"Wir sind Berliner!" Erhan Emre spielt in "Takiye - Spur des Terrors" (Mi., 25. August, 20.15 Uhr, ARD)

Schauspieler Erhan Emre über deutsche Kulturvielfalt, Kreuzberger Kiezromantik und seinen neuen ARD-Film "Takiye".
23.07.2010, 00:00
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Von Jens Szameit

Schauspieler Erhan Emre über deutsche Kulturvielfalt, Kreuzberger Kiezromantik und seinen neuen ARD-Film "Takiye".

Deutschland, deine Migrantenviertel. Parallelgesellschaften und Hassprediger wittert der brave Bürger. Doch im Grunde leben hier Leute wie du und ich: einfach, ehrlich, gläubig und leider auch ein bisschen leichtgläubig. Was dem islamistischen Terror dann doch wieder indirekt die Tür öffnet. So zeigt es zumindest "Takiye - Spur des Terrors" (Mi., 25. August, 20.15 Uhr), ein ARD-Thriller, der auf authentischen Begebenheiten der jüngeren Vergangenheit basiert. Mittendrin: Erhan Emre, der als vorbildlich integrierter Türke in Köln hinter die Machenschaften einer betrügerischen Investment-Organisation blicken will. Ein Gespräch mit dem 31-jährigen Schauspieler über Kulturaustausch, eine Kreuzberger Kindheit auf dem Kiez und Fußballnationalspieler Mesut Özil.

teleschau: Herr Emre, wo haben Sie sich die Deutschlandspiele bei der Fußball-WM angeschaut? Auf der Fanmeile am Brandenburger Tor?

Erhan Emre: Nein, die habe ich mir mit meiner Frau zu Hause auf der Couch angeschaut. Wir haben kleine Kinder, mit denen wollten wir nicht raus. Der Große durfte zuletzt beim Halbfinale gegen Spanien die erste Halbzeit mitschauen. Somit blieben uns 15 Minuten, um ihn ins Bett zu bringen, ehe die zweite Halbzeit losging.

teleschau: Sind Sie sehr enttäuscht, dass es mit dem Titel nicht ganz geklappt hat?

Emre: Ja, schon. Gegen Spanien habe ich mich ständig gefragt: Wieso kommen die nicht zum Zug, wieso trauen die sich nicht? Das war wirklich schade, weil wir diesmal eine frische, junge Mannschaft hatten, die toll zusammengehalten hat und unglaublich gut kombiniert hat.

teleschau: Dass viele Spieler türkische, iranische oder ghanaische Wurzeln haben, müsste Sie doch besonders freuen.

Emre: Das ist toll. Das ist die Zukunft und ein Riesenfortschritt! Da wird genau das vorgelebt, was die Politik in den letzten 40 Jahren nicht so ganz hinbekommen hat.

teleschau: Was macht Jogi Löw denn richtig, was in der Gesellschaft falsch läuft?

Emre: Der Schlüssel ist, dass er alles der Spielfreude unterordnet: auch Fragen der Herkunft und der Religion. Es ist mittlerweile selbstverständlich, dass einer das Nationaltrikot trägt, obwohl er vielleicht nicht die Hymne mitsingt. Trotzdem fühlen sich alle als Deutsche. Mir selbst geht's ja auch nicht anders. Es schlagen immer beide Herzen, das türkische und das deutsche. Aber die Heimat ist hier. In Berlin.

teleschau: Wie wuchsen Sie auf?

Emre: Ich wurde sehr liberal erzogen. Ich bin das jüngste von acht Geschwistern. Ich habe drei Schwestern und vier Brüder.

teleschau: Hat's das für Sie einfacher gemacht, sich in der fremden Kultur zu etablieren?

Emre: Ja und nein. Letztendlich muss jeder alleine durch seine Pubertät. Ich hatte aber das Glück, in die deutsche Kultur hineingeboren zu sein - auch wenn wir zu Hause eine andere hatten. Ich war als Jugendlicher eh mehr draußen als zu Hause. Die Gegend in Kreuzberg um den Heinrichplatz, wo ich groß wurde, hatte eine besondere Magie. Es gab Italiener, Griechen, Jugoslawen. Das war ein Minikosmos, eine kleine Welt für sich.

teleschau: Hat sich Ihr Kiez seit damals sehr verändert?

Emre: Ja, extrem sogar. Ich war neulich auf dem Wrangelkiez und muss sagen: Der Stadtteil hat einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht. Die Cafés, der Einzelhandel, die Künstler, das alles ergibt eine sehr schöne Atmosphäre. Dort leben heute immer noch Araber, Türken, Griechen, Deutsche Tür an Tür. Es fällt allerdings auf, dass es in meiner alten Gegend am Heinrichplatz und in der Oranienstraße heute Szenecafés und viele Zugezogene gibt. Ich bin noch zwischen Punks groß geworden.

teleschau: Wo leben sie heute?

Emre: Charlottenburg, Nähe Savignyplatz. Etwas gediegener mit Frau und Kind. Ich bin hier auch glücklich (lacht).

teleschau: Sie identifizieren sich nach wie vor sehr stark mit ihrer Heimatstadt?

