Lebensmittelverschwendung Essensretter kämpfen gegen Wegwerfmentalität

Im Schnitt warf jeder Mensch in Deutschland im Jahr 2015 rund 85,2 Kilo Essen weg. Über dieses Problem dachte Supermarktgründer Raphael Fellmer nach, als er zwei Jahre lang davon lebte, was er aus Mülltonnen fischte.
29.06.2019, 18:38
Lesedauer: 8 Min
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Von Anne-Sophie Galli

Beinahe wären die Schoko-Weihnachtsmänner, der Lachs und die Gurken-Spinat-Smoothies in den Müllcontainern der Lebensmittelhändler gelandet. Und Bauern hätten die Avocados in Spanien auf den Feldern und an den Bäumen verrotten lassen. Doch Raphael Fellmer wollte es anders. Er hat die Waren gekauft und möchte sie weiterverkaufen, obwohl manches abgelaufen ist.

Und obwohl einige Smoothies leicht weißlich verfärbt sind und die Avocados braune Flechten haben. In den vergangenen beiden Jahren hat der 35-Jährige drei Supermärkte in der Berliner Innenstadt eröffnet. Er will, dass mehr Menschen abgelaufene Lebensmittel kaufen. „Schmeckt gut, warum sollten wir das nicht essen?“

Fellmer möchte Teil der Lösung eines riesigen Problems sein. Im Schnitt warf jeder Mensch in Deutschland im Jahr 2015 rund 85,2 Kilo Essen weg. Besonders häufig landet Frisches, rasch Verderbliches in der Tonne – wie Obst und Gemüse. Auch Speisereste und Brot sind immer wieder dabei.

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Haushalte verschwenden bundesweit sogar mehr Essen als Bauern, Lebensmittelhersteller, Großhändler, Supermärkte und die Gastronomie zusammen. Konkret waren das 2015 nach der Studie rund 12,7 Millionen Tonnen. Doch warum werfen Menschen überhaupt so viel Essen weg? Wir leben in einer Überflussgesellschaft, wie Agrarwissenschaftler Thomas G. Schmidt vom Thünen-Institut in Braunschweig sagt.

Früher hätten die Menschen weniger weggeworfen, weil das Essen für sie relativ gesehen teurer war. In den 1960ern gab man in Westdeutschland rund ein Drittel seines Einkommens für Essen, Getränke und Tabak aus, das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Inzwischen sind es bundesweit nur etwas über zehn Prozent.

Bauern produzieren effizient und günstig. Subventionen verbilligen die Preise weiter. Immer wieder kaufen die Menschen zudem mehr ein, als sie brauchen. Und wenn die Ware ablaufen ist, werfen sie sie weg. Als ein Knackpunkt gilt das Mindesthaltbarkeitsdatum auf vielen Produkten. Es heißt jedoch nicht, dass Lebensmittel danach schlecht sind, sondern nur, dass die Ware bis zu dem Datum gut ist. Oft sind die Produkte sogar noch Wochen oder Monate länger genießbar.

Kampf gegen Vorurteile

Über dieses Problem dachte Supermarktgründer Raphael Fellmer nach, als er zwei Jahre lang von dem lebte, was er aus Mülltonnen hinter Supermärkten fischte. „Viele Leute haben das Vorurteil, dass Lebensmittel, die abgelaufen sind, für Bedürftige sind, und dass man die am liebsten nicht isst“, sagt der 35-Jährige. „Und wir wollen die abgelaufenen Lebensmittel aus der Nische in die Mitte der Gesellschaft tragen.“

Um das zu erreichen, sind seine Läden hell beleuchtet. Sie sollen freundlich aussehen, wie ein Durchschnittssupermarkt. Und nicht etwa wie eine Tafel, bei der Bedürftige etwas bekommen. Gleichzeitig sind die Preise oft günstiger als beim Discounter. Die Geschäfte tragen den Namen „Sirplus“ – ein Wortspiel aus dem englischen Wort „surplus“ für Überschuss und Sir – höflich für Herr.

Beim Einkauf im Laden freut sich Student Mathis Cech, dass er zugleich etwas für die Umwelt tut. Erik Lorenz, ein junger Vater und System-Administrator, greift beim günstigen Alkohol zu. Und Rentnerin Herma Eichhorst, die zum ersten Mal im Geschäft ist, ist erstaunt, als sie die Sauce-Hollandaise-Packung betrachtet. Sie ist seit mehr als einem Jahr abgelaufen.

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„Da hab‘ ich einen Schreck gekriegt, dass man so weit zurück noch etwas essen kann.“ Trotzdem, sie legt die Soße heute nicht in ihren Korb. Auch online können Kunden aus ganz Deutschland die abgelaufenen Produkte von „Sirplus“ ordern. Dabei bestellt man meist bestimmte vorsortierte Päckchen. Aber riskiert man so nicht eine Lebensmittelvergiftung? Nein, sagt Fellmer. Er übernimmt die Haftung.

