Kommentar Falsche Bescheidenheit

Silke Hellwig zu Bremens Kulturgütern Bremen verschwindet nicht von der Landkarte, die Touristen werden ebenfalls weiter nach Bremen strömen, als sei nichts gewesen. Wenn die Stadt Bremen auf der UNESCO-Liste des immateriellen Weltkulturerbes nicht vertreten sein wird, geht die Welt nicht unter.
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Falsche Bescheidenheit
Von Silke Hellwig

Silke Hellwig

zu Bremens Kulturgütern

Bremen verschwindet nicht von der Landkarte, die Touristen werden ebenfalls weiter nach Bremen strömen, als sei nichts gewesen. Wenn die Stadt Bremen auf der UNESCO-Liste des immateriellen Weltkulturerbes nicht vertreten sein wird, geht die Welt nicht unter. Zumal die Deutsche Flößerei-Vereinigung mit Sitz in Bremerhaven immerhin die Speckflagge hochhält. Das klingt kurios, ist aber rührend und ehrenwert.

Über die Stadt Bremen darf man sich dennoch wundern: Sie hält so viel auf ihre Traditionen. Die Eiswette – seit rund 185 Jahren, ungeheuer altehrwürdig und traditionell ohne Frauen. Die Schaffermahlzeit – das allerälteste Brudermahl der Welt, jawoll. Der Freimarkt – das allergrößte Volksfest im Norden, seit fast 1000 Jahren. Der Braunkohl, die Stadtmusikanten, das Domtreppenfegen, der Babbeler und, und, und. Die Bremer selbst sind verlässlich die besten Bremen-Vermarkter, voller Stolz auf ihre Stadt samt ihrer Kuriositäten. Und nie verstummen die Stimmen, die behaupten, Bremen stelle sein Licht unter den Scheffel und übe sich in falscher Bescheidenheit. Hier ist es tatsächlich der Fall: Sich für das immaterielle Weltkulturerbe anzumelden, hätte kaum mehr gekostet als Zeit für ein bisschen Papierkram. Für den Veggie Day mit Jens Böhrnsen als Schirmherr an der Spitze hat es schließlich auch gereicht.

Sicher, der Veggie Day ging auf eine private Initiative zurück. Und offenbar hat sich nicht eine Privatperson um die immateriellen Kulturgüter gekümmert. Die Stadt als Behörde hat das auch nicht verfolgt. Das ist nicht schlimm. Aber schade ist es, und auch ein bisschen tölpelhaft. Ob die Kulturbehörde das geschickt kaschiert, indem sie darauf verweist, dass das Adeln zum Weltkulturerbe die Unabhängigkeit einschränkt, darf man bezweifeln. Eine Tradition ist eine Tradition, weil über Generationen an ihr festgehalten wurde. Kurz: Kein Festhalten, keine Tradition, nicht schützenswert, kein Weltkulturerbe.

Wenn Bremen seine ideellen Werte so gering schätzt und ganz versessen darauf ist, Traditionen zu reformieren – bitte. Dann stehen Frauen bei der Eiswette ja die Türen sperrangelweit offen und dem Freimarkt ein Umzug an den Stadtrand bevor.

silke.hellwig@weser-kurier.de

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