Emre: Absolut. Ich bin Berliner durch und durch! Die Menschen mit Migrationshintergrund, die hier geboren sind - und ich kenne nicht wenige - sagen ausnahmslos dasselbe: Wir sind Berliner! Dieses Recht nehmen wir uns einfach raus, auch wenn sich die Politik lange schwer tat, uns das zuzugestehen. Aber das tangiert uns nicht. Denn das Gefühl, sich selbst etwas zu nehmen, ist stärker, als etwas geschenkt zu bekommen.

teleschau: "Takiye" wurde auch in Istanbul gedreht. Mit welchen Gefühlen reisten Sie in das Heimatland Ihrer Eltern?

Emre: Ich habe inzwischen in Istanbul mit meiner Produktionsfirma ein kleines Büro, wie in Berlin auch, und bin dort ungefähr zweimal im Monat. Von daher war es fast nichts Besonderes, dort zu drehen. Lange Jahre war die Türkei für mich nicht mehr als ein Urlaubsort. Dank der Arbeit habe zumindest Istanbul neu für mich entdeckt.

teleschau: Und nun zeigen Sie den Zuschauern, dass von der Türkei eine latente Terrorgefahr ausgeht.

Emre: Der Film zeigt ziemlich gut, wie eine Religion mit gutgläubigen Menschen böswillig von Strippenziehern mit wirtschaftlichen Interessen ausgenutzt wird. Und dahinter werden Organisationen vermutet, die das Geld benutzen, um Terror auszuüben. Das ist tragisch. Gerade weil der Islam diesen Beigeschmack der internationalen Terrorwelle hat. Aber grundsätzlich passieren ähnliche Dinge in allen Religionen. Denken Sie an den amerikanischen Finanzmakler Bernard Madoff, der vor allem jüdische Investoren um 65 Milliarden Dollar betrogen hat! Das sind finanziell ganz andere Dimensionen.

teleschau: Die Türkei als relativ liberales islamisches Land hätte man mit einem Terrorszenario nicht unbedingt in Verbindung gebracht.

Emre: Nein, aber der Film basiert nun mal auf wahren Begebenheiten. Es ist inzwischen dreimal vorgekommen, dass derartige Vereine auftauchten, um Gelder einzusammeln. Und jedes Mal stammten sie aus der Türkei. Das ist traurig.

teleschau: Der Bruderkonflikt im Film: Spiegelt der aus Ihrer Sicht eine realistische Zerrissenheit zwischen liberalen und konservativen Muslimen in Deutschland?

Emre: Als ich noch in Kreuzberg wohnte, gab es genügend Beispiele für konservative Muslime einerseits und fortgeschrittene, moderne Muslime andererseits. Genauso unter meinen Brüdern, so wie es der Film auch zeigt. Konservativ heißt aber nicht zwangsläufig, dass jemand in einer Parallelgesellschaft lebt. Die Figur Metin, die ich spiele, ist sehr konservativ und streng gläubig. Dennoch lebt er integriert in der Mitte der Gesellschaft. Das gibt's auch. Leider werden häufig nur die Negativbeispiele öffentlich breitgetreten.

teleschau: Wie könnte man die Lage entspannen?

Emre: Die meisten sind sich gar nicht bewusst, dass Deutsche und Türken eine gemeinsame Geschichte verbindet. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es enge wirtschaftliche Beziehungen und sogar kulturellen Austausch. Da ist es schade, dass heute oft nur das Negative gesehen wird. Es würde sicher helfen, wenn türkische Geschichte im deutschen Unterricht vermittelt wird. Dadurch würden Vorurteile abgebaut.

teleschau: Die deutsche Filmlandschaft spiegelt die multikulturelle Wirklichkeit inzwischen ganz gut wider. Sie spielen in "Takiye" neben Stipe Erceg. Mit Bülent Sharif, Mehmet Kurtulus, Sibel Kekilli oder Fatih Akin gibt es aktuell eine ganze Reihe namhafter Schauspieler und Regisseure mit türkischen Wurzeln.

Emre: Das ist eine gute Entwicklung, die die ganze Szene befruchtet. Das wird und sollte sich in den nächsten Jahren noch weiter ausprägen. Das ist im Film dasselbe wie in der Nationalmannschaft.

teleschau: Wären Sie Nationalspieler, müssten Sie sich entscheiden, für welches Land Sie spielen. Würden Sie es eher mit Mesut Özil halten oder mit den Altintop-Zwillingen, die in Gelsenkirchen geboren sind, aber für die Türkei auflaufen?

Emre: Ich würde auf jeden Fall für Deutschland spielen. Das Problem bei den Altintops ist doch folgendes: Die Deutschen haben sich lange Zeit gar nicht vorstellen können, Einwandererkinder der zweiten Generation in die Nationalmannschaft zu berufen. Als das schließlich ein Thema wurde, waren sie in vielen Fällen schlicht und einfach zu spät dran. Mesut Özil ist ein tolles Beispiel dafür, dass es auch anders geht. Ich hoffe, dass er viele jugendliche Fußballer inspiriert, dasselbe zu tun.

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