"Ich will Menschen emotional provozieren" Erol Sander spielt in "Die Liebe kommt mit dem Christkind" (Fr., 03.12., 20.15 Uhr, ARD) und "Mordkommission Istanbul" (Sa., 20.11., 20.15 Uhr, ARD)

Fernsehkommissar, Arzt, Winnetou - und immer wieder Schmonzetten. Das Rollenprofil des türkischstämmigen Schauspielers Erol Sander könnte breitgefächerter nicht sein.
12.11.2010, 00:00
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Von Christina Zimmermann

Fernsehkommissar, Arzt, Winnetou - und immer wieder Schmonzetten. Das Rollenprofil des türkischstämmigen Schauspielers Erol Sander könnte breitgefächerter nicht sein.

Es klingelt. "Guten Tag, hier spricht die Mailbox von - Erol Sander." Ein zweiter Versuch. Wieder die Telefonansage. Mit 15-minütiger Verspätung klappt das vereinbarte Interview mit dem charmanten Schauspieler, der bürgerlich Urçun Salihoglu heißt, dann doch. Mit seiner markanten Stimme, die selbst dann erotisch wirkt, wenn man das Ex-Model nicht vor Augen hat, erzählt der 42-Jährige, der als Weihnachtsmann im ARD-Film "Die Liebe kommt mit dem Christkind" (Freitag, 3.12., 20.15 Uhr) die stille Zeit des Jahres einleitet, schließlich von seiner Verletzung, dem Verhältnis zu seinem Vater und von seiner Familienplanung.

teleschau: Herr Sander, wir rufen Sie gerade auf dem Handy an. Wo sind Sie?

Erol Sander: Ich sitze zu Hause und ruhe mich aus. Wobei, ausruhen kann man das auch nicht nennen ... Ich werde nächste Woche am Knie operiert. Ich habe einen Knorpel- und Außenmeniskusriss.

teleschau: Die Folge eines gefährlichen Stunts bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg?

Sander: Genau. Das passierte in meiner Rolle als Winnetou. Die Heilung braucht jetzt ungefähr sechs Wochen.

teleschau: Sind Sie dann völlig außer Gefecht gesetzt?

Sander: Nein, nicht völlig. Ich kann mich zwar bewegen, darf aber nicht sportlich laufen. Momentan erledige ich alles über mein Büro.

teleschau: Dann haben Sie doch sicherlich die Möglichkeit, ein bisschen Kraft zu tanken und Zeit mit ihrer Familie zu verbringen ...

Sander: Genau das ist meine Aufgabe. Es bereichert mich, weil ich jetzt bei meinem Sohn sein und ihm bei den Hausaufgaben helfen kann. Ich kann mich nun noch intensiver um meine Familie kümmern.

teleschau: Bislang waren Sie jedes Jahr rund elf Monate für Film- und Theaterarbeiten unterwegs. Ist es nicht schwierig, so lange von Ihren Liebsten getrennt zu sein?

Sander: Jeder von uns kennt die Leidenschaften des Einzelnen. Wir freuen uns darüber und unterstützen uns gegenseitig. Wir sind ein Team, das zusammenarbeitet. Ohne meine Frau geht es nicht. Sie ist die große Familienunternehmerin.

teleschau: Passend zur staden Zeit strahlt das Erste den Film "Die Liebe kommt mit dem Christkind" aus. Wie werden Sie in diesem Jahr Weihnachten verbringen?

Sander: Mit der ganzen Familie in München. Das ist mir sehr wichtig. Schließlich geht es um den Zusammenhalt der Familie. Wir genießen den Moment und das friedliche Beisammensein. Zusammen kochen, essen, sprechen, lachen, glücklich sein.

teleschau: Kommt bei Ihnen zu Hause das Christkind oder der Weihnachtsmann?

