Böhmermann gewinnt Grimme-Preis Er hat ihn nicht abgeholt

Über Jan Böhmermann wird nach dem Erhalt des renommierten Grimme-Preises tüchtig geredet. Nicht nur wegen seines Ärgers mit der Justiz, sondern auch wegen seinem Nichterscheinen bei der Preisverleihung.
08.04.2016, 21:15
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Von Carsten Rave

Über Jan Böhmermann wird nach dem Erhalt des renommierten Grimme-Preises tüchtig geredet. Nicht nur wegen seines Ärgers mit der Justiz, sondern auch wegen seinem Nichterscheinen bei der Preisverleihung.

Einer Sache kann sich Jan Böhmermann nach dem Erhalt des renommierten Grimme-Preises am Freitagabend sicher sein – es wird tüchtig über ihn geredet; jetzt nicht nur wegen seines Ärgers mit der Justiz in Sachen Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, sondern nun auch im Zusammenhang mit seinem Nichterscheinen bei der abendlichen Preisverlehung in Marl. Seine endgültige Absage sei am Freitag per SMS gekommen, nachdem er am Donnerstag mit Direktorin Frauke Gerlach gesprochen habe, hieß es beim Grimme-Institut.

Schon am Freitag hatte der Satiriker bei Facebook wissen lassen, dass er sich „erschüttert“ fühle „in allem, an das ich je geglaubt habe. Mein Team von der Bildundtonfabrik und ich bitten um Verständnis, dass wir heute Abend nicht in Marl feiern können.“ Da auch sein Team der Produktionsfirma Bildundtonfabrik nicht nach Marl kommt, wird ihm die Trophäe möglicherweise zugeschickt. „So schade wir das finden; aber wir haben auch noch andere Preisträger“, so Grimme-Instituts-Sprecher Lars Gräßer. Böhmermann ist der Preis für seine Satire rund um den Mittelfinger des griechischen Ex-Finanzministers Gianis Varoufakis zugedacht.

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Die Mainzer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Böhmermann, weil er in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ vor gut einer Woche in dem Gedicht über Erdogan mit Begrifflichkeiten unterhalb der Gürtellinie gearbeitet hatte. Die Ermittlungen wurden nach Anzeigen gegen ihn und ZDF-Verantwortliche wegen des Verdachts der Beleidigung von Organen oder Vertretern ausländischer Staaten aufgenommen. Bisher lägen weder eine Ermächtigung der Bundesregierung noch ein Strafverlangen der Türkei vor, teilte die Leitende Oberstaatsanwältin Andrea Keller am Freitag mit. Diese seien für eine Strafverfolgung in solchen Fällen nötig, aber „nicht zeitnah zu erwarten“. Bundekanzlerin Angela Merkel hatte Böhmermanns Gedicht als „bewusst verletzend“ gerügt; eine Äußerung, die von Medienanwalt Christian Schertz, der Böhmermann vertritt, zurückgewiesen wird. Er äußerte nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ Kritik am Verhalten der Bundesregierung: „Besonders schwierig finden wir, dass die Kanzlerin sich bereits öffentlich mit einer rechtlichen Bewertung geäußert hat und das Auswärtige Amt Gutachten anfertigen lässt“, sagte Schertz. „Man sollte hier die Grundsätze der Gewaltenteilung beachten.“

Auch der Berliner Historiker Hubertus Knabe attackierte die Bundesregierung. „Ich kenne den Text des Gedichtes nicht“, sagte der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen dem „Handelsblatt“. „Aber ich finde es höchst problematisch, wenn die Bundesregierung strafrechtliche Ermittlungen gegen einen Satiriker befördert oder gar initiiert. Das gibt es sonst nur in Diktaturen oder in Staaten, die auf dem Weg dorthin sind.“

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Ähnlich äußert sich der deutsch-türkische Komiker Serdar Somuncu: „Ich finde Böhmermanns Gedicht weder witzig noch besonders skandalös“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Viel erschreckender finde ich, dass die Kanzlerin ein Grundrecht auf Satirefreiheit infrage stellt, weil sie gegenüber Erdogan Verbindlichkeiten hat und er ihr die Flüchtlingsproblematik vom Hals schaffen soll.“

Laut „Spiegel“ hat sich Böhmermann inzwischen an Kanzleramtschef Peter Altmaier gewandt. „Ich möchte gerne in einem Land leben, in dem das Erkunden der Grenze der Satire erlaubt, gewünscht und Gegenstand einer zivilgesellschaftlichen Debatte sein kann“, schrieb er in einer privaten Twitter-Nachricht an Altmaier. Er bitte nicht um Hilfe in seinem Fall, sondern um „Berücksichtigung meines künstlerischen Ansatzes und meiner Position, auch wenn er streitbar ist“.

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Am Donnerstagabend zeigte ZDFneo eine neue Ausgabe von „Neo Magazin Royale“, die er unter das Motto „#witzefrei“ stellte. Witze über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan verkniff er sich tatsächlich. Mit seinem Gagschreiber Ralf Kabelka unterhielt er sich über neue berufliche Perspektiven; vielleicht zum Beispiel mal ein Wechsel in die Privatwirtschaft?

Als Gast präsentierte Böhmermann Anne Will, der er die Frage stellte: „Was ist das Thema deiner nächsten Sendung?“ Antwort Will: „Die Türkei...“ – tatsächlich wird Will am Sonntag um 21.45 Uhr über das Thema „Streit um Erdogan-Kritik – Kuscht die Bundesregierung vor der Türkei?“ diskutieren lassen. Dann präsentierte sich Böhmermann seinerseits als Gast von Will in ihrem Sonntagstalk und stellte sich mit seinem „Neo Magazin Royale“ so vor: „Wir sind eine kleine schmierige Sendung von Losern für Loser, in die du übrigens herzlich eingeladen bist...!“ Böhmermanns Sendung am Donnerstag sahen 290 000 Zuschauer. Im Jahresschnitt waren es 230 000 ohne die Netznutzer – das Interesse an ihm hat also zugenommen.

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