zehn Jahren Saisonarbeit gut Deutsch gelernt, kennt sich mit den Abläufen auf dem Hof aus und weiß, was wann bei der Ernte wichtig ist. Deshalb ist er nicht mehr nur auf dem Feld im Einsatz, sondern übernimmt organisatorische Aufgaben, übersetzt, arbeitet die neuen Saisonarbeiter ein und kontrolliert die Arbeit.

Er verdient 8,84 Euro die Stunde, bezahlt davon allerdings noch Miete und sein Essen und ist froh, dass er nicht im Akkord arbeiten muss. „Auf anderen Höfen im Akkord musst du sehen, dass du schneller und schneller machst, und hast am Ende nur fünf Euro die Stunde.“ Aber Mindestlohn ist eben nicht gleich Mindestlohn.

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Die 8,84 Euro, die auch für ausländische Saisonarbeiter in Deutschland gelten, kommen nicht bei allen Arbeitern an. Auf einem anderen Hof musste er über zehn Euro am Tag Miete zahlen, „sodass nur noch wenig vom Lohn übrig blieb“, erzählt Arpad Koszta, der in Rumänien Frau und Kinder hat. In Bassum arbeitet er als Spargelstecher und fährt nach Feierabend in seine Unterkunft, ein Wohnhaus in der Nähe der Felder.

Vor dem Flachbau blühen Rhododendronbüsche, eine alte Ledercouch steht vor der Tür. Darauf steht ein Radio, aus dem rumänische Popmusik erklingt. In Drei- bis Sechsbettzimmern wohnen dort rumänische Spargelstecher und polnische Saisonarbeiterinnen. Sie sitzen auf Plastikstühlen im Hof neben einer kargen abgebröckelten Hauswand, einer schärft sein Spargelmesser.

In der Gemeinschaftsküche der Männer steht ein großer Fernseher vor der alten braunen Eckbank mit bäuerlichem Blumenmuster. Der Boden ist gekachelt, Holzkommoden, Metallspinde und schlichte Einzelbetten stehen in den Zimmern. Gegen 20 Uhr hat auch Attila Hunyadi Feierabend. Es ist kühler geworden. Die Sonne steht tief und linst zwischen den grünen Metallcontainern hervor.

Der Wunsch nach einem anderen Leben

Eine Gruppe Frauen steht im Gang, sie sprechen rumänisch und lachen. Eine Frau sitzt auf einem Campingstuhl in der Abendsonne, tippt auf dem Handy, in der anderen Hand hält sie eine Zigarette. In dem Folientunnel neben dem kleinen Containerdorf hängen einige Arbeiterinnen ihre Wäsche auf. Attila Hunyadi drückt die weiße Plastikklinke und öffnet die Eisentür.

Auf seinen rund sechs Quadratmetern haust er mit seiner Freundin, die er vor zwei Jahren bei der Saisonarbeit in Bassum kennengelernt hat. Nach Feierabend kocht sie etwas auf den zwei Elektroplatten, die auf dem Tisch stehen. Häufig telefoniert oder schreibt Attila Hunyadi am Abend mit seiner Familie in Rumänien, bevor er spätestens um 22 Uhr müde ins Bett fällt.

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Mit Freunden, seiner Mutter und seinen Geschwistern kommuniziert er über soziale Netzwerke. „Mit Papa muss ich telefonieren, der kennt sich mit Handytechnik nicht so aus“, sagt er. Private Kontakte zu Bassumern hat er nicht. Heimweh habe er manchmal und auch, wenn es ihm hier in Deutschland gut gehe, wünscht er sich ein anderes Leben.

„Was anders werden muss in Rumänien, ist weniger Korruption“, sagt Attila Hunyadi noch einmal. „In Rumänien, denke ich, und vielleicht nicht nur ich, haben wir alles, nur die Politik ist nicht gut. Es ist alles schlecht durchdacht. Und ich denke, wenn das anders wird, wenn etwas Neues kommt, dann werde nicht nur ich, sondern werden Millionen Rumänen wieder nach Hause fahren.“

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