Sander: Wir wohnen im fünften Stock, haben eine Dachterrasse - bei uns kommen sie alle vorbei.

teleschau: Schlüpfen Sie auch für Ihre beiden Söhne in die Rolle des Weihnachtsmannes?

Sander: Ich freute mich sehr über das Kostüm im Film. Endlich durfte ich mich als Weihnachtsmann verkleiden. Wenn mir die Möglichkeit gegeben ist, mache ich das zu Hause natürlich auch.

teleschau: Ihr Großer, Marlon, ist mittlerweile acht Jahre alt. Glaubt er noch an den Weihnachtsmann?

Sander: Noch ein bisschen, er hat aber schon seine Zweifel. Dennoch sollte man die Kinder so lange träumen lassen, wie es nur geht.

teleschau: Ihr Filmcharakter Martin Haller wird nach dem Tod seiner Frau zum alleinerziehenden Vater. Hätten Sie nicht Ihre Frau Caroline, würden Sie klarkommen?

Sander: Wir wollen das Böse ja nicht an die Wand malen. Aber ich glaube, Menschen sind wie Unkraut. Sie kommen mit jeder Situation klar. Nur wird es dann stressiger. Aber ich hoffe, dass meine Frau und ich die nächsten 100 Jahre zusammenbleiben.

teleschau: Als Ihre Mutter mit Ihnen Anfang der 70-er nach Deutschland kam, war sie auch alleinerziehend. Hat das gut funktioniert?

Sander: Natürlich war es schwierig für meine Mutter, denn für einen alleinerziehenden Menschen ist es eine Herausforderung, die Kinder so zu behandeln, dass weder die väterliche noch die mütterliche Seite der Erziehung darunter leidet. Aber meine Mama war Eins-A, dafür kriegt sie einen Orden von mir.

teleschau: Wie war das Verhältnis zu Ihrem Vater?

Sander: Meinen Vater erlebte ich nur dreimal: mit drei und mit acht Jahren, und als ich 13 war, ist er gestorben. Leider verstanden sich meine Eltern nicht so gut. Es gab Ärger und sie trennten sich. Das war natürlich schade für mich und auch schade für sie beide. Mit Sicherheit haben sie unter der Trennung sehr gelitten. Aber auch Kinder sind wie Unkraut. Sie müssen sich an die neue Situation anpassen, und meistens gelingt das sehr gut.

teleschau: Ihr Vater war Nationalspieler im türkischen Basketballteam ...

Sander: Von 1958 bis 1972.

teleschau: Wäre eine sportliche Karriere eine weitere Option für Sie gewesen?

Sander: Wissen Sie, man muss Möglichkeiten haben. Wenn diese nicht gegeben sind, hat man auch nicht die Freiheit und Ruhe in dem, was man macht.

teleschau: Sie werden abwechselnd für deutsche und ausländische Rollen besetzt. Sozusagen steht ein Martin Haller neben einem Mehmet Özakin aus der "Mordkommission Istanbul". Sie sind also in ihrer Rollenwahl nicht eingeschränkt?

Sander: Ich versuche, so facettenreich wie möglich zu bleiben. Das ist mir sehr wichtig. Es ist aber auch wichtig, dass die Filme unterhalten. Wenn ich ein Buch lese und mit einem Team arbeite, das das Ziel verfolgt, gut zu unterhalten, dann bin ich immer dabei.

teleschau: Aktuell spielen Sie wieder einen türkischen Kommissar im deutschen Fernsehen. Was ist anders zur Rolle des Sinan Toprak, mit dessen Verkörperung Sie Ende der 90-er in Deutschland bekannt wurden?

Sander: Sinan Toprak war ein türkischer Kriminalhauptkommissar in Bayern - da steckt viel Witz und Humor drin. Bei Mehmet Özakin geht es eher in Richtung "Tatort". Es ist zwar nicht Berlin, München oder Hamburg, aber wir versuchen, einen "Tatort" in Istanbul zu machen. Das ist uns auch gelungen, schließlich wollten die erste Folge über sieben Millionen Zuschauer sehen.

teleschau: Kennen Sie Istanbul auch selbst?

