Kommentar über Festivals

Einmal in die Sechzigerjahre, bitte!

Früher war bestimmt nicht alles besser, aber einiges anders. Festivals zum Beispiel. Wären Zeitreisen möglich, sollte man deshalb in Woodstock vorbeischauen, meint Alexandra Knief.
29.06.2019, 05:56
Lesedauer: 3 Min
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Einmal in die Sechzigerjahre, bitte!
Von Alexandra Knief
Einmal in die Sechzigerjahre, bitte!

Menschen, Menschen und noch mehr Menschen: Dieses Szenenfoto aus der oscarprämierten Dokumentation über Woodstock von 1970 vermittelt einen Eindruck davon, wie gigantisch groß das Festival war.

imago

Wenn du in der Zeit reisen könntest, wo würdest du hinreisen? Über diese Frage hat wohl jeder schon einmal nachgedacht. Einfach nur so, oder weil er sie im Rahmen eines bierseligen Kneipenabends von Freunden gestellt bekommen hat. Die Antworten sind erstaunlich: Die Kreidezeit, das Mittelalter oder die Zwan­zi­ger­jah­re sind stets ganz vorne mit dabei. Während andere also davon träumen, von Dinosauriern gejagt zu werden oder sich mit der Pest anzustecken, ist meine Antwort auf diese Frage eine andere. Und stets die gleiche: Woodstock-Festival, 1969.

„Ihhh, da war alles voller Schlamm“, bekomme ich dann jedes Mal zu hören, „Bah, die haben da alle nicht geduscht“, lässt meist auch nicht lange auf sich warten. Darauf folgen Kommentare über Drogen, schlimme Frisuren oder (vermeintlich) schlechte Musik.

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Die Pest- und Dino-Freunde übersehen allerdings einen viel wichtigeren Aspekt. Einen Aspekt, der Schmutz, fehlende Toiletten, Dauerregen und Nahrungsmittelmangel zur Nebensache werden lässt: Den Menschen damals ist etwas gelungen, das heute nicht mehr vorstellbar ist, wenn es um Veranstaltungen mit großen Menschenmengen geht. Sie sind gut miteinander ausgekommen, haben an einem Strang gezogen, und das, obwohl die äußeren Umstände dagegen sprachen. Sie hatten ein gemeinsames Ziel, wollten die Gesellschaft verändern, ein Zeichen setzen. Und das hat sie zu einer Einheit werden lassen. Trotz aller Unterschiede waren sie drei Tage lang ein Team. Weiß der Teufel wie, aber es ist gelungen. Ein Hurricane, ein Rock am Ring oder ein Southside-Festival ohne Prügeleien und Straftaten? Undenkbar.

Festivals als Geschäftsmodell

Warum also Woodstock? Die einfache Antwort: Heutige Festivals haben mit dem, was sich vor 50 Jahren in Bethel abspielte, nicht mehr viel zu tun. Sie sind zu einem Geschäftsmodell geworden. Sponsoren und ihre Ware, wohin das Auge reicht, Merchandise-Stände und Getränke zu Wucherpreisen. Wer mag, kauft sich ein VIP-Ticket, oder bucht gleich das Rundum-sorglos-Luxuspaket. Denn auch die Ansprüche vieler Besucher haben sich verändert: Campingwagen statt Zelt, Ruhebereiche statt Drei-Tage-wach-Programm – all das gehört längst zum Angebot für alle, die sich das Festival gerne etwas mehr kosten lassen wollen.

Auf Veranstalterseite geht es vor allem ums Geld. Auf Teilnehmerseite bei vielen um Anerkennung, darum, davon zu erzählen, wer am meisten Bier getrunken hat oder das krasseste Outfit anhatte. Live, aber natürlich vor allem auf Instagram, wie das Coachella-Festival Jahr für Jahr am beeindruckendsten beweist. Festivals spielen sich schon lange nicht mehr nur auf irgendeinem Acker ab, sondern vor allem im Netz. 1969 gab es kein Instagram, keine Smartphones. Es war ganz einfach: Man erlebte Dinge, ohne sich schon währenddessen Gedanken zu machen, was wohl die Follower dazu sagen werden oder welchen knackigen Tweet man wohl dazu in die Welt schicken könnte.

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Aber bleiben wir realistisch. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Und das ist in vielerlei Hinsicht auch gut so. Dass die Festivalbranche nicht allein von Idealismus und Frieden leben kann, ist auch klar. Headliner und die ganze Organisation müssen schließlich finanziert werden. Wer das nicht auf die Rücken der Besucher laden will, braucht Sponsoren. Und wer die großen Massen anlocken will, der kommt mit einer hübschen Wiese und dem Slogan „Frieden und Musik“ nicht mehr weit. Der muss ein bisschen mehr bieten.

Wunsch nach Entschleunigung

Es ist dennoch schön zu sehen, dass es auch eine Gegenbewegung gibt, in der es mehr ums Beisammensein geht. Kleine Veranstaltungen, wie das Zytanien-Festival, auf einem alten Ziegeleigelände 25 Kilometer südöstlich von Hannover, A Summer’s Tale in der Lüneburger Heide oder als größeres Beispiel das Fusion-Festival in Mecklenburg-Vorpommern sind wie einige weitere Beispiele doch recht nah dran an den Idealen, für die Woodstock bis heute stellvertretend steht. Das Gleiche ist es trotzdem nicht – auch, wenn es vielleicht nur der Wunsch nach einer entschleunigten, längst vergangenen Zeit ist, der den Mythos Woodstock am Leben hält.

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Ich träume weiter von meiner Zeitreise. Und wenn die Tyrannosaurus-Rex-Bewunderer merken, dass ihre Wahl nicht die Beste war, und die Mittelalter-Fans feststellen, dass ein bisschen Schlamm weniger schlimm ist als ein Zeitalter ohne Kanalisationssystem, sitze ich in Bethel auf der Wiese – bestens ausgestattet mit Regenschutz und Lunchpaket. Ein bisschen Luxus wird ja wohl erlaubt sein.

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