Ein Lebensmittelhygieniker und andere Mitarbeiter prüfen jede Lieferung. Dabei schauen sie, ob die Verpackung unbeschädigt ist, riechen, ob der Geschmack normal ist und probieren einen Schluck oder einen Bissen. Genau so kann man auch zu Hause prüfen. „Unser Körper weiß ganz genau, wenn du eine Milch trinkst und wenn du sie riechst, ob die noch gut ist oder ob sie schlecht ist“, sagt Fellmer.

Noch muss der Unternehmer Kredite aufnehmen und zählt auf Spenden von Unterstützern, sogenanntes Crowdfunding. Aber sein Geschäft wächst. Jeden Tag holen Angestellte mehrere Hundert Kilo Lebensmittel etwa von Großhändlern und Bauern ab – Dinge, die Tafeln nicht annehmen wollten oder konnten, etwa weil sie nicht genügend Platz hatten. Fellmer nutzt ein großes Lager. Mehr als 70 Leute arbeiten für ihn. Sein Plan: weitere Läden in anderen Städten.

Dänemark ist ein Vorzeigeland

Der Essensretter ist Teil einer kleinen, aber wachsenden Bewegung, die gegen die Wegwerf-Mentalität kämpft. Viele Projekte sind gemeinnützig, einige versuchen aber auch wie Fellmer, damit Geld zu verdienen. Da gibt es etwa die App „Too Good To Go“ eines Start-ups aus Dänemark – einem Vorzeigeland in Sachen Reduzierung von Lebensmittelverschwendung mit besonders vielen Initiativen.

Dänische Haushalte haben nach Angaben des dortigen Umweltministeriums in sechs Jahren 14 000 Tonnen weniger Essen weggeworfen. Mit der App „Too Good To Go“ kann man überschüssige Brote, Kuchen und zu viel zubereitete Speisen von Bäckereien, Restaurants und Hotels zum halben Preis oder noch günstiger kaufen. Die App gibt es auch in Deutschland.

Seit 2015 haben damit Menschen in zehn europäischen Ländern mehr als 14 Millionen Mahlzeiten und Backwaren gekauft. Das Projekt beschäftigt rund 270 Mitarbeiter. Das Konsumverhalten von Verbrauchern ist vergleichsweise schwer zu ändern.

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Einfacher ist es hingegen bei großen Betrieben, die dadurch richtig viel Geld sparen können, wie Thomas G. Schmidt vom Thünen-Institut sagt. Geld ist eben oft ein guter Hebel. Ein nachhaltiges Image ist ebenfalls wertvoll. Mit Abstand am wenigsten Essen landet nach Berechnungen der Universität Stuttgart beim Handel im Müll. Konkret belief sich die Menge 2015 auf knapp eine halbe Million Tonnen.

Einige Supermärkte bieten auch Obst und Gemüse an, das nicht der gängigen Schönheitsnorm entspricht - etwa als „Bio-Helden“ bei Penny. Aldi Nord verkauft Brot vom Vortag für je 50 Cent. Aldi Süd schreibt auf einige Milchpackungen neben dem Haltbarkeitsdatum „Riech mich! Probier mich! Ich bin häufig länger gut!“. Kurz vor dem Datum verkaufen Läden Waren günstiger.

Zudem versuchen Ketten, exakter vorauszusehen, wie viel ihre Kunden kaufen möchten, um so Reste zu verringern. Dabei berücksichtigen sie Erfahrungen von Mitarbeitern und Wetterprognosen. Was nicht verkauft wird, geben sie oft an Tafeln weiter. In Bremen erlaubt das Kaufhaus Lestra ausdrücklich das sogenannte Containern und hat an seinen Mülltonnen Regeln aufgehängt. „Hier wird keiner angezeigt“, sagt der Geschäftsführer des Lestra-Kaufhauses, Cornelius Strangemann. „Wenn man auf gewisse Sachen achtet, sind viele Lebensmittel noch nutzbar.“

Gäste lassen viel auf den Tellern zurück

Auch in Restaurants und Imbissen landet tonnenweise Essen in Müll. Diese Verschwendung ist bunt, traurig und riesengroß. Schaut man beispielsweise nach dem Mittagsbuffet in die Tonne eines Berliner Business-Hotels, sieht man frische Brötchen, Gnocchi, Salatblätter und Fleischstücke in einer rot-grün-braunen Brühe. Was direkt mit den Gästen in Berührung kam, muss weg, egal wie gut es noch ist – Vorschrift zur Lebensmittelhygiene. Gäste lassen auch viel auf ihren Tellern zurück.