Sander: Erst durch den Film entdecke ich die Türkei. Ich kam mit vier Jahren nach Bayern, bin dort aufgewachsen. Deutschland ist meine Heimat. In der Türkei liegt mein Ursprung, es ist das Land meiner Eltern. Ich habe also die Möglichkeit, den Zuschauern das Land näher zu bringen und es gleichzeitig selbst kennenzulernen.

teleschau: Das klingt nach der Rolle eines Botschafters ...

Sander: Nein, das würde ich nicht so sehen. Ich habe mit Politik nichts am Hut. Ich bin ein Schauspieler, der versucht, das Publikum mit neuen Formaten zu unterhalten. Istanbul ist eine interessante und geschichtsträchtige Stadt, in der man Filme entstehen lassen kann, weil einfach so viel Grundmaterial vorhanden ist.

teleschau: Sie selbst ziehen eine Parallele von der "Mordkommission Istanbul" zum "Tatort". Haben Sie schon einmal mit der Rolle eines "Tatort"-Kommissars geliebäugelt?

Sander: Ich habe momentan genug andere Filme. Es läuft alles wunderbar. (lacht) Die "Mordkommission Istanbul" ist eher eine Tochter des "Tatorts". Die Richtung finde ich gut, weil sie uns neue, große Bilder und spannende Geschichten liefert, genauso wie ein "Tatort" das auch tut.

teleschau: Vor einigen Jahren sagten Sie in einem Interview, Sie hätten vor "Sinan Toprak" noch keine Schauspielschule von innen gesehen. Landläufig wird aber behauptet, Sie hätten sich den Unterricht von Ihrer Gage als Model finanziert ...

Sander: Nun, es war so: Ich wollte immer Schauspieler werden. Doch wie beim Sport auch, braucht man Möglichkeiten, um seine Position zu finden. Vor allem ist auch die Unterstützung der Eltern wichtig, um dorthin zu kommen. Die hatte ich ja so nicht. Ich musste schnell lernen, zu arbeiten. Viel zu arbeiten, um auch meiner Familie helfen zu können. Da kann man nicht einfach sagen, man möchte Schauspieler oder Sportler werden, weil es auch ein gewisses Risiko gibt. Deswegen gestalte ich mein Leben stets so, dass ich in eine Richtung laufe und ich das Glück auch greifen kann wenn es kommt. Und das Glück kam damals 1999, als ich von RTL das Angebot für "Sinan Toprak" hatte. Ich traf dort den Schauspieler Jörg Hube, der sagte zu mir: "Erol, es wäre gut, wenn du zur Otto-Falckenberg-Schule gehst, Phonetik- und Gesangsunterricht nimmst und die Technik nachholst."

teleschau: Wäre dieser Weg heutzutage so auch noch möglich?

Sander: Das Schöne an Deutschland ist, dass hier alles möglich ist. Vorausgesetzt, man konzentriert sich und lässt von seinen Träumen nie ab. Klar, es ist nicht einfach, das war es auch für mich nicht. Doch wenn man Glück haben möchte im Leben, muss man die Fähigkeit beherrschen, es auch greifen zu können.

teleschau: Welche Träume haben Sie noch?

Sander: Meine Frau und ich versuchen, ein drittes Kind zu haben. Eine Tochter.

teleschau: Bisher liest sich Ihr Rollenprofil sehr vielseitig. Welche Rolle würden Sie dennoch gerne einmal spielen?

Sander: Es gibt noch viele Filme, die ich machen möchte. Mir ist vor allem das Team wichtig, mit dem ich zusammenarbeite. Die Leute müssen gut drauf sein und unterhalten wollen. Wenn jemand Lust hat, Menschen emotional provozieren - ich bin dabei!

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