Gastkommentar zur Rente mit 69

Eine Zumutung - nicht nur für Dachdecker

Eine Zumutung für Millionen Beschäftigte wäre jede weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters, meint unser Gastautor Robert Feiger. Er fordert eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen.
22.10.2019, 15:11
Lesedauer: 2 Min
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Von Robert Feiger
Eine Zumutung - nicht nur für Dachdecker

Mit 69 noch zwischen den Stahlarmierungen auf dem Rohbau rackern? Das ist völlig lebensfremd, findet die Fachgewerkschaft.

Andreas Arnold / dpa

Wer laut über die Rente mit fast 70 nachdenkt, wie es jüngst die Bundesbank getan hat, der spielt mit den Ängsten der Menschen. Jede weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters wäre eine Zumutung für Millionen Beschäftigte – in den Ohren jedes Handwerkers ist es eine Farce. Ein Großteil der Bauarbeiter ist bereits mit Ende 50 körperlich fertig und muss vorzeitig in den Ruhestand gehen.

Für Dachdecker ist die Rente mit fast 70 ein Albtraum. Nur zehn Prozent aller Dachdecker arbeiten aktuell überhaupt noch im Alter von mehr als 60 Jahren, hat die Sozialkasse des Dachdeckerhandwerks herausgefunden. Aber auch die wenigsten Gerüstbauer, Gebäudereinigerinnen und Gärtner halten körperlich bis zum gesetzlichen Rentenalter durch.

Die Bundesbank klebt der staatlichen Rente das Etikett „69 Komma irgendwas“ auf. Die Zahl 70 wird – wie im Supermarkt das Runden des Preises nach oben – tunlichst vermieden. Es ist erschreckend, wie die staatlichen Banker hier das Geschäft der privaten Altersvorsorge von Versicherungskonzernen wie Allianz und Co. befeuern – und gleichzeitig das Vertrauen in die staatliche Rente als Altersvorsorge, die zum Leben reichen muss, erschüttern.

Was wir brauchen, ist keine Debatte um ein immer höheres Rentenalter, sondern konstruktive Lösungen im Sinne der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dazu gehört eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen – auch Selbstständige und Beamte. Dazu gehören flexible Rentenübergänge für Berufe, in denen körperlich hart zugelangt wird. Und dazu gehört eine langfristige Stabilisierung des gesetzlichen Rentenniveaus bei 48 Prozent.

Klar, der demografische Wandel ist eine Mammutaufgabe für die gesetzliche Rentenversicherung und den Staat. Aber ein soziales Gemeinwesen muss sich fragen, was schwerer wiegt: die schwarze Null oder ein Ausufern der Altersarmut. Für die IG BAU steht fest: Wer ein Leben lang gearbeitet hat, der muss seinen Lebensabend auch in Würde genießen können. Die Gesellschaft muss dafür die nötigen Mittel aufbringen – Geld ist genug da. Und von der Fachkräftezuwanderung bis hin zur Integration von Geflüchteten im Handwerk gibt es viele Ansätze, um die demografischen Herausforderungen am Arbeitsmarkt in den Griff zu bekommen.

Die Große Koalition ist gut darin beraten, sich nicht um die Erhöhung des Rentenalters zu kümmern, sondern endlich die lang angekündigte Grundrente auf den Weg zu bringen. Sie wäre ein echter Beitrag für mehr Gerechtigkeit im Rentensystem.

Info

Zur Person

Unser Gastautor

ist seit 2013 Bundesvorsitzender der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Der gebürtige Augsburger ist gelernter Industriekaufmann.

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