Es gibt Küchenabfälle beim Kochen und Lebensmittel, die bereits im Lager abgelaufen sind. Lange wischte das Küchenpersonal das übrig gebliebene Essen fast unbeachtet in die Tonne. Deckel zu! Und kaum einer dachte an die Verschwendung. Aber muss das sein? Immerhin kostet das weggeworfene Essen auch hier eine Menge Geld. Zu dem Schluss kam auch das Management der H-Hotels, wie ihr Director of Food, Jürgen Schmieder, sagt. Er ist für das Essen in rund 600 Hotels zuständig. „Heutzutage möchte man sich nachhaltig präsentieren“, erklärt er. „Das erwartet der moderne Kunde.“

Hilft es vielleicht, sich die bunte Masse, die an eine Mischung aus wildem Kunstwerk und Erbrochenem erinnert, genauer anzuschauen? Das ist der Job von Torsten von Borstel. Er ist Geschäftsführer des Vereins United Against Waste, den die Gastro-Branche vor einigen Jahren gegründet hat. Er und sein Team haben schon in die Tonnen von mehr als 650 Restaurants, Hotels, Krankenhäusern, Schulen, Altenheimen, Kreuzfahrtschiffen und Betriebskantinen geschaut.

Transparente Müllbehälter

Von Borstel ist einer, der aus der Marketingbranche kommt und Müll in bunten Diagrammen darstellt. Er möchte der Bundesregierung Lösungen vorschlagen, um ihr Ziel und das der Vereinten Nationen zu erreichen, die Verschwendung von Essen bis 2030 zu halbieren. Von Borstel bringt den Küchen transparente Container mit. Sie tagen die Aufschriften „Lager“, „Produktionsabfall“, „Überproduktion“, „Tellerrücklauf“. In diesen sammelt das Personal den Müll sechs Wochen lang. Die Mengen werden gewogen und die Werte in ein Computerprogramm eingetippt. Viele seien geschockt, wie viel sie wegwerfen, sagt der Müll-Experte. „Die transparenten Tonnen schaffen Bewusstsein und machen auch oft den Köchen ein schlechtes Gewissen.“

Dass die Maßnahmen wirken, sieht von Borstel bei späteren Messungen: Küchen könnten ihre Lebensmittelabfälle um 20 bis 50 Prozent verringern. So könne beispielsweise ein Hotel mit 600 Gästen allein beim Frühstücksbuffet 25 000 Euro pro Jahr sparen. Viele Betriebe behalten die transparenten Müllbehälter auch nach den Messungen, berichtet von Borstel. Das halte das Gefühl des schlechten Gewissens wach. Es spare Essen – und damit Geld.

Noch wirksamer wäre es vermutlich, wenn die Verbraucher – wie die Betriebe – mit dem Lebensmittelretten richtig viel Geld sparen könnten, wie Thomas G. Schmidt vom Thünen-Institut sagt. Dazu müsste das Essen teurer werden – beispielsweise mit einer Klimasteuer, die negative Wirkungen auf die Umwelt bei der Nahrungsproduktion, etwa den CO2-Ausstoß und den Wasserverbrauch, einbezöge. Dass man Verbraucher übers Portemonnaie zum Umdenken bringen kann, zeigen beispielsweise Plastiktüten in Supermärkten: Viele nutzen sie weniger, seit der Handel Geld dafür verlangt.

Da teurere Lebensmittel zurzeit jedoch politisch schwer umsetzbar scheinen, sind die Verbraucher selbst zum Handeln aufgefordert – wie viele Experten urteilen. Vielleicht können wir unseren Müll also auch in transparenten Tonnen sammeln? Oder nicht mit Hunger zu viel einkaufen? Wir können auch am Joghurt riechen und probieren, wenn er abgelaufen ist. Denn vieles, was wir heute wegwerfen, ist noch gut.

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Zur Sache

Drei Tipps gegen Abfallberge

Richtig lagern: Die richtige Temperatur und optimale Bedingungen sorgen dafür, dass vor allem Obst und Gemüse nicht so schnell verderben. Wichtigste Grundregel: Neben dem Kühlschrank braucht jede Küche noch fünf weitere Lagerungsorte, Fächer in einem Regal zum Beispiel. Eins ist für Obst, eins für Gemüse. Dazu kommt ein Brotkasten, eine Dunkelbox und ein Lagerort für alles weitere.

Mindesthaltbarkeitsdatum ignorieren: Abgelaufen ist nicht gleich schlecht, im Gegenteil. Fast alle Lebensmittel lassen sich auch nach dem Stichtag noch bedenkenlos verzehren, wenn Seh- und Riechtest positiv ausfallen – Bier, Öl oder Marmelade zum Beispiel sogar Monate später. Nur bei Fisch und Fleisch sollte man das Verbrauchsdatum unbedingt einhalten.

Alternativ verwenden: Nur weil etwas roh oder frisch nicht mehr schmeckt, muss es noch lange nicht in den Müll. Erst vor Kurzem abgelaufene Eier lassen sich etwa zum Backen verwenden: Hohe Temperaturen töten eventuelle Keime. Auch nicht mehr ganz so aromatische Schokolade kann im Kuchen landen, aus schrumpeligen Kartoffeln wird Brei, altes Brot wird zum Croûton.

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