Serie Nachhaltigkeit

Einkaufen mit Köpfchen

In Deutschland gehen ein Drittel der Lebensmittel auf dem Weg zum Teller verloren. Kleinere Einkäufe und der Kauf von regionalen Produkten sollen das Wegwerfen von Lebensmitteln reduzieren.
30.08.2019, 19:40
Lesedauer: 6 Min
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Einkaufen mit Köpfchen
Von Olga Gala
Einkaufen mit Köpfchen

Mit Plan einkaufen, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Jahr für Jahr landen in Deutschland elf Millionen Tonnen im Müll.

Fabian Sommer/DPA

Nachhaltiger Konsum beginnt schon auf dem Weg zum Supermarkt. Katharina Istel, Referentin für Ressourcenpolitik beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), rät, kleinere Einkäufe nebenbei zu erledigen. Wer sowieso mit dem Rad unterwegs ist, könne noch schnell das Gemüse besorgen. Wer das Auto zum Einkaufen nutzt, sollte hingegen möglichst Großeinkäufe machen und sich vorher genau überlegen, was er benötigt. Dabei hilft auch der altbewährte Einkaufs-­zettel.

Der ist auch sinnvoll, um weniger Lebensmittel zu verschwenden. Laut Umweltbundesamt geht jährlich etwa ein Drittel der Lebensmittel auf dem Weg vom Feld bis zum Teller verloren, während etwa 800 Millionen Menschen weltweit Hunger leiden. In Deutschland landen, je nach Schätzung, mehrere Millionen Tonnen Nahrungsmittel im Müll. Privathaushalte haben daran den höchsten Anteil. Meist wird Obst und Gemüse weggeschmissen. Oft ist es noch nicht schlecht, sondern sieht einfach nicht mehr so appetitlich aus.

Die Menschen kaufen zu viel ein

Auch Getreideprodukte und Speisereste landen häufig in der Tonne. Das hat viele Ursachen. Die Menschen kaufen zu viel ein. Oder sie lagern die Waren falsch. So empfiehlt die Initiative des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft „Zu gut für die Tonne!“ zum Beispiel, Tomaten nicht im Kühlschrank aufzubewahren, weil sie empfindlich auf Kälte reagieren. Zudem reifen sie nach und stoßen dabei das Gas Ethylen aus. Das sorgt wiederum dafür, dass die anderen Produkte im Gemüsefach schneller verderben. Besonders Salat ist dafür anfällig. Äpfel hingegen stoßen zwar auch viel Ethylen aus, mögen es aber kühl. Getrennt von anderen Lebensmitteln gelagert, ist für sie der Kühlschrank der richtige Ort. Als grobe Richtlinie gilt: Heimische Früchte mögen es eher kühl, exotische Gewächse eher warm. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. So halten sich Kiwis gekühlt länger.

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Foto: Grafik Weser Kurier

„Die Leute werfen häufig Produkte weg, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben“, sagt Istel. Sie interpretierten es fälschlicherweise als Verfallsdatum. Istel empfiehlt, sich die Ware genau anzuschauen und der eigenen Nase zu vertrauen. Riecht das Produkt noch frisch? Häufig sei das Mindesthaltbarkeitsdatum sehr früh angesetzt. Die Hersteller sichern sich so gegen mögliche Schadensersatzansprüche ab. Anders sieht es beim Verbrauchsdatum aus – dieses ist auf der Verpackung von leicht verderblichen Lebensmitteln wie etwa Hackfleisch abgedruckt. Das Produkt sollte nach Ablauf des Datums nicht mehr verzehrt werden.

Wer nachhaltiger leben möchte, sollte auch auf regionale und saisonale Ware achten. Erdbeeren im November können nicht auf deutschen Feldern gereift sein. Sie sind entweder importiert oder im Gewächshaus gezüchtet. Beides kostet viel Energie. Die heimischen Apfelsorten haben zwischen August und November Saison. Ein saisonaler Kalender kann helfen, den Überblick zu behalten, wann was in der Region wächst.

Schlechte Ökobilanz bei Fleisch und Milch

Der Bereich Ernährung macht in deutschen Haushalten etwa ein Drittel des gesamten Rohstoffkonsums aus. Dazu zählen zum Beispiel auch fossile Energieträger, die beim Betrieb landwirtschaftlicher Maschinen zum Einsatz kommen. Ein durchschnittlicher Haushalt in Deutschland kommt auf einen monatlichen Wert von 558 Kilogramm an Rohstoffkonsum. Bei den Ausgaben schlägt die Ernährung hingegen nur mit einem Anteil von etwa einem Fünftel zu Buche. Ein Euro, der für Lebensmittel ausgegeben wird, ist also sehr viel rohstoffintensiver als etwa ein Euro im Bereich Wohnen. Eine besonders schlechte Ökobilanz haben Fleisch und Milch. Sie machen am Rohstoffverbrauch im Bereich Ernährung etwa ein Viertel aus, Getreide nur zehn Prozent.

Natürlich können nicht alle Produkte frisch vom Landwirt aus der Region kommen. Und selbst diese müssen häufig verpackt werden. Aber: „Wir haben ein riesiges Reduktionspotenzial“, sagt Istel. Verpackungsmüll lässt sich zum Beispiel an der Frischetheke sparen. In einigen Geschäften können die Kunden sich Wurst oder Käse in die mitgebrachte Dose einpacken lassen. Ein komplett plastikfreier Supermarkt sei trotzdem eine Illusion. „Plastik ist nicht immer schlecht“, sagt die Expertin. Es müsse nur richtig genutzt werden. So hätten Mehrwegkisten aus Kunststoff, zum Beispiel für Getränke oder Obst und Gemüse, durchaus ihre Berechtigung.

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Plastik sparen können Kunden auch bei Getränken. Die umweltschonendste Variante sei das Leitungswasser, sagt Istel. Wer Getränke einkauft, sollte auf Mehrweg achten. 2003 wurde das Pfandsystem in Deutschland eingeführt, um den Verbrauch von Einwegflaschen zu reduzieren. Das hat nicht geklappt. Zwar landet nun weniger Müll in der Natur – die Menschen geben Pfandflaschen ab, statt sie liegen zu lassen. Heute werden aber nur etwa 40 Prozent der Getränke in Mehrwegflaschen verkauft, vor 16 Jahren waren es noch rund 70 Prozent.

Für Mehrweg zahlen die Kunden acht oder 15 Cent Pfand, für Einweg 25 Cent. Während etwa Bierflaschen gereinigt und wieder verwendet werden, landen die Einwegflaschen aus Plastik im Müll. Sie werden zwar wiederverwertet, aber der Recyclingprozess verbraucht deutlich mehr Energie und verursacht mehr CO2. Aber Glas heißt nicht automatisch umweltfreundlich. „Es gibt auch Glaseinweg, das ist gar nicht gut und sollte vor allem nicht weit transportiert werden“, erklärt Istel. Um etwa Saft in schweren Glasflaschen über längere Strecken zu transportieren, sei mehr Treibstoff nötig als beim Transport in Plastikkanistern. Daher gilt: Für die Umwelt ist es besser, Produkte aus der Region zu kaufen.

Papiertüten haben eine schlechtere Ökobilanz als Plastiktüten

Wer einkaufen geht, muss die Ware natürlich auch nach Hause bringen. „Am besten ist es, auf die eigene Tasche zurückzugreifen“, sagt Nabu-Referentin Istel. Wer keinen Beutel dabei hat, steht häufig vor der Frage: Plastik- oder Papiertüte? Erstere haben viele Geschäfte bereits verbannt, politisch wird gegenwärtig sogar ein Verbot diskutiert. Tatsächlich sei die Ökobilanz der Papiertüten aber schlechter, erläutert Istel. „Nur weil sie braun sind, sind sie kein Ökoprodukt.“ Meist würden die Tüten aus nicht recyceltem Papier gefertigt, Bäume müssten für ihre Herstellung extra gefällt werden, betont Istel. Aus Umweltsicht schneide die Papiertüte lediglich bei der Entsorgung besser ab. Sie verrotte deutlich schneller als Plastik.

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Öko liegt voll im Trend. Und auch Coffee-to- go-Mehrwegbecher sind angesagt. Doch manche Produkte sollen heute den Eindruck erwecken, umweltfreundlich zu sein. So ist es auch bei Kaffeebechern aus dem nachwachsenden Rohstoff Bambus. „Es wird suggeriert, es ist ein natürliches Produkt. Aber da steckt ein Kunststoffgemisch drin. Und diese Gemische dürfen nicht erhitzt werden“, sagt Katharina Istel, Referentin für Ressourcenpolitik beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Werden sie doch erhitzt, können schädliche Stoffe in das Getränk gelangen.

Eine im Juli veröffentlichte Untersuchung von zwölf Bambus-Kaffeebechern durch die Stiftung Warentest ergab: Die meisten Becher enthalten zu viele Schad­stoffe und gaukeln mit falschen Deklarierungen vor, ein Bioprodukt zu sein. Lediglich ein Becher wurde von den Testern nicht beanstandet. Die bessere Alternative sind oft Becher aus Edelstahl. Sie belasten die Umwelt deutlich weniger – und der Kaffee bleibt auch noch länger heiß.

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